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IN EXTREMO (DAS LETZTE EINHORN)

IM PRINZIP KÖNNTET IHR EUCH JA INZWISCHEN SO ETWAS WIE 10 JAHRE IN EXTREMO AUF DIE FAHNEN SCHREIBEN… Nein, 8 1/2. 1995 waren wir noch keine Rock Band. Das vorher war rein puristisch. Die Rockband wurde gegründet (überlegt kurz) nächsten Ostersamstag sind’s 9 Jahre. SEID IHR ZU FRIEDEN MIT DER ENTWICKLUNG, DIE DIE BAND IN DIESER LANGEN ZEIT DURCHGEMACHT HAT? Ja, auf Fälle, klar. IHR SEID JA IMMER EINE BAND GEWESEN, DIE AUF VIELEN FESTIVALS GESPIELT HAT. DIESES JAHR HABT IHR EUCH JA ETWAS RAR GEMACHT, EINE AUSNAHME WAR DAS AMPHI… Amphi, wo war das noch mal? IN GELSENKIRCHEN. Dann war das ungefähr das kleinste, das wir dieses Jahr gespielt haben. WIE HABT IHR TROTZ DER VIELLEICHT GERINGEREN GRÖSSE DIE LOCATION UND DIE STIMMUNG, DIE GESAMTATMOSPHÄRE, EMPFUNDEN? Das war total klasse, fand ich. Wir waren ja schon mal da, bei so einem Rock Hard Festival, eineinhalb Jahre vorher. JÖRG: ICH HAB EUCH AUCH GESEHEN, KANN DAS SEIN, DASS IHR DA VORHER MIT EINEM SCHIFF GEFAHREN SEID? Jetzt auf dem Amphi? JÖRG: JA Ja, da sind wir vorher mit nem Schiff gefahren, haben so eine Rundfahrt gemacht. JÖRG: UND DA KAMST DU MIR ENTGEGEN, UND KAUM EINER DER HARDCORE-FANS HAT DICH ERKANNT. Ja, die meisten rechnen damit nicht. Ich geh auch bei Festivals raus und so, immer. Guck mir Bands an und so. Wenn mich einer erkennt und mir auf den Geist geht, dann sag ich ihm das auch – „Lass mich in Ruhe“. Auch bei Rock im Park, Rock am Ring und so, steh ich dann da und guck mir das an. Es gibt immer ein paar Typen, die Nervensägen sind. Aber das mach ich dann in einer Sekunde klar. Aber die meisten sind ganz normale Leute, die einem nur mal Hallo sagen wollen. Was soll’s. (lacht) WO WIR GERADE BEIM THEMA „ANGESPROCHEN WERDEN“ SIND: SICHER, ES GIBT DIE NERVIGEN TYPEN, ABER GENRELL IST ES DOCH SICHER GANZ ANGENEHM, AUCH MAL ERKANNT ZU WERDEN? Klar, ich hab keine Probleme damit. ZU DER ÄHNLICHKEIT ZWISCHEN DIR UND CAMPINO: SPRECHEN DIE LEUTE DICH OFT DARAUF AN, NERVT DICH DAS? Das ist für mich inzwischen ein Joke, das geht hier rein und da raus. Ich kenn ihn gut – wenn wir nebeneinander stehen, wer da eine Ähnlichkeit sieht, der hat nicht alle Tassen im Schrank. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. ALSO KENNST DU IHN SCHON LÄNGER PERSÖNLICH…? Ja, wir haben uns schon öfters getroffen. NOCHMAL ZURÜCK ZUM THEMA FESTIVAL: IHR SEID JA AUF DEM ABSCHLOUSSKONZERT/ -FESTIVAL DER BÖHSEN ONKELZ AUFGETRETEN. WIE IST DA DER KONTAKT ZUSTANDE GEKOMMEN? Wir haben eine Anfrage gekriegt, ob wir das machen, da spielen wollen. Und wir als alte DDR-Revoluzzer, sag ich jetzt mal, hatten totale Magenschmerzen damit. Und ich hab mich dann, wie nie zuvor in meinem Leben, vier Monate lang mit dieser Band beschäftigt, bevor wir zugesagt haben. Und wir hatten dann auch persönliche Gespräche, und ich hab sie ins Gesicht gefragt: Was ist dran mit eurem Rechtsscheiß, und so weiter. Die waren 17, 18 Jahre alt damals, haben Fehler gemacht sind naiv, kindlich gewesen. Sind inzwischen 40, 42 Jahre alt, Erwachsene, die mit ausländischen Frauen verheiratet sind, die inzwischen in den letzten 4 Jahren umgerechnet 1,2 Millionen Euro gespendet haben für die Opfer rechter Gewalt. Und wir haben A gesagt – und sagen auch B. Ganz einfach, das war unser Entschluss. HABT IHR VORHER AUCH INNERHALB DER BAND DISKUTIERT? Ja, klar, wir haben mit Magazinen gesprochen, mit Plattenfirmen und so weiter. Ich hab mit dem Management der Onkelz gesprochen, hab gesagt, wir wollen ein persönliches Treffen und dann Tacheles reden. MÖGT IHR DIE MUSIK DER ONKELZ? Es ist nicht unbedingt meine Musik. Aber die Böhsen Onkelz sind eine Band, die immer von den Medien boykottiert wurde, aber richtig boykottiert, selbst wenn sie 1,2 Millionen spenden für Opfer. Geld, das man nicht mal bei einer Gala zusammenkriegt, vielleicht kriegt man maximal bei einer öffentlichen Fernsehgala so viel zusammen. Da wird nichts drüber erwähnt, nie. Das ist für mich… nie zu verzeihen finde ich auch doof. Die haben eine Entwicklung durchgemacht, und wir haben uns wie gesagt vor der Zusage damit beschäftigt, was da passiert ist. Und aus diesen Gründen haben wir dann zugesagt. Und wir haben es nicht bereut, und ich habe an dem Tag, an dem wir da waren, auch keinen rechten Typen da gesehen, wir sind nicht dämlich angemacht worden oder irgendwas. Was auf den Zeltplätzen abgegangen ist, kann ich nicht sagen, aber an dem Konzerttag, an dem wir da waren – das war so durchorganisiert, das größte Festival Europas. Dass eine Band das auf die Beine gestellt hat – da sag ich einfach nur: Hut ab! Ohne Medien. JÖRG: DAS IST SCHON UNGLAUBLICH, WIE GROSS DIE FANGEMEINDE DER ONKELZ IST… Ja. Die hätten 80000 Karten mehr verkaufen können, 80000 Karten. Und wir haben vor 100000 Leuten gespielt, das kann man sich gar nicht vorstellen. WURDET IHR VON DEN FANS GUT ANGENOMMEN? Ja. Nach dem zweiten Lied war das kein Thema mehr. Unglaublich. JÖRG: MAN WEISS DAS JA NIE, IHR SEID DA JA EHER ALS SUPPORT/ VORBAND AUFGETRETEN… Da waren ja schon viele Bands in der Rolle.. eine Klatschorgie hatten wir wirklich nach dem zweiten Lied, das war echt unglaublich. Wir haben’s aufgenommen. HABT IHR EUCH AUCH NOCH ANDERE BANDS ANGESEHEN? Ja, klar. Wir waren ja da, da guckt man dann auch. UND DIE STIMMUNG WAR WIE DU SCHON ANGEDEUTET HAST GRANDIOS? Ja, der Hammer. So was hab ich noch nie erlebt. GIBT’S DENN DEINER MEINUNG NACH IN DEUTSCHLAND INZWISCHEN VIELLEICHT ZU VIELE FESTIVALS? DAS ZILLO WURDE JA ABGESAGT Das kann ich nicht beantworten, weiß ich nicht. Klar gibt’s viele Festivals, aber die Leute gehen ja auch hin. Vielleicht liegt’s dann auch am Line Up, man weiß es nicht. Wenn man sich dann 5 Wave- oder Gruftbands einlädt, bei denen sich jeder Frontman einmal Blut ins Gesicht gießt, ich mein klar, was soll dann passieren. ZURÜCK ZU IN EXTREMO UND IHRER MUSIK. VOM STIL HER SEID IHR JA IN DEN AUGEN DER FANS „MAL NÄHER AM MITTELALTER, MAL ETWAS WEITER WEG“. IM MITTELALTERBEREICH GIBT ES JA MOMENTAN DIE TENDENZ, DAS GANZE MIT KLASSIKELEMENTEN ZU VERMISCHEN, WIE CORVUS CORAX ODER SCHANDMAUL. WÄRE DAS AUCH WAS FÜR EUCH? Das ist nicht unser Ding. Das haben vor 20 Jahren auch schon mal alle gemacht. Wir haben ja selber ein Orchester – wir brauchen das nicht. Musik muss aus dem Bauch kommen. IST DENN EINE NEUE LIVE-DVD GEPLANT? Ja, wir haben gestern das Konzert in Berlin mitgeschnitten, Columbiahalle. WANN ERSCHEINT SIE CA.? Na ja, wir haben sie gestern erst mitgeschnitten, einen VÖ-Termin gibt’s noch nicht… weiß man nicht. Wir sind zwar faul, aber wenn wir was machen, dann machen wir es richtig. Noch mal zu der Frage mehr oder weniger Mittelalter: Ein Streichorchester hat nichts mit dem Mittelalter zu tun. Und: Was ist Mittelalter? Frag ich mal die Frage zurück. Das weiß keine Sau. Da sind Noten, die irgendwann mal im 15. Jahrhundert aufgeschrieben worden sind. Und wenn früher da einer mit dem Dudelsack gestanden hat, oder mit einem anderen Instrument, das war so verstimmt, den haben sie erschlagen. Das war wirklich so… Wenn ein Spielmann damals die Möglichkeit gehabt hätte, die technischen Möglichkeiten, die es heute zu nutzen gibt, leg ich meine Hand für ins Feuer, dass er das gemacht hätte. Und: Da heißt es immer, der macht dieses und der und der, das ganze Konkurrenzdenken, das geht mir so am Arsch vorbei. Und man soll sich einfach weiterentwickeln, das ist meine Meinung. Es gibt immer Fans, die dich ihr ganzes Leben lang im Wohnzimmer gemietet haben, und wenn du nur auf den Balkon gehst, bist du ein Verräter. Und: Wenn du mit deiner Musik auch nur einen Euro verdienst, dann bist du ein Arschloch. Da sag ich nur „Fuck you“, echt, so hart wies klingt. IHR SEID AN EUREN FANS ABER SCHON TOTAL NAH DRAN, ALLEIN WENN MAN SICH EURE HOMEPAGE ANSIEHT… Das ist uns auch sehr wichtig. Wir gehen auch regelmäßig raus, die Leute mal treffen und so weiter und so fort, von den schon erwähnten dämlichen Fans hat’s ja insgesamt doch recht wenige. Das ist wie in ner Schulklasse: Da haste nen Dicken, da haste nen Dummen, da haste nen Großmaul, nen Stänkerer, das ist ja nix anderes… und son Querulanten, wie bei 6 Parteien im Hauseingang, so was gibt’s einfach. Da ist einer ein Querulant, ein Nörgler, und der kann dir das Leben zur Hölle machen. Und da bin ich drüber weg. Oder wir. KÖNNTET IHR EUCH DENN VORSTELLEN, WIE FRÜHER VERMEHRT AUCH AUF MITTELALTERMÄRKTEN ZU SPIELEN? Ich hab da 12 Jahre gespielt… Du wirst lachen, wir machen das manchmal noch. Das weiß dann nur keiner. Das läuft auch nicht unter unserem Label In Extremo. Das ist gar nicht lang her, da haben wir das gemacht, auch nicht aufm Mittelaltermarkt, einfach auf der Straße. Rothenburg ob der Tauber mit dem Bus angehalten, raus auf die Straße, Geld gesammelt, ab ins Cafe und das versoffen. Das weiß aber keiner, das machen wir heute noch, das bewahren wir uns auch. Aber wir haben keine Lust auf nem Mittelaltermarkt zu sein, wo sie alle 80mal das Palästinalied spielen. Ich bin schon sehr oft auf Mittelaltermärkten, ich guck mir das auch an, das macht ja auch Spaß. Aber ich muss ja schon manchmal schmunzeln, dieselben Drehungen, dieselben Ansagen, die zig Jahre alt sind, das ist schon lustig. Also, ich beschmunzel das ein wenig. Ich mein das auch nicht arrogant, das ist einfach so. Also wir sind da insgesamt schon sehr dran. BANDS IM MITTELALTER-BEREICH HABEN JA SCHON DEN RUF, ÖFTER MAL AUF DEN PUTZ ZU HAUEN UND ORDENTLICH ZU FEIERN. SEID IHR DA RUHIGER GEWORDEN? Sicher, wir sind eine Partyband. Aber wir wissen ja auch, wo’s drauf ankommt und wo nicht. Ich bin heute morgen um 8 Uhr ins Bett – okay, ich bin auch grad erst aufgestanden und leg mich auch gleich noch mal hin.. bei einer Tour ist eben nicht jeden Tag Party drin. Und wer das behauptet, dann sag ich einfach mal: Ja, okay. Glaub ich dir nicht. JÖRG: MORGEN HABT IHR DANN JA MAL RUHETAG… DA KÖNNT IHR EUCH HEUTE JA MAL GEHEN LASSEN (grinst) Ne, wir fahren ja noch weiter nach Köln heute Nacht. Da wachen wir auch alle morgen mittag erst auf. Ist aber gut für mich, ich wohn da ja gleich in der Nähe. Da fahr ich dann nach Hause. JÖRG: NICHT MEHR IN BERLIN? Ich wohn seit 12 Jahren in der Nähe von Köln, in so nem ganz kleinen Dorf, so ein 300-Seelen-Ort. Kennt keiner. DIE FRAGE, OB MITTELALTER IN RICHTUNG MAINSTREAM ABDRIFTEN KÖNNTE, KOMMT JA AUCH IMMER WIEDER AUF … ODER WIE DU VORHIN SCHON SAGTEST: WER MIT DER MUSIK EINEN EURO VERDIENT, IST KOMMERZIELL UND HAT LAUT EINIGEN STIMMEN AUS DER SCHWARZEN SZENE IN SELBIGER NICHTS ZU SUCHEN… Na ja, für so’n U2-Spieler bezahlst du einen Hunni Eintritt. Wenn ne englische oder amerikanische Band kommt und spielt ne Stunde, dann heißt es „Geil, geil“, spielt ne deutsche Band eine oder ne eineinviertel Stunde bist du ein Idiot. Das ist wirklich so. Die Deutschen machen mir zu schnell die Schubladen auf mit Mainstream. Was im Radio gespielt wird… Ich muss sagen, ich hör kaum noch Radio. Wenn ich’s anschalte mache ich’s aus, weil ich die Musik nicht mag, die gespielt wird. Das ist genau der Grund, warum ich’s nicht höre. Weil mir jede zweite Minute jemand das Ohr abkaut. Und dass das Geschmackssache ist, ist ja okay. Aber sich da hinzustellen, und wenn eine Band dort stattfindet zu sagen, das ist alles Mainstream oder Missachtung herauszuposaunen, vom dümmlichen Denken her, also die Schublade gleich aufzumachen, das find ich schon ganz schön frech. Mit „Küss mich“ z.B., wir haben so viele Kritiken einstecken müssen… das ist ein Hit, sag ich mal. Und den brauch ich dann gar nicht zu singen. Das versteh ich nicht. Oder Journalisten, sagen wir mal ein großes Magazin, oder eine Zeitung, sagen wir mal die Bild. Die wird 1 000 000 Mal verkauft, und ein Journalist schreibt seine Meinung. Er verbreitet seine Meinung und mindestens 500 rennen dem hinterher und sagen „Toll, das muss ja stimmen“. Entschuldigung, aber die Leute sollen mal mehr nachdenken. Das schlimme ist, dass sie es oft nicht tun. Einer sagt was und 1 000 000 laufen mit. Man sollte musikalisch auch sehr offen sein, also nicht nur sein Zeug hören. Einfach den Horizont eröffnen. Aber ich glaube, das ist überall so. Ich glaube das hat sich auch mit der Misslage hier zu tun, das Schubladending auf- und zuzumachen. IHR HABT JA AUF DER HOMEPAGE DAS HORIZONT-VIDEO VERÖFFENTLICHT MIT DEM KOMMENTAR, NIEMAND SOLLTE DER WILLKÜR DER MUSIKSENDER AUSGESETZT SEIN. HAT ES DA STRESS GEGEBEN? Nein, überhaupt nicht. Mit diesem Video hatten wir – ganz ehrlich – einen Regisseur an der Hand, der auch echt nicht auf uns gehört hat. Und wir haben dieses Video nicht den Sendern angeboten, weil wir’s scheiße finden. Punkt. Wir stehen nicht zu diesem Video. EINE LETZTE FRAGE BEVOR DU DICH AUFS KONZERT VOBEREITEST: HABT IHR BEI DER AUSWAHL DER VORBAND MIT EINTSCHIEDEN? Ja, natürlich. Wir haben da schon überall unseren Finger drauf. Das war eine Entscheidung von 10 Sekunden. Wir haben uns insgesamt 20 Sekunden Material angesehen und nach 10 Sekunden waren wir uns einig: Das passt. VIELEN DANK FÜR DAS GESPRÄCH UND VIEL SPASS GLEICH BEIM AUFTRITT Jo, bis später.

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