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H.E.R.R. - Vondel’s Lucifer – First Movement

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Artist H.E.R.R.
Title Vondel’s Lucifer – First Movement
Homepage H.E.R.R.
Label COLD SPRING
Leserbewertung
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7.1/10 (9 Bewertungen)

Das holländische Projekt HERR interessierte mich bisher nicht sonderlich, im Hinterkopf war lediglich abgespeichert, dass es eines dieser pompös-martialischen Projekte ist, die unsere Szene so dermaßen überfluten, dass man sich nur noch mit einem beherzten Sprung in den Schützengraben retten kann. Bei HERR konnte man allerdings vorher positiv vermerken, dass ihre Musik nie vollkommen synthetisch war, sondern auch z.B. echtes Cellospiel beinhaltete. Der Name HERR ist eine Abkürzung von “Heiliges Europa Römisches Reich”, dies wiederum eine Kurzform des historischen “Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation”, welches – ich erzähle ja hier nichts Neues – vom Mittelalter bis, Napoleon sei “Dank”, zur Niederlegung der Reichskrone durch Franz II im Jahre 1806 Bestand hatte. “Reichsdenker” wie JULIUS EVOLA, CHRISTOPH STEDING oder der noch lebende H.D. SANDER favorisieren diese Epoche, besonders die Stauferzeit, weil in dieser letztmalig das Reich überstaatlich und ideell “ausstrahlte”, bevor Europa immer mehr in das düstere Zeitalter der “Neutralisierung” und des Nationalismus hinüberschlidderte. Die Namenswahl der Holländer (+ ein Engländer) dürfte in diesem Sinne zu verstehen sein.

Auf ihrem kürzlich via COLD SPRING erschienen Werk “Vondel’s Lucifer” widmen sich HERR nun einem Thema, das im ewigen Gegensatz zum Reichs-Ordo-Gedanken steht, dem Luzifer-Lichtbringer-Mythos, der, literarisch verarbeitet, immer auch die Geschichte der Heraufkunft des modernen Individualismus erzählt. Kein besonders ungewöhnliches Thema möchte man meinen, aber es fällt auf, dass sich HERR hier musikalisch viel vorgenommen haben. Das Label schreibt etwas von “erstaunlich viel Vorbestellungen” und nicht wenige sprechen bereits von einer Art Klassiker des Bombastgenres, der auch jenen Respekt einflößen sollte, die HERR bisher musikalisch und/oder ideologisch skeptisch beurteilten. Nochmals unterstrichen wird dieses ambitionierte Vorhaben durch einige szenebekannte Gäste: RICHARD LEVY (OSTARA), DEV (WHILE ANGELS WATCH), HOLGER F. (BELBORN) und CORNELIUS WALDNER (SAGITTARIUS), die alle mal was sagen oder blasen dürfen.

Im Speziellen beziehen sich HERR thematisch auf ein niederländisches Theater-Drama (Trauerspiel) aus der Zeit der Renaissance: JOOST VAN DEN VONDELS (1587-1689) “Lucifer” (1657). Diesem Trauerspiel kommt in der Geschichte des literarischen Satanismus eine gewisse Bedeutung zu, weil es noch vor JOHN MILTONs “Paradise Lost” (1667) eines der ersten Dramen war, in dem “der Gefallene Engel”, Luzifer also, als tragische Figur geschildert wurde. Luzifer wird hier als zwar böser und hochmütiger Engel beschrieben, der zu recht des Himmels verwiesen wurde, es klingt aber auch Verständnis an, lehnte sich Luzifer doch nur gegen seinen Lehnsherren (Gott) auf und reklamierte für sich selbst denken und entscheiden zu können. Die Parallelen zur gesellschaftlichen Entwicklung der Entstehungszeit des Dramas, die dann 100 Jahre später in der Französischen Revolution ihren Höhepunkt erreichen sollte, sind offensichtlich. Man spricht hier von einer zunehmenden Psychologisierung oder “Vermenschlichung” Luzifers in Literatur und Malerei (z. B. dass er zunehmend als schöner Mann mit traurigem Gesichtsausdruck gemalt wurde, statt als gesichtsloses Ungeheuer) und sieht in dieser Geschichte einen Gradmesser des allgemeinen, sich entwickelnden Individualismus. Davon abgesehen hat das Drama aber auch einen besonderen Rang in der niederländischen Nationalliteratur, entstammt es doch dem “Goldenen Zeitalter” des Landes (Rembrandt etc.). HERR setzen nun auf Englisch einzelne Passagen dieses Trauerspiels in Musik um, die zwar oft bombastisch ist, aber sich auch bemüht nach “alter Musik” der Renaissance zu klingen. Der Witz ist nun, dass HERR mit TROY SOUTHGATE einen englischen Vortragenden haben (gesungen wird zumindest von ihm nicht auf dem Album), der auch ein extrem, fast schon penetrant übertriebenes englisches Englisch spricht, insofern sucht man einen “holländischen Charakter” vergeblich. HERR sind englisch, wie man englischer nicht sein kann. TROY SOUTHGATE ist ansonsten jemand, der bisher eher durch sein außermusikalisches Treiben aufgefallen ist. Er ist Betreiber des Rose-Noire Webportals und engagiert sich für seine Idee des “Nationalanarchismus”, letztlich ein Konglomerat an politischen Ideen, die bereits die “Nouvelle Droite” um ALAIN DE BENOIST in den Siebzigern in die Diskussion einführte (Proudhon, Georges Sorel usw.)

Musikalisch hört man dann vor allem viele Trommeln, Pauken, Geigen, Cello, bestimmt eine Harfe, klassische Gitarre (oder Laute?) und manch ein Blasinstrument. Vermutlich sind HERR in der Lage, die Musik dieses Albums live vollständig zu reproduzieren, ohne auf Musik aus der Konserve zurückgreifen zu müssen, das ist schon mal prinzipiell eine prima Sache. Stilistisch muss man sich nun eine Art Musik vorstellen, die wohl atmosphärisch ähnlich ist wie THE PROTAGONIST, sich aber auch viel von YANN TIERSEN (“Amelie”- und “Goodbye Lenin”-Soundtracks) und vor allem vom modernen, belgischen Komponisten WIM MERTENS abschaut, ohne die Klasse der zwei letztgenannten zu erreichen. Dazu kommt dann ein Renaissance-Musik-Einfluss, den man sich im Verhältnis in etwa so vorstellen muss, wie die Inspiration MICHAEL CASHMOREs durch den britischen Renaissance-Komponisten WILLIAM LAWES (1602-1645) auf dem CURRENT 93 Klassiker “Of Ruine Or Some Blazing Starre” (1994). CURRENT 93 ist dann auch gleich ein gutes, weiteres Stichwort, und ich muss dazu sagen: leider! Leser sollten mir bei dem, was jetzt kommt, eventuell misstrauen, mein Eindruck, den ich nicht recht begründen kann, ist jedoch so stark, dass ich das nicht umgehen kann: Ich empfinde Einiges an diesem Album als ein klassisches Abkupfern bei CURRENT 93. Es ist nicht so, dass TROY SOUTHGATE versucht DAVID TIBET nachzuahmen, und es ist auch nicht recht die Musik, CURRENT 93 waren 1994 viel folkiger als HERR auf diesem Album und HERR sind natürlich viel bombastischer, als es CURRENT 93 jemals waren. Was ist es dann? Es ist “irgendwie” die Gesamtatmosphäre, oder zum Beispiel das Einbinden einer Kinderstimme (?) auf “The Meek Shall Inherit The Earth”, die diesen Eindruck entstehen lässt. Vielleicht ist es aber auch das pure “Englischsein” von TROY SOUTHGATE, welches mir hier auf den Senkel geht und das ich wohl anscheinend nur DAVID TIBET gestatte auszuleben, zumal CURRENT 93 nun mal ein Traumbild von Albion eindrucksvoller evozieren können. Im Grunde soll das aber alles nicht wirklich gegen HERR und dieses wirklich innovative Album sprechen, ist es doch eher “mein Problem”, bei dem ich jedoch sicher bin, bei einigen alten CURRENT 93 “Fans” auf Verständnis zu stoßen.

Fazit: “Vondel’s Lucifer” ist ein ambitioniertes Werk, welches wohl im Alleingang von einem offensichtlich sehr talentierten MICHIEL SPAPE (dem Gitarristen) komponiert wurde. Man muss zunächst mit dem Pathos des Ganzen klarkommen und meine geschilderten “Probleme” überwinden oder noch besser, gar nicht erst haben, dann steht einem die altenglische oder Rembrandt-Renaissance-Welt dieses Albums offen, insgesamt was für Hörer, die sich Musik zwischen CURRENT 93 und THE PROTAGONIST, L’ORCHESTRE NOIR (TONY WAKEFORD) oder ELIJAH’S MANTLE vorstellen können. Das Album ist auch eher am Stück zu hören, immerhin wird hier ein Drama vertont, die einzelnen Kompositionen sind auch auf einen “Prolog” und drei Akte verteilt. Dieser Ansatz erinnert dann auch vielleicht etwas an ULVERs WILLIAM BLAKE-Vertonung. …Vielleicht wird ja mal ein wichtiger, holländischer “Kulturschaffender” auf dieses Werk aufmerksam und setzt HERR so in Szene, dass es auch ein Durchschnittsholländer mitbekommen könnte. Käme es dazu, könnte man mit Fug und Recht die Worte anwenden, die WILLIAM BLAKE (1757-1827) einst gegen (oder für?) MILTON (und damit auch gegen VONDEL) richtete: “The reason Milton wrote in fetters when he wrote of Angels & God, and at liberty when of Devils & Hell, is because he was a true Poet, and of the Devil’s party without knowing it.”

Übernommen mit freundlicher Genehmigung von www.nonpop.de

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