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THE DRESDEN DOLLS - Debut Studio Album

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Artist THE DRESDEN DOLLS
Title Debut Studio Album
Homepage THE DRESDEN DOLLS
Label ROADRUNNER
Leserbewertung
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„Brechtian Punk Cabaret“: was zur Hölle ist das? Die Selbstbeschreibung ihrer Kunst durch Amanda Palmer (Piano, Gesang) und Brian Viglione (Percussion) läßt verschiedene, schlimme Assoziationen aufkommen. Brecht? Deklamierende Akteure, die dem Publikum die Kartharsis verweigern? Punk? Dieselben Akteure, nur mit kaputten Klamotten und Hunden? Kabarett? Das Ganze will noch verkrampft witzig sein? Nichts wie weg. Doch Voreiligkeit lohnt sich in diesem Fall nicht. Denn die DRESDEN DOLLS bieten Seltenes: Einzigartige, wenn auch gelegentlich irritierende Songs mit einem detaillierten Konzept, mit Selbstironie und Leidenschaft, und sogar mit intelligenten Texten. Brecht allerdings ist hier offenbar vor allem als Symbol für die „wilden“ Zwanziger Jahre in Deutschland zu verstehen. Man klebt ihn sich aufs Etikett, da er mit dem Verfremdungseffekt seines epischen Theatermodells abstrakten Bühnendarstellungen Tür und Tor geöffnet und damit so manchen Skandal provoziert hat. Skandalös sind die DRESDEN DOLLS sicher nicht mehr; weißgeschminkte Gesichter und „explizite“ Lyrics, vor denen der gewisse Aufkleber warnt, verstören heute nur noch sehr wenige Menschen.

Das Layout des Digipacks ist strikt in schwarzweiß gehalten. Schöne, theatralische Fotos allenthalben. Doch das Booklet schlägt mehr in die Punk-Kerbe und macht eher einen verwüsteten Eindruck. „Good Day“, der erste Song, schleicht sich aber eher auf Samtpfötchen ins Ohr. Amanda wispert milde Dinge über ihren wunderbaren Tag, zu sanften Gitarren (Gastmusiker Ad Frank) und Piano. Doch nach dem ersten Refrain bricht die Kraft der Wut und des Stolzes in die Stille hinein. Amandas tiefe, doch wandelbare Stimme drängt in nachdrücklichen Oktavsprüngen vorwärts. Sie kann brüllen und schreien, doch man hört, daß das nur eine von vielen Optionen ihrer Stimme ist. „Good Day“ erweist sich als ein echter, krachender Ohröffner. An zweiter Stelle des Albums steht „Girl Anachronism“. Zu diesem Song bietet das Album außerdem ein gelungenes Video. Hier kommt der Punk in den Dolls zum Ausbruch. Amanda rast geradezu durch den Song, der Text trieft vor bitterem Humor („Please excuse her for the day, it´s just the way the medication makes her“). Im Horizont dieses Stückes wird die Protagonistin zur Kranken abgestempelt, zur Willenlosen, Unzurechnungsfähigen, an der man herumbasteln kann und muß.

Track 3, „Missed Me“, dagegen ist ein bombastischer Chanson, die skurrile Selbstanpreisung eines Mädchens. Die leisen Parts sind nur die Ruhe vor dem Sturm, die Drums toben sich rollend und marschierend so richtig aus, das Klavier darf auch mal scheppern. Man sollte meinen, daß dem Album nach so viel wohlinszeniertem Pathos mal die Puste ausgehen muß. Doch auch „Half Jack“ ist nur scheinbar ruhig und gelassen. Die subtil und unaufdringlich gesetzte Melodielinie verführt den Hörer zunächst dazu, sich auf diese Ballade einzulassen. Aber langgezogene Crescendi sind offensichtlich die Spezialität der Dolls. Auch dieser Song rockt im Refrain und gegen Ende richtig. „Half Jack“ hat wirklich alles, was nötig ist, um zum Lieblingssong zu werden. Nach einer kurzen Überleitung durch „672“ an fünfter Stelle gibt „Coin-Operated Boy“ das auch nur vordergründig nette Kinderlied über ein Mädchen und ihre Puppe. Dabei bauen die Dolls Aussagen über die Struktur des Songs in die Lyrics ein („This Bridge was written to make you feel smittener with my sad picture of a girl getting bitterer“) und an einer Stelle klingt „Coin-operated Boy“ sogar so, als würde die ‚Platte‘ hängen: wenn das kein Meta-Humor ist…

„Gravity“, Track 7, und „Bad Habit“ fallen dagegen nicht durch große Neuerungen auf diesem Album auf und rauschen daher mit gewohnt großen Geste eher vorbei. Vielleicht habe ich mich an dieser Stelle auch an den peinlich genau akzentuierenden Gesang gewöhnt und ich ersehne etwas Abwechslung. Die kommt mit „The Perfect Fit“. Amanda gönnt dem Hörer eine Verschnaufpause. Sie raunt sich durch den Text, der berückend autobiographisch erscheint und es doch nicht ist („I can write a song bit I can´t sing in key / I can play piano but I never learned to read“). Und obwohl melodisch nicht viel passiert, hat „The Perfect Fit“ eine fast hypnotische Wirkung. „The Jeep Song“ ist eine Kehrtwendung, denn dieser Song verursacht gute Laune. Es ist ein leichtes Stück, sogar etwas poppig, gut hörbar, ohne stumpf zu werden. Man kann sich tanzende Konzertbesucher dazu vorstellen. Und das, obwohl der Text keineswegs lustig ist. „Slide“, ein Song über Kindesmißbrauch, ist danach wie ein Schlag ins Gesicht. Das Stück schreit, kreischt übersteuert, spricht kaum, flüstert. Übel. „Slide“ will man nicht zweimal hören – und das nicht, weil es schlecht gemacht wäre. Im Gegenteil: Es ist zu gut.

Das Album endet mit „Truce“. Hier glänzt vor allem das lethargische Cello (Jonah Sacks). Fazit: Dieses Album ist anstrengend. Und anspruchsvoll. Und anstrengend. Wer allerdings nicht einmal hineinhört, obwohl er die Gelegenheit dazu hätte, gehört bestraft. Denn eine Grenzerfahrung soll man sich nie entgehen lassen.

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