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PORCUPINE TREE - The Incident (2-CD)

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Artist PORCUPINE TREE
Title The Incident (2-CD)
Homepage PORCUPINE TREE
Label ROADRUNNER
Veröffentlichung 11.09.2009
Leserbewertung
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8.3/10 (7 Bewertungen)

PORCUPINE TREE sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass eine Band auch nach 20 Jahren Bandkarriere absolut frisch klingen kann, ganz so, als läge der Weg ins Unbekannte noch vor ihnen. „The Incident“ ist nunmehr das 10. Studioalbum und es sieht alles danach aus, als ließe sich die Geschichte der Band noch immer als Geschichte stetigen Wachstums schreiben. Während die Combo in der Prog Szene schon länger zu den großen Nummern zählt, ist sie einem breiteren Publikum in der Rock- und Metal Gemeinde jedoch erst mit dem Vorgänger „Fear of a Blank Planet“ so richtig bekannt geworden. Dazu dürfte auch die euphorische 10-Punkte-Kritik im Rock Hard deutlich beigetragen haben. Unabhängig davon: „Fear of a Blank Planet“ war ein gerade für die Verhältnisse PORCUPINE TREEs unglaublich dichtes, kompaktes und songorientiertes Album, insofern auch für ein breiteres Publikum greifbar und gut hörbar. Ein wenig darf man dieses Album eine Versöhnung des Progressiven mit dem Main Stream nennen, böser formuliert zeigte die Scheibe beiden Lagern auf, was auch heute noch aus harter Rock- und Metalmusik heraus zu holen ist, wenn man die Versteifung auf ein solches Lagerdenken hinter sich lässt und ohne Scheuklappen leidenschaftliche Musik schreibt. Ohne Frage die wichtigste Veröffentlichung der Jungs und ein kleiner Klassiker schon jetzt.

Nach einem solchen großen Wurf stellt sich immer die schwierige Frage, wie es denn nun weiter geht. Wer das Schaffen des PORCUPINE TREE Chefdenkers Steven Wilson kennt, konnte sich eines schon vorher denken: es gibt sicherlich keine zweite Auflage des Vorgängers – wegen des großen Erfolges oder so. Schon einmal hatte die Band ein ungewöhnlich hartes und kompaktes Album mit „In Absentia“ veröffentlicht, für das ihr der große Durchbruch prognostiziert wurde. Auch danach folgte ein ruhigeres, verspielteres und nicht mehr so songorientiertes Album: „Deadwing“. Dass PORCUPINE TREE auch diesmal eine gewisse Schubumkehr vorgenommen haben, zeigen schon die äußeren Daten: „Fear of a Blank Planet“: Sechs Songs, vornehmlich recht lang. „The Incident“: Achtzehn Songs, die Längen variieren zwischen 1:27 Min. und 20:38 Min. PORCUPINE TREE wollen Freunden und auch solchen, die es nicht mehr oder vielleicht doch noch werden wollen, einiges zu denken und zu hören geben. Ein gewaltiger Brocken, unterteilt in zwei CDs. Obwohl im Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit der 55-minütige Songzyklus „The Incident“ steht, lässt sich die Geschichte der neuen Scheibe gut rückwärts erzählen. „The Incident“ ist ein bisschen so, als würde man in einem tollen Restaurant ein richtig geiles Steak essen. Danach wird Dir ein wunderbares Mousse au Chocolat serviert, du bist glücklich. Aber die Küche hat noch nicht genug gearbeitet und schickt Dir noch einige Grüße an den Tisch, die auch ausnahmslos lecker sind, die jedoch auch die Gefahr bieten, dass Du mittlerweile kein Essen mehr sehen kannst.

Die (positive) Kritik beginnt also mit der Nachspeise, die sich musikalisch auf der zweiten CD befindet. Mit dieser sprengen PORCUPINE TREE die üblichen Formate, in denen Rockveröffentlichungen stattfinden. Innerhalb dieser macht es wenig Sinn, auf das gigantische „The Incident“ noch etwas folgen zu lassen, konzentriert sich doch die Aufmerksamkeit fast gänzlich auf diesen großen Songzyklus. Nicht so diese Band, die CD 2 mal locker mit einer 20-minütigen Tour de Prog eröffnet: „Flicker“ wäre für viele Bands ein echter Karrierehöhepunkt, Steven Wilson und Gefolge verstecken das Teil fast ein wenig. Dabei sind insbesondere die ersten 17 Minuten ganz großes Progkino, in dem alles drin ist, was die Hörer haben wollen: große Melodien, ruhige Zwischenstücke, etwas gradliniger Rock und dann natürlich auch die psychedelische Großabfahrt, in der die Einzelmusiker auch einmal mächtig von der Kette gelassen werden. Dass der Song nach 17 Minuten eigentlich zu Ende ist und trotzdem noch knappe vier Minuten weiter geht, ist da nur ein Schönheitsfehler, der etwas an das famose „Anesthetize“ erinnert. So viel zum Mousse au Chocolat. Darauf folgen aber noch drei weitere Songs: „.Bonnie The Cat“, „Black Dahlia“ sowie „Remember Me Lover“. Obwohl dies allesamt gute Songs sind, sei der Fokus auf „Bonnie The Cat“ gelegt. Das Teil ist nochmals ein großes Highlight und der insgesamt wohl psychedelischste Song beider CDs. Ein Song, der mit geflüsterten Vocals und Gitarrenfrei beginnt und sich dann immer mehr zu einer Dröhnlooporgie steigert und zwischendurch klingt, als würden KING CRIMSON mit einer Industrial Combo vögeln – natürlich nicht zu knapp! Intellektuell gesprochen: voll geil! Auch dieser grandiose Song ist quasi versteckt und man kann nur hoffen, dass er sich im Live Repertoire umso eindringlicher wieder findet!

Nun zum Filetstück: der Songzyklus, der nach Wilson weder ein Longtrack noch ein Konzeptalbum ist, geht über 14 Einzelstücke und ist für das Album dann auch namensgebend. Auch wenn es kein Konzept sein soll, so gibt es doch ein durchgängiges Thema, das die Songs verbindet. Diese drehen sich um Ereignisse (= Incident), die das Leben von Menschen einschneidend verändern. Auslöser war für Wilson ein schrecklicher Autounfall, dessen Zeuge er wurde. Obwohl dieses schreckliche Ereignis für die Freunde und Familie ein grauenhafter und auch traumatischer Verlust ist, ist es am nächsten Tag in der Zeitung doch nur ein kleiner Zwischenfall, der seiner tiefen emotionalen Ebene beraubt ist. Von dieser Diskrepanz handeln alle Songs und sie setzen ihr bewusst stets die Ich-Perspektive entgegen. Erneut erweist sich Wilson somit als kritischer Begleiter der Medien. Wo er auf „Fear of a Blank Planet“ noch auf die Verblödung der folgenden Generationen durch die digitale Informationsverkürzung einging, geht es hier also um die De-Emotionalisierung des Lebens durch die Allgegenwart und fast vollständige Machtübernahme durch die Medien. Dieses Leitmotiv findet einen zentralen und schon plakativen Ausdruck im großartigen „Drawing the Line“, einem Song mit einem bemerkenswerten emotionalen Ausbruch im Chorus. Hier finden lyrisches Konzept und musikalischer Ausdruck perfekt zusammen: „I’m drawing the line, I’m taking control“ heißt es hier natürlich aus der Ich – Perspektive.

Musikalisch wechseln innerhalb des Zyklus immer wieder ruhige Momente und Zwischenspiele mit „vollständigen“ Songs. Herausstechender Höhepunkt ist dabei das fast zwölfminütige „Time Flies“, ein grandioser Song, mit dem PORCUPINE TREE alle Register modernen Artrocks ziehen. Aufbauend auf melancholischer Grundstimmung und akustischen Gitarren bricht ein wüstes Prog Element hervor, das gleich wieder für eine längere Pause eingefangen wird. Neu baut sich die Stimmung aus der Ruhe auf, ganz langsam steigert sich wieder die Dynamik und kurz bevor man erwarten könnte, dass eine erneute Abfahrt beginnt, wechselt das Stück wieder zum Akustik Teil des Anfangs, um sich aus diesem Part und diesen beibehaltend in neuem Schwung zu präsentieren. Hohe Kompositionskunst oder anders gesagt: ein geiler Song und eine echte PORCUPINE TREE Visitenkarte. Weiteres Highlight zu entdecken ist sicherlich „Octane Twisted“, mit einer Strophe in fünf Minuten quasi ein Instrumental und ein echter Rückblick auf die schweren Riffs des Albumvorgängers. Eine kleine Lehrstunde im Frickelmetal, sicherlich auch ein Song, wo der eine oder andere denken mag, dass die Band öfter so auf die Zwölf frickeln sollte (ein kleines Paradoxon, aber bitte…).

Hier ist also auch der einzige kleine Wermutstropfen dieser tollen Veröffentlichung. Manchmal entfernen sich PORCUPINE TREE zu sehr vom Wesentlichen und verlieren ein wenig die Richtung. Man weiß von Steven Wilson, dass dies Absicht ist. Und das ist bei seiner Band auch legitim, ich bleibe aber bei meiner Meinung, dass etwas weniger mehr wäre. Dennoch: „The Incident“ verliert nicht hinter dem Vorgänger, wie es nicht wenige vermutet haben. Es ist ein großes Album und in Anlehnung an die amerikanischen Reden zur Lage der Nation: „State of Modern Progressive Rock Address“.

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Porcupine Tree 'The Incident (2-CD)' Tracklist
1. Occam's Razor (Album Version)
2. The Blind House (Album Version)
3. Great Expectations (Album Version)
4. Kneel and Disconnect (Album Version)
5. Drawing the Line (Album Version)
6. The Incident (Album Version)
7. Your Unpleasant Family (Album Version)
8. The Yellow Windows of the Evening Train (Album Version)
9. Time Flies (Album Version)
10. Degree Zero of Liberty (Album Version)
11. Octane Twisted (Album Version)
12. The Seance (Album Version)
13. Circle of Manias (Album Version)
14. I Drive the Hearse (Album Version)
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