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VARIOUS ARTISTS - …in the Crystal Cage – A Collection of Isolationist Soundscapes for the Inner Cinema

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Artist VARIOUS ARTISTS
Title …in the Crystal Cage – A Collection of Isolationist Soundscapes for the Inner Cinema
Homepage VARIOUS ARTISTS
Label :IKONEN: MEDIA
Leserbewertung
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10.0/10 (1 Bewertungen)

Das anspruchsvolle (ungehaltene Zungen würden sagen intellektualisierende) Magazin “für Kunst, Kultur und Lebensart” :IKONEN: hat sich innerhalb zweier Jahre, die uns fünf Hefte bescherten, durch seine Vorliebe für das Morbide und das Perverse einen Namen in der post-industriellen Szene erarbeitet. Das erklärte Ziel der auch im Netz vertretenen Zeitschrift ist es, “komplexe künstlerische und kulturelle Zusammenhänge einem aufgeschlossenen Publikum verständlich zu vermitteln”, und seine Arbeit soll, so der Herausgeber, Filmjournalist und Kulturwissenschaftler Dr. Marcus Stiglegger, als “aufklärerischer Impuls auch in riskanten Bereichen” verstanden werden.

Seit neuestem wurde der Fächer um Bild- und Tonträger erweitert: Nach einem Kurzfilm, dem “dark Psychothriller” “Schwester Mein” (ikon 01), ist im November letzten Jahres der vorliegende Sampler erschienen, welcher berühmte Namen des Dark-Ambients und Neo-Industrials mit dem Leitkonzept der Isolation vereint und dabei dem Connaisseur eine mehr als verlockende Speisekarte anbietet. In der Tat sind auf diesem Sammelwerk einige der feinsten Klangschmiede der Szene zu finden, sowohl (fast) Urgesteine wie INADE oder ANENZEPHALIA als auch die Neuzeitnachfolger wie APOPTOSE oder GALERIE SCHALLSCHUTZ, die erst seit ein paar Alben durch ihre originellen, tadellosen Tonstrukturen und ihre anspruchsvollen Thematiken der Szene einen Hauch der Frische verleihen.

Der Untertitel des Werkes gibt den Ton an: Was die Musik hier beschreibt, ist nicht das virtuelle Wandern des Geistes zu entfernten Orten, sondern eine Reise ins innere Selbst, das unwiderstehliche Tauchen ins Unterbewußtsein und die dazugehörige Portion Unbehagen. Mit dieser “Sammlung von isolationistischen Tonflächen für das Kopfkino” ist uns ein Isolationstank im handlichen CD-Format gegeben, und a propos Kino kommt mir der Kultfilm Ken Russels “Altered States” in den Sinn, in dem ein Wissenschaftler auf der Suche nach Transzendenz Sinnesentzug und Halluzinogene benutzt, um eine höhere Bewußtseinsebene zu erreichen.

Nach einer kurzen Einleitung des Projekts GOLGATHA, in Form eines dem Titel entsprechenden kristallklaren Kinderreims, geht die Reise erst mit APOPTOSE richtig los. Drillende Drones und eine schwermutige Melodie fangen langsam aber sicher an den Weg ins Innere zu bohren und schaffen Platz für tief in den Kopf eindringende, härtere Töne, während eine elektronische Stimme die unweigerlich heranrückende Zeit “null Uhr, null Minuten, null Sekunden” verkündet. Und als der “nächste Ton” endlich erklingt, sind die ersten Schlösser und Riegel des Bewusstseins schon gesprengt, der Geist ist den hypnotischen Wellen von TROUM, die wie das Wasser des Isolationstanks den Körper sanft überströmen, vollkommen ausgeliefert. Langsam setzt sich die herrliche Lähmung von Körper und Geist ein, und für den Hörer beginnt die Zwangsintrospektion. Sobald die eisigen Tonstrukturen von GALERIE SCHALLSCHUTZ (das Stück heißt “Deadly Orgon Radiation”, ein volles Programm!) das Blut in den Adern erstarren lässt, wird die zuerst angenehme Betäubung zu einem immer unbehaglicheren Gefühl der Versteinerung, und erst dann wird dem Hörer klar, dass sein eigener Körper und Geist den eigentlichen “Kristallkäfig” bilden. Von jetzt an gibt es kein zurück und eins nach dem anderen entfalten sich die Stücke in einem Crescendo fort. Mit HERBST9 nimmt die Reise schmanenhafte Züge an: Unheimliche Geräusche und raunende Stimmen geben dem Reisenden die uralten Schatten, die im Dschungel seines Geistes lauern, ein erstes Mal zu spüren, und wieder werde ich an “Altered States” erinnert, insbesondere an jene Szene, wo Jessup an einem erschreckenden Tranceritual bei den mexikanischen Indios teilnimmt. Das zunehmende, morbide Gefühl der Einsperrung wird mit INADE durch gesprochene Samples thematisiert, wobei die Musik immer penetranter, die Klänge immer kälter und elektronischer werden. Nach einem “Lost in Transmission” in purer FIRST LAW-Tradition, wo sich der Hörer im Wirbel der gerade losgelassenen Ur-Erinnerungen, die in den dunkelsten Winkeln seiner Seele verborgen waren, verliert, sinkt man dank SHINING VRIL (einer der neuesten Zöglinge John Murphys) eine Etage tiefer ins Unbehagen. Eine zutiefst beklemmende Atmosphäre und knirschende Metallgeräusche spannen die Nerven zum Zerreißen. Aus dem Kristall des Käfigs ist Stahl geworden, aus dem wissenschaftlichen Experiment ein “bad trip”, aus dem Dschungel des Unterbewusstseins ein Sumpf wo restliche Stahlgegenstände langsam verrosten. Die Stahlschauer von DRAPE EXCREMENT bieten eine kurze Atempause, aber bald steigt die Spannung unerträglich wieder an, da ANENZEPHALIAs anstrengende Tonsignale mit lässigem, arythmischem Trommeln und unerwartetem Vogelgesang im Hintergrund uns B. Moloch’s Idee von Beschaulichkeit vermittelt und somit die Nerven erneut auf eine schwere Probe stellt. Diese Spannung löst sich nur langsam wieder auf, als THO-SO-AAs typische Power-Electronics eines sehr gelungenen, progressiven Stücks in gespenstischen Chören versinken, in denen sich endlich alles ins Nichts auslöscht.

Dann hört das Kopfkino aber abrupt auf: Plötzlich bekommt man die überraschenden aber nicht völlig unwillkommenen alltäglichen Geräusche (etwa Hundebellen, entfernte Stimmen und Straßengemurmel) und das vertraute Schifferklavier zu hören, welches den Beitrag des englischen Neofolk-Projekts NAEVUS eröffnet. Obgleich ein hübsches Lied mit Gitarren und Männergesang, scheint es doch fehl am Platz zu sein. Noch weniger überzeugend in meinem Sinne der Eingriff PILORIs, deren Mischung aus Neofolk und mittelalterlichem Gruftpop in das Gesamtbild wie ein Haar in die Suppe passt… Die Sammlung hätte ruhig mit THO-SO-AA ein (schönes) Ende finden können. Es kommt dann noch als Outro der einleitende Kinderreim wieder, diesmal mit einem kinderreimtypischen naïv-unberuhigenden französischen Gesang, dessen Effekt leider durch das vorhergehende poppige Stück verpfuscht wird.

Fazit: Trotz des schwachen – weil inkonsequenten – Endes, ein sehr gelungenes Projekt, das zweifellos die zwei wesentlichen Eigenschaften besitzt, die vielen anderen Samplern fehlen: die fast (!) bis zum Schluss eingehaltene Einheit in Thematik und Stimmung, und, durch die offensichtlich sehr durchdachte Anordnung, eine wahre dramatische Steigerung, die diesen Sampler zu einem Kunstwerk machen, statt ihn auf eine mühsame Nebeneinanderreihung unterschiedlicher Tonstücke einzuschränken. Umso mehr erfreut es einen, hier einige wahrhaftige Perlen aufzufinden! Ein Pflichtkauf für die Fans, und für die anderen eine gute Demonstration von dem, was es heißt, wenn die Musik zum mächtigen Psychopharmakon wird.

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