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SABATON (JOAKIM BRODÉN)

IM VORFELD DES GLORREICHEN GIGS IN HANNOVER NAHM SICH SÄNGER JOAKIM ZEIT, DIE FRAGEN UNSERES „KORRESPONDENTEN“ ZU BEANTWORTEN UND SICH ÜBER DAS THEMA NATIONALSTOLZ GENAUSO AUSZULASSEN WIE ÜBER „PANISCHES“ SONGWRITING ODER SEINE VERGANGENHEIT ALS ORGANIST… ERSTMAL HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH FÜR EURE TICKET-ABSATZZAHLEN. VIELE SHOWS SIND AUSVERKAUFT ODER DIE HALLEN MUSSTEN IM VORFELD GEWECHSELT WERDEN. ICH DENKE IHR SEID „RECHT ZUFRIEDEN“ MIT DEM TOURVERLAUF? (lacht) Danke, ja in der Tat! Alles andere wäre etwas eigenartig. WIE IST DIE CHEMIE DER BANDS UNTEREINANDER AUF TOUR? DU SAGEST MAL, DASS IHR RECHT DISZIPLINIERT SEID ON THE ROAD. IST DIESE DISZIPLIN NUN DURCH ALESTORM ERNSTLICH IN GEFAHR? (lacht lauter) Ja das ist schon eine gefährliche Situation, denn sie mögen Alkohol in der Tat wirklich sehr. Sie heißen ja nicht umsonst ALE-STORM. Aber bisher schlagen wir uns ganz gut. Vorgestern war schon ein wenig Party, da wir gestern einen Day-Off hatten. Wie gesagt, wir trinken zwar schon mal was – aber dann nach den Shows. Vor den Shows ist’s dann höchstens mal ein Bier. Es gibt also kein großes Besäufnis vorher. Es gibt Bands, die fühlen sich besser mit Alkohol auf der Bühne aber wir haben mal im Proberaum aufgenommen, was dabei herauskommt, wenn wir besoffen spielen. Deswegen gehen wir niemals betrunken auf die Bühne. ALESTORM sind echte Partytiere. Mit THAUROROD hatten wir noch nicht so viel Kontakt, aber die Tour hat mit ihnen ja auch erst angefangen und gerade die ersten Tage sind dann immer etwas chaotisch. IHR WERDET NUN IMMER BEKANNTER UND NATÜRLICH POPULÄRER. „COAT OF ARMS“ IST IN VIELEN LÄNDERN IN DIE CHARTS GEKOMMEN, DENNOCH WIRKST DU IMMER RECHT NERVÖS, WENN EIN ALBUM ERSCHEINT. IST ES NOCH SCHLIMMER GEWORDEN, NACHDEM „THE ART OF WAR“ SCHON SEHR ERFOLGREICH WAR? Ja bei den beiden letzten Alben war ich beim Songwriting manchmal regelrecht panisch. Ich will halt bei jedem Song erreichen, dass es der beste wird, den ich je geschrieben habe. Und das kann schon manchmal hart werden. Am meisten kämpfe ich am Anfang der Songwriting-Phase. Ich habe zwar eine Menge Ideen, da ich unterwegs auch immer schon Ideen in mein I-Phone summe, aber die dann zu schlüssigen Songs zusammenzufügen, die dann nicht nur Kopien von anderen Titeln sind, die entweder ich oder jemand anderes zuvor gemacht hat, ist grade in den ersten Wochen die Hölle. Ich pendle ständig zwischen „hey, das ist gut“ und „Nein, das ist zu ähnlich, zu dem was ich schon gemacht habe“ Es gibt bei jedem Album den Moment, bei dem ich diesen einen Song fast fertig habe, bei dem ich einen Adrenalinrausch bekomme – nur von der Vorstellung ihn zu spielen. Wenn dieser Punkt erreicht ist, geht’s üblicherweise viel besser voran. Wenn dann die mentale Blockade überwunden ist, geht’s wirklich bergauf. Hier war das bei dem Song „Coat Of Arms“ so, als die ganzen Chöre und Harmonien fertig waren, dachte ich: „Das ist gar nicht so hart, Du kannst es immer noch“ Beim Vorgängeralbum war’s „Ghost Division“. SPIELST DU DENN SELBST INTRUMENTE? ODER KOMPONIERST DU DIE SONGS AM COMPUTER? Kommt drauf an. An sich spiel ich alles außer Schlagzeug, da kack ich ab. Mein ursprüngliches Instrument ist das Keyboard. Ich hab mal in einer Kirche als Organist angefangen. Üblicherweise benutze ich Gitarre oder Synthies. Manchmal nur eine Melodie. Davon habe ich ja haufenweise auf dem I-Phone „Ok, Tonlage F“ (summt eine Melodie) das klingt dann ziemlich beknackt, und wenn ich das den anderen vorspiele, heißt es „Das klingt furchtbar“, aber sie können im Bus ja nicht fliehen 😉 Wenn ich das ein paar Wochen später auf dem PC mit Chören und programmierten Drums und allen Harmonien soweit hab, heißt es dann „Super, das müssen wir auf Album nehmen“. Dann sag ich: „Jaja letzte Woche haste noch gesagt, es ist scheiße“ (lacht) WIEVIEL EINFLUSS HABEN DENN DIE ANDEREN BANDMITGLIEDER, WENN DU ALLES ALLEIN KOMPONIERST? Auf jeden Fall bei den Solos. Oft habe ich sehr genaue Vorstellungen, wie Harmonien etc klingen sollen. Wenn es dann an die Schlagzeugspuren geht, arbeite ich eng mit Daniel zusammen. Da wir vermeiden wollen, uns zu sehr an die Rohversionen zu gewöhnen, üben wir das ein oder zwei Mal und dann spielt er seine Parts in den Computer ein, ohne sich zu sehr an die vorprogrammierten Drums zu orientieren. So ist es dann auch mit den Gitarren. Jedes Bandmitglied kann Parts umändern. Ich gebe zwar die Songs vor, aber es herrscht auch Demokratie. Wenn es die anderen nicht mögen, kommt’s halt auch nicht aufs Album. ALSO LIEFERST DU DAS GRUNDGERÜST UND DIE ANDEREN VERFEINERN SOZUSAGEN? Ja genauso ist das. Es kommt eben auch vor, dass ich mal „Betriebsblind“ werde, wenn ich Sachen immer und immer wieder durchgehe. Und die anderen bekommen nicht jeden Fortschritt mit. Und dann ist es gut, wenn Input von außen kommt, z.B. ob diese oder jene Passage nicht zu lang oder zu oft wiederholt wird. DIE IDEEN ZU SONGTEXTEN WERDEN JA DESÖFTEREN VON FANS GELIEFERT. HAST DU ERST DIE MELODIEN, ODER SCHREIBST DU AUCH MELODIEN FÜR BESTEHENDE TEXTIDEEN? Zu 90 Prozent habe ich die Musik komplett fertig, bevor die Texte hinzukommen. Manchmal, wie bei „Final Solution“ oder bei „Panzerkampf“ habe ich eine Idee wo’s hingehen soll. Bei „Panzerkampf“ klingt die Melodie eben sehr russisch (singt „Into the Motherland…“) So auch bei „Ghost Division“ oder „White Death“ So sind die Grundideen da, bevor noch Tipps von Fans kommen. IHR HABT EIN UNGLAUBLICH AUFWÄNDIGES VIDEO ZU „UPRISING“ GEDREHT. WIE WAR DAS UND HAST DU ANEKDOTEN VOM DREH? Oh ja, da gibt’s einige Geschichten. Für uns war’s schon etwas eigenartig. Normalerweise sind bei unseren Videos die Band und ein paar Licht-Leute. Diesmal war eine richtige Film Produktion dabei. Wir hatten einen Kostüm-Designer, der auch die Ausstattung für „Schindler’s Liste“ gemacht hat, von daher hatten wir es mit sehr erfahrenen Leuten aus der Filmbranche zu tun. 50 Leute aus der Film-Crew, 150 zusätzliche Arbeitskräfte, Schauspieler nicht mit eingerechnet. Insgesamt waren etwas über 200 Leute beteiligt. Krass war auch zu sehen, wie all diese Leute, die die von Peter (Stormare „Prison Break“, „8MM“, „Fargo“) exekutierten Zivillisten spielen, für einige Takes auf dem Boden liegen. Es ist viel härter, als man denkt, ca. 60 Leute dazu zu kriegen, ganz still zu sein für etliche Aufnahmen. Eine Sache, an die ich mich gut erinnern kann: Peter, unser Freund und ja ein sehr bekannter schwedischer Schauspieler, kam während unserer Takes aus der Maske und hatte seine SS-Uniform an und die Mütze nach hinten gedreht. Irgendwann fing er dann an, Hip-Hop Gesten dazu zu machen und wir kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus. Er hat einen tollen Sinn für Humor, den die polnische Presse aber nicht verstand. So war es etwas peinlich, als er im Hard Rock Café bei der Pressekonferenz auf die Frage nach seiner Intention seines Engagements nur entgegnete „Dollars! I do it only for the Money“. Wir alle haben uns schlapp gelacht, aber sonst war im Raum verstörtes Schweigen „Ok – nächste Frage bitte“ (lacht) „Übrigens, das war grad ein Witz“. Im weiteren Verlauf, während wir möglichst höflich auf die Fragen antworteten, z.B. wie es denn in Polen wäre, machte er Witze, dass Schweden und Polen quasi ja mal die gleichen Länder gewesen wären, da um 1700 die Schweden in Polen einfielen“ und Ich sagte nur: „Neeeeein, mach das nicht im polnischen Fernsehen, Bastard“ Nun ja, das wurde dann herausgeschnitten und er fand heraus, dass diese Art von Humor in Polen nicht funktioniert. UM NUN EIN WENIG POLITISCH ZU WERDEN… Yap! (hört sehr aufmerksam zu) IHR ERZÄHLT IN EUREN SONGS KRIEGSGESCHICHTEN UND BERICHTET ÜBER SCHICKSALE ODER VERDIENSTE VON SOLDATEN. DADURCH HABT IHR IN LÄNDERN WIE POLEN ODER GRIECHENLAND EINEN ZIEMLICHEN SYMPATHIEBONUS, BEDINGT DURCH PATRIOTISMUS ODER STOLZ… Yap! IN DEUTSCHLAND DÜRFTE DIE SITUATION BEDINGT DURCH UNSERE VERGANGENHEIT ETWAS ANDERS AUSSEHEN. STICHWORT „FINAL SOLUTION“. FÜR UNS DEUTSCHE SIND DER GERADE HOLOCAUST ODER DAS NAZITUM SEHR SENSIBLE THEMEN. GAB ES IM VORFELD DISKUSSIONEN, TITEL SONG IN DEUTSCHLAND LIVE ZU BRINGEN? IMMERHIN GAB ES EINIGE KRITIK, DER SONG SEI MELODIETECHNISCH ZU POPPIG ODER DER SINGALONG-PART WÄRE UNPASSEND… Ja, ich weiß. Ich weiß auch, dass es in bestimmten Ländern schlecht ist, stolz auf das Land zu sein. Und das ist an sich schade. Ich weiß, das es in Deutschland heikel ist. In Schweden ist das nicht ganz anders, da Patriotismus schnell mit der Rechtsaußen-Ecke in Verbindung gebracht wird. In Norwegen zum Beispiel ist das überhaupt kein Problem, da stehen alle beieinander und schwenken die norwegische Fahne. Es gibt viele Länder, in denen der Nationalfeiertag wirklich ohne schlechten Beigeschmack gefeiert wird, schon aufgrund der Immigrantenzahl. Es gibt bestimmt eine Menge Leute in Deutschland, die stolz sind, auf das, was das Land erreicht hat, aber Angst haben es öffentlich zuzugeben, da sie fürchten in die Nazi-Ecke gestellt zu werden. NUNJA ETWAS LINDERUNG HAT DIE FUSSBALLWELTMEISTERSCHAFT 2006 GEBRACHT… Ja das kann ich mir vorstellen. Es gab tatsächlich die Frage, ob wir den Song live spielen. Und ich habe gesagt „Ja, das können wir!“ Vielleicht nicht gerade auf den Sommerfestivals, weil es dort dann doch zu unbeschwert zugeht, aber wir sind von vielen Leuten, darunter auch viele Deutsche, gebeten worden, ihn zu bringen. Ich denke, es ist mehr ein Problem für die Presse, Promoter oder Plattenfirma, die sagen: Spielt „Final Solution“ oder „Rise Of Evil“ nicht in Deutschland“ – Weniger für die Fans. Die wissen meistens, es ist ein Song über die Nazis und nicht über die Deutschen. Da sollte man klar unterscheiden. So hat es tatsächlich so gut wie gar keine Probleme auf den Konzerten bisher gegeben. Wir werden von den Promotern immer im Voraus verurteilt, wenn sie die Songs auf der Setlist entdecken. Ich kann mich erinnern, es war 2008 auf dem Dong Open Air, da fing einer an nach dem Motto „Ihr hasst Deutsche, oder wie?“ während der Show. Wir sahen keinen Grund, dem aus dem Weg zu gehen und führten die Diskussion über das Mikro, dass wir keine Rassisten sind, sondern Geschichten über den Krieg erzählen. Mal aus dem Sichtwinkel der Deutschen, mal aus dem der Russen usw. und demzufolge auch keine Propaganda verbreiten. WENN IHR EINE DVD PLANEN WÜRDET, WELCHES LAND WÜRDE EUCH ZUERST ZUM AUFZEICHNEN EINER SHOW IN DEN SINN KOMMEN? Ich würde alle aufzeichnen, denn ich stelle mir eine Art Road-Movie vor, beginnend mit dem Einstieg in den Tourbus, mit Backstage-Szenen zwischendurch und Parts von verschiedenen Shows. Das ist unterhaltsamer als eine Show von Anfang bis Ende. Ein anderer Wunsch wäre weiterhin Shows an richtigen Kriegsschauplätzen zu veranstalten, so wie wir das genau 70 Jahre nach den Ereignissen in „40:1“ getan haben und 8-10.000 Polen ausgerastet sind. So wär’s cool, 2014 eine DVD rauszubringen mit einer Show am 6.6.2014 am Jahrestag des D_Day in Omaha Beach. NUN, DA ICH ERFAHREN HABE, DASS IHR NICHT DAVOR ZURÜCKSCHRECKT, SONGS MIT WEIBLICHEN SÄNGERINNEN ZU COVERN – STICHWORT DORO – WIE WÄR’S DENN TATSÄCHLICH MAL MIT EINEM ABBA COVERSONG? „WATERLOO“ WÄRE DOCH EIN SUPER TITEL FÜR EUCH? Ja (lacht sich scheckig). Wir haben tatsächlich mal darüber nachgedacht. Es gab ja schon mal eine Cover-CD von Metalbands, die das besser gemacht haben, als wir es je hinbekommen würden. Es ist wirklich hart, Cover zu machen. Alleine wegen meines Vocal-Styles. Er ist zwar einzigartig, aber eben auch sehr limitierend. Ich kann also nicht jeden Song singen. Klar kann man das auch hier und da anpassen aber es würde zum Beispiel keinen Sinn machen, „Painkiller“ zu covern. HAST DU NICHT BEI „METAL CRÜE“ EINEN ZIEMLICH BEEINDRUCKEND HOHEN SCHREI ABGELASSEN? Nene, das bin nicht ich. Ich mach das aus 2 Gründen nicht: Zum einen, weil ich finde, dass es andere besser können und zum anderen, weil ich auch 20 Jahre später noch so singen will, wie ich es heute tue. Ich kann mich erinnern, wie enttäuscht ich als Kid war, wenn jemand, der früher super hoch singen konnte, plötzlich zu schummeln begann. IHR HABT GERADE EUREN BACK-KATALOG NEU HERAUSGEBRACHT. GIBT ES NEBEN DEN DARAUF ENTHALTENEN COVER SONGS NOCH WEITERE EXTRAS WIE LINER NOTES, ETC? Oh ja, es gibt zwischen 4 – 6 Bonus-Songs auf jedem Release: Neue Studio Songs oder Live Tracks oder Songs von alten Demos, die schwedische Nationalhymne usw. Die Booklets sind überarbeitet und haben ca 6-8 zusätzliche Seiten mit alten Tourbildern. Sogar Nacktbildern, wie ich später bemerkt hab. Nach dem Release! Ok ist halt mein Schwanz zu sehen, was soll’s… Pär und Daniel waren für die Auswahl verantwortlich. Und sie sind auch die ganz alten Sachen alle durchgegangen. All die ganzen verrückten Erinnerungen wie Corpse Paint in Belgien, End-Of-Tour-Jokes usw. und es gibt ein Poster vom Cover zu jedem Release. JOAKIM, VIELEN DANK FÜR DAS INTERVIEW. Gern geschehen, wir sehen uns in ein paar Stunden!

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