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SCHWEFELGELB (EDDY/ SID)

HEUTE DARF ICH EUCH ZU EINEM INTERVIEW MIT SCHWEFELGELB EINLADEN, DIE SEIT KURZEM ENDLICH IHR ALBUM „ALT UND NEU“ AN DEN MANN (BZW. DIE FRAU) BRINGEN. DARUM BAT ICH UM EINE AUDIENZ, DAMIT WIR ÜBER DIE SCHON RECHT BEEINDRUCKENDE MUSIKGESCHICHTE DER BERLINER KNAPPEN REDEN KÖNNEN UND WIE DIE HERREN IHRE EIGENE MUSIK BEURTEILEN. DANKE ERST EINMAL FÜR DEINE BEREITSCHAFT, DEM TERRORVERLAG EIN INTERVIEW ZU GEBEN. NATÜRLICH KÖNNT IHR DIES AUCH GLEICH ALS WERBEZWECK NUTZEN, DENN SEIT NICHT ALL ZU LANGER ZEIT HABT IHR NUN ENDLICH EUER DEBUTALBUM „ALT UND NEU“ DEM KAUFBEREITEN PUBLIKUM ZUR VERFÜGUNG GESTELLT, UND DIES SOGAR ENDLICH ÜBER EIN LABEL. NUN ERZÄHLT DOCH DEN LESERN MAL EINE KLEINE GESCHICHTE ZU DEM WERDEGANG VON SCHWEFELGELB, WIE KAM ES ZU EURER „GEBURT“, WIE LIEF ES VON DEN ERSTEN VERÖFFENTLICHUNGEN BIS ZUM HEUTIGEN TAG. MEINE ÄLTESTE ERINNERUNG AN EUCH IST DER SAMPLER BEITRAG „MY PORNOSHOW“. Sid: Richtig kennen gelernt haben wir uns auf der weiterführenden Schule – wir sind in dieselbe Klasse gegangen. Es war immer eher ich derjenige von uns, der musikalisch war. Ich hatte mehrere Jahre klassischen Klavierunterricht und hab mich früh mit dem Thema Homerecording beschäftigt. Ich habe aber zu der Zeit immer mehr oder weniger vor mich hin produziert – aber mit großen Visionen! Es brauchte eine Weile, bis Eddy und ich uns, was unseren Musik-Geschmack angeht, gefunden hatten. Das kam dann mit der Electroclash-Welle. Zunächst hat sich Eddy eher aus Langeweile musikalisch involviert. So a la: Nix los. Also Bierchen trinken und angetrunken, um nicht zu sagen total besoffen, was ins Mikro labern. Ich will hier niemanden desillusionieren, aber so ist quasi „My Pornoshow“ entstanden! Ha! So ging das eine Weile. Wir haben das nicht als Band gesehen, sondern eher als Spielerei. Mit der Zeit wurde mir aber klar, dass es in meinem zukünftigen Leben immer um Musik gehen soll. Also kam irgendwann die Entscheidung: Schwefelgelb ist jetzt die Band und lass uns mal schauen, wie weit wir kommen können! Ich wäre diesen Weg ohnehin gegangen, warum also nicht mit dem weitermachen, was man schon hat!? Eddy: Wir empfinden unseren Werdegang als stetige Steigerung, wenn auch phasenweise in kleinen, mühsamen Schritten. Aber wir haben endlich nach ein paar selbstveröffentlichten Platten ein Label gefunden und auch die Zahl der Auftritte steigt stetig. SEIT DEM GENANNTEN SONG GAB ES JA SOZUSAGEN EINEN ENTSCHEIDENDEN BRUCH, DAMALS HABT IHR NOCH IN RICHTUNG ELECTROCLASH UND MINIMAL MUSIZIERT, HEUTE KLINGT IHR POPPIGER, ABER AUCH HÄRTER, PROFESSIONELLER UND NATÜRLICH SOLLTE MAN DEN TERMINUS „NDW“ NICHT VERGESSEN. WIE KAM ES ZU DEM SCHWENK? SCHON DIE MUSIKALISCHE ZUKUNFT IM BLICKWINKEL? Eddy: Das kommt Dir vielleicht vor wie ein Bruch. Für uns ist das eher das Resultat einer Entwicklung. Wir haben nach „Pornoshow“ recht schnell diesen Weg eingeschlagen. Wobei es ja immer noch Versatzstücke aus Electroclash und Techno gibt. Zur Zukunft: Ich denke, es wäre merkwürdig zu meinen, dass wir uns nicht auch weiter verändern. Die Zeit steht ja nicht still. Wir werden sehen, was uns bewegt. Sid: Wir sind zur Abwechslung endlich mal in einer recht komfortablen Situation: Wir haben einen Plattenvertrag, d.h. das nächste Album ist sicher, wir müssen uns nicht mehr bei Labels bewerben und wir müssen uns nicht mehr so stark um zeitraubende organisatorische Dinge kümmern. Deswegen haben wir uns in den vergangenen Monaten, was das Produzieren angeht, etwas zurückgelehnt. Ich glaube aber, dass auf so eine kleine Pause ein umso größerer Schritt getan werden kann. Es deutet sich an, dass wir in den zukünftigen Songs noch experimentierfreudiger mit Klang umgehen und so mehr einen eigenen Stil entfalten werden. Da habe ich gerade einige Ideen. Wir wollen noch etwas mehr wagen, dabei aber elektronisch und hart bleiben. Wir wollen ein bisschen Rücksicht darauf nehmen, dass die Entwicklung stringent und nachvollziehbar bleibt. Einen so drastischen „Schwenk“ wie einst, wird es erst mal nicht mehr geben. WENN MAN VOM THEMA NDW AUSGEHT, DANN SEID IHR JA EIGENTLICH RECHT EINSAM AUF WEITER FLUR, ZWAR GAB/ GIBT ES JA DEN NEUEN DEUTEN POP À LA WIR SIND HELDEN, SILBERMOND, MIA. UND VIELLEICHT AUCH NOCH SPORTSFREUNDE STILLER, ABER DIE GRADLINIGE VERFOLGUNG DES ALTEN STILS IST DOCH EINMALIG. WIE FÜHLT MAN SICH SO IN DIESER NISCHE, WIE IST DIE RESONANZ IN DER HEUTIGEN ZEIT MIT DIESEM „KINDERLIEDSTIL“ (NICHT MEINE WORTE 😉 Eddy: Wir merken das an der großen Bandbreite des Publikums. Das erstreckt sich ja bspw. von der schwarzen Szene bis zu eher New Rave lastigen Leuten. Das ist natürlich ein großer Vorteil. Außerdem ein schönes Kompliment, wenn man merkt, dass ein Stil vielleicht angenommen wird, weil er nicht wie alles Andere klingt. Ob das ein Kinderliederstil ist kann ich nicht beurteilen. Sid: „Kinderlied“ ja wohl, weil’s verspielt und auf eingängige Phrasen reduziert ist. Und ich sehe in Kinderliedern ebenso einen gewichtigen inhaltlichen Aspekt hinter der Oberfläche, was Kinderlieder natürlich wertvoller macht als Silbermond etc. Zurück zur Frage: Das fühlt sich gut an. Ich würde sogar mit gesunder Selbstüberschätzung sagen, wir sind allen anderen voraus. Wenn man die Texte betrachtet, kann ich nur sagen, dass ich die von den oben genannten Gruppen weitgehend scheiße finde. Ich kann denen nur empfehlen, sich beim Schreiben stark zu reduzieren. Gerade im Deutschen sagt man allzu schnell was Peinliches, das man sich besser verkneifen sollte – passiert aber jedem Mal. Ich bevorzuge es, den Inhalt eines Textes in wenigen gehaltvollen Zeilen zu veräußern. Mehr braucht es nicht. Alle weiteren Ausführungen machen den Text nur platt, indem sie die Kernaussage konkretisieren. Ich finde es eben 100 mal interessanter zu sagen „Wir bauen aus der Asche einen Diamant“, anstatt „Das Potential, das die Überreste der Vergangenheit in sich tragen, ist die Voraussetzung für die Schöpfung von etwas wertvollem Neuen“. Zurück zur NDW – ich weiß nicht, ob meine Erwartungen an Texte speziell in der NDW befriedigt werden. Eher nicht. Oder man muss differenzieren zwischen kommerzieller und unkommerzieller NDW. In letzterer finde ich schon viele gute Texte. Bestes Beispiel Grauzone. Die kommerzielle Variante ist ja nicht selten bewusst oberflächlich, aber dort finde ich wirklich raffinierten Wortwitz und auch den Mut zur Plattitüde mit Anklang auf Dadaismus, was mich durchaus sehr inspirieren kann; mehr als die vielen gegenwärtigen deutschen Texte. WAS MACHT DENN „EIN SCHWEFELGELB“ SO DEN GANZEN TAG, ZIEHT IHR EUREN STIL GANZTÄGIG KOMPROMISSLOS DURCH UND WÜNSCHT EUCH AN EUREM GEBETSSCHREIN FRÄULEIN MENKE IN DIE CHARTS ZURÜCK? KÖNNT IHR VON EURER MUSIK LEBEN? Sid: Wir können uns gut zusammenreißen. Und das müssen wir auch, wenn wir Band und Studium gleichzeitig ausüben. Ich studiere ja elektronische Komposition, was noch mal ein ganz anderes paar Schuhe ist, als die Band, und Eddy Grafik-Design,. D.h. also unter der Woche konzentrieren wir uns diszipliniert auf unsere Arbeit – das geht nicht anders. Wohnungseinrichtungen demolieren, so wie im „Stein auf Stein“ Musikvideo, kommt leider viel zu selten vor. Ja, wir kommen über die Runden. Als Student muss man natürlich auch weniger Kosten selber tragen. Ob die Musik allein uns finanziell unterhalten kann, wenn wir das Studium abgeschlossen haben, weiß ich noch nicht genau. Wir müssen auch erst mal abwarten, wie weit uns unser Album-Release in dem Punkt bringt. Ich bin ehrlich gesagt sogar zuversichtlich, dass ich von unserer Musik leben können werde! EUREN EHRGEIZ FAND ICH IMMER SEHR BEEINDRUCKEND, DA WURDEN EINFACH OHNE LABEL ALLE DIGITALEN MÖGLICHKEITEN DES HEUTIGEN ZEITALTERS AUSGENUTZT, INKL. DES VERKAUFS DER EIGENEN CD ÜBER DIE EIGENE HOMEPAGE. WOLLT IHR DEN BANDS, DIE IN DER GLEICHEN SITUATION SIND (WAREN, JEDENFALLS OHNE PLATTENVERTRAG), NICHT TIPPS GEBEN, WIE SIE IN DER HEUTIGEN SCHWIERIGEN ZEIT VORGEHEN SOLLEN BZW. WAS MAN VERMEIDEN SOLLTE? Eddy: Bei uns hatte es ja durchaus funktioniert ohne Label. Nicht in dem Maße, wie es jetzt los geht, aber durchaus akzeptabel. Wir hatten auch vor Tapete Gespräche mit Labels, haben da aber immer gezögert, weil wir eigentlich keine zu großen Einschränkungen auf uns nehmen wollten und andererseits sehr skeptisch über Versprechungen waren. Es gab oft keine wirklichen Vorteile gegenüber dem DIY, wie wir es lange gemacht haben. Und vielleicht kann das auch ein Tipp sein. Wenn man Energie hat, muss man ohne Label nicht gleich erfolglos sein. Wir haben uns auf jeden Fall nie verbogen, um irgendwo rein zu passen. Sid: Ich kann nur allen Mut machen. Von Musik leben oder einen Plattenvertrag kriegen ist nicht unmöglich! Meine Tipps: 1. Demos verschicken bringt wohl was! Es kommt zwar verhältnismäßig wenig bei rum, aber wenn schon ein Compilation-Beitrag bei rausspringt, kann das ein wichtiger Schritt sein. 2. Eine Platte selbst rausbringen oder ein Label gründen, ist nicht SO aufwendig! Der bürokratische Aufwand ist nicht so schlimm, wie man teilweise liest. Also ruhig machen! Wir wollen uns aber dennoch lieber auf die kreative Arbeit konzentrieren, weshalb wir uns einem Label angeschlossen haben, anstatt mit eigenen Releases weiterzumachen. 3. Ich glaube, wenn man ein Label finden will, ist es sinnvoll, EPs oder Minialben zu veröffentlichen und keine Alben. Ein Album kann man in 2 bis 3 EPs aufsplitten – das macht das zwei- bis dreifache an Aufmerksamkeit, die man durch Releases erhält; denn Labels und Presse horchen eben – wenn überhaupt – nur einmal pro Release auf. MAL NE SAUBLÖDE FRAGE, WAS HÖRT IHR EIGENTLICH FÜR MUSIK? IHR WERDET DOCH NICHT ZUM FRÜHSTÜCK SCHON „ICH WILL SPASS“ ZU EUREN KORNFLAKES GENIESSEN!? Sid: Ich lasse mich von verschiedensten Musikrichtungen inspirieren. Neue Instrumentalmusik, Elektroakustische Musik, aber auch Hip Hop und Soul, Techno, Indie oder die alltägliche Chartpampe. Ich kann in vieler Musik etwas Positives finden, von dem ich etwas lernen kann. Trotzdem wird das fast immer, vor allem bei Chartmusik, von so vielen negativen Dingen übertönt, dass es nicht auszuhalten ist, das zu hören. Dementsprechend selten kommt es vor, dass ich Musik finde, die ich mir wirklich gerne reinziehe. Wenn doch, dann ist es meistens aus dem Genre Minimal Wave, Electroclash oder Punk. SEID IHR EIGENTLICH AUCH SZENETECHNISCH NOCH IRGENDWIE UNTERWEGS, SIEHT MAN EUCH NOCH IRGENDWO AUF DER TANZFLÄCHE RUMHOPPELN? ERZÄHLT DOCH MAL EUERE SICHTWEISE DER SZENE, ODER GLOBAL GESEHEN DER GANZEN MUSIKLANDSCHAFT. Eddy: Wir sehen uns eigentlich in keiner Szene. Ich kann deswegen eigentlich auch nichts zu einer Sichtweise auf eine Szene sagen. Wir gehen gerne auf gute Parties und Konzerte, wenn wir Zeit haben. Es gibt immer spannende Acts. Meist sind das kleine Sachen in Clubs. Ich war ewig nicht mehr auf einem großen, bekannten Konzert. Sid: Ich für meinen Teil bin recht wenig unterwegs. Wenn wir nicht auftreten, studiere ich meist. Das ist ja aber das Geile an so einer Band: Wir sind auf den wahrscheinlich besten Parties Europas unterwegs, weil wir da selbst spielen! Für meinen Geschmack sind die Parties, auf denen wir spielen, jedenfalls meistens sehr gut! Man hat Spaß, hört gute Musik, trinkt Bier, trifft schöne Menschen und bekommt dafür Geld. Geil, oder? WIE GEHT IHR MIT DEM THEMA ILLEGALE DOWNLOADS UM, SEHR IHR DAS SO LOCKER WIE DIE ÄRZTE, DIE IHRE CDS OHNE KOPIERSCHUTZ VERKAUFEN? Sid: Wenn wir so viele CDs verkaufen würden wie die Ärzte, wäre mir auch egal, wenn das 20fache davon noch illegal downgeloadet werden würde. Natürlich! Die haben leicht reden. Die Kleinen, sind die Gearschten. Denn es geht wieder mal um die Frage, wie man von der Musik leben kann. Und auch was dem Konsumenten die Musik wert ist. Ich finde gerade in die letzte Frage stellen sich den meisten viel zu selten oder gar nicht. Wo doch fast jeder irgendeine Art von Musik so sehr schätzt. Von mir aus darf man sich Musik, die man nur „ganz nett“ findet, illegal runterladen und sollte aber Musik, die man „geil“ findet, kaufen, auch wenn man sie schon umsonst runtergeladen hat oder runterladen könnte. Oder anders gesagt: Ein paar weniger Ärzte-Platten und ein paar mehr Schwefelgelb-Platten kaufen. IHR SEID JA AUCH STÄNDIG AUF TOUR, ICH WERDE EUCH NÄCHSTES JAHR IN HEIDELBERG ANSEHEN DÜRFEN. BEI EUREM GESAMTEM ZEITAUFWAND DÜRFTE AUCH NICHT MEHR VIEL ZEIT FÜRS PRIVATE DA SEIN, MAN HAT DAS GEFÜHL, DASS IHRE RICHTIGE VOLLBLUTMUSIKER SEID. TÄUSCHT DASS? Sid: Das täuscht! Denn nur ich bin Vollblutmusiker. Eddy ist eigentlich wenig musikalisch. Aber das stimmt, da bleibt nicht mehr viel Zeit. Das ist natürlich nichts, worüber ich klagen kann, denn das ist ja das, wofür ich kämpfe. Mich Tag und Nacht meiner Leidenschaft der Musik zu widmen. Das klingt schwülstig. Aber es ist so. Eddy: Das macht uns Spaß und damit identifizieren wir uns voll und ganz. Wir studieren ja alle noch, aber ich kann mir ein Leben ohne Schwefelgelb gerade nicht vorstellen. Wenn schon nicht Vollblutmusiker, würde ich es Vollblutschwefelgelber nennen. WELCHES WAR DAS BESTE JAHR DER MUSIKGESCHICHTE? Sid: 1983 – als Sid und Eddy geboren wurden, um Schwefelgelb zu werden. Eddy: Kann ich mich anschließen. MÖCHTEST DU NOCH UNBEDINGT ETWAS LOSWERDEN ODER UNSEREN LESERN ETWAS MITTEILEN. DARF EUERE MUSIK AUF BOHRINSELN GEHÖRT WERDEN? Eddy: Ja, gerade auf Bohrinseln und zwar besonders laut, weil man da eh keinen stören wird. Leider. Sid: Ich will mich an dieser Stelle gerne wiederholen: Wenn euch unsere Mucke gefällt, dann kauft sie! Und zwar am besten direkt über uns, denn davon profitieren wir am meisten. Es geht nicht darum, dass wir uns einen schönen Urlaub gönnen können, sondern darum, dass wir uns Aldi-Salami aufs Brot hauen können. Um euch dann mit noch mehr umso schönerer Musik zu beglücken! DANKE FÜR DAS INTERVIEW UND ICH HOFFE NOCH AUF VIELE ALBEN VON EUCH. BLEIBT TAPFER! Sid: Danke auch und viel Erfolg mit der eigenen Musik!

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