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D-A-D (JESPER/LAUST)

Samstag Abend, bestes Grillwetter und mich zieht es in einen Biergarten. Genauer gesagt in einen Biergarten in nicht wirklich ansprechender Umgebung. Aber ich bin ja auch nicht zum Grillen oder Chillen hier im Hinterhof des N8, sondern um Jesper Binzer und Laust Sonne von D-A-D zu treffen, die heute Abend den Laden zum Kochen bringen wollen und kurz vor ihrem Auftritt noch die Zeit gefunden haben, mir einige Fragen zu beantworten. Anlass ihres Osnabrück-Aufenthaltes ist die aktuelle „Scare Yourself“-Tour, die am Montag startete und Anfang Oktober in Paris enden wird. Die Dänen sind nunmehr seit fast einem Viertel Jahrhundert im Geschäft und haben mit Sicherheit eine Menge zu erzählen. WILLKOMMEN IN OSNABRÜCK! IST JA FAST AUF DEN TAG 6 JAHRE HER, DASS IHR GENAU HIER AUFGETRETEN SEID. KÖNNT IHR EUCH NOCH AN DEN GIG ODER IRGENDWELCHE BEGLEITUMSTÄNDE ERINNERN? Jesper: Ja, ich erinnere mich, dass wir am Tag vor dem Auftritt zur Weltausstellung „Expo“ nach Hannover fuhren und dort waren auch ein paar Leute der dänischen Botschaft und wir luden sie ein, sich hier die Show anzusehen. Ein paar von denen hatten noch nie ein Rockkonzert gesehen. ABER SIE SIND HIERHER GEKOMMEN? Jesper: Sie waren hier, in Osnabrück, an diesem Ort. IHR SEID SEIT MONTAG IN DEUTSCHLAND UNTERWEGS UND HABT BEREITS VIER KONZERTE GESPIELT. WIE IST DIE ZUSCHAUERRESONANZ? Jesper: Es ist großartig, alle vier Gigs waren gut besucht und die Leute waren glücklich. Es waren auch jüngere Fans da, ich habe Leute um die 20 gesehen, das ist super! DIE „SCARE YOURSELF“ IST BEI UNS JA ERST SEIT MAI ERHÄLTLICH, SIND DIE FANS SCHON TEXTSICHER UND WIE KOMMEN DIE NEUEN SONGS AN? Jesper: Ich denke, die Leute kennen die Songs schon, sie scheinen sie zu mögen, das ist sehr gut. ÜBERHAUPT SCHEINT IHR MEHR AUF DER STRASSE ZU LEBEN ALS ZUHAUSE. FEHLT EUCH AUF TOUR WAS UND WAS SAGEN EURE FAMILEN DAZU, WENN IHR SO VIELE KILOMETER MACHT? Jesper: Diesmal ist es ja nicht für so lange und ich bin ziemlich glücklich unterwegs zu sein. Ich denke, wir würden es nicht machen, wenn es Monate um Monate wären. Wir sind jetzt zwei Wochen in Deutschland und dann wieder zurück zuhause. KEHRT IHR IN DÄNEMARK NACH DEN AUFTRITTEN NACH HAUSE ZURÜCK, WENN IHR DORT AUF TOUR SEID? (D-A-D VERBRINGEN PRAKTISCH DEN GESAMTEN SOMMER AUF TOUR IN SKANDINAVIEN, ANM. DER RED.) Jesper: Manchmal kehren wir nach Hause zurück. Wir spielen auf einer Menge Festivals im Sommer. Und wir spielen immer am Ende des Tages, da ist es manchmal zu spät für eine Heimfahrt. D-A-D STAND JA URSPRÜNGLICH FÜR „DISNEYLAND AFTER DARK“, WAS MICKEY MOUSE’ RECHTSANWÄLTE GAR NICHT WITZIG FANDEN. SEITDEM BENUTZT IHR EINE ABKÜRZUNG, DIE MAN AUCH „DAD“ LESEN KÖNNTE: SEID IHR SELBST VÄTER? Jesper: Ja, drei von uns sind Väter. (Anm. der Red.: Nach dem eigentlichen Interview erzählte Jakob noch, dass seine Kinder 4, 10 und 11 Jahre alt sind und Laust sagte, sein Sohn sei 3 Jahre alt.) DIE DREI ÄLTEREN? Nein, der jüngere Knabe Laust ist auch Vater, Stig hat keine Kinder. (LAUST IST ERST 1999 IN DIE BAND GEKOMMEN UND RUND 10 JAHRE JÜNGER ALS DER REST, ANM. DER RED.) INZWISCHEN KÖNNTEN AUCH EURE FANS MIT IHREM NACHWUCHS ZU EUREN KONZERTEN KOMMEN. WIE IST DORT DIE ALTERSSTRUKTUR? Jesper: In Dänemark haben wir jedes Alter in den Konzerten. Da sind Papas mit einem Bier in der Hand und ihren Söhnen an ihrer Seite da und alle singen lautstark unsere Lieder. (JAKOB STELLT DAS GANZE SEHR PLASTISCH DAR) SIND DIE „JUNGEN“ FANS ANDERS ALS DIE ALTEN? ÜBERHAUPT HAT SICH DAS MUSIK-BIZ JA TOTAL VERÄNDERT. MAN DENKE NUR AN DAS INTERNET, DAS JA SCHON FAST DIE PLATTENLÄDEN VERDRÄNGT HAT. ODER AN DIE „ARCTIC MONKEYS“, DIE ES DANK MASSIVER INTERNET-PRÄSENZ BIS AUF PLATZ 1 DER CHARTS GEBRACHT HABEN. WIE GEHT IHR MIT DEN NEUEN MEDIEN UM? Jesper: Wir haben eine Website, die stark wächst und es wird immer normaler, das Internet zu nutzen. Der Traffic dort nimmt immer mehr zu und die Leute kaufen dort immer mehr Zeug wie T-Shirts und CDs. Ich denke, am Ende wird es nur noch das Internet geben und keine Plattenfirmen mehr. Nur noch das Internet und Live-Gigs. DAS DENKE ICH AUCH. ICH HABE MIR EURE HOMEPAGE AUCH ANGESEHEN, DIE IST WIRKLICH RECHT UMFANGREICH. SCHAUT IHR EUCH Z.B. IN EUREM FORUM UM? IST SICHER EIN GUTES STIMMUNGSBILD, WAS DIE FANS SO VON DEN DINGEN HALTEN, DIE IHR AN DEN START BRINGT. Jesper: Ja. APROPOS: FAHREN DIE LEUTE MEHR AUF DIE ALTEN STÜCKE AB ODER SIND DIE NEUEREN STÜCKE AUCH SCHON ZU KLASSIKERN GEWORDEN? ZWISCHENDRIN HATTET IHR EUREN STIL JA ZIEMLICH VERÄNDERT, WAS BEI DEN „ALTEN“ FANS NICHT IMMER SO GUT ANKAM. Laust (inzwischen dazugestoßen): Ein paar sind schon zu Klassikern geworden. Ein paar Songs von jedem Album werden immer zu Klassikern. Jesper: Ich glaube, es hängt davon ab, wann sie auf den Zug aufgesprungen sind. Die alten Fans mögen mehr die alten Sachen und die jüngeren Fans die neuen Songs. UND HABEN DIE MITGLIEDER VON D-A-D SELBST PERSÖNLICHE LIEBLINGSLIEDER DER BANDGESCHICHTE? Jesper: Ja, das ist aber abhängig von der Stimmung und es wechselt von Jahr zu Jahr. In diesem Jahr ist es „Girl Nation“ von der „No Fuel Left For The Pilgrims“. Wir haben das seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gespielt und dieses Jahr spielen wir es wieder. Das frischt viele Erinnerungen wieder auf. Laust: Bei mir wechselt das auch. Wenn Du ein neues Album machst, hast Du einen Lieblingssong auf diesem Album und wenn Du ihn eine Weile gespielt hast, kann es sein, dass man die alten Sachen wieder lieber mag und so ändert sich das ständig WELCHE MUSIK LÄUFT DENN BEI EUCH IM TOURBUS? Jesper: Immer D-A-D (lacht). Wir waren heute noch in einem Plattenladen und haben CDs gekauft. Ich habe „Bach – Das wohltemperierte Klavier“ und ein „Johnny Cash“-Album gekauft. HIER IN OSNABRÜCK? Laust: Ja, bei jpc, ist wirklich gut mit Unmengen von Jazz-Platten. Ich liebe Jazz, ich habe 15 Alben gekauft. SEIT WANN IST DENN „THE ANSWER“ ALS SUPPORT MIT DABEI? Jesper: Seit Montag, wir machen zusammen die Gigs in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. WIE KLAPPT DIE ZUSAMMENARBEIT MIT „THE ANSWER“? Jesper: Wir arbeiten nicht direkt mit ihnen zusammen. Sie haben ihre eigene Crew und wir haben unsere Mannschaft. Aber sie sind wirklich nette Kerle und wir mögen ihre Musik. Also keine Probleme! Laust (mit einem verschmitzten Grinsen): Sie machen, was man ihnen sagt… MEINE ERSTEN D-A-D-BERÜHRUNGSPUNKTE HATTE ICH MIT DER „NO FUEL LEFT FOR THE PILGRIMS“. DAMALS HAT ES JA WOHL EINIGE PROBLEME MIT EXTREMEN ISLAMISTEN GEGEBEN. WAS HABEN DIE EUCH ÜBERHAUPT VORGEWORFEN? Jesper: Ich denke, wir verarbeiten manche Dinge nicht so, wie manche Menschen das üblicherweise tun. Als wir den Song „Jihad“ (um den es damals ging, Anm. der Red.) geschrieben haben, war gerade die Zeit mit Rushdie, Salman Rushdie, und seinem Buch. Und ein paar sagten aus einer Laune heraus, wir gingen auf „Kill Rushdie“-Tour, weil wir das nicht ernst nehmen konnten. Ein paar Journalisten nahmen das aber ernst, das war aber nur ein Joke und ging nie Druck oder wurde sonst irgendwie veröffentlicht. Aber es zeigt, das man sehr vorsichtig sein muss, was man sagt, gerade bei dieser Materie. Laust: Besonders jetzt. WAS HABT IHR GERADE MIT DIESEN EGENEN ERFAHRUNGEN GEDACHT, ALS VOR EIN PAAR MONATEN IN DÄNEMARK DER STRESS WEGEN DES ANGEBLICH ISLAM-FEINDLICHEN CARTOONS WAR? Laust: Ich denke, die Angelegenheit ist von allen Beteiligten schlecht gehandhabt worden und irgendwann völlig aus dem Ruder gelaufen. Unser Ministerpräsident verstand es nicht, damit umzugehen, die Botschafter genauso wenig, die meisten Dänen ebenfalls nicht und so ziemlich jeder flippte deshalb aus. Auf jeden Fall war es ein sehr schlecht getimter provokanter Joke. Niemand ist von dem Cartoon wirklich verletzt worden, politische Karikaturen sollen ja provozieren, aber man hätte anders reagieren müssen. Jesper: Der Zeitungsverleger und der Cartoonzeichner leben immer noch unter Polizeischutz und verstecken sich, für die ist es ziemlich ernst. Laust: Ja, sehr ernst. Es war eine große, eine sehr große Sache in Dänemark. Jesper: Es ist lustig, dass Dänemark berühmt ist für solche Sachen (lacht). Sie gewannen die Fußball-Europameisterschaft 1992, weil Jugoslawien wegen des Krieges nicht teilnahm und Dänemark nur deshalb stattdessen teilnehmen durfte (beide lachen vergnügt)! Das ist so typisch dänisch! Ich denke, solche Sachen wie die Cartoons, so was kann nur aus Dänemark kommen. Das ist unsere Sicht auf die Dinge. Wir denken, dass wir unverwundbar sind und nichts zu tun haben mit der großen politischen Szene außerhalb Dänemarks. Laust: Aber das ist inzwischen nicht mehr so. IHR HABT AUCH MAL GESAGT, DASS IN EUREN LIEDERN POLITIK UND LIEBE TABUTHEMEN SIND. AUCH WEGEN DER ERFAHRUNGEN MIT „JIHAD“? Jesper: Liebe kommt inzwischen vor. Politik deshalb nicht, weil wir keine Politiker sind. Ich persönlich denke, dass politische Lieder eine bestimme Ära haben und wenn die Zeit sich wandelt, dann sind sie auch hinüber. Laust: Ich will niemandem predigen, wie er zu leben oder etwas zu tun hat. Es passiert sehr schnell, dass ein Song in diese Richtung gerät. Es ist schwierig, einen kommentierenden Song zu schreiben, sehr, sehr schwierig. Jesper: Es ist sehr, sehr schwierig nicht etwas in dieser Art zu machen (hebt anklagend den Zeigefinger). Das ist nicht sehr sexy. Laust (lacht): Nein, das ist definitiv nicht besonders sexy! OK, WAS IST EIGENTLICH MIT MOLLY, IST SIE WIEDER AUF TOUR MIT EUCH? Jesper: Nein, diesmal nicht, wir haben nur ein Backdrop. (Molly ist ein Rinderschädel, der in verschiedener Gestalt in der Vergangenheit auf Touren die Bühne zierte, Anm. der Red.) IM LAUFE DER JAHRE HAT MOLLY SICH JA DOCH EIN BISSCHEN VERÄNDERT. AUCH AN EUCH IST DIE ZEIT NICHT GANZ SPURLOS VORÜBERGEGANGEN. DER SONG „I WON’T CUT MY HAIR“ PASST INZWISCHEN NUR NOCH AUF DIE HALBE BAND. OK, LAUST WAR NOCH NICHT DABEI, ALS DER SONG GESCHRIEBEN WURDE, ABER JAKOB HAT SICH VON SEINER MÄHNE GETRENNT. WIE KOMMT’S? Jesper: Ja, ich hab’s getan. Laust: Wir singen den Song ja nicht. Jesper: Ja, genau, wir singen den Song ja gar nicht. ES IST ALSO JESPERS SONG? Jesper: Er wird seine Haare nie abschneiden, das kann ich mir nicht vorstellen. Laust: Es ist eigentlich auch mehr ein überspitztes sprachliches Bild. Jesper: Der Song ist einfach eine Metapher, sich nicht zu sehr anzupassen. WENN IHR SO ZURÜCKBLICKT, DAS SILBERNE BANDJUBILÄUM IST NICHT MEHR GANZ WEIT ENTFERNT, WÜRDET IHR DIE ZEIT GERN ZURÜCKDREHEN? GÄBE ES DINGE, DIE IHR GERN NOCH MAL ERLEBEN ODER AUS DER VERGANGENHEIT STREICHEN WÜRDET? Jakob (überlegt lange): Hm… Ich glaube, wir sind viel weiter gekommen als wir es jemals für möglich gehalten hätten, als wir damals anfingen. Viel weiter als unser Talent reicht (beide lachen). Ich meine, Du kannst sagen, wir hatten einen weltweiten Plattenvertrag mit Warner Bros. als wir gerade mal zwei Platten veröffentlich hatten, aber wir haben Amerika nicht geknackt. Ich denke jedoch, was wäre gewesen, wenn wir es dort geschafft hätten? Wäre es dann jetzt besser? Vielleicht wären wir dann jetzt auch weg und vergessen wie all die anderen Bands, die zur gleichen Zeit populär waren und Plattenverträge bei großen Labels unterschrieben hatten. Laust: Sie sind alle Vergangenheit und wenn sie noch existieren, dann spielen sie in kleinen Clubs. SKID ROW zum Beispiel. Jesper: Genug ist genug. Ich erinnere mich, dass sie einen dicken Vertrag zur gleichen Zeit wie wir unterschrieben haben und heute sind sie ziemlich weg vom Fenster. Ich weiß nicht… ICH HABT AUCH IN SEHR JUNGEN JAHREN MIT DER MUSIK BEGONNEN. HABT IHR EIGENTLICH EINE „ORDENTLICHE“ AUSBILDUNG GEMACHT ODER EUCH GANZ DEM ABENTEUER MUSIK HINGEGEBEN? Jesper: Wir haben keine Ausbildung. Laust: Ich habe studiert, aber Musik war immer mein Leben. UND WAS HABEN MAMA UND PAPA BINZER GESAGT, DASS GLEICH BEIDE SÖHNE SICH DER BROTLOSEN KUNST VERSCHRIEBEN HABEN? ZUMAL JAKOB JA WOHL ERST GANZ BRAV KLAVIER GESPIELT UND ERST SPÄTER AUF GITARRE UMGESATTELT HAT, WEIL ER AUCH IN EINER COOLEN BAND WIE SEIN BRUDER JESPER SPIELEN WOLLTE. Jesper: Sie haben uns unterstützt und immer machen lassen was wir wollten. Aber sie waren natürlich auch ein paar Mal besorgt, ob wir wohl das Richtige getan hatten. Es ist ganz bestimmt ein unsicheres Leben. Was ganz anderes als eine Sparkassen-Filialleiterin zu sein (allgemeines Gelächter, wir hatten im Vorfeld darüber gesprochen, ob ich hauptberuflich Musikjournalistin sei, Anm. der Red.). ICH BIN AUF JEDEN FALL FROH, DASS IHR DEN GENIALEN EINFALL HATTET, EINE BAND ZU GRÜNDEN. HABT MIR EINE MENGE NETTER STUNDEN BESCHERT. DAFÜR DANKE ICH EUCH UND WÜNSCHE UNS GLEICH EIN TOLLES KONZERT UND EUCH WEITERHIN EINE ERFOLGREICHE TOUR UND ALLES GUTE FÜR EURE FAMILIEN. Jesper: Sehr schön und vielen Dank. Laust: Wir werden unser Bestes geben.

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