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WINTERKÄLTE - Disturbance

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Artist WINTERKÄLTE
Title Disturbance
Homepage WINTERKÄLTE
Label HANDS PRODUCTIONS
Leserbewertung
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3.3/10 (3 Bewertungen)

Diejenigen, die wie ich seit längerer Zeit das nicht-mehr-vorzustellende Projekt WINTERKÄLTE aus den Augen verloren hatten, und in der bald legendären Ära des Rhythmic Noise à la ESPLENDOR GEOMETRICO stecken geblieben waren, müssen sich beim Hören der neuesten Veröffentlichung (wie gewohnt auf HANDS) auf einen Schock vorbereiten – und auch darauf, sich schlagartig ein paar Jahre älter zu fühlen. Ich hätte es schon längst ahnen müssen, als ich vor einigen Monaten hörte, wie eine junge Cyberpartymaus meines Bekanntenkreises wiederholt die Band in höchsten Tönen lobte. Und als ich die CD aus ihrem sehr eleganten, ganz aus grauem Filz bedeckten Pappschuber entnahm und in die Anlage speiste, bestand kein Zweifel mehr: die Zeiten ändern sich, und WINTERKÄLTE machen nun Musik für die Tanzfläche.

Und sehr überzeugend geht man hier ans Werk. Schon auf dem ersten Stück des sehr passend benannten „Disturbance“ wird einem klar, worum es sich bei dem ganzen Album handelt. Nach einer kleinen krachigen Einleitung hämmert die Bassdrum los, dass dem Hörer der Atem ins Stocken gerät. Der Raum füllt sich mit übersteuerten Klängen, die Drummachine knallt und scheppert, bald denkt man den vertrauten Mischgeruch aus Rauch, Bier und Patchouli zu riechen und glaubt, es sei Samstag Abend und die Party findet diese Woche in der eigenen Wohnung statt. Das ist, was man heutzutage „Industrial“ nennt, so wurde es mir gesagt. Wie man auf diese irreführende Namensgebung kam, werde ich wohl nie verstehen, auch sind jene sinnlosen Gespräche nicht mehr verwunderlich, bei denen ein THROBBING-GRISTLE-Jünger und ein (im besten Fall) SONAR-Anhänger stundenlang aneinander vorbei reden, weil sie glauben, sich über dieselbe Musikrichtung zu unterhalten. Was mir aber bei der Einnahme von „Disturbance“ noch mehr als je dem Sinn entweicht, ist warum so viele begeisterte Hörer des „modernen“ Industrials sich beleidigt fühlen, wenn man sie in eine Schublade mit Technofreaks „zusammenpackt“. Weil, während die CD weiter donnert und kracht, und die Nachbarn schon die Messer schärfen, da geht mir ein neues Licht auf: WINTERKÄLTE machen im eigentlichen Sinne Hard-Techno. Höre man sich ganz genau die Stücke „Eco-Lateral Damage“ oder „Pops“ an, besteht dabei überhaupt kein Zweifel. Zwar fehlen hier der hypnotische Aspekt und die heilige Schlichtheit, die „Rohdiamanten-Qualität“, die das Techno-Genre so zugkräftig macht (dafür sind die Stücke zu kurz und zu sehr white-noise-überladen), aber der Einfluss des Viervierteltaktwahns ist unübersehbar, und macht das Album zu einem Party-Knaller für Cybergoths und Raver zugleich, und eine wahre Perle für die auf sogenannten „Industrial“-Parties tätigen DJs.

Wer sich aber nach dem Geist des ursprünglichen (man möge mir verzeihen: des ECHTEN) Industrial sehnt, oder ganz einfach anspruchsvollere Musik genießen möchte, muss wohl woanders suchen. Es ist ja kein Geheimnis, dass sich die Avantgarde schon längst nicht mehr bei Labels wie HANDS oder ANT-ZEN zu hause fühlt. Den anderen sei ein kleines Viervierteltakt-Spielchen auf dem Wege zur nächsten technolastigen Gruftparty mitgegeben, um nicht wie ein Novize auf der Tanzfläche zu stehen und vor allem gut anzukommen: Man stelle sich vor, ein Bauarbeiter zu sein und eine Mauer bauen zu müssen. Mit den parallelen Handflächen taste man alle Flächen des fiktiven Mauersteins vor einem ab (in beliebiger Reihenfolge), um ihn dann auf die ebenso fiktive Mauer links abzulegen – die Handflächen bleiben hierbei parallel. Das macht also vier Bewegungen, die natürlich im Rhythmus getätigt werden müssen… am meisten Spaß macht natürlich das Gruppenmauerbauen! Viel Spaß hierbei wünscht Euch…

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