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J. FREDE - rewrites SCANNER’s Diary

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Artist J. FREDE
Title rewrites SCANNER’s Diary
Homepage J. FREDE
Label CURRENT RECORDINGS
Veröffentlichung 03.06.2002
Leserbewertung
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9.0/10 (1 Bewertungen)

Manchmal werden Träume wahr. Eines Morgens, so will es die Legende (und was wäre die Musik ohne ihre Legenden) wachte Robin Rimbaud, seines Zeichens Klangtüftler, STOCKHAUSEN-Sympathisant und BRIAN FERRY-Kollaborateur, neben seinem Tagebuch auf und erinnerte sich an eine Begebenheit der letzten Nacht. Besagtes Tagebuch (oder vielmehr wahrscheinlich der soundsovielste Band, doch das dürfte eher nebensächlich sein), welches er seit 1976 täglich führte, ohne auch nur einen einzigen Tag auszulassen, sei ihm erschienen und habe darum gebeten, von dem Künstler J. FREDE in Musik umgesetzt zu werden. Dies begab sich im Jahre 2004 und für die Faulen unter Euch: Damit hatte es bereits 28 Jahre auf dem Buckel. Der Unterschied zwischen einem Steuerangestellten und Robin Rimbaud bestand nun u.a. darin, dass letzterer direkt zum Hörer griff und FREDEs Nummer wählte (wo er die so plötzlich her hatte, dürft Ihr Euch selbst ausdenken), um ihm von dieser Geschichte zu erzählen. Und der Unterschied zwischen FREDE und einem Steuerangestellten äußerte sich derart, dass er die Sache auch noch ernst nahm.

Wer ist J. FREDE überhaupt, wir haben ihn ja noch gar nicht vorgestellt! Für jemanden, den eigentlich keiner kennt, wurde schon viel und in namhaften Gazetten über ihn geschrieben. Seine Musik lief schon in gewichtigen Museen, auch wenn wir seine 12-Ton Komposition für Sinuswellen gar nicht unbedingt hören möchten. Geboren in Neu-Mexiko ist er einer dieser Guerilleros, die, wenn sie keinen amerikanischen Pass besäßen, bei einer Grenzkontrolle wohl kaum in die USA eingelassen würden. Es ist schon lange her, da bastelte er auf einem Konzert eine Bombe und verriegelte die Türen unter der Bemerkung, eine falsche Bewegung seinerseits werde den Zündungsmechanismus auslösen – nein, seine Frühphase hätten wir nicht gerne live erlebt. Heute ist er ein Multimediakünstler, der seine Installationen gleich selbst mitbringt: Video und Musik, doch MTV hört man hier niemals trapsen. Und noch mal kurz zum Tagebuch, mit dem alles begann! Ganz eigentlich war es nämlich nicht die Papierform, welches eine nächtliche Aufwartung machte, sondern eine CD. Drei Jahre vor dem Traum hatte Robin (den manche eher unter dem Pseudonym SCANNER kennen werden) eine Tour durch England unternommen und dafür ein Album mit Ausschnitten aus seinen Notizen aufgenommen, dessen Titel – wen wundert’s – „Diary“ lautete. Dieses ist nun die klangliche Grundlage für FREDEs Manipulationen und Malträtationen und man braucht das Original nicht zu kennen um mit Gewissheit sagen zu können, dass die beiden Werke miteinander kaum noch etwas zu tun haben dürften. Andererseits ist der „Remix“ (die beiden werden sich bei der Verwendung dieses Wortes wahrscheinlich unter Schmerzen winden) so grandios geraten, dass man seinen ursprünglichen Stimulus dann doch gerne kennen würde. Schon die Verpackung im prächtig schlichten Digipack, mit eingelegter Visitenkarte als Tracklisting ist einen Preis wert (und hatte wohl auch ihren Preis). Doch die Musik setzt noch einen drauf. Rein rational geschieht hier nichts revolutionäres, nichts, was der einigermaßen Bewanderte nicht schon mal gehört hätte. Aber was hat große Musik schon mit Rationalität zu tun! Höchstens „Page 6“, welches wie ein POLE-Outtake anmutet und der krasse Stilbruch „Page 4“ mit seinen sogar in sich selbst gespaltenen Industrial-Strukuren gehen als „normal“ durch, der Rest grenzt an ein Wunder. Gleich zu Anfang gibt es mystischen Clicks n Cuts, dräuende Klangteppiche schieben sich unmerklich über daherholpernde und stolpernde Beattrümmer. An der Phasengrenze wird psychiotisches Gebiet beschritten, ehe eine Valium-induzierte Ruhe einsetzt. Noch besser jedoch „Page 10“ (die Songtitel kommen im Radio bestimmt ganz toll!), einem Stück Ambient mit angehaltenem Atem: Diese Töne bewegen sich mit der Ruhe, Weisheit und Würde einer hundertjährigen Riesenschildkröte im sonnendurchfluteten Meer. Doch selbst in den Momenten, in denen die Stücke gedankenverloren vor sich hin treiben, passiert hier mehr aufregendes als im Gesamtwerk einiger Kollegen.

Gegen Ende wird es immer leiser, man muss sich anstrengen, um Umgebung von Musik zu unterscheiden. Da fiepst und brummt es traurig wie die Überreste der im All zersprengten Nostromo und lösen sich selbst ungestüme Krach-Strukturen allmählich zu Staub auf. Man nähert sich der Grenze zum Verschwinden: Eine Kirchenglocke läutet, der Wind heult leise ums Haus, dahinter ist nur noch Stille. Da erkennt man, dass die Geburt dieses sanften Geniestreichs vielleicht mehr ist, als eine schmucke Story. Aus Träumen geboren schleichen die Tracks wie Schatten an der Wand in den grauen Bereich zurück, dorthin wo die Augen wild zucken, doch der Körper ruht. Mein Tagebucheintrag für heute: „J. FREDEs neues Album gehört. Besser wird es dieses Jahr nicht werden“.

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Diary of Dreams 'rewrites SCANNER’s Diary' Tracklist
1. Traum:A
2. The Curse
3. O'Brother Sleep
4. Chrysalis
5. Traumtaenzer
6. Rebellion
7. Bastard
8. Amok
9. She
10. Verdict
11. Play God!
12. She And Her Darkness
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