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LEGER DES HEILS - Gloria

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Leger-des-Heils-Gloria.jpg
Artist LEGER DES HEILS
Title Gloria
Homepage LEGER DES HEILS
Label EISLICHT
Leserbewertung
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7.7/10 (23 Bewertungen)

Liest man sich verschiedene Military-Pop- und Neoklassik-Rezensionen durch, wird man bisweilen unter den Verrissen solche Formeln wie „falscher Bombast“ finden, oder man stößt auf die vorwurfsvoll gemeinte Aussage, Projekt “xy” betätige sich bloß „affirmativ“. Oft ist nicht so richtig klar, was gemeint sein könnte, aber heruntergebrochen auf die Niederungen der Subkultur scheinen Kritikansätze dieser Art ein wenig ein ästhetisches Problem zu umkreisen, welches schon zwischen FRIEDRICH NIETZSCHE und RICHARD WAGNER für einigen Zündstoff sorgte. Bekanntlich erblickte der jüngere Nietzsche in Wagner zunächst den Geburtshelfer einer neuen tragischen Kultur, bis es ihm wie Schuppen von den Augen fiel und er in Wagner nur noch einen „Schauspieler“ sehen konnte, obgleich das Verhältnis zwischen den Beiden schillernd blieb („Ich habe ihn geliebt und Niemanden sonst“, wird Nietzsche trotz alledem zwei Jahre nach Wagners Tod schreiben.). Nietzsche glaubte an der Musik des Komponisten, den er einst abgöttisch idealisiert hatte, beobachtet zu haben, dass alles an ihr „zur Überredung von Massen“ erschaffen wurde, dass sie nur noch auf „Wirkung“ aus sei, und wenn das „Wirken Wollen“ die Substanz ersetzen will, wird nach Nietzsche der Musiker zum “Schauspieler” und die Musik, das Bombastische an ihr, „falsch“, das Ganze ist dann nur noch ein Opium, welches die Sinne vernebelt….und in der Tat gerade bei gewissen Stücken solcher Projekte wie TRIARII, VON THRONSTAHL, PUISSANCE, bei denen es eigentlich ständig „was auf die Zwölf“ gibt, ist der Gedanke eigentlich recht naheliegend und für sensiblere Seelen auch augenblicklich nachvollziehbar, dass da etwas im Sinne Nietzsches nicht ganz astrein sein kann. Doch stellt sich auch die Frage, ob es neben einem solchen „falschen Bombast“ auch einen gibt, bei dem das Schauspielhafte sich in der Musik wieder zurückgezogen hat, also einen, der irgendwie eher „echt“ ist, und wie ein solcher beschaffen sein müsste.

Ich glaube, ein solcher eher „echter Bombast“ müsste vor allem unschuldig wirken, d.h. einen großen Mut zur Peinlichkeit beinhalten und naiv sein, denn wer im stillen Kämmerlein vor sich hin musiziert, ohne auch nur ein Gedanken daran zu verschwenden, dass es da draußen Leute geben könnte, die sich bepissen vor Lachen, wenn sie das Ergebnis vernehmen, der muss im Herzen rein sein, edle Absichten haben und die „Purity Of Intent“, die “Reinheit der Absicht” besitzen, von der DOUGLAS P. (DEATH IN JUNE) oft philosophierte und die er vielleicht selbst verloren hat. LEGER DES HEILS aus dem schönen Halle an der Saale ist vielleicht so ein Projekt mit all diesen Eigenschaften. LEGER DES HEILS hat es seinen potentiellen Hörern seit Gründung des Projekts im Jahr 2000 selten leicht gemacht, die ersten Vinyltonträger, die über EIS UND LICHT erschienen, waren wirklich genau das, was man „grenzwertig“ nennen muss, Synth-Bombast zum Zähne zusammenbeißen, man wusste nicht so recht, ob man Mitleid haben oder ob man das Schonungslose dieser Musik im oben beschriebenen Sinne einfach nur untertänigst bewundern sollte. So teilte sich dann hier auch die „Szene“, die einen sagten sich „die spinnen, die Ossis“, die anderen kratzten ihr letztes Geld zusammen, denn LEGER DES HEILS schickten sich an, in punkto Veröffentlichungspolitik so etwas wie die deutsche Antwort auf LES JOYAUX DE LA PRINCESSE zu werden. Kurz, für nicht wenige ist das Projekt der pure Kult und auch im fernen China scheint es Liebhaber zu geben, die das eminent Deutsche an und in dieser Musik zu schätzen wissen, wie eine CD-Produktion dort beweist.

Ab 2002 mit dem Erscheinen des Albums „Aryana“ kam es dann bei LEGER DES HEILS zu ersten, wirklich bedeutsamen musikalischen Wandlungen. Die Musik war zwar nach wie zuvor bombastisch und zu 100% synthetisch, auch die Pauken, die „großen Gefühle“ und die Schonungslosigkeit blieben, aber die Songstrukturen wurden weitaus poppiger und ausgereifter. Man konnte geradezu einen deutlichen Einfluss solcher 80er Pop-Größen wie A-HA heraushören, und dennoch war es irgendwie „Military Pop“, bekanntlich sind LEGER DES HEILS durchaus eine Pionierformation dieses Subgenres. Szeneauskennern konnte auch auffallen, dass, obwohl sich LEGER DES HEILS damals noch ganz anderer musikalischer Mittel bedienten, irgendwie eine deutliche atmosphärische Verwandtschaft zu ORPLID spürbar war. Kann man hier von einem „geheimen Halle“ sprechen oder ist das Verbindende gar noch metaphysisch-tiefgründiger, das gewisse „Deutsche“ in der Musik, was hier so wunderbar ewig konserviert scheint? Ich schrieb damals von der Assoziation „Hirschgeweih“ und von der Synthese aus heroischem Pop und MEISTER ECKHARDT (der allerdings nicht vertont wurde, dafür jedoch RILKE und HÖLDERLIN und später ERNST MORITZ ARNDT).

Mit der wieder mehr kämpferischen nur Vinyl-Veröffentlichung „Freiheit“ konnte dann 2003 das Niveau noch gehalten werden, doch mit dem Nachfolger „Himmlische Feuer“ (2004) war dann leider wieder auf einmal alles anders, d.h. stilistisch änderte sich zu „Aryana“ eigentlich kaum etwas, aber die Musik wollte und wollte bei mir und auch bei vielen anderen einfach nicht zünden. Man muss das einfach als Beweis dafür nehmen, dass die Musik ständig kurz davor ist, den Bogen zu überspannen. Sie ist bombastisch, eingängig, synthetisch, ein Tritt daneben, und es ist einfach nur peinlich. In dem Risiko liegt der Reiz und manchmal geht es eben schief. Leider weiß man das nie vorher, und es kann natürlich auch von Hörer zu Hörer unterschiedlich sein. Während sich nun also „Himmlische Feuer“ in freiem Fall nach unten bewegte, gelingt es LEGER DES HEILS mit „Gloria“ wieder an „Aryana“ anzuknüpfen und dennoch kleine Elemente miteinzubringen, die für LEGER DES HEILS ein Novum sind. So hört man etwa auf „Gloria“ zu Anfang eine Frauenstimme singen, bevor der gewohnte Pathos beginnt und auf “Wir ziehen voran” (der Ohrwurm schlechthin) eine Akustikgitarre. Dann das abschließende, grandiose „Wehet die Fahnen – Viktoria!“, auf dem eine kreischende Hardrock E-Gitarre (RUDOLF SCHENKER? AXEL RUDI PELL? VARG VIKERNES? Wer war’s?) den heroischen Pathos begleiten darf und der Künstler ungewohnt wild singt, da ist er wieder, der sturmgeweihte Mut zum reinen Ausdruck, zur Purity!
MARIO ANSINN (LEGER DES HEILS) singt hier schon fast wie FENRIZ (DARKTHRONE) bei seinem Projekt ISENGARD, herrlich robust, das rockt aus deutschem Geist!

Das Album bietet 32 Minuten gute Unterhaltung, ein Album das vielleicht in der hier rezensierten Version zu kurz geraten ist, aber immerhin vier Stücke bereithält, die zu den besten von LDH gehören, “Beginn des Endes” geht hingegen in die Richtung des “Himmlische Feuer”-Albums, mir ist das dann doch etwas zu seicht. Sollte man mit dem Projekt nicht vertraut sein, darf man nicht vergessen, dass der Bombast und der Pathos zwar sehr hoch sind, man aber bei LEGER DES HEILS doch nie von „Orchestral Ambient“ im Sinne von IN SLAUGHTER NATIVES oder TRIARII sprechen kann, die Musik ist trotz alledem eher in Moll und gemächlich-rhythmisch gehalten, d.h. keineswegs aggressiv, düster, provozierend oder gar anarchistisch, sondern in sich ruhend, zentriert und nach Ordnung strebend, doch das passt! Im gewissen Sinne lässt sich auch von Schlagermusik sprechen, wenn mit Deutschland alles in Ordnung wäre, würde man so etwas wie LEGER DES HEILS zum Grand Prix schicken und das mit echter Chance. Ich glaube, auf so Musik fahren im In-und Ausland mehr Menschen ab, als man zunächst glaubt. Selbst die Holländer könnte man vielleicht mit dem Namen (“Leger Des Heils” ist die Käskopp-Heilsarmee, wieso und warum dieser Name, weiß vermutlich keiner) zum Anrufen motivieren. Wenn man ihn doch nur ließe!

LEGER DES HEILS sollten alle mal antesten, die sich eine Mischung aus BURZUM, AUTOPSIA und A-HA vorstellen können, die auf so alte französische Helden wie UPSLAND oder LEITMOTIV oder LEX TALIONIS (Schweden) abfahren (ins Deutsche gewendet natürlich) oder, ja, ich gebe es zu, auch schon JOACHIM WITT. Was hätte bloß NIETZSCHE zu LEGER DES HEILS gesagt? vielleicht hätte er es gehasst, aber er hätte es nicht der Schauspielerei verdächtigt! Viktoria, Wir ziehen voran!

Übernommen mit freundlicher Genehmigung von www.Nonpop.de

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