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LACRIMOSA (TILO WOLFF)

ALS ERSTES DANKE, DASS DU DIR DIE ZEIT FÜR DAS GESPRÄCH NIMMST … Na klar… ZU BEGINN GLEICH EINE OBLIGATORISCHE FRAGE: WIE IST DIE PRODUKTION DEINES NEUEN WERKS „SEHNSUCHT“ GELAUFEN? GING ALLES GLATT? Soweit es glatt gehen kann. Es ist natürlich schon so, dass man immer mal wieder an Punkte kommt, an denen man nicht weiß, wie es weitergeht, teilweise tut’s bei den Aufnahmen von LACRIMOSA emotional recht weh, weil ich da doch sehr in der Tiefe krame und das kann dann zu Momenten führen, wo es einem emotional etwas über den Kopf wächst. Aber letztendlich ist es so, dass das alles, was auf dem Album ist, so zu hören ist, wie ich es mir vorgestellt habe oder wie ich es mir erhofft hatte. Das hängt auch mit dem glücklichen Zustand zusammen, dass ich dieses Mal in meinem eigenen Studio aufnehmen konnte und daher nicht an Zeit oder an sonstige Termine gebunden war, sondern so lange aufnehmen konnte bis ich hundertprozentig zufrieden war. UND WIE LANG HAST DU AN DEM ALBUM GEARBEITET? Ich schätze alles in allem, also mit Pausen, wir waren ja zwischen drin auch auf Touren unterwegs war es über ein Jahr. Aber die letztendliche Produktionszeit werden so vier bis fünf Monate gewesen sein. DA DU GERADE ANGESPROCHEN HATTEST, WIE VIEL EMOTIONALES DABEI IST BZW. EIGENE ERFAHRUNGEN. SIND DA DEINE INSPIRATIONSQUELLEN AUSSCHLIESSLICH PRIVATE ERFAHRUNGEN UND ERLEBNISSE? ODER WO NIMMST DU DIE IDEEN HER FÜR DIE ALBEN? Absolut! Das ist alles sehr autobiographisch. Es ist eine Art Kommunikation. Ich habe das Bedürfnis zu kommunizieren, meine Gefühle, meine Gedanken aufzuschreiben. Und so kommt es dann zu den Texten, die in erster Linie gar nicht als Songtexte zu verstehen sind. Ich schreibe immer wieder etwas auf, aber nur 10 oder 20 Prozent davon verton ich dann hinterher. Das heißt, wenn ich Gedanken aufschreibe, dann ist das gar nicht als Songtext gedacht. Aber wenn mich dann ein Thema besonders mitnimmt und ich nicht mehr davon loskomme, dann setz ich mich an das Klavier oder nehme die Gitarre in die Hand und dann fang ich an, die Emotionen, die ich in den Text gebracht habe, in Musik fließen zu lassen, wie eine Art Soundtrack, der dann den Text vertont. So entstehen die Songs. Es ist nie ein Suchen nach Inspiration. Es ist eher ein Kommunizieren, ein Verarbeiten dessen, was ich erlebe. WIE KOMMT ES DANN, DASS DU BEI SONGS, AUCH VON FRÜHEREN ALBEN TEXTE AUS DER BIBEL ÜBERNOMMEN HAST. BEI „SANCTUS“ HATTEST DU DIE „ORDINARIUM MISSAE“ ÜBERNOMMEN, AUF „LICHTGESTALT“ HAST DU DEN 1. BRIEF DES PAULUS AN DIE KORINTHER VERTONT. Das kommt daher: Einerseits bin ich ein christlicher Mensch, der regelmäßig in die Kirche geht. Der Glaube bedeutet mir sehr viel. Andererseits oder daraus bedingt bewegen mich solche Themen oft sehr. Der Korintherbrief ist eine für mein Empfinden perfekte Definition von Liebe, die man nicht besser zu Papier hätte bringen können und demzufolge war es mir eben hier bei dem Titel das Bedürfnis, die Liebe zu greifen, und da ich es mit meinen eigenen Worten nicht hätte besser machen können, habe ich mich dieser Worte bedient. Es geht mir nie darum, mich selbst zu beweihräuchern sondern ein Ergebnis zu schaffen, dass mir hinterher Freude bereitet. Und wenn ich weiß, dass jemand anderes das schon einmal besser aufgeschrieben hat, dann muss ich da nicht auch noch meinen Senf dazugeben. KOMMEN WIR DOCH NUN ZUM AKTUELLEN ALBUM MIT DEM NAMEN „SEHNSUCHT“. AUS WELCHEM GRUND HAT ES 19 JAHRE GEDAUERT, BIS DU EINES DER SCHLAGWÖRTER AUS DEINEN TEXTEN ZU EINEM ALBUMTHEMA GEMACHT HAST? „SEHNSUCHT“ IST WOHL EINES DER MEISTGEBRAUCHTEN WORTE IN ALLEN LACRIMOSA-CDS. Tja, wenn ich das wüsste. Irgendwie ist das Thema immer mitgeschwungen. Die Sehnsucht als solche ist ja auch eins der großen Bestandteile meiner Antriebskraft oder –freude. Aber es war ja auch dieses Mal nicht wirklich geplant, als ich mit dem Album angefangen habe. Ich hab nicht geplant: „Jetzt mach ich ein Album, dass Sehnsucht heißt“ – das hat sich dann eher so herauskristallisiert. Ich glaube, gerade weil es so eine große Antriebsfeder für mich ist, und ich jetzt eine relativ lange kreative Pause hatte, weil wir viel getourt sind und das letzte Album schon ein paar Tage her ist, dass diese Sehnsucht zum Selbstzweck geworden ist. Einerseits die Sehnsucht, die mich beflügelt, allgemein in verschiedenen Fassetten, aber auch zum Selbstzweck, da sie umso stärker zum Ausdruck gekommen ist, weil sie so lang zurückgehalten wurde, da ich keine Möglichkeiten hatte, kreativ tätig zu sein. Ich glaube es hängt damit zusammen, wenn ich jetzt zum Beispiel noch ein Album zwischen der „Lichtgestalt“ und Diesem hier gehabt hätte, wäre das Thema womöglich ein Anderes geworden. Daher denke ich, dass das hier in der Natur der Sache liegt – dass der Staudamm zu lange geschlossen war und dann mit so einer Wucht herausgehauen ist, dass das Thema Sehnsucht sich selbst getroffen hat. DENNOCH HAST DU DAS WORT, SOWEIT ICH DAS MITBEKOMMEN HABE, IN DEN TEXTEN NICHT EIN EINZIGES MAL VERWENDET. LEDIGLICH IN EINEM TITELNAMEN TAUCHT ES AUF. ANSONSTEN TAUCHT ES NICHT IN DER LYRIK AUF. Das ist mir auch aufgefallen. Das war auch so nicht geplant. Das liegt wohl aber in der Natur der Sache. Wenn man darüber schreibt, muss man es nicht mehr betiteln, weil es sich ja sowieso alles um die Sehnsucht dreht. Deswegen kommt sie auch nicht vor. Wahrscheinlich wird es das einzige Album jemals sein, auf dem das Wort Sehnsucht nicht gesungen wird (lacht bei dieser Aussage) WIR (ALSO DER TERRORVERLAG) HATTE JA DIE CD SCHON ZUR REZENSION ERHALTEN. DA HÄTTE ICH EINE FRAGE, DIE ETWAS ABSEITS DER MUSIK LIEGT. DIE PROMO IST JA QUASI ÜBERSÄHT MIT VIOCEOVERS, SO ALLE 30 SEKUNDEN. GIBT ES EINEN GRUND, WARUM IHR DIESE PROMO SO EXTREM MIT SPRACHSAMPLES ÜBERÄT HABT? Ursprünglich war das nicht so geplant. Ich war auch selbst hinter ein bisschen überrascht, dass es im Mastering-Studio so gemacht worden war, als ich gesagt hatte, „haut da die VioceOver drauf.“ Letztendlich bin ich, ehrlich gesagt, ganz froh. Denn es hat keine 3 Tage gedauert, nachdem wir den Promo-Versand gemacht haben, da haben die ersten Journalisten das Ding schon ins Netz gestellt, was natürlich reichlich bescheuert ist. Aber da dachte ich mir, das ist der beste Beweis dafür, dass es nötig war, so viele VoiceOvers drauf zu machen, sonst würde die CD deutlich näher zum finished product im Netz stehen und das ist natürlich nicht in meinem Sinn. DAS FINDE ICH PERSÖNLICH ABER SCHON ZIEMLICH KRASS, WENN DAS VON DER JOURNALISTENSEITE SO GEHANDHABT WIRD… Das ist ja das Traurige. Deswegen gibt es ja die VoiceOvers, da es tatsächlich so bescheuerte Journalisten gibt, die nichts Besseres zu tun haben, als die CDs, die sie zur Review zugeschickt bekommen haben, ins Netz zu stellen. Es ist unglaublich! Es sind natürlich immer nur eine Hand voll, aber darunter leiden muss dann letztendlich Jeder. Man weiß ja im Vorfeld nicht, wem man da zu 100% vertrauen kann und wem nicht, respektive, ich hab mal eine ganz interessante Story gehört: Der ehemalige Chefredakteur von einem großen Magazin hat im Vertrauen eine von 3 DEPECHE MODE-CDs, also das ist schon ein paar Jahre her, also nicht die aktuelle, zur Review bekommen. Und es sind also nur 3 Stück an deutsche Redakteure ausgeliefert worden und eine ging eben an diesen Chefredakteur. Und der hat tatsächlich nichts Besseres gewusst, als diese ins Netz zu stellen. Natürlich war die watermarked und man hat herausgefunden, wer das war. Der hat dann natürlich seinen Job und in der Musikbranche sämtliche Credits verloren. ABER selbst bei einem Versand von nur 3 CDs – und er wurde auch gewarnt: „Mach nichts! Wir vertrauen Dir!“ Und selbst das hat nicht funktioniert. Das ist traurig. Aber man muss sich leider schützen. DAS IST KLAR. MAN STECKT JA AUCH VERDAMMT VIEL HERZBLUT IN SO EIN ALBUM, VOR ALLEM WENN ES SO VIELE PERSÖNLICHE EINFLÜSSE HAT, WIE AUCH DIE LACRIMOSA-CDS. Das absolut! Andererseits aus finanziell. Einerseits das Herzblut, was du angesprochen hast, das tut verdammt weh, wenn dann jemand so respektlos damit umgeht, und auf der anderen Seite ist es natürlich auch fatal, weil die Produktion auch einen Haufen Geld kostet. Und verschenken kann ich das nicht. Von daher ist es doppelt übel. VERSTÄNDLICH! DANKE, DASS DU DA SO OFFEN GEANTWORTET HAST. ABER LASSEN WIR DAS THEMA UND KEHREN ZURÜCK ZUR EIGENTLICHEN MUSIK. AUFGEFALLEN IST JA, DASS DU DICH SEIT „ANGST“ IMMER WEITER KLASSISCH ENTWICKELT HAST. „ANGST“ WAR JA EIN REINES ELEKTRONIK-PROJEKT, ÜBER „EINSAMKEIT“ MIT SPARTANISCHEN E-GITARREN BIS HIN ZU DEN METAL-LASTIGEN SACHEN WIE „STILLE“ UND „INFERNO“ UND SEIT „ELODIA“ MIT SEHR VIEL KLASSIK, ORCHESTERN UND CHÖREN. KANNST DU DIR VORSTELLEN, AUCH MAL EINE RICHTIG KLASSISCHE SINFONIE ZU KOMPONIEREN, SO WIE EINST BEETHOVEN ODER MOZART? Eigentlich nicht, weil mich die Interaktionen zwischen den verschiedenen musikalischen Welten faszinieren. Das finde ich, ist das Spannende. Ein rein klassisches Werk zu schreiben, a) es gibt so wunderbar tolle Sachen – das würde ich niemals so hinbekommen und b) ist es dann halt nur die eine Seite. Es ist so, wenn ich mir eine klassische CD anhöre, also nicht bei allen aber bei vielen Sachen, wird es mir nach einer halben Stunde irgendwann langweilig, weil ich mal eine Gitarre brauch oder ein bisschen Härte. Genauso ist es wenn ich mir eine Rock- oder Metal-Platte anhöre, dann wir es mir spätestens nach dem 5. Song „Schlagzeug, Bass, Gitarre“ auch langweilig, da ich eben diese beiden Welten brauche und dieses Spannungsverhältnis was entsteht, wenn man diese beiden Welten aufeinander loslässt. Das ist das, was mich interessiert und fasziniert. Demzufolge glaube ich nicht, dass es mal ein rein klassisches LACRIMOSA-Album geben wird. UND WAS SPRICHT DICH DA PRIVAT AN MUSIK AN? Das ist unterschiedlich. Es fängt an mit Gothic-Rock Bands aus den 80ern: JOY DIVISION, alte BAUHAUS, alte SISTERS OF MERCY und solche Sachen, die mir nach wie vor sehr viel bedeuten, über Death Metal aus den 90ern bis zu TESTAMENT. Ich hab mich auch sehr über die neue GUNS N ROSES gefreut. Ich habe aber auch viel Pop-Musik, wie zum Beispiel Amy MacDonald, die mich sehr an die frühen Jahre von NEW MODEL ARMY erinnert – auch wenn sie in einem anderen kommerziellen Umfeld stattfindet, dennoch viele musikalische Parallelen zu erkennen sind. Dann aber auch klassische Sachen. Ganz faszinierend finde ich vieles aus der Romantik und der direkten Klassik. Aber auch Barock finde ich sehr interessant. Was mich sehr fasziniert, ist auch Gambenmusik. Ich glaube, es gibt kein traurigeres oder einsameres Instrument als die Gambe. Die hatte ich teilweise auch schon bei LACRIMOSA verwendet. Musik muss für mich einfach immer emotionalen Tiefgang haben oder die Freude an der Musik, den Spielspaß herüberbringen, dann kann ich etwas damit anfangen. Ich kann wenig damit anfangen, wenn es einfach nur zum einen Ohr reingeht und zum anderen raus, belanglose Musik, die nicht hängen bleibt. Das macht mich eher aggressiv oder mir wird schlecht. Das kann ich nicht haben. DA DU DIE INSTRUMENTE ANSPRICHST, Z.B. DIE VON DIR VERWENDETE GAMBE. BEI DEINER MUSIK HERRSCHT JA GROSSE VIELFALT AN INSTRUMENTEN. EMPFINDEST DU DAS NOCH ALS GOTHIC, ODER WIE WÜRDEST DU DEINE MUSIK BESCHREIBEN? In keiner Weise – egal um was es geht, denke ich in Schubladen. Ich mag den Crossover-Gedanken ganz gern. Es ist natürlich wichtig, dass man sich seiner Wurzeln bewusst ist. Da ist es ganz klar: Ich komm vom Gothic und das sind meine Wurzeln. Ich finde es auch nicht gut, wenn Menschen ihre Wurzeln verleugnen, nur weil sie denken, dass der momentane Zeitgeist es so vorgibt. Aber ich finde es spannend, wenn man verschiedene Dinge zusammenbringen kann und demzufolge würde ich LACRIMOSA nicht als reinrassigen Gothic bezeichnen, auch wenn es natürlich massive Einflüsse gibt und ich aus der Szene komme. Ich sehe LACRIMOSA schon deutlich vielseitiger. Im Prinzip ist es eine Summierung von tiefgehender Musik verschiedenster Genre und Zeiten. Was ich hier mache, ist mich an Instrumenten zu bedienen, angefangen vom Orchesterinstrument, über Rock bis hin zur Elektronik, und bringe das nach meinen persönlichen musikalischen Verständnis zusammen. Ich bin der Überzeugung, dass wenn jemand wie Beethoven die Möglichkeit gehabt hätte, eine elektrische Gitarre zu verwenden, dass er das durchaus gemacht hätte. Wenn man sich Aufnahmen zeitgenössischer Instrumente anhört, dann stellt man fest, dass das, was z.B. Beethoven gehört hat, als er seine Musik komponiert hat, etwas ganz Anderes ist, als das was wir heutzutage hören. Zwar konnten damals die Instrumente zu Zeiten Beethovens Dynamik wiedergeben. Zu Zeiten wo Bach komponierte, konnte eine Geige oder Cello nicht laut und leise spielen. Da gab es nur diesen einen Ton. Deshalb heißt das Klavier ja auch Piano, ursprünglich Piano Forte, weil das das erste Instrument war, was eine Dynamik wiedergeben kann. Im Barock hatte man diese Treppendynamik, dass, wenn man es lauter haben wollte, viele Instrumente gespielt haben und wenn man es leise wollte, nur wenige. All das konnte später mit den moderneren Instrumenten filigraner betrachtet werden. Trotzdem war ein Cello zu Zeiten von Beethoven deutlich härter, rauer und rabiater als dieser wunderbare schöngeistige Klang, den wir heutzutage mit diesem Instrument verbinden. Wenn man sich dann gewisse Kompositionen von ihm anhört, in denen er ganze Cello-Sektionen zusammen mit Kontrabässen sozusagen einen Riff spielen lässt, dann ist das nichts anderes als ein Gitarrenriff, was man heutzutage kennt. Es klang tatsächlich ganz ähnlich, wenn man es mit zeitgenössischen Instrumenten spielt. 99 Prozent der Aufnahmen, die man heute hört sind aber an die heutige Hörgewohnheit angeglichen und das klingt nun mal viel schöner… …WEICHER? Genau! Weicher, lieblicher. Es hat aber nicht mehr viel mit dem zu tun, was sie damals komponiert haben. Aber um zurück auf deine Frage zu kommen (lacht): Wenn die damals die Möglichkeit gehabt hätten, dann hätten sie auch Instrumente wie eine verzerrte Gitarre genutzt. Was ich mache, ist nichts anderes, als das jetzt zusammen zu bringen. Demzufolge würde ich, um deine Frage zu beantworten, LACRIMOSA nicht allein im Gothic sehen, weil ich halt deutlich andere Einflüsse, Instrumentalisierung und Arrangements hereinließen lasse, die so im Gothic nicht unbedingt stattfinden. Auf der anderen Seite hat sich der Gothic in so viele Richtungen entwickelt, dass man eigentlich sagen könnte, dass es egal ist. Alles könnte man als Gothic bezeichnen, wenn Derjenige, der es gemacht hat, es als Gothic bezeichnet. Das Lustige ist ja, dass 99 Prozent der Sachen, die in Gothic-Clubs laufen, von Künstlern kommen, die der Meinung sind, nichts mit Gothic zu tun zu haben. DA DU DEN CROSSOVER-GEDANKEN GENANNT HAST. DU HAST, SEIT DU BEI „ANGST“ UND „EINSAMKEIT“ SEHR SAUBER UND AKZENTUIERT GESUNGEN HAST, DEINEN STIL AUCH GEÄNDERT. ANGEFANGEN BEI „COPYCAT“, DAS SCHON EINEN BLACK METAL-LASTIGEN SOUND HATTE BIS ZUM JETZIGEN WERK MIT SEINEM SEHR EMOTIONALEN UND VIELFÄLTIGEN GESANG. WIE HAT SICH DAS ENTWICKELT? WIE LEGST DU FEST, WIE DU WAS SINGST? Das hängt vom Text ab und wie ich ihn verstehe, respektive interpretiere. Natürlich ist über die Jahre auch Erfahrung hinzugekommen. Einerseits habe ich meine Stimme besser kennen gelernt, andererseits habe ich gelernt, wie man Dinge tunlichst singt oder eben nicht singen sollte. (lacht) Ich finde es manchmal interessant, wenn ich auf Platten höre, wie jemand sich ganz viel Mühe gibt beim Singen und dabei aber ganz böse Sachen singt, das aber halt so schön singt, weil er beweisen will wie gut er singen kann. Das ist dann aber am Ziel vorbei. Wenn man schlimme Sachen singt, dann sollten die auch schlimm klingen und man sollte dabei vergessen, dass man jemanden beeindrucken will oder zeigen möchte, wie toll man singen kann. Das ist dann nebensächlich. Man sollte sich schon komplett dem Inhalt unterwerfen und das ist das was ich versuche zu machen. Ich versuche so zu singen, wie ich den Text empfinde, wenn ich den Text schreibe, wie ich denke wie er umgesetzt werden soll, wenn ich ihn im Inneren höre. DAS WAR DANN AUCH DIE GRUNDLAGE FÜR DEN KINDERCHOR BEI „FEUER“? Ja, hier hatte ich ja musikalisch dieses Streicherthema und demgegenüber dieses Gitarrenriff gesetzt. Da habe ich beim Gesang gemerkt, ich brauche hier auch einen Kontrapunkt. Ich nehme sozusagen die Rolle der Gitarre ein mit meinem Gesang, aber dieser schreiende Mann reicht eben allein nicht! Er braucht eben den Kontrapunkt, den ich musikalisch in den Streichern habe. Also kam mir hier die Idee, diesen Kontrapunkt in Form eines Kinderchores zu wählen, da diese Kinder im Sinne von unschuldig, rein und nett, klar, Kinder können sehr grausam sein – ich weiß, aber ihre Stimmen klingen auf jeden Fall sein rein und sehr naiv im Gegensatz zu dem, was ich gesanglich abgeliefert habe. Und das war für mich dieser Kontrapunkt, den ich dazu brauchte um dieses Stück musikalisch und inhaltlich rund abschließen zu können. AUF DEM COVER IST JA AUCH WIEDER DIESER HARLEKIN DRAUF. ER „VERFOLGT“ LACRIMOSA SEIT JEHER. WIE KAMST DU EIGENTLICH ZU DIESEM HARLEKIN? Ich habe LACRIMOSA ja nicht „Tilo Wolff“ genannt sondern LACRIMOSA, obwohl es als Solo-Projekt angefangen hat. Aber ich wollte zunächst einmal von mir ablenken. Zunächst hatte ich auch nicht vorgehabt, überhaupt in Erscheinung zu treten. Und so wollte ich dann eben auch eine Figur an meine Position stellen, und das ist dann der Harlekin gewesen, in dem Gedanken, einerseits eine Figur zu haben, die für Unterhaltung steht, die die Menschen ein paar Minuten aus ihrer Welt herausreißt und sie in eine andere Welt entführt. Und auf der anderen Seite steht der Harlekin aber auch für das weinende und das lachende Auge, so dass es eben nicht nur um bloße Unterhaltung geht, sondern auch um Themen, die tiefer gehen als das bloße Make-Up, die bloße Schminke, das bloße Unterhalten, das oberflächliche Vorstellen von irgendwelchen künstlerischen Darbietungen. Dass es da eben einen Inhalt gibt, dieses weinende Auge, das es eben auch in die Tiefe geht. Und das war der Gedanke. am Anfang hatte ich einen Totenkopf mit einer Harlekinsmütze, aus dem ich dann das Logo gemacht habe. Das wiederum hat mich auf die Idee gebracht, ihn wirklich zu Leben zu erwecken und als Figur im Artwork stattfinden zu lassen. ER INTERAGIERT JA AUCH SEIT „SATURA“ MIT DER FRAU. FÜR WAS STEHT SIE? Sie hat eine starke Bedeutung. Sie ist ja die Elodia, die immer wiederkehrt in verschiedenen Art und Weisen. Gut, jetzt ist sie 1999 auf dem Album „Elodia“ gestorben, kommt einerseits als Geisteswesen wieder, wie sie auch auf der „Satura“ erschienen ist, um zu zeigen, dass sie aus dem Reich der Toten zurückkommt, andererseits auch um eine Verbindung zu den alten Alben herzustellen, da ich das neue Album sehr nahe am Ursprung von LACRIMOSA angegliedert sehe. Dass sie hier überhaupt erscheint, soll im Übrigen auch zum Ausdruck bringen, dass die Sehnsucht stärker sein kann, als der Tod. Im Prinzip ist sie die personifizierte Sehnsucht. Sie, die Elodia, versinnbildlicht das, wonach ich mich immer strecke, wonach ich immer versuche mich zu orientieren. Daher ist sie in dieser Kirche damals überlebensgroß erschienen. Sie symbolisiert im Prinzip die Sehnsucht. Und da diese Sehnsucht, wie du ja richtig erkannt hast, schon immer ein massives Thema bei LACRIMOSA war, war es irgendwann wichtig und Zeit, dass auch diese Sehnsucht, personifiziert, respektive visualisiert wird, da ich eben sehr visuell funktionier und so eine visuelle Umsetzung immer brauch. DA DU DIE VERBINDUNG ZU DEN ERSTEN ALBEN ERWÄHNST. KANNST DU DIR VORSTELLEN, NOCH EINMAL ETWAS ZU MACHEN, WAS WIE „ANGST“ ODER „EINSAMKEIT“ KLINGT, MIT SO EINER SPARTANISCHEN INSTRUMENTALISIERUNG? Aus der momentanen Sicht heraus nicht, weil ich das schon gemacht habe und mich nicht wiederholen möchte. Das ist mir ein Gräuel, da ich weiterkommen will und ich auch immer wieder etwas tun will, was neue Facetten zeigt. Ich mach ja die Musik, um sie selber hören zu können und wenn ich so etwas hören will wie auf den ersten Alben, dann habe ich ja jederzeit die Möglichkeit, das zu tun. Ich muss allerdings dazu sagen, wenn ich heutzutage in der Zeit zurückgehen könnte, diese Alben noch nicht gemacht hätte, dann würde ich sie jederzeit wieder machen! Sie sind wichtig. Sie sind das Fundament von LACRIMOSA und ich möchte sie auf keinen Fall missen! UND DIESES FUNDAMENT IST VOR 19 JAHREN GELEGT WORDEN. DAS HEISST, LACRIMOSA WIRD NÄCHSTES JAHR 20. GIBT ES DA PLÄNE? DAS IST JA EIN GROSSER GEBURTSTAG IM MUSIKBUSINESS. (Lacht laut) Ja, aber der 25. ist noch größer. Ich hab da keine großen Pläne im Moment. Wir sind ja gerade in der Veröffentlichung dieses Albums und im Juli beginnt dann die Tournee, die dann bis fast zum Ende des Jahres laufen wird. Demzufolge ist da auch gar nicht groß Zeit, etwas anderes zu planen. Es wäre natürlich schön, wenn wir doch noch die Zeit und die Gelegenheit finden, etwas zu tun. Wenn es ein Event geben würde, dann würde das kein Konzert oder Ähnliches sein, weil man das nur wieder auf ein Territorium konzentrieren könnte, auf eine kleine Schicht von Leuten, was sehr schade wäre, weil man das nicht mit alles teilen könnte. Wenn, dann würde ich eher etwas wie eine Veröffentlichung machen, die man dann weltweit herausbringen und somit mit allen teilen kann. Ich freu mich jetzt sehr auf den 08.05. Ich finde diesen Moment immer großartig, wenn man mehr oder weniger zeitgleich die neue Musik hören kann. Es ist im Prinzip so, als ob man auf verschiedenen Teilen der Erde ist und im gleichen Moment zum Mond schaut. In diesem Moment ist man miteinander verbunden, und das finde ich dann schon sehr spannend. Und so etwas würde ich dann tun, als Jubiläumsgeschenk. Denn ohne das Publikum gäbe es die Band nicht seit 20 Jahren. UND DU DENKST AN DEN 25. GEBURTSTAG. ALSO IST KEIN ENDE IN SICHT FÜR LACRIMOSA? Das ist mein Leben! Und ich kann mir im Moment ein Leben ohne LACRIMOSA nicht vorstellen. Vielleicht kommt mal der Tag, an dem ich mir da vorstellen kann, aber im Moment nicht. Und demzufolge sehe ich LACRIMOSA immer an meiner Seite, solang ich in die Zukunft blicken kann (lacht). ICH DENKE MAL, DEINEN FANS GEHT ES DA GENAUSO. (lacht) DU HATTEST JA DIE TOUR ANGESPROCHEN. IM MOMENT KURSIEREN JA NUR 3 TERMINE: BERLIN, LEIPZIG UND EINS IN DER NÄHE VON CHEMNITZ. WIRD ES NOCH MEHR KONZERTE GEBEN? Oh, Berlin und Leipzig? Da hast du mehr Termine wie ich. Da haben wir noch gar nichts bestätigt im Moment… ICH HATTE ES IM INTERNET GELESEN. KANN JA AUCH MEHR WUNSCHDENKEN SEIN… …das glaube ich auch. Bestätigt ist im Moment in Deutschland nur das Konzert bei Chemnitz. Wir werden allerdings demnächst die nächsten Konzerte in Deutschland bestätigen. wir haben heute ein paar lateinamerikanische Daten online gestellt, die jetzt bestätigt sind. Die Tour wird in etwa so ablaufen, dass wir im Juli in Brasilien starten und das wir uns während des Sommers durch Latein-, Zentral- und Südamerika touren und gehen dann auf der anderen Seite der Welt gegen die Datumsgrenze nach Japan und von dort nach China und ich glaub Korea und Taiwan und kommen dann so ca. im September in Deutschland an und werden dort ca. 6 Konzerte spielen. Berlin ist zwar angedacht. Aber da haben wir noch kein fixes Datum. Aber das kommt dieser Tage. GIBT ES AUCH IDEEN FÜR DEN SUPPORT ODER TRETET IHR ALLEIN AUF? Ich habe nichts gegen Supportbands. Aber noch haben wir keine Passende gefunden. Also lieber trete ich ohne Supportband auf, als das was spielt, was ich nicht so für passend erachte. Wir sind aber im Moment noch am Suchen, sozusagen. WIE HÄLTST DU EIGENTLICH BEI SO EINER WELTTOURNEE DEINE STIMME FIT? DIE KLIMAUNTERSCHIEDE SIND JA DOCH RECHT DERB. Ich will nichts verschreien, ich weiß nicht, ob es in Zukunft immer wieder so gut geht. Aber bisher ging es eigentlich ganz gut, weil ich mich etwas schone. Ich versuch nicht vor dem Konzert noch 20 Interviews zu geben. Es ist auch ein bisschen Glück oder auch die Freude an der Musik. Bisher hat es immer gut geklappt und ich hoffe mal, dass es weiterhin auch gut klappen wird. DAS HOFFE ICH AUCH. ICH DANKE DIR FÜR DAS TOLLE GESPRÄCH, WÜNSCHE DIR VIEL ERFOLG MIT DEM ALBUM UND DER TOUR. DIE LETZTEN WORTE GEHÖREN DIR. Als erstes Dir herzlichen Dank. Es hat mir auch viel Spaß gemacht. Es ist 4 Jahre her, dass wir in Deutschland getourt haben. Ich hoffe mal, dass viele Leute die Geduld aufgebracht haben und solange auf uns gewartet haben. Es ist ja doch immer wieder schon, wenn man so viel in der Welt unterwegs ist, nach Hause zu kommen und die Möglichkeit zu haben in Deutschland zu spielen. Von daher freue ich mich sehr auf die Konzerte. Allerdings sollte jeder auf unserer Website nachschauen. Denn nur dort sind die tatsächlichen Konzerttermine vermerkt. Denn wie ich gerade gemerkt habe, sind da Gerüchte von irgendwelchen Konzerten am Laufen. Nicht dass es da Enttäuschungen gibt, weil sich jemand auf Konzerte freut, die er im Netz gesehen hat und die letztendlich gar nicht stimmen. Denn nur die einzig wahren richtig echten Konzertdaten gibt’s bei uns auf der Website.

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