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IKARISCHES ENSEMBLE - Incipit Tragoedia

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Ikarisches-Ensemble.jpg
Artist IKARISCHES ENSEMBLE
Title Incipit Tragoedia
Homepage IKARISCHES ENSEMBLE
Label EIGENPRODUKTION
Leserbewertung
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6.3/10 (12 Bewertungen)

Jaja, die Hochbegabten. Bekamen die „Kritik der reinen Vernunft“ als Gutenachtgeschichte, spielten Rassel zu Stravinskys Psalmensymphonie und kauften sich mit 3 ihre erste COLTRANE-Platte. Gründeten „regionale Musikerinteressengemeinschaften“ und gewannen bei „Jugend komponiert“. Was muss Schlagzeuger Fabian Hönes für tragische Tränen vergossen haben, als er beim „Young Jazz Award“ nur den vierten Platz erzielte!

Nein, unter fremdwörterdudenschwangeren Konzepten, ausufernden Instrumentalteilen und einem Chopin-Zitat als Ausgangsbasis des einleitenden Stückes geht hier gar nichts (wobei der kecke Rhythmus der Originaletude sanft glatt gestrichen wurde). Letzteres nennt sich „Necrologue a l’innocence“ und gibt gleich über neun Minuten Volldampf: „Aus dem After Demeters ein Unschuldigkeiten zersetzendes Rezyklat – Eine Gebärmutter erbricht Leben“ – über den Rest breiten wir mal lieber den Mantel des Schweigens. Dabei hat die Musik alleine schon genug zu sagen, spielt neben Klavier- und Klassikbezügen gekonnt mit staubtrockenem, doch dickem Rock, spielt mit Chaos und Struktur. In der Folge werden die Phallus-, Kastrations- und Hurenvisionen gnädig unter den Tisch gekehrt und nimmt die Sprache endlich einen weniger bemühten Duktus an. Dieser überintellektuelle Ton irritiert ja vor allem deswegen so unangenehm, weil die Band keineswegs so verwegen oder abgedreht musiziert, wie sie vielleicht selbst meint: Diese Stücke sind eingängig, spannend und bersten vor Atmosphäre und Energie. Die Kraft kommt niemals aus der Produktion, sondern einzig und allein aus dem Zusammenspiel des Trios – und aus den stets ergreifenderen Songs: „Alexias Psalm“ ist mal wieder dieses unsterbliche, blutende Liebeslied und „Ewige Wiederkunft“ ein berauschender Trip von Cocktailkirschenjazz bei Neonlicht über depressiven Rock im leeren Schlachthaus bis hin zum unwirklichen, langsam verebbenden Piano-Finale am Abgrund zur Hölle. Da gehen sogar Songwriter Martin Tansek schließlich die Worte aus.

Vielleicht sind die Mitglieder des IKARISCHEN ENSEMBLES ja eher Scheißer als klug, doch trauen sie sich auch, Gefühle zu zeigen und ihre turmhohen Ansprüche in die Direktheit primärer Regungen aufzulösen. Auch wenn man das aus dieser Kritik nicht immer heraushört: Dies ist eine der größten Entdeckungen der letzten Jahre.

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