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LETZTE INSTANZ (HOLLY)

DER TITEL DES AKTUELLEN ALBUMS „HEILIG“ DEUTET AUF RELIGIÖSE THEMEN HIN. DU BIST NICHT RELIGIÖS IM HERKÖMMLICHEN SINNE. DEMNACH DRÄNGT SICH DIE FRAGE AUF, WAS IST DIR HEILIG, BZW. WELCHE THEMEN SIND DIR SO WICHTIG, UM SIE IN DIESEM KONTEXT ZU BESINGEN? In erster Linie geht’s bei dem Album „Heilig“ ja nicht um Religion an sich. Da gibt’s ja bloß ein Lied, das ist „Die Erhabene“, welches im weitesten Sinne Religion anspricht, nämlich die Erhabene als solche, Maria Magdalena. Ansonsten haben wir versucht, mehr spirituelle Aspekte zu nehmen, also Glauben – das ist das eine – Glauben hat vielleicht noch nicht einmal was mit Religion zu tun: An Gott glauben, an sich selber glauben, an das Gute glauben, Paolo Coelho – Krieger des Lichts – das ist auch Glauben. Die Frage, was mir persönlich wichtig ist, ist eine sehr gute Frage: Meine Tochter. Und ich persönlich versuche – was natürlich nicht immer klappt, aber ich versuche es – Momente, jeden einzelnen Moment, so bewusst wie möglich zu erleben und da gehört auch Abschied mit dazu, Liebe, Orgasmen. Das sind durchaus sehr intensive Momente (grinst) und alles, was intensiv ist, ist auch in gewisser Weise heilig. ERZÄHL DOCH MAL ETWAS ÜBER DIE TRILOGIE, DEREN ZWEITER TEIL „HEILIG“ DARSTELLT. HABT IHR DAS KONZEPT IN DER GESAMTHEIT ENTWICKELT, ODER WÄCHST ES MIT JEDEM TEIL, DER NEU ENTSTEHT? Es ist beides in gewisser Weise, weil als „Schuldig“ fertig war, hatten wir noch ziemlich viel Material über, was durchaus in diesen Kontext hätte passen können. Und dann haben wir gesagt: „Andere Leute machen Doppelalben. Machen wir einfach eine Trilogie“. Zugegebenermaßen kam uns diese Idee in Holland, nach einem Konzert (grinst). Das haben wir dann einfach weitergesponnen und dann war ziemlich schnell klar, wohin es gehen soll. Erstens wollten wir das, was wir mit „Schuldig“ vollendet haben, in diesem Sinne – weil es galt ja erst einmal als „Einzelalbum“ – weiterführen, weil zum ersten Mal in der Bandgeschichte war das ein Album, wo jeder in der Band mit zufrieden war. Man hatte also sonst immer so „Jaa, dieses eine Lied gefällt mir nicht, aber die anderen 4 mögen es, also kommt es halt mit drauf“. Aber bei „Schuldig“ war das so, durchweg jedes Lied war geil… … JEDES LIED EIN TREFFER! Jedes ein Treffer! Ja, sicher! Und das Material, was dann schon da war, schlug in dieselbe Kerbe und dann dachten wir „Naja, ok, dann machen wir halt ne Trilogie“. Da wurde dann drum herum das Konglomerat gesponnen, wir wir’s angehen wollen. Schuldig, Heilig – und was kommt dann?? Hehehehe.. Wenn es fertig ist, dann hoffen wir, dass sich das dann erschließt. Aber ich glaube, das erschließt sich jetzt schon. „Schuldig“ und „Heilig“ sind zwei religiöse und spirituelle Begriffe und das dritte wird dann ebenfalls so werden. Und wir hoffen, dass wir den Spagat hinkriegen, einerseits ein gutes Konzept zu haben – also ein gutes Konzept zu haben, was nicht zu schwierig ist, nicht zu künstlerisch – und das andererseits nicht zu mainstreamig ist. Da glaube ich, dass der Spagat schon sehr groß ist. Das müssen wir vorher noch Dehnungsübungen machen, dass wir’s schaffen. SPIELEN DIE KONZEPTE BEI DER ENTSTEHUNG DER MUSIK EINE ROLLE? DAS WORT „SCHULDIG“ IST NEGATIV BEHAFTET, PASSEND DAZU SCHEINEN AUCH DIE GITARREN VORDERGRÜNDIGER UND LAUTER ZU SEIN ALS AUF „HEILIG“. EIN ZUFALL ODER EINE BEWUSSTE ENTSCHEIDUNG, DIE SONGS AUF „HEILIG“ NACHDENKLICHER KLINGEN ZU LASSEN? Wir haben bei „Heilig“ noch versucht, das Ganze ein bisschen breitbandiger zu machen. „Schuldig“ ist ein Rockalbum, wie du schon sagst: Gitarre, Gitarre, Gitarre und ein bisschen Stimme und ein bisschen Geige und Cello. Bei „Heilig“ haben wir versucht, auch ein paar Stücke raufzunehmen, die das Cello und die Geige, die Streicherinstrumente, ein bisschen mehr in den Vordergrund bringen, aber auch Lieder zu schaffen, die für andere Situationen außerhalb der Bühne und außer „laut“ gemacht sind. „Die Winterträne“ z.B. oder „Der Kuss“, die kann man ja durchaus auch mal zu Hause nachts hören, wenn man traurig ist, dann hört man sich das an und wird dann gleich mal noch trauriger (lacht). Wir haben versucht, gerade bei „Heilig“ noch ein bisschen mehr in die Breite zu gehen, und deswegen entsteht dann eventuell der Eindruck, dass es nicht ganz so rockig ist – stimmt ja auch. WIE SCHWIERIG IST ES, BEI 7 BANDMITGLIEDERN ALLE MEINUNGEN UNTER EINEN HUT ZU BEKOMMEN? Na ja, ich sag mal so: In meinem Studio kann ich machen, was ich will, insofern… (lacht) Nein, ich bin ja bloß der Sänger. Es ist schon schwierig. Wir haben jetzt mittlerweile in der 14/15-jährigen Geschichte der Band Mittel und Wege gefunden, wie man miteinander umgeht. Wir haben eine gute Gesprächskultur, wir haben eine gute Streitkultur. Und es kristallisieren sich im Laufe der Jahre so bestimmte Wege und Arbeitsfelder heraus, die jedem einzelnen liegen. Ich befasse mich als Frontmann der Band natürlich in erster Linie mit den Fans und bin das Gesicht, schreibe einen Großteil der Texte. Ein paar schreibt auch der Benni Cellini. Der wiederum arbeitet hinten in meinem Rücken und korrigiert und lektoriert die Texte. Als Berliner hat man dat ja immer mit dem Dativ und dem Genitiv und so. Da kommt dann der Benni und sagt „Hier, pass mal auf, das kannst du so nicht bringen!“ (grinst) Der Holly D und der M. Stolz, die komponieren, die kümmern sich also um die Musik als solche. Und so fallen eben jedem anderen auch gewisse Aufgaben zu. Diskutiert wird trotzdem. Irgendwo hat man dann auch das Recht, Veto einzulegen. Das Chaos haben wir aber überwunden. HILF MIR MAL AUF DIE SPRÜNGE! WENN ICH AUF EURE HOMEPAGE SCHAUE, STEHT DORT ALS EUER SCHLAGZEUGER DAVID PÄTSCH, ABER IM BOOKLET IST DER SPECKI T.D ALS DRUMMER AUSGEWIESEN. Im Cover steht ausdrücklich drin „Gastmusiker“. Bei „Schuldig“ war er festes Bandmitglied und als „Heilig“ eingespielt und im Mix war, hat Specki beschlossen, die Band zu verlassen. Wie das so ist, in jeder Beziehung, in jeder Familie, irgendwann wird man flügge und geht oder wie auch immer. Ist alles im Guten auseinandergegangen. Aber nun war das ja alles eingespielt. Nun konnte man ja nicht sagen „Nun schmeißen wir das alles weg und David: Mach mal ran!“ David wird das nächste Album einspielen und so erklärt sich das. Specki hat halt alles eingespielt und dann die Band verlassen und deswegen steht er noch als Gastmusiker im Booklet drin, um ihm auch ein wenig Achtung zu zeigen. EUER SCHLAGZEUGER DAVID PÄTSCH HAT FRÜHER BEI SVBWAY GEZOCKT. NUN SEID IHR BEREITS ZUM ZWEITEN MAL BEI DER EISHEILIGEN NACHT AN BORD. GAB ES DA DEN EINEN ODER ANDEREN „DELIKATEN“ MOMENT? Dass David bei SVBWAY gespielt hat, ist schon lange her. Ich weiß nicht so genau um die Geschichte, aber es ist lange her. David hat vor 6 Jahren glaube ich da aufgehört. Es ist auch relativ im Guten auseinandergegangen. Wir sehen es ja heute: Sie stehen zusammen und unterhalten sich. Vergangenheitsbewältigung im positiven Sinne. Wie alte Kameraden. So zieht sich das durch die gesamte Szene hindurch. Da gibt es ja Leute, die haben bei der Band gespielt und dann bei der und dann bei der… Da gibt es halt keine Konkurrenz. KURZ NACH DEINEM EINSTIEG HAST DU AB UND AN BEMERKT, DASS DEIN SELBSTBEWUSSTSEIN NICHT BESONDERS AUSGEPRÄGT SEI. NUN PRANGT DEIN KONTERFEI AUF DEM COVER DER „HEILIG“ CD. FÜHLST DU DICH NACH 5 JAHREN NOCH ALS NACHFOLGER VON SEBASTIAN LOHSE? Naja, das ist eine heikle Frage. Als Nachfolger (grübelt)… Sicher, ich BIN ja der Nachfolger des alten Sängers. Wie auch der alte Sänger auch Nachfolger des vormaligen alten Sängers war. Ich bin ja der 3. Sänger in der Band. Aber ich sehe mich nicht als Nachfolger, sondern ich bin Teil der Band. Die Letzte Instanz ist mit mir gewachsen und ich bin mit der Letzten Instanz gewachsen, wie jeder einzelne Musiker in der Band auch. Ich glaube ein großer Wechselpunkt war die Unplugged-Tour, wo ich im Prinzip vorne stand und alle anderen saßen und ich als schüchterner Bub mit Frau Schmitt und Anna Katharina Kränzlein im Schlepptau durch das Programm führen musste. Da hatte ich 10 Tage Zeit und am 10. Tag wurde es aufgenommen. Und innerhalb dieser 10 Tage hat es gut geklappt. Ich mag Arroganz nicht und halte mich auch sonst gerne im Hintergrund – aber die Bühne ist meine! SEID IHR ALS BAND IN ASPEKTE WIE BÜHNENOUTFITS ODER KONZEPTION VON COVERARTWORKS INVOLVIERT, ODER LASST IHR DAS EHER VON ANDEREN ERLEDIGEN? Nein, das machen wir selber. Nun ist es allerdings das erste Mal, dass wir extra einen Schneider beauftragt haben. Der hat das ganz gut gemacht. Die Outfits halten noch, auch nach einer Tour. Mal sehen wie’s weitergeht. Aber um solche Sachen kümmern wir uns selber. Wir haben unsere Crew, wir sagen denen, was und wie wir es wollen und die sagen uns, was technisch möglich ist. Bei den Konzepten redet uns niemand, also auch nicht die Plattenfirma rein. Die Plattenfirma vertraut uns da auch. Wir sind ja schon etwas älter und hatten demzufolge schon öfter die Gelegenheit, unseren gesunden Menschenverstand unter Beweis zu stellen. Demnach wird gesagt: „Ihr steht dort auf der Bühne und müsst durch das Programm führen und werdet schon alles richtig machen und Euch nicht nackt ausziehen.“ (grinst) …Untenherum jedenfalls nicht. DU HÖRST PRIVAT EHER RUHIGE MUSIK. IST DAS EIN BEWUSSTER KONTRAST ZUM SONST EHER ROCKIGEN BANDSOUND DES „ARBEITSPLATZES“? Das kann man so nicht als Dogma stehen stehen lassen. Es gibt Momente, da habe ich Bock auf Punk oder Rock. Momentan höre ich grad THRICEs „The Alchemy Index“. Sehr coole Band, die Musik ist sehr empfehlenswert. Ansonsten viel Klassik, oder – da ich das Glück habe in einem Haus am See zu wohnen – nur den Kranich, den Fuchs und alles, was da kreucht und fleucht. Einfach am Steg sitzen und eins mit dem Universum werden. BANDS AUS DER SCHWARZEN SZENE SCHEINEN MOMENTAN IN DEN CHARTS HOCHKONJUNKTUR ZU HABEN. SIEHE UNHEILIG ODER EISBRECHER. NACHDEM ES NUN GENREKOLLEGEN WIE IN EXTREMO ODER SVBWAY VORGEMACHT HABEN, WÄRE ES AUCH FÜR EUCH EINE OPTION, ÜBER DIE PLATTFORM „BUNDESVISION SONG CONTEST“ GRÖSSERE ODER ANDERE PUBLIKUMSSCHICHTEN ZU ERSCHLIESSEN? Ich sag mal so: Ich würde nicht so weit gehen, wie der Graf auf RTL2 „Frohe Weihnachten“ zu wünschen. Aber wenn wir Angebote von Veranstaltungen bekommen, die uns die Möglichkeit geben, den Fankreis zu vergrößern, würden wir die ergreifen. Natürlich nicht in einem Rahmen wie ein Volksmusik-Event, das ist klar, aber den Bundesvision Song-Contest, warum denn nicht? Oder mal im Tatort auftreten. Das ändert ja an der Musik nichts. WIE IST DEINE PERSÖNLICHE MEINUNG ZUM THEMA „SZENETREUE“. SEHT IHR SELBST EUCH ALS TEIL EINER SZENE? FALLS JA, WIE WEIT DARF MAN SICH IN DEN MAINSTREAM BEWEGEN, OHNE SEINE GLAUBWÜRDIGKEIT BEI ALTEN FANS ZU VERLIEREN? Das kommt auf die Engstirnigkeit des Menschen innerhalb der Szene an. Ich würde uns sicher der schwarzen Szene zuordnen, ganz klar. Wobei man der schwarzen Szene mittlerweile eine enorme Vielseitigkeit zusprechen kann. Da wir ja, wie schon gesagt keine Wolle Petry-Songs machen und ich als Quotenmelancholiker die Texte schreibe, sind da mit Sicherheit keine lustigen Texte zu erwarten. Von daher ist die Gefahr gar nicht gegeben, dass wir uns allzu weit von unserem ursprünglichen Kurs fortbewegen. Gibt aber auch Songs, bei denen man sagen kann: Ok, das ist nun kein typischer Grufti-Song, aber immer noch LETZTE INSTANZ. Das finde ich aber auch nicht schlimm. Solange es da eine Brücke gibt, ist alles in Ordnung. Sicher gibt es Leute, die fanden unsere damalig typischen Mittelaltersachen tausendmal besser, oder die sich darüber aufregen, dass ich helle Klamotten auf der Bühne trage, aber das geht an mir vorbei. Der Spagat den man macht, darf nicht so groß werden, dass man sich die Beine ausrenkt. IHR WOLLT NÄCHSTES JAHR VERSTÄRKT AUF TOUR GEHEN UND AUF FESTIVALS SPIELEN. KANNST DU SCHON DETAILS NENNEN? Nein, Details hab ich noch keine, wir haben intern einen Stichtag, das ist der dritte oder vierte Februar. Da werden bestimmte Sperrtermine von uns rausgegeben, wie z.B. der Geburtstag meiner Tochter. Dann geht die Booking-Agentur bei und bucht, bucht, bucht. Klar gibt’s jetzt schon Gerüchte, aber da ist noch nichts spruchreif. HOLLY, VIELEN DANK FÜR DAS NETTE INTERVIEW. EUCH EINE GUTE SHOW Danke auch. Ihr bleibt doch bis zum Schluss? KLARO. Dann Euch auch viel Spaß.

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