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SKIN AREA - Journal Noir/ Lithium Path

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Artist SKIN AREA
Title Journal Noir/ Lithium Path
Homepage SKIN AREA
Label COLD MEAT INDUSTRY
Veröffentlichung 08.02.2006
Leserbewertung
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Was passiert nach dem Tod? Ich weiß es nicht, aber vielleicht die beiden Herren Bladh (IRM) und Lindh. Jedenfalls haben sie eine recht eindrucksvolle Vorstellung davon. „Posthumous“ heißt der Opener des ersten Teils der Doppelveröffentlichung „Journal Noir/ Lithium Path“, der sich durch beklemmendes Auf- und Abwabern von Hall auszeichnet. Eine Männerstimme ruft relativ unruhig auf Englisch, von dem ich aber leider nur unzusammenhängende Wortreihen verstehe. Diese einzelnen Wörter aber rufen ein definitiv eher negatives Gefühl hervor. Ist der Sprecher in der Pathologie zu sich gekommen? Nach ca. zehn Minuten wird der Soundteppich durch lautere Verzerrungen aufgeregt. Ich assoziiere leicht Filme mit Songs und Platten und hierzu drängte sich mir der Vergleich mit „Vital“ auf, einem etwas strangen japanischen Film von Shinya Tsukamoto, in welchem ein Medizinstudent seine Freundin seziert. Endgültig abgeschlossen mit ihrem Tod hat er erst, als sie schließlich verbrannt wird und auch wenn der Film eher ruhig und kalt ist, erinnert mich „Posthumous“ mit seiner lärmigen Hektik an die von „Vital“ heraufbeschworene Atmosphäre der Unausweichlichkeit.

Schon jetzt sehe ich, dass es keine leichte Aufgabe wird, die Doppel-CD zu rezensieren, denn sie ist so wechselhaft und unvorhersehbar, dass ich eigentlich jeden Track einzeln und ausführlich besprechen müsste. Aus naheliegenden Gründen ist das nicht ganz so gut, daher versuche ich, das jeweils nur anzureißen. Zum Beispiel „Silverhall“, was gleich nach dem abrupten Ende des Openers nach 15:15 Minuten, aus den Boxen schallt. Eigentlich sind es zunächst eher nepalesische Mönche oder mongolische Obertonsänger – so genau kann ich das bei den wenigen Lauten nicht sagen. Ich tippe aber eher auf Erstere. Schellenschlagen und Trommeln sind noch die dazu passenden, nachvollziehbareren Geräusche, aber dann hört alles Genannte auf und das monotone Rückkoppelgekrächze, was nun folgt (und immer noch zum selben Lied gehört), verursacht fast Kopfschmerzen. Wer also seine Musik immer über Kopfhörer genießt, legt diese spätestens jetzt ab; jedenfalls empfehle ich das. Nach einem diesmal eher fließenden Übergang schließt sich der kakophone Trompetenalptraum „Borderline“ an. Treffender Titel, wirklich. Er repräsentiert für mich nämlich auch die feine Grenze zum gerade noch Erträglichen. Etliche Spuren, pulsierende Linien und kratzendes Fiepen bestimmen den 4.25-minütigen Wahnsinn.

Für den nächsten Track würde ich die Kopfhörer übrigens wieder aufsetzen. Ja, richtig, dieses Album, meine Herrschaften, hört man nicht nebenher. Es steht auf dem entgegengesetzten Ende der Easy-Listening-Skala, an deren anderem Ende AIRs „Moon Safari“ loungt. „A childish Confession“ ist vielleicht der eigentliche Höhepunkt der Veröffentlichung; auf jeden Fall hat dieser Track mich sehr bewegt. Eine wunderbar artikulierende Männerstimme erzählt auf Englisch eine Art Traum – und erinnert mich damit an die zweite Hälfte von LOSS’ „A Moment of Reflection“ vom 2005er Album „I kill everything.“ Der Sprecher bei SKIN AREA beschreibt genauenstens Atmosphäre und Figuren, die in diesem Traum auftreten – kurz vor Ende kippt die Stimmung. Anfangs trügerische Ruhe wird durch die scheinbare Sinnfreiheit des Finales gebrochen (ich verrate nichts) und lassen den Hörer in „Blut und Weintrauben“ gleiten. Vielleicht gehören beide Lieder zusammen, denn über ungefähr elf Minuten hinweg verteilt hört man insgesamt elf Mal längere, mal kürzere Schreie, verquickt in eine erneute Kakophonie der Laute. Es folgt der Titeltrack von CD 1, welcher verhältnismäßig unspektakulär mit Absatzklackern, Ratschenknattern, schwedischem Text (daher weiß ich leider nicht, was im schwarzen Tagebuch steht) und einem Muezzin über die Bühne geht und diese nach einer definitiven Pause „Doll at Play“ überlässt, bei welchem es sich um ein etwa einminütiges Klavierintermezzo handelt. Wenn man über Richard MacDuffs Computerprogramm verfügte, mit welchem man z. B. Statistiken, Diagramme und den Schwung eines Schwalbenflügels, sowie Baumwachstum hörbar machen kann (ich verweise an dieser Stelle an Douglas Adams’ elektrischen Mönch, bzw. „Dirk Gently’s Holistic Detective Agency“, da wird das schön erklärt), könnte man wohl auch hörbar machen, wie Synapsenaktivität klingt. Da aber auch die Herren Bladh und Lindh wahrscheinlich ein solches Programm nicht besitzen, haben sie es einfach so versucht und das ganze „Spiral Nerve“ getauft. Das ist jedenfalls meine Vermutung.

Den Abschluss bildet mit der besten Betitelung der zweiten Jahreshälfte „Choose Art, not Life“. Geneigten CMI-Kennern und –Liebhabern vielleicht auch noch vom „Flowers made of Snow“-Sampler des schwedischen Labels bekannt. Es beginnt mit Knacken, einem Geigerzähler vielleicht. Mit der Zeit entsteht ein fast schon eingängier Rhythmus, greifbare Atmosphäre, sowie – ich hoffe, ich lehne mich hier nicht zu weit aus dem Fenster – Musik. Struktur und Fluss sind offensichtlich und zusammen mit stimmbandgenerierten Geräuschen explodiert das Outro fast schon SÍGUR-RÓS-ig in einlullende Trägheit. Fabelhaft. Nach dieser knappen Stunde absolutem Wechselbad braucht man schon eine Pause, bevor man sich dem zweiten Teil zuwendet.

„Lithium Path“ heißt das kürzere, ergänzende Schmuckstück und beginnt lässig und fast schon sanft mit „Into Bliss“, welches mich an DROPS OF OPIUM – „A live Experience“ denken lässt, da es einigermaßen erhaben mit nur wenig Perkussionseinsatz und, ui, sogar etwas entfernt an eine Sitar erinnerndem zu Rande kommt. Der Hörer schwebt unsichtbar durch eine Klangkuppel – bis er sich entsinnt, Moment, immerhin haben wir es hier mit SKIN AREA zu tun. Und richtig, gegen Ende bestätigt sich die angespannte Vermutung des Konsumenten und er hört „Aaaah!“-Laute, die man eher einer ausgeprägt sadistischen Zahnarztpraxis vermutet hätte. Okay, auch gut. Der Übergang nach fast zehn Minuten ist wieder ein fast unmerklicher und „Elvira“ schallt aus der Anlage. Nun werden deutsche Audiosamples verwandt, die ich auch nach angestrengter Überlegung nicht zuordnen kann. Ein Mann (Künstler?) erläutert recht psychopathisch einige Umstände (mit, äh, Genitalien und Zuhältern?), mit denen ich nun echt nichts in Verbindung bringe. (Ich lasse mich aber wirklich gern erleuchten.) „The vivian Girls“ sticht dadurch hervor, dass es tatsächlich wie ein richtiges Lied klingt (mit Instrumenten und so) und auch noch eine Sängerin hat, Ann-Marie Thim von ARCANA, wenn ich mich nicht täusche. Gefällt mir gut und auch die Lyrics scheinen sich diesmal mir eher angenehmeren Dingen, nämlich schönen Mädchen, zu befassen. Hervorzuheben wäre noch „The Room“ – ein Mann ruft reichlich paranoid und in englischer Sprache. Er redet von sich, seiner Beziehung zu seinem Körper und den Raum, in dem er sich evtl. befindet. Akzentuiert durch Glockenschläge, Gongs und anschwellende Perkussion treibt das Stück auf ein mit „silent!“ angekündigtes Ende zu.

„Lithium Path, pt. 1“ hat wieder etwas von SÍGUR RÓS, aber nicht so abgespacet. Es geht gute acht Minuten, ist aber eher langweilig; „Lithium Path pt. 2“ ist ebenso etwas lau. Gitarrengejamme, Klimmbimm dominieren zunächst, bis es auch hier wieder eine bedrohlichere Stimmung erzeugt wird. Dazwischen geschoben ist „Down the 3rd Conjunction“, worum es textlich um die Beziehung zwischen Sprecher und dem imaginären Du geht und welche Vision er für das nächste Leben hat. Fehler und Chancen werden durch seichten Hintergrundchor betont, sowie Glockenschläge. „You will thank me for this“ am Schluss klingt, als hätte der Sprecher sein Gegenüber gerade von seinen Erdenqualen erlöst.

Fassen wir zusammen – das schon seit einem halben Jahr auf dem Markt befindliche Doppelalbum kommt dem interessierten Hörer übrigens in einer limitierten Digisleeve-Version auf den Tisch – diese Veröffentlichung ist anstrengend, aber dafür lohnt es sich. „Lithium Path“ ist etwas weniger abgedreht und wechselhaft, daher wirkt dieser Teil auch schwächer als „Journal Noir“. Was aber der Qualität im Allgemeinen keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Für mich ist hier für jede Gefühls- und Gemütslage etwas dabei. Betäubender Lärm wechselt mit hypnotischem Ambient, wechselt mit funkelnden Drones, wechselt mit entrückter Perkussion. Es ist „wow“ und zwar ganz oben in meiner „wow“-Liste. Es ist in sich geschlossen und fast komplett perfekt. Ein Anwärter für das CMI-Album des Jahres, auch wenn das hoch gegriffen ist.

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Skin Area 'Journal Noir/ Lithium Path' Tracklist
1. Posthumous Button MP3 bestellen
2. Silverhall Button MP3 bestellen
3. Borderline Button MP3 bestellen
4. A Childish Confession Button MP3 bestellen
5. Blut und Weintrauben Button MP3 bestellen
6. Journal: Noir Button MP3 bestellen
7. Doll At Play Button MP3 bestellen
8. Spiral Nerve Button MP3 bestellen
9. Choose Art Not Life Button MP3 bestellen
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