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CATHARINA BOUTARI

„ABER ICH HATTE DIE BRAVSTE JUGEND VON ALLEN GEHABT, ICH WAR IMMER NUR IM PROBERAUM, MUSIK MACHEN UND ICH WAR EHER SO STRAIGHT-EDGE-MÄSSIG DRAUF. ICH HABE IMMER GESAGT: KEIN FLEISCH! KEIN ALK! KEINE KIPPEN! KEINE DROGEN! UND ICH HAB ZUHAUSE IMMER STRESS BEKOMMEN.“ DA CATHARINA BOUTARI MIT „TANZSCHULE BOUTARI“, DEM ERSTEN ALBUM UNTER EIGENEM NAMEN, SCHON JETZT EINES DER DEUTSCHSPRACHIGEN ALBEN DES JAHRES VORGELEGT HAT, WAR ES NUR EINE FRAGE DER EHRE, SICH MIT DER INTERESSANTEN PERSÖNLICHKEIT (DIE MIT UH BABY UH MUSIKALISCH DEBÜTIERTE, SICH ABER AUCH IN DEN CREDITS VON GAMMA RAY UND LACRIMOSA-TONTRÄGERN WIEDER FINDEN LÄSST), AN EINEM SONNIGEN TAG, IN DEN HEADQUARTERS IHRER HAMBURGER PLATTENFIRMA ZU TREFFEN. DIE SCHNÖDE FRAGE ZUERST: WIE PASST DU EIGENTLICH AUF EIN LABEL, DAS SICH HAUPTSÄCHLICH MIT „NU-METAL“ UND DERBEN ROCK BEFASST? (lacht) Ich pass´ da ja eigentlich auch gar nicht zu! UND WIE BIST DU DENN DAZU GEKOMMEN? Ich kenn´ Daniel (Heerdmann / Tiefdruck Musik) schon eine halbe Ewigkeit, weil wir Beide mal, bei dem Mittlerweile-Vertriebschef von Universal, auf dem Label waren und auch dort gearbeitet haben. Er hat sein Ding gemacht und ich meines. Er hat schon vor ein paar Jahren zu mir gesagt: „Ich finde das toll was du machst, willst du nicht?“ Ich habe nur gesagt: „Ehrt mich ja sehr, aber wenn ich mir die anderen Bands auf dem Label angucke…Ich passe da nicht wirklich rein! Wie wollen wir das kommunizieren?“ Und dann sind wir lange umeinander herumgeschlichen und ich habe dann ja mein eigenes Label, Pussy Empire Records, gegründet und habe dann irgendwann gemerkt: Das wird mir zuviel oder ich komme alleine nicht so weiter und ich brauche auch andere Leute und habe es überall probiert: Wo komme ich unter? Was kann ich wo machen? Dabei habe ich so blöde Absagen und Kommentare bekommen… und dann habe ich gedacht: Moment mal! Da ist jemand, der will dich unbedingt haben, der dir geradeheraus sagt: „Ich finde dich super, ich will was mit dir machen!“. Da habe ich mir gesagt: „Scheiß drauf!“. Ich finde, das wichtigste ist, dass du Leute hast, die das, dich, wirklich wollen. Nicht blabla und so weiter, er ist immer dran geblieben. Er hätte ja auch irgendwann genervt sein können und sich denken: „Moment mal, da gibt es so viele Bands, die wollen auf mein Label und der renne ich hinterher…“ Na, da haben wir uns zusammengesetzt, haben uns ein wenig die Köppe aneinander gehauen und dann haben wir gesagt: Wir arbeiten zusammen! Und bis jetzt bin ich total zufrieden! HEUTZUTAGE IST ES DOCH EIGENTLICH VÖLLIG EGAL, AUF WELCHEM LABEL MAN IST… Es sind immer letztendlich, die Menschen die es machen. Natürlich gibt es auch ein Finanzbudget, aber du hörst auch immer wieder von anderen Bands, die es geschafft haben, dass sie Leute gehabt haben, die sich für den Erfolg reingehängt haben. Und ich mag das, wenn jemand gerade heraus JA sagt, oder gerade heraus NEIN sagt. Aber dieses: Vielleicht, und wir wissen nicht…damit kann ich nicht gut umgehen. Ich habe auch keine Probleme damit, wenn mir jemand sagt: Tut mir leid, aber ich kann mit deiner Musik nichts anfangen, nichts gegen dich, aber… Aber dann war das so: Dem einen war es zu Indie… dem anderen nicht Indie genug, weil ich ja auf so einer Grenze wandele. Und Daniel immer nur: „Ich will es machen! Ich will es machen!“. Großartig! ICH FINDE ES ZUM BEISPIEL, ABER EBEN GERADE GROSSARTIG, DASS „TANZSCHULE BOUTARI“ NICHT AUF EINER SCHIENE FÄHRT, SONDERN AUF VIELEN. DESWEGEN WAR SIE AUF ANHIEB TOTAL INTERESSANT FÜR MICH. Was sind denn deine Lieblingsbands? GANZ SCHWERE FRAGE, DIE ICH NIE SO SCHNELL BEANTWORTEN KANN. HAUPTSÄCHLICH BANDS DER ALTEN GARDE… Geht mir aber genauso, mittlerweile. Ich habe so meine Heldinnen, mit denen ich groß geworden bin… und das kriegst du auch nicht mehr raus. Wenn du so als Teenie, dieses: „Noch mal! Noch mal! Noch mal!“ -Gefühl hast… bis das Ding zerfällt, so ungefähr. Aber natürlich wird der Musikgeschmack immer breiter. DAS MUSS AUCH SO SEIN, FINDE ICH, ALLES ANDERE WÄRE TRAURIG. ES GIBT IN FAST JEDEM BEREICH, ETWAS TOLLES ZU ENTDECKEN… Das denke ich mittlerweile auch. Entweder etwas langweilt mich, oder es ist großartig. Was man selber macht, ist ja etwas ganz anderes. ICH KÖNNTE JA AUCH NIE SELBST JAZZ SPIELEN… …trotzdem gibt es da super Sachen. WENN ICH DIE GITARRE IN DIE HAND NEHME, KOMMEN DA EBEN HARTE SACHEN BEI HERAUS… Da kommt dann eben wieder die Prägung durch. Das ist ja auch in Ordnung. WENN MAN AUF DEM LAND AUFWÄCHST, WIE WIR BEIDE, HABE ICH DAS GEFÜHL, DASS MAN AUTOMATISCH MIT GITARRENBANDS AUFWÄCHST… Das habe ich nie hinterfragt. Ich war fünf Tage 14 und habe dann schon meine erste Band gehabt und hatte bis dato nie vor, in einer Band zu spielen. Ich bin da so reingerutscht, habe zwar immer Musik gemacht, so ein bisschen für mich Gitarre gespielt, aber das war es dann einfach, hab´ ja nicht vorher gefragt, was für Musik die machen. Was ich eher lustig fand, dass du auf dem Land von Anfang an deine eigenen Sachen gemacht hast. Es wurde mal zwar was gecovert, aber eher weil man das Lied so unglaublich gut fand, dass es eine Ehre war, das nachzuspielen. Aber sonst eigene Sachen. Und dann kam ich hier nach Hamburg, bin vielleicht auch in der falschen Szene gelandet, denn die haben kaum eigene Sachen gemacht, waren handwerklich aber unglaublich gut und konnten alles nachspielen. Und ich war handwerklich…geht so, konnte aber eigene Sachen machen. FINDE ICH ABER DIE BESSERE ALTERNATIVE. Ich auch. Es gibt aber Leute, die wollen nicht schreiben. Die fanden das einfach ganz toll, ihr Instrument super zu spielen und vor Leuten aufzutreten. Das ist auch wichtig (lacht leise). IN WELCHEM ALTER BIST DU DANN NACH HAMBURG GEGANGEN? Ich war 19, gleich nach dem Abi. Nach dem Abi noch ein Jahr rumgebutschert. Ich wollte erst klassische Gitarre studieren. Kurz vor der Aufnahmeprüfung hatte ich geackert, weil ich dachte, ich hätte eine Chance das zu packen, aber Bands: Vergiss es, dann spielst du eben nur noch Gitarre, aber dann: Neeh… Nehhh! Der Ehrgeiz war zu groß, weil ich dachte, wenn ich das mache, will ich da auch gut drin werden. Habe dann aber festgestellt: O.K., dann gibt es erst einmal kein Zweitprojekt. Und Band machen, war dann einfach viel größer. Und da habe ich es mit dem Studium lieber sein gelassen (lacht). HATTEN DEINE ELTERN DENN WAS ANDERES FÜR DICH IM SINN? Ja, als Älteste, ich habe noch zwei Schwestern, war es natürlich so, die hatten keine Vorerfahrung. Und dann irgendwie Bands, und mein Vater als Ägypter, das war dann natürlich so: Oh Gott! Drogen und so weiter. Aber ich habe die bravste Jugend von allen gehabt, ich war immer nur im Proberaum, Musik machen und ich war eher so Straight-Edge-mäßig drauf. Ich habe immer gesagt: Kein Fleisch! Kein Alk! Keine Kippen! Keine Drogen! Und ich hab zu Hause immer Stress bekommen. Meine Cousine haben sie auf dem Stadtfest kurz vor der Alkoholvergiftung vom Feld getragen und so was habe ich nie gehabt. Obwohl ich dann offiziell die „verruchteste“ Jugend hatte. Eigentlich hatte ich die Bravste überhaupt… Nee, denen war es völlig egal, was ich mache, die sagten nur immer: Wir können es Dir ermöglichen, nun studier doch. Und dazu musst Du wissen, in Ägypten ist das so, da kämpfen noch ganze Familien darum, dass ihre Kinder auch sozial anerkannt studieren können. Deswegen denke ich, dass mein Vater auch so geprägt war, weil das aus seiner Erziehung her ein Status war. Die sagten: Mach doch! …aber dabei war es denen völlig wurscht, ob ich klassische Gitarre… oder letztendlich habe ich ja Opernregie studiert. Weißt du, da gehen ja auch alle Eltern steil ab, weder das eine oder andere ist vernünftig… Ich glaube, das geht doch allen so, dass du deine Eltern überzeugen musst, wenn du Musik oder Kunst machen willst. Immer dieses: Kind, wovon lebst du? Warum machst du das? Aber ich finde, das gehört auch dazu. Sich abzunabeln, zu sagen: Das ist mein Leben, das mache ich so. Jetzt sind sie natürlich schrecklich stolz. DAS ALBUM HAT JA LANGE GEBRAUCHT, WIE HAST DU DIE LIEDER DENN AUSGEWÄHLT UND ZUSAMMENGETRAGEN? Dazu muss ich sagen, die meisten Lieder sind aus einer Phase. Das Album war ja schon lange fertig, hat aber trotzdem so lange gebraucht. Es war fertig, dann kam das Baby letztes Jahr und ich habe dann das fertige Album zurückgezogen. So eine Promo wie jetzt hätte ich zu dem Zeitpunkt einfach nicht machen können. Jetzt ist mein Baby fast ein Jahr alt, ein bisschen größer und cooler, alles hat sich eingespielt, jetzt geht das alles. Deswegen haben wir das Album letztes Jahr kurzfristig zurückgezogen und dann kam auch noch das Weihnachtsgeschäft, auch kein guter Termin, um als Newcomer ein Album zu veröffentlichen. Ein Lied, das „Halt mich wach“, ist nachgezogen, das und ein weiteres hatte ich in der Zwischenzeit mit der Band geschrieben, als der Rest schon fertig war. Weil wir den Song alle so super fanden, haben wir den nachträglich noch aufgenommen und auf das Album gepackt. Die ganzen anderen Lieder stammen aus 2005/2006. WO HAST DU DENN DEINE JUNGS AUFGEGABELT? Den Bassisten (Jan Rubach) habe ich schon ganz lange, so einen Gitarristen wie Angus (Baigent) hatte ich mir schon lange gewünscht, wusste aber nicht, dass es ihn wirklich gibt. Seine damalige Band (4 von Millionen) hatte sich bei mir für mein Label beworben. Habe damals zu ihm gesagt: Ich mache grade nicht viel, kann euch nicht richtig promoten und ich würde nie so tun, als könnte ich was und mache es nicht… konnte aber auch nicht sagen: Aber euren Gitarristen würde ich gerne abwerben, nicht abwerben, aber auch. Dann hat Jan aber mit denen aufgenommen, weil er die toll fand und er ein Studio hat… hat gesagt, ich mache was mit denen. Und dann hat er erfahren, dass Angus immer gerne eine Zweitband gehabt hätte… und dann haben wir ihn natürlich gefragt: Wir wollen dich nicht herausreißen, aber wir finden es so toll, was du spielst. Dann ist er dazugekommen. Eigentlich hatten wir dann noch einen anderen Schlagzeuger, mit dem wir das Album eingespielt haben, der ist mir beim Mischen des Albums dann abhanden gekommen, weil der für sich ganz viel Stress hatte…ist nach Bremen gegangen und war über Wochen nicht zu erreichen. Und wir wollten Promo-Gigs spielen und so weiter, so dass ich mich gezwungen sah, ihn per E-Mail aus der Band zu werfen. Etwas was du nie tun würdest, aber wenn jemand über Wochen nicht an sein Handy geht und sich nicht meldet, obwohl er weiß, was gerade mit der Band los ist… Ich musste ihm dann mitteilen, ob ich wollte oder nicht, dass ich gezwungen bin, mir jemand anderes zu suchen. Und ganz lustig: Jan der Basser, arbeitet auch für JULI, macht technische Betreuung für die, und wir haben uns mit deren Schlagzeuger Marcel angefreundet. Der hat uns gefragt: Sagt mal braucht ihr nicht einen Untermieter für euer freies Zimmer? „Ja“ haben wir gesagt, „Wir brauchen aber auch noch einen Schlagzeuger“ „Jaja, der spielt Schlagzeug“… Und dann kam Tobi (Tobias Noormann) vorbei und hatte innerhalb 15 Minuten ein Zimmer und den Job… Obwohl er aus Gießen kommt wurde er einfach annektiert… und ich bin sehr glücklich darüber. Ich fühle mich superwohl mit den Jungs und alle verstehen sich gut. WAREN DENN DIE INSTRUMENTAL-PARTS ALLE FERTIG? KAMEN DENN SOLCHE SACHEN, WIE DIE GENIALEN BASSLÄUFE VON DEN MUSIKERN, ODER HATTEST DU SCHON ALLES FERTIG? Mich interessiert diese Ausarbeitung von Songs nicht so sehr. Ich sage auch immer: Ich habe mir diese Jungs gesucht, weil ich das toll finde, wie sie spielen, also möchte ich auch ihre Ideen drin haben. Ich möchte also nicht für sie denken. Mich interessiert es den Song zu kreieren und Layouts zu machen. Ich spiele zwar auf der Gitarre mal so eine Art Bass oder so und programmiere mal ein Schepper-Schlagzeug, da kommen vielleicht mal kleine Sachen bei raus, die ich durchaus behalten will, aber alles andere ist frei. Ich nehme die Songs mit in den Probraum, da spielen wir die dann zusammen und da das alles selbstbewusste Persönlichkeiten sind, schmeißen die alle ihre Ideen mit rein…und da bitte ich ja auch drum. Und dann bauen wir gemeinsam alles zusammen. Mal gibt es so Songs, die sind so einfach, das alle sagen, nein wir finden das toll, so wie der Song ist, mal gibt es Songs die entwickeln sich sehr weiter. Und „Halt mich wach“ haben wir eigentlich komplett zusammen geschrieben. Das war jetzt das erste Ding und das lief so klasse, ich lege überhaupt keinen Wert darauf, dass ich alles vorlegen muss. Das war ja aus meiner eigenen Bandvergangenheit so vorgegeben, da es sich so entwickelt hatte und ich hab den Job halt übernommen. Jetzt denke ich, dass bei der nächsten Platte alle gemeinsam etwas dazu beitragen werden. Aber schön, dass Dir die Bassläufe gefallen, ich finde die nämlich auch toll! ICH LIEBE SIE! DER BASS WIRD IMMER UNTERBEWERTET… ABSOLUT! Jan hat schon immer so gespielt und dann haben wir die KINGS OF LEON entdeckt und der macht ja auch immer so tolle Melodien und da war klar: Oh ja! Sowas müssen wir auch machen. Tobi war bisher immer so gehandicapt, da bis auf ein, zwei Sachen alles ohne ihn eingespielt wurde, musste er erst einmal alles übernehmen. Und jetzt bekommt er erst die Chance, auch live sein Ding draus zu machen. Aber für die Zukunft denke ich, dass alles einfach noch besser werden wird. DIE PROMO-MÜHLE VERLANGT JA AUCH NACH EINER VOLLEN BAND-TOUR. WIRD DIE DENN AUCH BALD KOMMEN? Ja. Ich, bzw. ich und Daniel, hatten nicht einkalkuliert, dass die EM war. Wir mussten die Termine verschieben, weil während der EM dich keiner bucht, weil die Leute eben Fußball gucken wollen. Die CD musste aber raus, weil ich im Kopf schon an der nächsten schreibe und ich will, dass das Ding jetzt raus kommt. Haben wir uns im Sommer halt auf Einzel-Shows geeinigt, booken aber im Moment fleißig an einer Herbst-Tour. Eher jetzt hier und da ein paar Mal auftauchen, Akustik-Gigs und so weiter, und dann im Herbst richtig reinhauen. BIST DU ZUFRIEDEN MIT DEN BISHERIGEN REAKTIONEN, ODER KÖNNTE ES MEHR SEIN? Es könnte immer „Mehr“ sein! Nee, ich bin total zufrieden, schließlich läuft es dieses Mal ja auch völlig anders als sonst: du fängst eigentlich drei Monate vorher mit der Promo an und dann kommt die CD, aber da die Bedingungen dieses Mal so speziell waren, passiert momentan eben alles gleichzeitig, es kommt, was kommt. Ich hab jetzt nicht so die großen Erwartungen deswegen. Über die Kritiken freue ich mich sehr, es gibt ganz tolle Kritiken, wo die Leute klasse Sachen sagen und ein paar mögen es gar nicht. Das mag ich aber auch, weil es eine klare Meinung ist. Nicht so: Hmm, ja… sondern: Das geht gar nicht. Und das bedeutet, ich habe ein klares Statement gemacht. Was ich lustig finde ist: Mein ganzes Leben lang, waren die ganzen Kritiken immer so: Wo ordnen wir es ein? Ist es vor der Zeit? Ist es neben der Zeit? Daran habe ich mich so gewöhnt, dass ich dachte: Scheiß drauf. Jetzt liegt die Platte eineinhalb Jahre rum und es heißt: Ja, sie könnte ja mal ein bisschen eigenständiger sein! Aha! Soll ich die Platte nächstes Mal ein Jahr liegen lassen, damit ich knapp vor der Zeit rauskomme? ICH ERKENNE ZWAR VIELE EINFLÜSSE, ABER WENN ICH DIR ETWAS ABSPRECHEN WÜRDE, DANN SICHERLICH NICHT FEHLENDE EIGENSTÄNDIGKEIT. Es wird von Mainstream-Leuten aber so hingestellt: Ja, es ist so wie WIR SIND HELDEN, es ist ein bisschen wie JULI, der Rest ist JENNIFER ROSTOCK, die Punk-Abteilung für die Normalos. Und dann heißt es eben, der Sound könnte etwas eigenständiger sein… Und ich sage dir: Von all diesen Bands bin ich nicht beeinflusst! Ich gebe ja zu, von wem ich beeinflusst worden bin. Du hörst etwas, es berührt dich und es kommt irgendwann als Song wieder heraus, aber nicht diese Bands. Ob ich die nun gut finde, oder nicht, ist ja etwas völlig anderes. WO WÜRDEST DU DENN DRAUF BESTEHEN WOLLEN, BEEINFLUSST ZU SEIN? Das hört man glaube ich überhaupt nicht heraus. Ich bin ja ein Riesen-PATTI SMITH Fan! Diese Spoken Word-Sachen wollte ich schon immer machen und natürlich kommt das von ihren Sachen, die sie gesprochen hat. Und früher war das ja auch noch nicht so viel und ich fand das immer ganz toll. Die Frau habe ich mir intravenös gegeben. Ich kann jedes Lied vorwärts, rückwärts, seitwärts. Ich habe sie angebetet. Wir sagen ja selber, wir sind während der Schreibphase von KINGS OF LEON und BLOC PARTY beeinflusst worden und jetzt habe ich den Film CONTROL gesehen, JOY DIVISION, die ich bisher nur vom Namen kannte und dann denke ich: Super! Der BLOC PARTY Drummer spielt ja wie der von JOY DIVISION! Dann merkst du, wo die das her haben, was mir nie bewusst war. INTERPOL, EDITORS, ALLES KOMMT VON JOY DIVISION… Ich hatte nie mit denen zu tun, habe mir gerade das Debüt geholt, weil ich dachte, da musst du dich jetzt mal reinhören. Wie grandios sind die Texte?! UNHEIMLICH ATMOSPHÄRISCH, OBWOHL MORBIDE UND KRANK… JA! Wir sind natürlich auch ein bisschen von NINA HAGEN beeinflusst, aber es ist 30 Jahre her, dass von ihr die erste Platte raus kam und wenn du heute einen Opern-Ton oder ein „RRRR“ machst, alle sofort: NINA! DAS IST NUN MAL SEHR SPEZIELL, UND WENN DU IN DIESE LAGE GEHST, DANN KLINGST DU AUCH SO. Ich denke dabei aber auch sehr an DIAMANDA GALAS, eine Performerin aus New York. Weiß keiner, aber wirst du spezieller, sagen alle: NINA. Finde ich aber jetzt nicht schlimm, weil ich ganz anders bin als sie es ist. Ein Kritiker meinte, in manchen Momenten würde die Platte so klingen, als würden FRANZ FERDINAND, NINA HAGEN treffen. Das finde ich, ist ein großartiger Satz! FRANZ FERDINAND HABE ICH AUCH RAUSGEHÖRT… Wirklich!? Haben wir viel gehört, hat uns aber nicht so beeinflusst. NA, DIESE ABGEHACKTEN GITARRENPARTS UND DIESES OFF-BEAT-SCHLAGZEUG… Kennst Du JOE JACKSON? Auf den ganz alten Platten hat er Klavier, Keyboard gespielt, „Look Sharp“ oder so, auch so im Trio plus Gesang, und da hat mir schon immer diese Knappheit gefallen. Wir haben alle diese Idee, Dinge so knapp wie möglich zu halten. Möglichst wenig übereinander, die Gitarren ineinander, kleine, feine Melodien. Wahrscheinlich ist das, diese englische Idee, die auch solche Bands haben. WO WIR WIEDER BEI ORGANISCH WÄREN, DENN IM GEGENSATZ ZU VIELEN, KLANGLICH FLACHEN AUFNAHMEN, DIE ICH IN LETZTER ZEIT ZU HÖREN BEKOMME, KLINGT „TANZSCHULE BOUTARI“ NACH PROBERAUM, WÄRME UND LIVE-SITUATION… Wir haben probiert, soviel wie möglich live einzuspielen… als das Schlagzeug aufgenommen wurde, haben Bass und Gitarre mitgespielt. War es gut, ist vom Bass schon was stehen geblieben. Beim Gesang habe ich versucht möglichst einen Take zu nehmen, ohne viel herumzuschnippeln und ein Wort hier und ein Wort da zusammenzukleben. Der Blickpunkt lag auf einer Art Gesamtheit. Ich bin ja auch komplett gegen Auto-Tuning und Schneiderei. Wenn man merkt, man hat einen Super Take hingelegt und ein dummer Fehler diesen zerstört, ist es Blödsinn darauf zu verzichten, dann sind diese technischen Möglichkeiten toll. Oder man rückt eine Phrase im Timing ein bisschen nach vorne und dann geht es wieder. Aber es gibt ja Sachen, da ist alles geschnitten… Bisschen bei uns auch, bestimmt, ich habe es ja nicht immer mitgekriegt, aber ich halte immer die Fahne hoch: Nichts machen! Ich mag lieber eine direkte Energie. DU WARST JA LANGE ZIEMLICH LEISE, HATTE DIES EINEN BESTIMMTEN GRUND? Es hat sich so entwickelt, der Übergang von UH BABY UH zu meinen eigenen Sachen, erst einmal schreiben, den eigenen Stil finden. IM SCHÖNEN PROMO-SCHRIEB STAND JA: „FRÜHER ROCK´N ROLL GÖRE, JETZT SOLO“. BIST DU JETZT KEINE MEHR? Es ist einfach poppiger im Moment. FINDEST DU? ICH FINDE, DA IST NOCH GENUG INDIE DRIN… JA! Ist es auch! Aber früher war die Musik härter, cooler. Die UH BABY UH Sachen waren schon cooler. Im Moment ist vom Songwriting-Aspekt her, der Pop-Einfluss nach vorne gerückt. Ich sage ja immer: Pop-Musik mit lauten Gitarren. Natürlich ist da noch Rock ´n Roll und live und laut drin. VERFOLGST DU DEINE SPOKEN WORD-AMBITIONEN DENN NOCH WEITER? Immer mal so ein bisschen, hin und her, denn für mich ist das immer noch die größte Mutprobe. Eine Zeitlang war ja allein spielen Mutprobe. Ich habe mich vor zwei Jahren mal auf so einen Poetry-Slam getraut, wurde als Erstes auf die Bühne geschickt, mir haben dermaßen die Knie gewackelt, habe am Ende aber den Preis der Jury gewonnen. Es gab den Publikumspreis mit Abstimmung, da habe ich den dritten belegt und halt den Preis der Jury, wen die Literaten selber cool finden. Ich habe mit gar nichts gerechnet und bekomme den „Dr. Buhmann Gedächtnis-Preis“. Es war auch meine Überlegung, ob ich Spoken Word Sachen mit auf die CD nehme, oder nicht, habe es aber nicht gemacht, vielleicht bei der nächsten. DANN WIRD ES ABER NOCH MEHR IN DIE JOCHEN DISTELMEYER RICHTUNG GEHEN, WO ICH DICH JETZT SCHON MANCHMAL SEHE. Jochen Distelmeyer? BLUMFELD. Habe ich nie gehört DAS IST KRASS, WEIL DEINE PHRASIERUNG MANCHMAL SEHR DARAN ERINNERT. Sollte ich vielleicht mal hören. HÖR DIR „L´ETAT ET MOI“ AN, DA IST NÄMLICH AUCH EIN SPOKEN WORD STÜCK DRAUF. Das ist ja heiß. Der Hammer ist ja aber auch, ich kenne ja viele aus der so genannten „Hamburger Schule“, man grüßt sich höflich, aber mehr nicht. Überhaupt nicht. Ich glaube, die würden mich nie akzeptieren. GIBT ES DENN DIE HAMBURGER SCHULE ÜBERHAUPT NOCH… Naja, ich meine Bands die Du in diese Ecke stellen würdest. Und ich sage Dir, da komme ich überhaupt nicht her. Nie gehört, weder STERNE, noch BLUMFELD, TOCOTRONIC. Nix. Nicht KETTCAR, TOMTE. Ich finde zwar einzelne Lieder ganz gut, aber insgesamt ist das nicht mein Vibe. GIBT ES NOCH IRGENDETWAS, WAS DU UNBEDINGT AUSPROBIEREN WOLLEN WÜRDEST? Ich habe ja eigentlich nie Opern-Regie geführt. Das ist eine Sache, die machst du entweder ganz, oder gar nicht. Also sollte ich über Nacht berühmt werden, werde ich bestimmt ein Opernhaus finden, das es cool fände, mich da Regie führen zu lassen. Bestimmt irgendwo. Dann hättest du eine Chance, etwas Schickes zu machen. Aber sonst hast du nicht die Möglichkeit, mal eben Regie zu führen. Das sind Projekte, da hängst Du ein Jahr oder länger dran. Deswegen habe ich auch als Abschluss Videoclips gedreht und finde das super und bastel da immer an meinen Treatments und funk den Leuten immer dazwischen und sage: Ich will das aber so und so haben. Hab das jetzt zwar ein bisschen hinten dran gestellt, toll fände ich es aber… KOMMT DANN IRGENDWANN MAL EIN GANZES VIDEO VON EUCH? LOHNT ES SICH ÜBERHAUPT NOCH? Es gibt ja schon diese zwei Mini-Clips. Und lohnen tut es sich absolut! Heutzutage kommt dir das entgegen, was ich schon seit Jahren gerne gemacht hätte. Eine kleine feine Idee suchen, die du mit der Handkamera durchziehen kannst, weil sich auch die Bildästhetik geändert hat… und dann kannst du es frei ins Netz stellen. Solche Sachen hätten sie ja früher auf MTV nie gesendet, da musste es immer noch chic und teuer sein. Deswegen lohnt es sich heutzutage viel mehr. Du bist autark, hast die Schnittprogramme für den Computer… Ich überlege für „Nimm mich nicht mit“ was zu machen, oder aber ich versuche den Typen, der die beiden Miniclips gemacht hat ran zu kriegen, weil uns gesagt worden ist, „Passen“, dieser Stop-and-Go-Durch-Die-Gegend-Eier-Clip, das hätten sie gerne als Langfassung. Der Clip wurde einfach mit einer Fotokamera gemacht. Da haben wir eine kleine Runde von 20 Metern gemacht, 200 Bilder und die dann einfach zusammenmontiert. Außer Arbeit hat das Video vielleicht zwei Euro gekostet. Sieht supergut aus. Kennst Du das Video von OK GO? Das mit den Laufbändern? Das ist unglaublich gut! Grandiose Idee, die haben Spaß, super gemacht. Und außer einer Kamera und einer Choreographie hat es nichts gekostet. Das finde ich schön, natürlich gibt es immer noch diese teuren Kunstvideos, so wie BJÖRK sie macht, die Du natürlich auch nicht in Billig machen kannst. Heute zählen mehr die Ideen, als die Technische Ausstattung. DIE GROSSEN VIDEOS VON DAMALS HABEN ABER NATÜRLICH AUCH EINE TOLLE IDEE GEHABT… Klar, aber vor ein paar Jahren haben wir auch ein paar Videos gedreht und dann hieß es immer: Die Qualität ist nicht gut genug. Heutzutage ist es egal, dann stellst du es auf YouTube und wenn die Leute es gut finden, schicken sie es weiter. Du bist an keine Kanäle mehr gebunden. AUF MTV LAUFEN JA SOWIESO KEINE VIDEOS MEHR, ICH VERMISS DEN KANAL NICHT ZUHAUSE… Hab die Sender sowieso nie gehabt… ALS ICH JUNG WAR, WAR RAY COKES UND KONSORTEN DOCH NOCH DER REINE WAHNSINN… Ray Cokes war super! SUPER! 120 MINUTES AM SONNTAGABEND … Aber heute ist toll: Ich lese von irgendeiner Band, kenne die nicht und gucke mir dann auf Youtube das Video an. Ohne Werbung, Du klickst dich von A nach B… HAST DU ALSO AUCH KEINE ÄNGSTE, WAS DIE ZUKUNFT DER MUSIKINDUSTRIE BETRIFFT? Nöö, ich finde das zwar schon bedenklich, dass die Einstellung „normaler“ Menschen, also nicht die Freaks, die die Platte auch in „Echt“ haben wollen, so ist, dass Musik nichts „wert“ ist. Weil nur etwas, dass nichts wert ist, lädst Du einfach frei herunter. Eine meiner besten Freundinnen, da habe ich gesehen, die haben ein paar Filme aus dem Internet runtergeladen, und ich meinte: Hallo?! Ob es ein Film oder Musik ist, ihr kennt mich doch und meine Lebensumstände…Warum macht ihr das? Die waren ganz betroffen, weil die das überhaupt nicht wollten. „Oh ja, stimmt…“. Dann merkst du, es gibt nicht das Bewusstsein, dass man anderen Leuten die Arbeit, die Grundlage wegnimmt. Sondern es ist ja machbar, es ist leicht, man kann es haben, also wird genommen. Da frage ich mich, wie man es machen kann, dass diese Leute verstehen, dass man Musik auch füttern muss, damit sie so weiter bestehen kann. Musik wird natürlich nicht sterben, es wird sie immer geben. Oder es dreht sich aber. Das fängt ja schon an, Du lebst nicht von den CD-Verkäufen, sondern diese sind das Mittel, damit die Leute auf Deine Konzerte gehen. Das können Sie nicht herunterladen…

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