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HAGGARD - Eppur Si Muove

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Haggard-Eppur.jpg
Artist HAGGARD
Title Eppur Si Muove
Homepage HAGGARD
Label DRAKKAR RECORDS
Veröffentlichung 01.01.2015
Leserbewertung
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7.8/10 (13 Bewertungen)

Ein düsteres Zimmer. Poster von BURZUM an jeder Wand. Kerzen. Zwei langhaarige Gestalten kauern auf dem mit mystischen Symbolen bemalten Boden. Ein nietengespickter Arm bewegt sich langsam auf die Stereoanlage zu und schaltet sie ein. Einen Moment lang macht sich Verwirrung breit. Dann hebt sich langsam ein Schädel. Mit Kunstblut umrandete Augen suchen hilflos den umnachteten Blick des Kumpanen, und eine männlich-tiefe Stimme raunt: „Ey, ist das schon die Gavotte, Alter?“ „Nee, das ist das Menuett…“

So ähnlich könnte sich ein bösartiger, vorurteilsbelasteter Charakter wie ich wohl das Zusammentreffen von Metalmenschen und klassischer Musik vorstellen… doch all die Vorgestrigen, die glauben, daß sich E-Gitarren und Grunts mit Celli und Bratschen etwa so gut vertragen wie Karl Moik mit Varg Vikernes, sollten sich einmal ein HAGGARD-Konzert ansehen (die Gelegenheit gibt’s dazu dieses Jahr wieder auf dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig). Es ist ein verdammt beeindruckendes Bild, wenn die 17 Sänger und Instrumentalisten, gemeinsam mit zusätzlichen Live-Musikern, eine Bühne bevölkern. Und das Ergebnis deren Bemühungen ist ein noch beeindruckenderer Sound, ein fulminantes, vielgestaltiges Hörereignis. In diesem Klang findet sich eine unübertroffene Bandbreite der Gefühle. HAGGARD, das ist Schneewittchen-Romantik, das ist Eleganz, das ist brutale Gewalt, Geschichte und Geschichten, Zauber, Tod, Faszination.

Seit 1991 erschüttern die Damen und Herren um Chef-Grunzer Asis Nasseri nun schon von München aus in gehörigem Maße Trommelfelle und Gemüter der (Death-)Metalszene, doch mit ihrem vierten, mehrsprachigen Album „Eppur Si Muove“ gelingt es HAGGARD, noch einen auf ihre Erfolgsgeschichte oben drauf zu setzen. Bei all diesen Breaks, den harten Gegensätzen, die genüßlich ausgespielt werden, könnte man musikalische Orientierungslosigkeit befürchten. Doch dem ist nicht so: Hier verschmelzen die konträren Elemente aufs erfreulichste. In „Awaking the Centuries“ setzte sich das Orchester mit Nostradamus auseinander, „Eppur Si Muove“ nimmt sich der Figur Galileo Galileis an.

Die Reise ins 16./ 17. Jahrhundert beginnt angemessen episch mit „All`inizio è morte“: den Klängen der Orffschen Carmina Burana ähnelnd, setzt drohender, lateinischer Chorgesang ein. Wohlan, die Spiele sind eröffnet. Dann leitet eine Oboe sanft zum deutschsprachigen Teil des Songs über: „Seht den Ketzer, ich sag, er soll brennen heut´ Nacht…“ (Die babylonische Sprachverwirrung findet sich übrigens in den meisten Songs.) Das akustisch-sanfte Zwischenspiel wird von donnernden Gitarren unterbrochen, der englische Textteil beginnt: nun werden Metal und Klassik endlich zusammengeführt. Von soviel Klanggewalt träumen selbst hochbegabte Kollegen wie NIGHTWISH und Konsorten des Nachts nur sehnsüchtig. Sogar Menschen, die bis dato mit Grunzgesang so ihre Schwierigkeiten hatten, werden genötigt sein, zuzugeben, daß er sich hier bruchlos in die Atmosphäre des Songs einfügt. Außerdem setzen ja die ausgezeichneten Sopranistinnen Gaby Koss und Veronika Kramheller dem Song noch die Sahnehaube auf. Was für eine Eröffnung! Bereits hier liegt der Musikkritikerin am Boden und verlangt nach einer Sauerstoffmaske.

Erfreulicherweise versuchen HAGGARD nicht, diesen hymnischen Stil das ganze Album hindurch durchzuhalten – nichts ist schlimmer als ein Album mit 12 identischen Stücken. Nein, an zweiter Stelle steht ein federleicht gesetztes, durchweg klassisches „Menuetto In Fa-Minore“. Dieses kurze Zwischenspiel eignet sich hervorragend zur Entspannung, bevor HAGGARD mit „Per Aspera Ad Astra“ so richtig loshämmert. Doch wer hier ein ausnahmsweise schlicht gestricktes Metalliedchen erwartet, wird enttäuscht: Simpel und konventionell ist gar nichts bei dieser Band. Rhythmuswechsel, Grunts und Minnesang, Speedmetalgitarren, Geigensoli… dieser Song hat mehr als nur ein As im Ärmel. Das ist alles andere als „Easy listening“, diese Musik verlangt sowohl vom Interpreten als auch vom Rezipienten Hingabe. Mal so eben neben dem Abwasch ist HAGGARD nicht zu konsumieren. Auch nicht, wenn ein Track wie „Of a Might Divine“ zuerst auf Renaissance-Samtpfötchen daherschleicht. Das Gewitter dräut schon am Horizont, und als es in Form von Asis` Gesang endlich ausbricht, reinigt es die Luft. Laut, aber nie primitiv. Düster, aber mit STIL. Der Versuch, bei diesen Spitzentempi im Takt mitzubangen, dürfte allerdings mehr als ungesund für die Halswirbel sein. Track 5 ist eine sehr schön eingespielte „Gavotta in Si-Minore“, Streicher in Höchstform. Doch mein absoluter Favorit auf diesem Album steht an sechster Stelle: „Herr Mannelig“, mit den traditionellen Klängen einer bei Mittelaltergruppen extrem beliebten Weise… schwermütige Melodik, bis zum Stehkragen mit Gitarren vollgestopft, versteht sich, dazu die Sopranistinnen. Unvergleichlich starker Tobak.

Mit „The Observer“ folgt nun die unvermeidliche Ode an Galileo Galilei. Hm. Da drängt sich mir schon wieder ein seltsames Bild auf: Viele tausend schwarzgekleidete Menschen mit Bierflaschen im Gepäck, wie wild den Kopf schüttelnd, und dabei ekstatisch gröhlend: „In Pisa he´s required to teach the theory that the stars and all the planets revolve around the earth…“ Und nach dem Konzert setzen sich Musiker und Fans zusammen hin und sehen gemeinsam einen arte-Dokumentarfilm?! Das bricht trotz des unbestrittenen Unterhaltungswerts doch einfach mit allen Erwartungen, die ich mit meinem schlichten Gemüt an Metal so richte. Metaltexte mit historischem Anspruch sind eben von extremen Seltenheitswert. Auch „Eppur Si Muove“ hat diesen Anspruch, doch hier habe ich mich bereits daran gewöhnt und genieße den Song unvoreingenommen. Den Abschluß machen ein Larghetto/ Epilogo Adagio“ und noch eine kurze Version von „Herr Mannelig“ mit kurzem versteckten Abspann. Das wars. Toll, toll, toll.

Ich höre das Album noch dreimal durch und ertappe mich danach dabei, wie ich meinen Kater angrunze… Also Vorsicht: eine Prise von diesem HAGGARD-Album könnte suchterregende Ingredienzen enthalten.

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Haggard 'Eppur Si Muove' Tracklist
1. All' inizio h la morte
2. Menuetto in fa-minore Button MP3 bestellen
3. Per aspera ad astra Button MP3 bestellen
4. Of a might divine Button MP3 bestellen
5. Gavotta in si-minore Button MP3 bestellen
6. Herr Mannelig Button MP3 bestellen
7. The observer Button MP3 bestellen
8. Eppur si muove
9. Larghetto / Epilogo adagio Button MP3 bestellen
10. Herr Mannelig (Short Version) Button MP3 bestellen
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