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VARIOUS ARTISTS - Berlin Super 80 (CD + DVD)

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Artist VARIOUS ARTISTS
Title Berlin Super 80 (CD + DVD)
Homepage VARIOUS ARTISTS
Label MONITORPOP ENTERTAINMENT
Veröffentlichung 20.02.2009
Leserbewertung
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Nur in einer abgeschotteten Enklave wie Berlin konnte so etwas wie eine geschlossene avantgardistische Kulturszene entstehen. Draußen herrschte nur rote Ödnis, die oberflächliche Langeweile des Arbeiter und Bauernstaats. Noch weiter entfernt die Westdeutschen, deren Konsumterror man ebenfalls als nicht besonders erbaulich ansah. Wie also nun aus der Langeweile der 70er ausbrechen, die allenfalls den Prog Rock hervorgebracht hatte? Neue Wege mussten her und da kam das Aufkommen synthetischer Klangerzeugnisgeräte gerade recht. Begriffe wie Punk, Wave und später auch NDW prägten diese Zeit des Aufbruchs, in der alles ging und jeder für 15 Minuten berühmt sein durfte, vielleicht sogar länger. Niemand, der damals nicht dabei war, kann im Nachhinein begreifen, nach welchen Spielregeln Bands bzw. Filmemacher wie die NEUBAUTEN, MALARIA oder FRIEDER BUTZMANN tickten, möglicherweise konnten sie es selber nicht. Anything goes!

Für alle „Ungläubigen“ bringt nun die Berliner (sic) Firma Monitorpop Entertainment ein Zeitdokument von erlesener Qualität unters Volk, in nobler Aufmachung, die dem Inhalt mehr als würdig ist. Mit einer DVD, einer CD und einem informativen Begleitbuch kann nun jeder selbst eintauchen in die Jahre 1978 bis 1984 und sich einen interessanten Überblick über die damalige Szene verschaffen. Ein Kernpunkt ist die Sammlung von 17 Kurzfilmen, die dem Titel gemäß auf Super 8 gedreht wurden. 17 Ausflüge in die körnige Welt des Schmalfilms, ein Medium, welches geradezu prädestiniert war für filmische Experimente. Die fallen nur selten narrativ aus, meist sind es einfach witzig-absurde Ideen, die hier mit Enthusiasmus und viel Liebe ausgeführt wurden. Klar schaut das bisweilen dilettantisch aus, aber hier geht es nicht um großes Hollywood-Kino, zum Glück! Da wird manchmal einfach nur in der Gegend herum gesprungen („Hüpfen 82“), irgendwelche Bläser ziehen Gebetsmühlenartig durch verfallene Häuser („Sax“) oder es wird mit einfachsten Mitteln Systemkritik durchgezogen („Hammer und Sichel“). Richtig urban-poetisch wird es bei „3302 – Taxifilm“, einem längeren Elaborat über eine nächtliche Taxifahrt durch Berlin, mit den unterschiedlichsten Fahrgästen, Stimmungen, musikalischen Untermalungen. Einmal meine ich sogar den ganz jungen Ben Becker auf der Rückbank entdeckt zu haben. Überhaupt spielt natürlich Musik eine wichtige Rolle, zumal manch Künstler in beiden expressionistischen Spielarten zuhause war/ ist. Man entdeckt gar ein frühes Musikvideo von MALARIA („Geld“) in der Filmsammlung. Unter den Regisseuren finden sich solch kultige Personen wie Klaus Beyer, Manfred Jelinski oder vor allem Jörg Buttgereit, der es mit Filmen wie „Schramm“ oder „Nekromantik“ auch zu einer besonderen Verehrung bei Horror/ Splatterfans gebracht hat. Hier wird noch einmal ganz deutlich, dass er seine Wurzeln ganz woanders hat: In der präzisen, tragikomischen Beobachtung von Alltags- und Beziehungsszenarien, absurd und aberwitzig. Insgesamt bieten die Filme für jeden Forscher des Bizarren genügend Material zum Staunen, Lachen, Diskutieren, Analysieren. Wer dabei war, erkennt viele Anspielungen und Zusammenhänge, alle anderen verbleiben staunend wie ein Kleinkind vor dem Süssigkeitenladen, aber sie bleiben! Als Bonus gibt es einen weiteren sexy Kurzfilm und ein Making of, welches aber inhaltlich kaum mehr als ein paar amüsante Beobachtungen bei der Benutzung von Super 8-Projektoren bietet – dennoch ganz putzig anzuschauen. Doch nun widmen wir uns dem Audioteil zu…

Auf dem reinen Tonträger gibt es ebenso absurde, aberwitzige aber auch interessante Sachen zu hören. Und das in Top Qualität! Ich dachte immer, ich hätte alle musikalischen Ergüsse aus der Vor-NDW Zeit schon vernommen. Weit gefehlt. Es gibt immer wieder neue (alte) Musikstücke aus dieser Periode zu entdecken. Die bekanntesten hier vertretenen Bands sind die Berliner Urgesteine MALARIA und natürlich die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN. Gerade letztere Formation und einige ihrer Protagonisten wie z.B. Alexander von Borsig (Alex Hacke) und Jochen Arbeit prägten diese Zeit und sind daher etwas stärker auch in anderen Formationen auf dem Sampler vertreten. Gerade diese Sachen klingen sehr experimentell und sperrig – Kein Wunder, es herrschte ja Aufbruchstimmung in Sachen Musik! Aber auch richtig gute Popsongs wurden auf den Silberling gepresst. MONA MURs “My Lie” und CHRISTIANE Fs “Wunderbar” gehen sofort ins Ohr. Ja genau die CHRISTIANE F. vom Bahnhof Zoo. Das Spektrum reicht aber auch bis hin zu lustigen, völlig abgedrehten Stücken wie “Schmusewolle” von FRIEDER BUTZMANN. Dessen Song besteht nur aus Werbezitaten, an die (nicht nur) ich mich heute noch genau erinnern kann. Den Vogel schießen aber VALIE EXPORT & MONSTI WIENER ab. Man wähnt sich glatt im falschen Film. Volksmusik à la Heidi gepaart mit einem von Obst umschriebenen frivolen Text. Man kann aber auch der Aufforderung von DIE TÖDLICHE DORIS nachkommen und deren “Tanz Im Quadrat” zelebrieren. Selbst an eine Coverversion wurde gedacht: ROLLING STONE`s “(I Can`t Get No) Satisfaction” wird so schön durch den Verzehrer gejagt, dass davon jedem STONEs Fan schlecht werden dürfte. Und wem hat man das zu verdanken? Der SENTIMENTALEn JUGEND & wieder den NEUBAUTEN. Gerade letztere Formation lässt es mit “Tanz Debil” richtig scheppern. Zu ihrer Musik und den einzigartigen Konzerten braucht man eigentlich nichts mehr schreiben. Zum Schluss erfreut uns noch eine Ode ans titelgebende “Berlin” von MDK.

Ein wenig zur Historie: Aus England schwappten gerade Punk und New Wave nach Deutschland. Es bildeten sich Ende der 70er und Anfang der 80er drei Hochburgen: Hamburg, Düsseldorf und eben Berlin. Keiner, der damals angefangen hat Musik zu machen, dachte je daran, mit dem was er tat, reich und berühmt zu werden. Dass einige Bands sich so entwickelten, dass sie auch im Ausland Anerkennung fanden, ist am besten an den EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN zu erkennen, diese Band macht noch heute erfolgreich Musik. Auch andere Musiker dieser Epoche sind in irgendeiner Form wieder unterwegs, z.B. MONA MUR oder BETTINA KÖSTER (DIN A TESTBILD, MANIA D und MALARIA), die erst kürzlich mit den Amis von THE VANISHING auf Clubtour war.

Diese CD vermittelt einen sehr schönen Überblick über eine Zeit, in der Musik noch Spaß machte und sich entwickeln konnte, ohne dabei auf Verkaufszahlen zu achten. Um trotzdem Platten (richtig: Vinyl) an den Mann oder die Frau zu bringen, wurden seinerzeit von den Künstlern eigene Labels gegründet. Die Industrie ignorierte zu diesem Zeitpunkt noch diese Art Künstler und ihre Form von Musik. Erst viel später erkannten sie das Potential und schickten ihrerseits gewinnbringende Epigonen wie z.B. MARKUS, FRL. MENKE, KIZ etc. ins Rennen. Der Rest ist bekannt…

P.S.: Dass BEN BECKER in einem Super 8 Film zu sehen ist, mag wenig verblüffen, ist er ja bekanntermaßen ein nicht untalentierter Schauspieler. Auch seine Eltern bzw. Otto Sander und seine Schwester Meret sind ja in dieser Profession erfolgreich tätig. Der Grund, warum er hier auftaucht ist aber ein anderer: Er ist in der hier skizzierten Szene aufgewachsen und hing mit den meisten Künstlern wie z. B. Blixa Bargeld ab. ER war ein Punk!

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