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WERKRAUM - Unsere Feuer brennen

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Artist WERKRAUM
Title Unsere Feuer brennen
Homepage WERKRAUM
Label COLD SPRING RECORDS
Veröffentlichung 14.06.2004
Leserbewertung
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7.0/10 (23 Bewertungen)

Mit der lang ersehnten, im April letzten Jahres endlich auf dem englischen Label COLD SPRING erschienenen CD “Unsere Feuer brennen” präsentiert das Berliner Solo-Projekt WERKRAUM, das sich durch die Teilnahme an zahlreichen, teilweise legendär gewordenen Samplern einen Namen im Bereich Industrial und Neofolk geschaffen hat, sein erstes Album. Mir war die Gruppe vom vorletzten Flammenzauber-Festival und vom dazugehörigen Sampler bereits bekannt. Als ich die wahrhaftige CD bekam, hatte ich aus welchem Grund auch immer Neofolk deutscher und vor allem puristischer Art im Sinne, sprich ein rein akustisches, und um ganz ehrlich zu sein, etwas langweiliges und auf keinen Fall wegweisendes Album erwartet… Doch hatte diese erste offizielle Veröffentlichung ein paar Überraschungen für mich auf Lager…

Die erste Verwunderung bereitet “Nocturne”, ein neoklassischer Anschmecker in Reinform, eigentlich eine Kollaboration mit LADY MORPHIA’s Nick Nedzynski, welcher einem dem Tod geweihten und jedoch froh gesinnten Gedicht in englischer Sprache seine Stimme verleiht. Die für das Genre typische helle akustische Gitarre lässt bis zum zweiten Stück auf sich warten, wobei mit “Die letzte Jagd” die Neofolk-Ballade “par excellence” abgeliefert wird: mitreißende Melodie, martialisches Trommeln, sanfter und leicht eintöniger deutscher Männergesang und naturgesinnte Themen, es ist alles dabei, was den Erfolg der neuen deutschen Folkmusik in den Fußtapfen FORSETIs, ORPLIDs oder SONNE HAGALs ausmacht… und sogar ein Trompeten-Zwischenspiel à la DEATH IN JUNE gibt Cäsar zurück, was Cäsar gehört… Und trotz allem bewerkstelligen es WERKRAUM, sich dem akustischen Dogmatismus, der viele Neofolk Bands zu einer gewissen Monotonie und einer sicheren Eingrenzung auf eine deutschsprachige Hörerschaft verdammt, zu entziehen, indem sie sich nicht scheuen, elektronische Klänge einzuführen. Hier eine analoge Schleife, da ein gekontertes Sprach-Sample, und, Speerspitze der Waghalsigkeit für eine so genannte Neofolkband, den sehr gelungenen Einsatz einer E-Gitarre auf “Steh auf Nordwind”, welches zusammen mit “Heilige Krieg” den wahren „Brenner“ des Albums bildet, wobei die zwei Ohrwürmer an so manche Pop-Hymnen OSTARAs (vor der Ultima-Thule-Ära) erinnern.

Von diesen ungewöhnlichen Einsätzen abgesehen, befinden sich auf der CD auch Stücke, die mit Neofolk eigentlich wenig zu tun haben: die rhythmische Klangcollage und ruhig-düstere Atmosphäre auf “Einsamer nie” oder die analog gefilterten Klangwellen und Sequenzen à la KLAUS SCHULZE auf “Dignitas Dei” verraten eindeutig die zugegebene “Old-school-industrial” Vergangenheit des WERKRAUM-Frontmenschens Axel Frank und bilden meiner Meinung nach einen sehr willkommenen Kontrast zu den akustischeren Liedern. Wobei “Legion” und “Ewigland”, die es mit beiden Seiten halten, einen sanften Übergang zwischen den unterschiedlichsten Genres schaffen und zu einem einheitlichen Gesamtbild beitragen. Und für diejenigen, die weder auf Experimente noch auf begeistertes Gitarrenzupfen stehen, hat der erste Opus WERKRAUMs noch eine schöne Überraschung anzubieten, in Form der bezaubernden Stimme Antje Hoppenraths, die den Balladen “Chanson de la plus haute tour” und “Hohezeit” eine mittelalterliche Note und einen troubadouresquen Charme verleiht.

Insgesamt also eine interessante, stets unvorhersehbare Platte (wobei das sonderbarste wahrscheinlich das von mir noch nicht erwähnte, sehr eigenartige letzte Stück darstellt, eine komische Mischung aus Hofmusik, religiösen Chören und psychedelischer Tastenelektronik). Zwar sind Text und männlicher Gesang manchmal etwas zurückhaltend, und bei einem solchen Titel (der angesichts der Szene nicht wirklich vor Originalität strahlt) hätte man eine “feurigere” Darbietung erwartet: WERKRAUM fehlt noch die Intensität und Überzeugungskraft eines FORSETI, aber die Experimentierfreude dieses Projekts stimmt uns gespannt auf zukünftige Veröffentlichungen.

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Werkraum 'Unsere Feuer brennen' Tracklist
1. Nocturne
2. Die letzte Jagd
3. Chanson e la plus haute tour
4. Einsamer nie
5. Legion
6. Steh auf, Nordwind!
7. Dignitas dei
8. Ewigland
9. Heilige Krieg
10. Hohezeit
11. Civitas dei
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