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NEGATIVE (JONNE AARON/ LARRY LOVE)

„Tut uns leid, dass es hier ein bisschen unaufgeräumt aussieht“, sagt Jonne Aaron entschuldigend, als wir es uns in der schummrigen Sitzecke des Tourbusses gemütlich machen. Er deutet auf einige T-Shirts, die von den Regalen herunterbaumeln: „Wir mussten zwischendurch ein paar Sachen durchwaschen, weißt du.“ Der Negative-Frontmann klingt ziemlich erkältet, als er sich auf der anderen Seite des Tisches neben Gitarrist Larry ausstreckt: „Meine Stimme ist völlig weg. So schlimm hat es mich noch nie erwischt. Aber es ist trotzdem absolut toll, hier zu sein – das Publikum ist immer wunderbar.“ NEGATIVE HABEN BEREITS EINIGE SHOWS IN DEUTSCHLAND HINTER SICH, UND MIT UNTERBRECHUNGEN SIND SIE SCHON EIN PAAR MONATE AUF TOUR. SEIT IHR ALBUM „NEON“ IM JUNI ERSCHIEN, HABEN SIE ZUHAUSE IN FINNLAND, IN CHINA UND IN RUSSLAND GESPIELT. „NEON“ IST EIN AUFBRUCH ZU NEUEN UFERN – UND DAMIT BEGINNT AUCH UNSER GESPRÄCH. EUER NEUES ALBUM IST WESENTLICH MEHR AUF MAINSTREAM-ROCK AUSGERICHTET ALS DIE ALTEN PLATTEN. WAR DAS EIN BEABSICHTIGTER RICHTUNGSWECHSEL? Jonne: Wir haben jetzt bei Warner Music unterschrieben, vielleicht dem größten Label der Welt, und haben seitdem einen neuen A&R-Manager, der uns sehr unterstützt und uns wirklich angetrieben hat, neue Sachen auszuprobieren. Einige Songs – „Jealous Sky“ und „End Of The Line“ – habe ich zusammen mit [dem amerikanischen Produzenten und Songwriter] Jeff Blue geschrieben. Das war schon mal eine ganz andere Situation, so etwas haben wir zuvor noch nie gemacht, aber es ergab sich einfach wie von selbst. WIE HAT SICH DIESE ZUSAMMENARBEIT ENTWICKELT? Jonne: Zunächst haben wir zuhause in unserem Proberaum ein paar Demos im Garagenband-Stil aufgenommen, Larry, [Keyboarder] Snack und ich. Dann haben wir uns dann ein Studio in Tampere gebucht und mit der ganzen Band an den Songs gearbeitet. Und schließlich bin ich drei Wochen nach Amerika geflogen, habe mit Jeff gearbeitet und Demos in den Universal Studios gemacht. Die haben mir wirklich die Augen für neue Herangehensweisen geöffnet. In LA traf ich außerdem den Produzenten Jimmy Westerlund, der von unserer Band total begeistert war, und danach stand fest, dass wir die ganze Platte in Los Angeles aufnehmen und mit ihm produzieren würden. Wir hatten dieses Mal einfach die Gelegenheit, alles anders zu machen. Man kann das vielleicht mit Sex vergleichen – wenn man schon lange in einer Beziehung ist, tut es gut, mal was neues auszuprobieren, um wieder frischen Wind in die Sache zu bringen. Eins ist allerdings gleich geblieben – wir haben auf unseren Alben am Schluss immer einen epischen Song, der für eine Art Fragezeichen sorgt, was unsere zukünftige Richtung angeht. DANN BIN ICH NEUGIERIG, WIE DIE NÄCHSTE PLATTE WIRD – „NEON RAIN“, DER LETZTE SONG AUF DEM AKTUELLEN ALBUM, IST JA RECHT UNGEWÖHNLICH FÜR NEGATIVE MIT SEINEN ATMOSPHÄRISCHEN SOUNDS UND DEM VON EINER FRAU GESPROCHENEN TEXT. Jonne: Ja, vielleicht machen wir als nächstes eine Spoken-Word-Platte, und ich werde Roadie, während eine Frau bei uns am Mikro steht. Larry: Oder wir müssen dir die Eier abschneiden, damit du die Frauenvocals selbst übernehmen kannst. Jonne [grinst]: Das wäre dann aber wirklich die allerletzte Lösung. WER WAR DIE SPRECHERIN AUF DEM SONG? Jonne: Sie heißt Kirsti Anna-Uppa – ihr Vater ist Finne, aber lebt schon seit fünfundzwanzig Jahren in den USA. Sie ist ungefähr in unserem Alter, arbeitet als Fotografin und als Synchronsprecherin. Sie hat das absolut phantastisch gemacht. Und der Song geht ein bisschen in Richtung Pink Floyd, das war auch musikalisch eine neue Entwicklung. Ich meine, wir sind inzwischen keine Teenager mehr, wir sind erwachsen geworden. HAT SICH EUER MUSIKGESCHMACK INSGESAMT SEHR VERÄNDERT? Jonne: Der verändert sich ständig. Es ist ja so … Wenn man anfängt, sich für Musik zu interessieren, dann entdeckt man seine ersten Helden. Das war bei mir Kurt Cobain. Und dann fängt man an zu recherchieren, welche Einflüsse diese Helden hatten, geht immer weiter zurück in der Musikgeschichte und landet schließlich irgendwann bei Elvis. UND DANN BEI ROBERT JOHNSON. Jonne: Genau – letzten Endes geht alles auf den Blues zurück. Aber ich höre heute alles Mögliche an Musik. Je nach Stimmung. Ein Leben ohne Musik kann ich mir nicht vorstellen. Nicht mal ansatzweise. Oh Gott, nein. SOWEIT ICH WEISS, SIEHT MAN EUCH IN FINNLAND EHER ALS POPBAND, UND HIER IN DEUTSCHLAND SEID IHR DURCH EUER ALTES LABEL ROADRUNNER IMMER EHER ALS METAL BETRACHTET WORDEN. WIE IST DAS IN ANDEREN LÄNDERN? Jonne: In Japan geht es mehr darum, wie wir aussehen. China werden wir zum Mainstream gerechnet Larry: Und außerdem machen wir „verbotene“ Musik aus dem Westen, das spielt auch eine große Rolle – Musik, die gefährlich und zerstörerisch ist. Jonne: In Finnland sind wir auch eher Mainstream. Das wären wir in Deutschland auch gern. Ich fände es toll, wenn jeder Radiosender unsere Musik spielen würde. Wichtig sind für uns aber die Fans – es gibt so viele Leute, die uns unterstützen und beispielsweise die Internet-Foren betreiben. Es gibt natürlich auch Fans, denen es lieber wäre, wenn wir nicht in den Mainstream wechseln würden, die uns ein bisschen monopolisieren wollen. WIE GEHT IHR MIT DIESER ART VON FAN-BEWUNDERUNG UM, DIE JA SCHON ETWAS BESITZERGREIFEND IST? Jonne: Das gehört einfach dazu. Manchmal habe ich aber auch ein bisschen das Gefühl, dass meine Fans mir gehören, nicht nur umgekehrt [lacht]. Das ist ein bisschen Yin und Yang. IN FINNLAND SEID IHR SCHLIESSLICH SO GROSSE STARS, DASS ES KÜRZLICH NICHT NUR EINE HOMESTORY ÜBER DICH IM FERNSEHEN GAB, SONDERN AUCH EIN KAMERATEAM DABEI WAR, ALS DU FAHRSTUNDEN GENOMMEN HAST. DAS WAR WAHRSCHEINLICH NICHT SO GANZ EINFACH? Jonne: Ach, an die Kameras habe ich mich schnell gewöhnt. HAST DU DEINEN FÜHRERSCHEIN INZWISCHEN? Jonne: Nein, bevor ich die letzten Tests machen konnte, kam die Tour dazwischen. Ich denke mal, wenn wir wieder nach Hause kommen, werde ich erst mal drei Tage durchschlafen, wie ich das immer tue, dann ein bisschen aufräumen, Wäsche waschen und was eben so anfällt, und die letzten Fahrstunden buchen. Mir fehlt nicht mehr viel. Wenn wir also nächstes Mal hier sind, kann ich mit dem eigenen Auto anreisen. Oder immerhin als Busfahrer mitkommen, wenn die anderen mit der Sprecherin auf Tour gehen und ich als Sänger nicht mehr gefragt bin [lacht]. DANN MUSST DU DICH WENIGSTENS KEINER SCHMERZHAFTEN OPERATIONEN UNTERZIEHEN. Jonne: Stimmt! EURE SHOW HAT SICH ÜBER DIE LETZTEN JAHRE ZIEMLICH VERÄNDERT. HEUTE STEHST DU ETWAS MEHR IM VORDERGRUND ALS FRÜHER UND HAST DEINE SOLOAUFTRITTE MIT AKUSTIKGITARRE. WIE HAT SICH DAS ENTWICKELT? Jonne: Als unser ehemaliger Gitarrist [Sir Christus] Anfang 2007 ausgestiegen ist, mussten wir die Show entscheidend umbauen. Das ließ sich gar nicht vermeiden. Larry: Ich musste mir halt seine Parts erarbeiten und das alles ein wenig umschreiben. Jonne: Die neuen Sachen gehen eh in eine andere Richtung, und auch dem wollten wir Rechnung tragen. Sie sind viel keyboardlastiger. Als Chris noch in der Band war, musstet ihr [wendet sich an Larry] euch ja absprechen, wer welche Gitarrenelemente übernimmt. Was diese Soloparts auf der Bühne angeht, machen wir das vor allem, weil es auch für uns wichtig ist, immer mal was anderes zu probieren. Ich meine, wir spielen jetzt schon so lange live … man würde verrückt werden, wenn man da nicht hin und wieder was umbauen würde. Larry: Mit Christus war es aber auch so, dass man nie so richtig wusste, was kommt. Er spielte etwas, und man musste unheimlich aufpassen, um mitzubekommen, in welche Richtung das gehen sollte. Es war absolut inspiriert und spontan, aber auch sehr anspruchsvoll. Er hat neue Songs erst einmal immer mit nach Hause genommen, sie allein gehört und sich dann eigene Arrangements ausgedacht, aber er war in seiner Arbeitsweise immer ziemlich unberechenbar. EINER DER SONGS AUF „NEON“, DER AUCH JETZT NOCH SEHR GITARRENLASTIG AUSGEFALLEN IST, IST „SINCE YOU’VE BEEN GONE“ … Jonne: Der Song lief bei uns unter dem Arbeitstitel „The Fastest Song“ – der schnellste Song. Das Riff kam von Larry. Larry: Es war einer der ersten Titel, den wir für die Platte geschrieben haben. WIRD BEI EUCH VIEL ÜBER DIE SONGS DISKUTIERT, WENN JONNE MIT DEM NEUEN MATERIAL KOMMT? Jonne: Zum allerersten Mal gab es einen Song, bei dem unser Drummer und unser Bassist gesagt haben, das geht gar nicht, das machen wir nicht. Der Titel hieß „Hold On“, und den haben wir dann auch wirklich nicht aufgenommen, weil er den beiden zu poppig war. Sie fanden diesen Song zu „schwul“. GIBT ES BEI EUCH ZWEI LAGER, GEWISSERMASSEN DAS POP- UND DAS ROCK-LAGER? Jonne: Ja – auf einer Seite ist unsere Rhythm Section, Antti und Jay, die mehr härtere Sachen hören, und auf der anderen Larry, Snack und ich, die für alles offen sind. WAS SIND EURE LIEBLINGSALBEN IM AUGENBLICK? Larry: Ich höre im Moment viel Pink Floyd und John Lennon. Die „neueren“ Sachen, wie „The Division Bell“. Gerade auf Tour mag ich ruhigere Musik. Aber ich mag auch Michael Jackson – nach seinem Tod habe ich „Dangerous“ wieder entdeckt, die ich ursprünglich gern gehört habe, als ich zwölf war. Unser Nachbar hat die früher andauernd gespielt, aber ich habe jetzt festgestellt, dass sie wirklich eine ziemlich gute Platte ist. Jonne: Ich höre alles, was auf meinem iPod gerade kommt. Und ich liebe Guns ’N Roses – vor allem „Chinese Democracy“. Das ist ein tolles Album, finde ich jedenfalls. Okay, es sind ein paar beschissene Sachen drauf – na okay, vielleicht nicht beschissen, aber eben nicht ganz so gut – aber neunzig Prozent sind klasse, vor allem die epischen Songs wie „Street Of Dreams“ oder „There Was A Time“. WAS EPISCHE SONGS BETRIFFT, SO IST EUCH MIT „FUCKING WORTHLESS“ AUF DIESER PLATTE JA AUCH EINER GELUNGEN. Jonne: Er ist wirklich anders, er ist so … Larry: … Beatles. Jonne: Ja, genau. Wir alle lieben die Beatles. Jedenfalls Snack, Larry und ich. Larry: Und die anderen beiden stehen mehr auf die Rolling Stones. DAMIT VERABSCHIEDEN SICH DIE BEIDEN – DER SOUNDCHECK IM HAMBURGER LOGO STEHT AN. EIN PAAR STUNDEN SPÄTER BEIM KONZERT WIRD JONNE NOCH DARAUF HINWEISEN, DASS DER NEUE GROSSE PARTNER WARNER ES GERN GESEHEN HÄTTE, WENN SIE GERADE DIESEN TITEL ANDERS GENANNT HÄTTEN – KEIN WUNDER, „FUCKING WORTHLESS“ HÄTTE MUSIKALISCH GESEHEN ALS GROSSE POWERBALLADE DURCHAUS CHARTPOTENZIAL. ABER DIE SPANNUNG ZWISCHEN DER ROCK- UND DER POPFRAKTION BEI NEGATIVE WIRD SICHERLICH NOCH FÜR VIELE WEITERE HOCHKARÄTIGE SONGS DIESES KALIBERS SORGEN.

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