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POHLMANN

DER „VERLORENE“ SOHN ZURÜCK IN SEINER HEIMAT. KURZ VOR DEM AUFTRITT IN DER GÜTERSLOHER WEBEREI KONNTE UNSERE MITARBEITERIN NINA EINEN VERBALEN SCHLAGABTAUSCH MIT DEM ERFOLGREICHEN SONGWRITER INGO POHLMANN FÜHREN. HIER DAS ERGEBNIS: DU KOMMST JA EIGENTLICH AUS RHEDA-WIEDENBRÜCK, WOHNST MITLLERWEILE ABER IN HAMBURG. IST DAS KONZERT HEUTE ABEND IN GÜTERSLOH EINE ART HEIMKEHR FÜR DICH? Auf jeden Fall wird das sehr spannend. Ich glaube, meine Mutter hat den ganzen Kegelclub da, bei meinem Vater ist das ähnlich. Meine Maurerkarriere, die ich hier ungefähr sechs Jahre lang gestartet habe, da kommen auch eine Menge Leute, die stark zu meiner Geschichte gehören. Zu einer Geschichte, die ich dann verlassen habe, weil ich ja Musiker geworden bin oder damit zumindest mein Geld verdiene. Gleichzeitig kommen auch viele Kumpels aus vergangenen Zeiten. Es kommt mit Sicherheit eine ganze Menge Erinnerungen hier heute hoch und ich werde bestimmt auch viele Geschichten zu erzählen haben. HAST DU DENN GENERELL NOCH VIELE FREUNDE HIER IN DER GEGEND ODER HAT SICH DAS MEHR NACH HAMBURG VERLAGERT? Viele sind weggezogen. Teilweise nach Münster, nach Berlin. Aber zu ein paar Leuten habe ich hier aber auf jeden Fall auch noch Kontakt. Es gibt noch so einen kleinen Kreis, der hier geblieben ist. EIGENTLICH SOLLTEST DU JA MAL DEN FAMILIENBETRIEB DEINES VATERS ÜBERNEHMEN UND HAST EINE MAURERAUSBILDUNG GEMACHT. WIE BIST DU DA ÜBERHAUPT ZUR MUSIK GEKOMMEN? Meine Mutter und meine Oma sind sehr musikalisch. Bei uns zu Hause stand ein Klavier und da haben die immer drauf rumgeklimpert. Meine Mutter hat mir immer die Dreigroschenoper vorgesungen. „Mäckie Messer“ zum Einschlafen. Natürlich etwas seltsam (lacht), aber daher vielleicht auch der Mörder-Song auf meiner letzten Platte. Irgendwie hat sich durch meine Mutter ein Weg angebahnt, glaube ich. Ich habe ihr dann irgendwann mal eine Gitarre gekauft und die habe ich dann immer benutzt und hab glaub ich so mit 16 angefangen, Gitarre zu spielen. Aber ich war eher Sänger als Gitarrist. Gesanglich hab ich mich quasi immer auf dem Fahrrad zur Schule ausgebildet. Da hab ich immer so für mich rumgesungen. Das Gitarrespielen kam viel viel später. Erst mit 30 habe ich eigentlich wirklich angefangen, die Gitarre noch mal in die Hand zu nehmen und zu sagen, ich lern jetzt mal richtig Gitarre spielen. DAS HEISST, ES GAB KEIN SPEZIELLES SCHLÜSSELERLEBNIS, WO DU GESAGT HAST, SO JETZT SCHMEISS ICH DAS ALLES HIER HIN UND WERDE MUSIKER? Das ist eine Sache, die ist einfach sehr schwer zu verteidigen. Gerade wenn dein Vater eine Baufirma hat und sagt, du musst das übernehmen. Das ist eine Chance, die nicht jeder bekommt. Andere müssen sich das hart erarbeiten. Das sind alles Argumente, die sind auch richtig, aber letztendlich geht es ja auch darum, irgendwie glücklich zu werden. Mein Vater ist immer leidenschaftlicher Baulöwe gewesen und damit auch glücklich geworden, aber ich wäre es wahrscheinlich damit nicht. Ich habe immer mehr gemerkt, Musik zu machen ist eine Sache, die mich so stark macht, dass alle Hindernisse, die einem da in den Weg gestellt werden, auch nur gut sind, um zu wissen, was man will. DEINE SONGTEXTE ERZÄHLEN JA OFT GESCHICHTEN AUS DEM LEBEN UND VIEL VON DER LIEBE… Nein. Das höre ich immer wieder, ich verstehe das gar nicht. In Deutschland sind 95 Prozent der Lieder Liebeslieder. Aber es gibt so viel, über das man singen kann. Ich würde sagen in 70 Prozent der Lieder, die ich schreibe, ist keine Liebe drin. Da sind so viele philosophische und lebensalltägliche Dinge drin, das Glück. Das Glück, das wir hoffen alle zu finden. Und das Verhältnis, in das wir uns tagtäglich setzen. Ich will da auch nicht oberlehrermäßig oder so rüber kommen, aber für mich ist das eine Frage, die sich wahrscheinlich mein ganzes Leben lang stellen wird und jedem anderen auch. Immer das Heil in der Liebe zu suchen und zu sagen, wenn ich nicht den Partner meines Lebens finde, werde ich unglücklich werden, das ist ein fauler Ansatz, wie ich finde. …SIND DAS DENN WIRKLICH GESCHICHTEN VON DIR? SCHREIBST DU DIR DA EIGENE ERFAHRUNGEN VON DER SEELE? Ja, das sind schon zum allergrößten Teil meine Erfahrungen. Es gibt mehrere Sachen, die ich beobachtet habe an Kumpels und Kollegen und ich hab halt auch Jahre als Kellner gearbeitet. Und da sitzt man auf so einer Art Hochsitz und guckt sich das Treiben an und sieht, dass es nachts anders ist als tagsüber. Nachts lässt jeder betrunken noch mal das Kind raus, vielleicht ist das auch ein Teil, der uns alle auch durch die Tage lenkt. In den Nächten kann man auf jeden Fall ganz viel beobachten. WIE SCHREIBST DU DENN DEINE SONGS? Das ist oft sehr unterschiedlich, mal so, mal so. Hauptsächlich ist es so, dass ich einen Song auf Fake-Englisch singe, weil ich lange englische Texte geschrieben habe, vor allem zu Zeiten wo man immer jemand anderes sein wollte, als der der man ist. Da wollte ich Mike Patton sein von FAITH NO MORE oder Eddie Vedder von PEARL JAM, weil die haben halt Grunge gemacht und englisch gesungen. Und aus dieser Zeit habe ich noch viele Songs. Irgendwann hab ich dann aber gemerkt, dass das auf Deutsch passieren muss. Aber englisch singen, sich gehen lassen und so tun, als ob man englisch singen kann, dass mach ich oft auf der Toilette. Das kann mal ein zwei Stunden dauern, und dann hab ich mein Handy dabei oder ein Diktiergerät, weil ich keiner bin, der Noten aufschreiben kann und sagen kann, die Melodie ist so und so. Und dann hab ich einfach durch Gespräche mit Leuten Notizbücher, wo ich alles reinschreibe und irgendwann kommen dann so Melodie und Text zusammen. DU HATTEST VOR EIN PAAR JAHREN DAS PROJEKT „GOLDJUNGE“. WAS UNTERSCHEIDET POHLMANN HEUTE VON GOLDJUNGE? WIE SIEHST DU DAS MIT EIN PAAR JAHREN ABSTAND? GOLDJUNGE waren eine Band. Das waren vier Jungs, einer ist immer noch mein bester Kumpel, die anderen haben wir so getroffen. Die Band ist ziemlich schnell zu einem Plattenvertrag gekommen mit ziemlich viel Geld. Und Erfolg schweißt bekanntlich zusammen. Das verifiziert Leistung, das unterstreicht alles, was du machst. Das Problem war aber, wir sind vom Weg abgekommen. Die Band hatte eigentlich ganz andere Möglichkeiten. Das ist tatsächlich jetzt schon zehn zwölf Jahre her. Da haben wir auch auf deutsch gesungen und es hatte so Hip Hop Ansätze, aber die haben wir alle rausgestrichen, weil die alle gesagt haben „Das muss poppiger, das muss poppiger“ und dann wurde das Artwork immer seltsamer. Ich war damals 25 und hatte überhaupt keine eigene Meinung. Ich hatte den ersten Plattenvertrag. Wir haben alles gemacht, was wir dachten, was gut ist, aber die Texte waren schon ziemlich zornig. Das ganze, was diese Band nach außen hin aussagte, wurde interpretiert und überhaupt nicht korrekt wiedergegeben. Es war schwierig, schwierig. Es wurde immer krampfhafter. Das hat gedauert, ist dann aber gescheitert. Vielleicht muss man scheitern. Und dann kellnern und Bauarbeiten und dann irgendwann stellst du dir einfach die Frage, was du willst. GERADE IST JA DIE NEUE DSDS STAFFEL IM FERNSEHEN ANGELAUFEN. WAS HÄLST DU GENERELL VON CASTINGSHOWS UND DEREN GEWINNERN WIE MARK MEDLOCK? Man müsste mal eine Castingshow erfinden, die vernünftige Leute signt und gute Musik raus bringt. Dann hätte ich auch nichts dagegen. Das sind alles ohne Frage Sänger, aber ich finde, was dort erarbeitet wird, ist nicht wirklich Soul, hat nicht wirklich Seele. Sondern was dort erarbeitet wird, sind Leute, die dann letztendlich… Früher war das so, wenn ein Musiker bekannt geworden sind, dann hat er sich das erspielt, ist durch die Clubs gezogen, hat sich die Straße angeguckt, hat einen eigenen Text geschrieben. Rock ’n’ Roll war früher eine Aussage für etwas oder beziehungsweise gegen etwas. Und heute ist Rock ’n Roll anders. Ich glaube, die Kids gehen zu TOKIO HOTEL genauso ab wie damals zu NIRVANA. Stell dir mal vor, jemand, der bei TOKIO HOTEL steht und so macht (Ingo macht ein Teufelshorn). Ich habe nichts gegen TOKIO HOTEL, mittlerweile find ich sie sogar gar nicht schlecht, doch ich muss dazu sagen, ich als Grunge-Kind frage mich, was war das für eine Bewegung damals, was war das für ein Gefühl. Und das ist leider so ein bisschen ausgenutzt worden. Trotzdem könnte es eigentlich mal wieder mehr werden. Diese Castingteilnehmer kriegen halt Gesang beigebracht und dann können die auch singen, aber das macht mich nicht an. Und die Leute, die wirklich zu Hause sitzen und proben im Proberaum, die kriegen keine Möglichkeiten sich zu präsentieren, weil die Medienplätze besetzt sind. Und das ist klar, dass sich viele darüber aufregen und manche sogar aufgeben, aber es ist eigentlich eine Möglichkeit bessere Leute nach vorne zu bringen. Macht aber keiner, weil es ein Risiko ist, weil es schwierig ist, schwierige Gedanken in Worte zu fassen und Texte zu machen, die die Leute im Radio nicht abschalten. Weil sie gerne voll gedudelt werden. Aber eigentlich will gar keiner voll gedudelt werden, die Leute wollen vielmehr ein bisschen nachdenken, aber da kommen sie irgendwie nicht zu. Das wird ihnen auch nicht geliefert. WIE WIRD DENN DAS POHLMANNJAHR 2008 AUSSEHEN? WAS HAST DU SO ALLES GEPLANT? Es wird auf jeden Fall ein neues Album geben, das voraussichtlich Ende des Jahres erscheint, dafür fange ich jetzt auch schon an Songs zu sammeln. Ich möchte da nicht allzu in Not kommen nachher, dass der Produzent sagt „Es fehlt die Single“. Außerdem sind einige Festivalauftritte in diesem Jahr geplant. Ich will so oft und so viel möglich live spielen. VIELEN DANK UND VIEL ERFOLG FÜR DIE ZUKUNFT

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