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TARDIVE DYSKINESIA - Abuse

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Artist TARDIVE DYSKINESIA
Title Abuse
Homepage TARDIVE DYSKINESIA
Label DYSTONIA RECORDINGS/ STEINKLANG INDUSTRIES
Leserbewertung
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10.0/10 (2 Bewertungen)

Geheimnisumwobene Bands sind wohl eine grundlegende Tradition des Industrials: manchmal wird die Identität des Künstlers unter Pseudonymen oder Namen begraben, die nur dem Eingeweihten Hinweise verraten sollen (zum Beispiel die immer wechselnde Bedeutung der Initialen des Kult-Akts SPK, die sich mal SepPukKu, mal Sozialistisches Patienten Kollektiv oder Surgical Penis Klinik genannt haben), manchmal schwebt Jahre lang über einem Projekt die strengste Anonymität, wie es bei den RESIDENTS, bei WERKBUND oder in der neuesten Zeit bei HIS DIVINE GRACE der Fall ist. Seit ein paar Wochen gibt es allerdings ein neues Rätsel zu lösen für die Jünger der dunkelsten und feuchtesten Winkel der Szene: TARDIVE DYSKINESIA. Laut der Pressebeschreibung existiert das Projekt bereits seit 2003, jedoch ist die vorliegende erste Veröffentlichung, eine auf 300 Stück limitierte LP (100 in clear, 200 in black Vinyl), erst im September letzten Jahres auf Dystonia Recordings in Kooperation mit dem berüchtigten Salzburger Industrial Label Steinklang Industries erschienen. Das gewählte Pseudonym und der Titel des Albums einigen sich auf eine einzelne Thematik/ Obsession: der Gebrauch und Missbrauch von Rauschgift und dessen unangenehme Folgen – der Name „Tardive Dyskinesia“ bezieht sich nämlich auf eine durch Psychopharmaka verursachte Hirnschädigung, die zu Bewegungsstörung führt. Laut eigener Aussage möchte der Künstler mit diesem Konzeptprojekt seine persönliche Abneigung gegen Drogen ausdrücken. Außerdem soll uns dieses Opus eine Geschichte erzählen: die eines Menschen, der durch den Missbrauch von Psychopharmaka in die Abhängigkeit religiöser Wahnvorstellungen gerät und letztendlich in einer psychiatrischen Anstalt endet. Ein volles und erfreuliches Programm also.

Wegen der Wahl des Labels und der Thematik (irgendwie kann ich nicht mehr die Wörter „psychiatrische Anstalt“ lesen, ohne sofort an die legendäre 93er Schmerztherapie-Performance des Steinklang-Hauptakts RASTHOF DACHAU denken zu müssen, in welcher der Sänger in Zwangsjacke auf der Bühne saß und von weiß gekleideten Gestalten kahl geschoren und gequält wurde) hatte ich ein typisches Steinklang-Produkt erwartet, d.h. krachiger Industrial in Richtung Power-Electronics, mit der Eintönigkeit und um ehrlich zu sein dem Mangel an Eigenständigkeit, die mich an den Veröffentlichungen des österreichischen Labels oft stören.

Aber nein: das erste, was bei dieser Platte auffällt, ist die Vielfältigkeit der Klänge und Atmosphären, die ihr entströmen. Angefangen wird mit einer sehr hübschen, anmutenden Orgelmelodie à la LJDLP. Schon laden die Regenströme und das entfernte Gewitter den Hörer ein, sich einer bittersüßen, nicht vollkommen ungefährlichen Lethargie hinzugeben, während geheimnisvolle spanische Stimmen dem Stück eine etwas unheimliche Note verleihen, die sich von Stück zu Stück vertiefen wird. Das minimalistische zweite Lied erinnert hingegen an die elektro-akustische Hamburger Schule, ist aber nur die Ruhe vor dem Sturm: mit „Dias sin Luz“ (Tage ohne Licht) geben sich die ersten Hirnstörungen eindeutig zu spüren, als ein unheilvoller Techno-Dub in Zeitlupe langsam antritt, und neue, ungeahnte Wahrnehmungssebenen entschleiert. Die immer wiederkehrenden spanischen Stimmen nehmen einen metallischen Klang an, vorüber fliegende Flugscheiben ersetzen das knirschende Holz des ersten Stückes: dabei hat man das Gefühl, von einem organischen in einen urbanischen Sumpf hinein zu sinken, sich plötzlich in einer der engen, feuchten und dreckigen Gassen einer futuristischen Stadt, etwa dem Los Angeles von „Blade Runner“, verloren zu haben. Als der Raum sich weiter entfaltet und die wie aus einer trüben Vergangenheit kletternde Stimme Ella Fitzgeralds erklingt, beginnt man an seiner mentalen Gesundheit zu zweifeln… Mit der zweiten Seite des Vinyls wird das Klangbild immer dichter. Wässrige Schleifen kommen hier mit im Hall versunkenen analogen Streichern und einer E-Gitarre in Berührung, andachtsvolle Worte alternieren mit gewaltvoll gesprochenen Samples und unmenschlichem Geschrei. Das letzte Stück „Darkness“ entpuppt sich als eine Apotheose, in der sich gregorianischer Gesang und krachige Drones um die letzten Verstandfetzen des Patienten streiten.

Mehr über die gekonnte Klangcollage von TARDIVE DYSKINESIA, die in meinem Sinne eine viel zu eigenartige Musik machen, um in die Schuhblade des Ritual- und Darkambients, wie es im Presstext heißt, geschoben zu werden, möchte ich nicht verraten. Mit diesem Projekt hat der Künstler ein transzendentes Werk schaffen wollen, und sein Ziel auch erreicht: es bleibt den Worten nicht viel übrig. Es ist dem Künstler durchaus gelungen, die anspruchsvolle Thematik überzeugend vertont zu haben und das Gefühl eines Sinnenrausches, letztendlich der geistigen Verwirrung zu vermitteln, durch eine subtile und kunstvolle Mischung aus verschiedensten Klängen, von denen ein jedes bestimmte Bilder, Eindrücke und Verknüpfungen mit sich bringt und somit einen vielfältigen Geisteszustand entstehen lässt. Dabei reflektiert die Musik auch wunderbar das Verführerische und das Grausame, das sich in der Erfahrung mit Rauchgift vereinigt, und es so gefährlich macht.

Welcher Künstler sich auch hinter TARDIVE DYSKINESIA verstecken mag, ist völlig irrelevant: das Projekt kann sehr gut auf jede Berufung verzichten. „Abuse“ ist auf jeden Fall das Beste, was es je von Steinklang bis zu meinem Mittelohr geschafft hat. Wie ein guter alter Wein braucht diese komplizierte Alchemie, die sich am besten laut und in Ruhe genießen lässt, etwas Zeit, bis sich alle Aromen entwickeln, und was bei der ersten Hörprobe eine erfrischende Überraschung war, ist schon beim vierten Abspielen ein geniales Meisterwerk geworden. Ob „Abuse“ ein überzeugendes Plädoyer gegen den Missbrauch von Drogen darstellt, weiß ich allerdings nicht. Aber wer braucht schon Drogen, der diese Platte zuhause hat?

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