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HEINO - Mit freundlichen Grüßen

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Artist HEINO
Title Mit freundlichen Grüßen
Homepage HEINO
Label SONY
Veröffentlichung 01.02.2013
Leserbewertung
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6.1/10 (19 Bewertungen)

Geschenkt, das Internet hat so gut wie alle Vertriebswege, von der legalen und wirtschaftlichen Perspektive wie der Einflussnahme in Modefragen, Trends und internationaler Produktverbreitung, bis hin zur zwielichtigeren Seite des Ganzen – Plagiate, Raubkopien, digitaler Diebstahl – im Unterhaltungsgeschäft auf einen Katzensprung verkürzt. Trotzdem passiert es immer wieder einmal, dass Phänomene, die beim großen Popkultur-Bruder USA seit den ersten Versuchen, Töne auf Konserve zu bannen bzw. Interpreten durch das Hervorheben ihrer Eigenheiten zu Stars zu machen, Tagesgeschäft sind, hier, im oft noch immer so miefig nachkriegsprovinziellen Deutschland, als derart neu, frisch und nie da gewesen vermarktet werden, dass es einem, vorausgesetzt das Kurzzeitgedächtnis ähnelt nicht dem eines Bungee-Seil-Unfallopfers, Angst und Bange werden kann. So geschehen kürzlich während des bezahlten und aufs Release-Datum abgestimmten Propaganda-Boheis zur neuen HEINO-CD. Richtig gelesen.

Es liegt Wahres in der Äußerung, der Sänger mit der blonden Perücke sei der bekannteste lebende Deutsche. Vierzig Jahre lang das bassgrollende Musikidol mehrerer Generationen stammestreuer Kriegsschuldleugner, pendelte das Marketing HEINOs zwischen dem Einbellen des Deutschlandliedes in allen Strophen für die einen und das Rap-Remix-Parodieren der Kunstfigur für jene, die im sonnenbebrillten Volksliederteufel aus Düsseldorf weniger Bedrohung als eher die Ironie sehen konnten/wollten, die dem Manne nach bald einem halben Jahrhundert Beschuss und gelegentlicher Demütigung längst wohldosiertes Stilmittel geworden ist.

Kleine Anekdote zur Prominenz: JELLO BIAFRA, legendärer amerikanischer Punksänger (DEAD KENNEDYS), Labelmacher (ALTERNATIVE TENTACLES) und manischer Plattensammler wusste bereits in den 90ern, also vor – in Internetzeit – 120 Jahren, interessiert wie amüsiert über HEINO zu plaudern, als er in einem der beiden hervorragenden INCREDIBLY STRANGE MUSIC Bücher, abgelichtet nur mit Tigersocken und einem Stapel Schallplatten bedeckt, von deutschen Fans und Konzerten in Kalifornien erzählte.

Camp und Novelty

In den USA gibt es den Begriff camp. Verwandt mit der so-schlecht-dass-es-Spaß-macht-Idee des Trash und entstanden in schwulen Independent-Theatern der Metropolen New York und San Francisco pickte man sich vermeintlich eherne Prinzipien und Figuren des Unterhaltungsmainstreams heraus und erfreute sich mit Gleichgesinnten an der unerschütterlich knöchernen Ernsthaftigkeit des allgemein Akzeptierten: Eindimensionale Cowboys, reaktionäre Großstadtbullen und andere bierernst konzipierte Rollenstereotypen im Film, vor Virilität kurz vorm Platzen stehende Soulsänger, puritanische Hinterwäldlerstars des Country oder schmierige Easy Listening-Gestalten in der Musik.

Nun ist ja der Mainstream bei – oder gerade wegen – seiner gesichtslosen Schwammigkeit nicht blöde und greift, wenn die erste, ernsthafte Ebene nicht mehr kommerziell verwertbar ist, auf die aus dem Untergrund herausspionierte Rezeptionsweise des camp zurück. Man begann, sich dem Konzept der Novelty zuzuwenden. Musiker, bestimmt nicht einer wie auch immer gearteten Hipness zuzuordnen oder gar verdächtig, betraten klangliches Terrain völliger Fremde und sorgten, freilich auf veritablen Wellen wohlmeinender Werbung reitend, für Verkaufszahlen die zwischen der Faszination an Exotik, vermeintlichem Lustigmachen seitens der Käufer (die ihre Dollars trotzdem fröhlich im Laden ließen) und einem verbrüdernden Bewundern des Mutes, Neues zu wagen, gründeten. So klingelten die Kassen gar grausig, als sich Orchesterdirigent ARTHUR FIEDLER oder Broadway-Star ETHEL MERMAN in den Siebzigern durch Disco-LPs quälten. Singende Schauspieler sind auch seit Anbeginn des Starsystems oberflächliche Fremdschämgaranten, die gar nicht genug weinen können, wenn sie im neuen Auto auf die Bank fahren, um ihren Mangel an Talent zu beklagen und die Geldkoffer anzugeben. Vor noch nicht ganz zwei Jahren wurde eine Dreifach-LP mit mehr als schiefen Rock-Covers von WILLIAM SHATNER zum Verkaufsschlager.

Zusätzlich, man könnte hier von gegenseitiger Befruchtung sprechen, sahen sich die Musikkonzerne bereits in den verlogenen Fünfzigern gezwungen, etwa das Erfolgssongmaterial eines Rock n Rollers wie LITTLE RICHARD vom ausstrahlungsarmen wie ungefährlichen Schnulzenmaestro PAT BOONE neu einsingen zu lassen. Schließlich war in den segregierten USA dieser Jahre der Negergesang den weiß-sauberen Teeniekäufern nicht zuzumuten. Die hässliche Seite unfreiwilliger Novelty.

Deutschland, früher

Auf unserer Seite des Teichs wurde von den Fünfzigern bis in die Achtziger mit nüscht soviel Plattenkohle gescheffelt wie mit dem Umschreiben, Umarrangieren, ja Teutonisieren fremder Pop-Erfolge. Mit den Ekelschlagerverionen angelsächsischer Hits, die allein das größte deutsche Label POYLDOR in teuflischen Auftrag gab, ließe sich eine Lagerhalle füllen. Apropos POLYDOR: Orchesterunhold JAMES LAST, unbestrittener Endlosverkäufer deutscher Unterhaltungsmusik verdiente (in Ermangelung eines passenderen Wortes) Millionen mit dem Glattbügeln von Rock zwischen ELVIS und T-REX für seine Söldnerarmee von Sleazy Listening-Orchester. Gespielt für Menschen in Partykellern, die von der Existenz der Originale nichts wussten.

Die JOHNNY CASH Vergleiche

Ebenfalls in den aggressiv-ironischen Neunzigern brachte man mit einem Experiment die ruhende Karriere eines Mannes wieder in Gang, der an sich nicht recht ins Raster des strammen Republikaners passen wollte, wie man sie in de Country Music reihenweise findet. JOHNNY CASH hatte zu allen Phasen seiner Karriere eine deutliche Meinung zu gesellschaftlichen Themen, firmierte im Bewusstsein der blöden Post-Grunge-Generation aber leider unter „alter Western-Furz“. So kam es um so überraschender, als der Mann in schwarz eine Reihe von Platten aufnahm, die neben Genrestandards und eigenem Material auch immer wieder CASHs Interpretationen der Songs von Zeitikonen wie SOUNDGARDEN, U2 oder NICK CAVE boten und dem Sänger nach fast fünfzig Jahren Karriere und beinahe achtzig regulären Platten eine neue Anhängerschaft brachte, die ihren medialen Einfluss leider bis heute dazu nutzt, CASHS Wirken auf die Jahre nach 1994 zu beschränken. Auch das CASH-Phänomen spielt bei der Betrachtung der HEINO-CD eine Rolle, tauchten doch Kollegen der schreibenden Zunft auf, die, angetrieben von den erwähnten Reduzier-Faslern, Parallelen zwischen CASHs erwähnten „American Recordings“ und HEINOs „Mit Freundlichen Grüssen“ sehen wollen. Detailliert geht es um den Gegensatz von CASHs versöhnlicher Einstellung zu jüngeren Rock-Generationen und HEINOs „rachsüchtiger“ Haltung. Wie erwähnt ein Konstrukt revisionistischer Empfindung: CASH war näher an liberalen Blickwinkeln als jüngere, auch wenn er nach einem Duett mit JOE STRUMMER nicht wusste, wer „der nette Brite da gerade“ war. Und Rachsucht? Süßer die Konten nie klingen.

Deutschland, heute

Und jetzt, vergessen, bzw. „Wir haben’s vergessen!“ ruft das werbende Schreibkollegium. Hier ist HEINO, der Songs nachsingt – covern sagt man in Rücksichtnahme aufs Publikum offenbar nicht so gern. Das gab’s noch nie. Gut, ignorieren wir den Artikel also bis hier? HEINO covert deutschsprachigen Pop von den Neunzigern bis heute und demonstriert zu aller erst einmal die substanzlose Nichtigkeit hierzulande in den letzten zwanzig Jahren verzapften Liedguts. Natürlich ist die Geschichte von vorne bis hinten Blech. Den alter-Hut-Faktor habe ich jetzt dargelegt. Regen wir uns noch einmal kurz über die Kollegen auf: Das gedruckte Vernichtungskommando mit den vier Buchstaben legte zuerst RAMMSTEIN, dann den ÄRZTEn in den Mund, sich gar schrecklich über HEINOS Teufeleien geärgert zu haben. RAMMSTEIN legten dann auch zuerst ihren Widerspruch ein, vermutlich in einem kalten Moment der Selbsterkenntnis merkend, wie nah TILL LINDEMANNs Stimme ohnehin seit jeher wie HEINO klingt. Und die ÄRZTE? Ach, die ÄRZTE..

Was ist zu sagen zu einem Song wie „Junge“? Die Anzahl der Hörer dieser Band, die sich den Sermon, den der Text des Lieds wiedergibt, je anhören musste, dürfte bei einem aus tausend liegen, ist es doch eher so, dass der gepflegte Abi-Ball-Poprock des Berliner Trios von Studienräten und ihren Kindern gleichermaßen gern goutiert wird und nur von Menschen mit Punk verwechselt wird, die SASHA für Rockabilly, europäische Opernsängerinnen mit Zickenbartbands für Metal und VOLBEAT für beides halten. HEINOs Betonung von Worten wie „Festanstellung“ und das Anlehnen des aktuellen Merchandising-Layouts an eben erwähnte VOLBEAT ist allerdings ein Grinsen wert. Auch das Verwursten schrecklicher Lieder von PETER FOX, OOMPH! oder MARIUS MÜLLER-UNBEHAGEN passt, nicht nur in eine Gegenwart des Schwachsinns sondern auch in die Karnevalssaison, während der man geschickt veröffentlichte. Um zum Höhe-/ Tiefpunkt vorzustoßen: Die SPORTFREUNDE STILLER, seinerzeit gemeinsam mit jener Generation heimischer Minusbands wie WIR SIND HELDEN, SILBERMOND und ähnlichen Kreaturen zu den Rettern deutscher Musiktexte erklärt, schufen mit „Ein Kompliment“ einen Wortschwall hinter abiturientenhaftem (Leistungskurs Arschloch) Vortrag verschanzter Waschlappenpoesie voller selbstsicher zelebrierter Gegebenenfalls-vielleicht-Lyrik, wie sie nur in einem Klima als intellektuell oder auch nur gewitzt durchgehen konnte, dessen Musikmafia ihre Zahlschafe die vorangegangenen Saisons ohne Konsequenzen mit SCOOTER oder EINS-ZWEI-POLIZEI auf der Veröffentlichungsbilanz erfreute/ beleidigte. Zu sagen, dass HEINOS Stimme ein solches Lied aus den Niederungen Münchener Adidasjacken-Pennälerhaftigkeit zumindest hebt und mit Eiern ausstattet, soll hier den hochseriösen Tenor der Wertfreiheit kurz auflockern.

Ob UNHEILIG (ohnehin legitim als Mix aus HEINO und kastriertem Gothic-Pop zu bezeichnen) oder DIE TOTEN HOSEN schon gegen das Vergessenwerden auf MIT FREUNDLICHEN GRÜSSEN II geklagt haben? Wir werden es lesen.

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Heino 'Mit freundlichen Grüßen' Tracklist
1. Junge Button MP3 bestellen
2. Haus Am See Button MP3 bestellen
3. Ein Kompliment Button MP3 bestellen
4. Augen Auf
5. Sonne Button MP3 bestellen
6. Gewinner Button MP3 bestellen
7. Liebes Lied Button MP3 bestellen
8. Leuchtturm Button MP3 bestellen
9. Vogel Der Nacht Button MP3 bestellen
10. Mfg
11. Kling Klang
12. Willenlos Button MP3 bestellen
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