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KAMMER SIEBEN - Unfinished Movies

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Artist KAMMER SIEBEN
Title Unfinished Movies
Homepage KAMMER SIEBEN
Label EISLICHT
Veröffentlichung 17.09.2002
Leserbewertung
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KAMMER SIEBEN, ein im weitesten Sinne gruftiges Neoklassik-Projekt aus Bremen, ist – schon seit einiger Zeit angekündigt – der letzte Zuwachs des EIS & LICHT-Labels. Auf dem preiswerten zweiten EIS & LICHT-Vorstellungssampler gab es bereits ihr Lied „Dismembered Memories“ zu hören, welches vor allem innerhalb der Neofolk-Szene auf sehr positive Resonanz stieß. Darüberhinaus sind KAMMER SIEBEN auch mit einem exklusiven Stück auf unserem NONPOP-Downloadsampler vertreten.

Der Dresdener Musikverlag schreibt über ihre Entdeckung, dass es sich um ein Projekt handle, welches ein wenig an den COLD MEAT INDUSTRY-Sound aus besseren Tagen erinnere. Das ist zwar vielleicht als grobe Orientierung und als „Signal“ nicht falsch, aber eigentlich gab es in der gesamten COLD MEAT-Historie nicht ein Projekt, das sich wirklich mit KAMMER SIEBEN vergleichen ließe, vielleicht am ehesten noch ganz entfernt SANCTUM.

Der Rezensent muss gestehen, dass er nach dem Anhören beider Samplerstücke mit mehr oder weniger großer Vorfreude (in jedem steckt ein kleiner Grufti) eigentlich etwas Anderes erwartet hat, als es dann auf dem Vollzeitdebüt „Unfinished Movies“ letztendlich zu hören ist. Erwartet wurde eine feierlich anmutende Mischung aus neoklassischen Versatzstücken und sinnlichem Gruftschlager, der ein bisschen dazu einlädt, mit finsterem Blick zu schunkeln, nicht zuletzt, weil „Dismembered Memories“ in seiner schon fast genialen Einfachheit ein wenig an den RADIO WEREWOLF-Übersong „Buried Alive“ erinnerte. Überraschend war dann aber vor allem die Tatsache, dass erstens der Neoklassik-Anteil nochmals höher ist als erwartet und zweitens diese Neoklassik eher weniger den ausgelatschten Pfade diverser „Harmonie über alles“-DEAD CAN DANCE-Epigonen folgt, sondern sehr fragmentiert daherkommt, was dem Album dann einige bewusst dissonante und vielleicht auch schon weniger beabsichtigte „schräge“ Momente beschert.

Bei KAMMER SIEBEN wird viel gesungen, es gibt wenige rein instrumentelle Passagen. Das ist aber eigentlich gut so, denn die dunkle, sehr männliche Stimme des „HERR TWIGGS“ ist sicherlich das größte Pfund ihrer Musik. HERR TWIGGS, der zusammen mit seinem musikalischen Partner BUTOW MALER den Pressephotos nach zu urteilen, das Pop-Posing schon auskostet, bevor die „Karriere“ überhaupt richtig angefangen hat, klingt mit einem recht feierlich-predigendem Timbre, ein wenig wie ein zum Neofolk bekehrter PETER STEELE (TYPE O’NEGATIVE). Seine Gesangsleistung auf „Dismembered Memories“ bleibt jedoch leider vorerst einzigartig, der Gesang ist also auf den anderen Stücken schon eine Spur weniger gelungen, ja, wenn man die Auskoppelung zum Eis & Licht Sampler bereits vorher kannte, ist man fast etwas enttäuscht, dennoch bleibt sein Organ für diesen doch zutiefst subkulturellen Bereich in seiner Sinnlichkeit unerreicht und wird vor allem die Grufti-Mädels schwach machen.

Die KAMMER SIEBEN Neoklassik ist rein mit dem Synthesizer erzeugt, der zwangsläufig daraus folgende synthetische Charakter ist also auch hier nicht zu vermeiden. Auch wenn KAMMER SIEBEN wirklich weit davon entfernt sind, „rituell“ zu klingen, erinnert die instrumentelle Basis mich oft ein wenig an die Engländer von ENDURA. Der KAMMER SIEBEN-eigene Ansatz besteht nun, wie bereits angedeutet, darin die Melodiebögen, die bei Projekten wie SANCTUM, LAND oder eben ENDURA noch „ergreifend“ sein wollen, geschickt zu fragmentieren, sie sozusagen zu unterbrechen, auch wenn es nur durch den Gesang ist, und etwas „Cut-up“-mäßig (bitte als Verfahren nicht wörtlich nehmen) wieder zusammenzusetzen, wenn das gelingt entsteht die interessante, schemenhafte „Deja-vu-Atmosphäre“, von der das Label spricht, insofern ist auch der Albumtitel „Unfinished Movies“ sehr passend gewählt. Leider gelingt das nicht immer, und damit kommen wir zu den Schattenseiten, die es auf dem Album auch gibt. Recht wenig Verständnis habe ich z.B. für die manchmal aufkeimende Tendenz, sich etwas an Kinderliedern zu orientieren, „Flamme Empor“ ist z.B. so ein dusseliger Totalausfall, der etwas an die Anfänge von LEGER DES HEILS erinnert und mindestens so grenzwertig ist – BELBORN in disguise? Ja, da ist sie wieder, die hässliche Fratze des neofölkischen Dilletantentums, deretwegen man sich vor musikliebenden Szeneoutsidern, die angesichts solcher Musik nur noch vielsagend mit der Stirn runzeln, immer so genieren muss. Beim Anhören des vorhergehenden „Black Sun“, sowie dem später folgenden „Beinhaus“ (eine Vertonung von GOETHE) bessert sich dieses unangenehme Gefühl auch nur gering. Letzteres Stück ist aber vielleicht ein Tipp für die Fans „Neuer Deutscher Todeskunst“ a la GOETHES ERBEN. Nun gut, diese Lieder übersteht man, auch wenn sie unglücklicherweise direkt aufeinander folgen und auch noch am Anfang der Spielzeit platziert sind. Entschädigt wird man dann mit „Pingo“, einem Höhepunkt des Albums. Die Melodie erinnert ganz extrem an ein bekanntes Thema, ist es DEAD CAN DANCE? nach Stunden des Überlegens, gab ich auf. Wenn jemand eine Idee hat, Zuschriften bitte an die Redaktion! “Pingo” kommt ausnahmsweise ganz ohne Gesang aus.

Erwähnenswert weiterhin das schon fast etwas „orientalisch“ wirkende „Them“, das mit einem sehr martialischen Text aufwartende „Richards Lied“, eine Vertonung von RICHARD DEHMEL (1863-1920), sowie das überraschend mit Noise-Elementen ausgestattete und IN SLAUGHTER NATIVES-beeinflusste „Anywhere“. Sowieso erklingt zur Mitte der Spielzeit hin eine Art „Industrial-Phase“, in der Hinsicht ist auch „Wintermute“ eine willkommene Überraschung. Das beste Stück des Albums bleibt jedoch (leider) das schon bekannte “Dismembered Memories”.

Kurz vor Schluss stellt man dann fest, dass die Stil-Odyssee noch nicht ganz beendet ist. „Vater“ und das wohl zur „Bandhymne“ erhobene „Ostpreussenlied“ (oder auch hier, nach dem Text von ERICH HANNIGHOFER und der Originalmelodie von HERBERT BRUST) besitzen zwar ebenfalls jene eingängige, und zumindest „Vater“ auch die von mir missbilligte, Tendenz zum „Kinderlied“ hin, wirken aber auch ein bisschen weihnachtlich und leicht verschroben, so dass ein MARKUS WOLFF (WALDTEUFEL) als Gastsänger durchaus nicht unpassend gewesen wäre, meinen Segen haben sie dafür. Die CD-abschließenden „Love Fragments“ und „Unfinished Movies“ sind dann wieder etwas unspektakulär.

Fazit: Die Spielzeit ist ein gutes Stück zu lang, auf vier, fünf, ja vielleicht sogar sechs, sieben Beiträge hätte man gut verzichten können, dennoch ist KAMMER SIEBEN ein beachtliches und originelles Debüt geglückt, was, so wie ich die Neofolkszene kenne, auch Chancen hat (verdientermaßen) beachtet zu werden und darüber hinaus sehr gut zu Eis & Licht passt.

Übernommen mit freundlicher Genehmigung von www.Nonpop.de

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