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STRUKTURRISS - Keine Sonne dieser Welt

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Strukturriss-Keine-Sonne.jpg
Artist STRUKTURRISS
Title Keine Sonne dieser Welt
Homepage STRUKTURRISS
Label EIGENPRODUKTION
Leserbewertung
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8.5/10 (2 Bewertungen)

Nach einem im Mai letzten Jahres erschienenen ersten Demo (siehe die entsprechende Rezension), erfreut uns von neuem das ein-Mann-Projekt STRUKTURRISS aus Halle mit einem zweiten, elektronisch-ambientem Demo-Album. Wobei unter der Bezeichnung “Ambient” keine atmosphärischen Tonflächen, keine tiefen, in Reverb versunkenen Drones verstanden werden sollten: der STRUKTURRISS-Sound ist minimalistisch und trocken, und in den Kompositionen, die nur auf ein paar Pattern basieren, ist die Emphase auf die Struktur, die Progression und das Spiel mit der Lautstärke gesetzt. Hier gibt es keine Hektik, weder blips noch blops die den Hörer verwirren wollen und letztendlich einem zu wider werden, wie etwa in der berüchtigten Skandinavischen Schule. Hier läßt man sich die Zeit.

Die Stücke entwickeln sich langsam, fangen öfters mit einem minimalistischen, besessenden Motiv an, wie etwa die einfache Drumcomputer-Rythmik von “Künstliche Zuflucht” oder die eigenartige synthetische Bass-Schleife von “Flugangst”, die sich ad nauseam wiederholt, bis sie einem nicht mehr aus dem Sinn kommt. Erst wenn sich der Geist der leisen Wehmut hingegeben, der Körper dem sich ausdehnenden, betäubenden Rythmus angepasst hat, treten unerwartet neue Klänge zutage, eine rückwärtslaufende Melodie, ein Harmonium-ähnliches Gebläse oder gar nur die schlichte Übersteuerung des ursprunglichen Motivs… Bald verschwinden sie wieder, Platz machend für andere Evolutionen, ohne die Gleichung, die diese arithmetische Operation bestimmt, je zu verraten: die Vorführung bleibt unberechenbar, der unaufhörliche Abbau und Aufbau von Strukturen überraschen immer wieder von neuem.

Vor den geschloßenen Augen tritt eine dürre Wüstenlandschaft hervor, in deren trockene und staubige Luft veränderliche geometrische Formen eine nach der anderen Gestalt annehmen, manchmal in anhaltendem und hypnotischem Tempo (“Letzte Station”, “Keine Sonne dieser Welt”), manchmal etwas diletantischer (“Narcotica”, “Ekstase”, welche ein bißchen nach AUTECHRE klingen). Befremdende Klänge wie gekonterte Stimmen, gewollte Dissonanz oder eine rückwährtslaufende schräge Tonleiter verleihen ein schwer zu fassendes Gefühl des Sonderbaren oder des “so nah und doch so fern”, verstärkt durch die Zusammenstellung unterschiedlichster Töne, z.B. eines Techno-House-Beats mit einer schüchternen E-Gitarre, die wie ein Leitmotiv von Stück zu Stück immer wieder an den Synapsen des Hörers zupft. In diesen Momenten merkt man, daß etwas in der anscheinend familiären Landschaft nicht stimmt: der Sand ist zu rot, die Luft zu bedrückend, das Licht zu gedämpt. Im Himmel scheint tatsächlich keine Sonne unserer Welt: ohne es gemerkt zu haben wurde der Hörer, wie der Leser bei Philip K. Dick oder Ray Bradbury, in eine andere Welt transportiert. Wie in den letzten Sekunden einer Twilight-Zone-Folge wird ihm klar, wo sich der Riss in der Struktur befindet: das, was er sieht und zu kennen glaubte, ist Teil einer anderen Dimension, und er weiss nicht mal genau, wer oder was sich in seiner körperlichen Hülle versteckt.

Ein sehr originelles und gelungenes Werk voll musterhafter Konsequenz, für diejenigen unter uns, welche sich dem Fehlerhaften innerhalb einer scheinbaren Ordnung verpflichtet fühlen. Eine Musik für jene, die sowohl AUTECHRE als auch OVAL zu schätzen wissen.

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