Terrorverlag > Blog > TELLBACH > TELLBACH (MICHAEL TELLBACH)

Interview Filter

TELLBACH (MICHAEL TELLBACH)

Michael-Tellbach-1

AUCH WENN UNS MICHAEL TELLBACH IMMER NOCH DEN RÜCKEN ZUDREHT, KONNTEN WIR IHM DOCH EIN PAAR INFORMATIONEN ENTLOCKEN. EIN INTERVIEW ÜBER DAS NEUES PROJEKT, WELTRAUMMUSIK UND DIE MASKE: KANNST DU VORAB ETWAS ÜBER DIE ERZÄHLEN? WIE BIST DU ZUR MUSIK GEKOMMEN UND WARUM MACHST DU DAS ANONYM? Ich komme aus dem Ruhrgebiet, aus Duisburg, und mein erstes Musikprojekt kam 1988 zustande, als ich dreizehn Jahre alt war. Ich bin damals einem ehemaligen Kindergartenfreund über den Weg gelaufen, der wie ich ein Keyboard zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Wir taten uns zusammen, um Weltraummusik zusammen zu machen, die wir dann auch mit einem Kassettenrekorder aufnahmen. Mit der Zeit wurden wir ambitionierter und trauten uns auch, selbstgeschriebene Texte dazu zu singen. Es ging darin um erste Verliebtheiten und Zeugs, das wir in Gruselromanen gelesen hatten. Ein Jahr später fing ich an, mich für Punkbands wie THE DAMNED und THE MISFITS zu interessieren und musste deshalb unbedingt eine E-Gitarre haben. Bald darauf schmiss auch mein Kindergartenfreund das Keyboard hin und spielte stattdessen Bass. Es kamen noch ein Drummer und eine Sängerin dazu, die meine Vocals unterstützten. 1990 traten wir zum ersten Mal auf und nannten uns EXIT 13. Ich habe noch ein paar Tapes aus der Zeit; vielleicht bringe ich sie irgendwann mal raus. Wir spielten einen eigenartigen Mix aus Wave, Psychedelic, Folk und so etwas wie Grunge. Nebenbei hatte ich noch ein Projekt, das sich DUISBURG MONOTON nannte und stark von den EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN und Sachen wie SPK beeinflusst war. Davon habe ich auch noch eine Schublade voll Kassetten, die wir damals in einem Bunker aufgenommen haben und die man sich tatsächlich noch anhören kann. Als sich EXIT 13 1993 auflöste, wurde ich Sänger einer Grind- und Crustcore-Band, mit der ich durchs Ruhrgebiet tourte. Das war ziemlich wild, aber nebenbei hatte ich ein ruhigeres Projekt, das sich REGENLÄRM nannte und stark von Bands wie CURRENT 93 und DEATH IN JUNE beeinflusst war. Es ist schon seltsam, wir haben damals mit all diesen Projekten ständig Konzerte gespielt und Tapes verkauft, aber im Internet findet man heute kaum noch Spuren davon. Google erinnert sich eben doch nicht an alles. Als das Internet sich dann langsam aber sicher ausbreitete, interessierten sich die Leute immer weniger für Konzerte von lokalen Bands, weil man ja alles im Computer hatte, was man brauchte. Ich stand dem Internet deshalb lange sehr skeptisch gegenüber, aber irgendwann fing ich an, damit zu spielen. Ich entwarf eine Maske und benutzte sie für eine Kunstfigur namens ART ABSCON für ein Musikprojekt, in dem ich versuchte, alles einfließen zu lassen, was ich bisher alles gemacht hatte. Natürlich wollte ich vollkommen anonym bleiben, das Internet war ja immer noch sehr suspekt. Wenn ich dann ohne Maske als Bandmitglied anderer Bands wie zum Beispiel NORMA LOY aus Frankreich auftrat, benutzte ich Pseudonyme und verlor als ART ABSCON kein Wort darüber. Mittlerweile habe ich den Schleier etwas gelüftet. Nächste Woche (Samstag, 22.04.2018) bin ich aber wieder Mika Chrome bei einem Konzert mit NORMA LOY in Paris. WIE ENTSTAND DER WANDEL VON ART ABSCON ZU TELLBACH? Ich habe mit dem letzten ART ABSCONs-Album, „The separate republic“, lange gekämpft. Fünf Jahre habe ich daran gearbeitet, immer wieder große Teile verworfen und musste ständig von vorn anfangen. Als es endlich rauskam, brauchte ich etwas Abwechslung. Es musste etwas gänzlich anderes sein. Mein richtiger Name war mittlerweile dank Facebook und dessen gründlicher Aufklärungsarbeit bekannt geworden, und so wurde Michael TELLBACH als Mann hinter der Maske immer mehr zu einer zweiten Kunstfigur. Natürlich durfte ich das Gesicht hinter der Maske des Großmeisters Abscon nicht enthüllen, und so zeigt sich TELLBACH immer nur von hinten. Ich ging mit TELLBACH wieder ganz an den Anfang zurück, zur Weltraummusik sozusagen, und fing an, mich mit Analogsynthesizern und Midi auseinanderzusetzen. Das war nach der doch recht mühseligen Arbeit an „The separate republic“ sehr angenehm. Plötzlich waren da nicht mehr 36 verschiedene akustische Instrumente, die ich selbst spielen, sondern Sequenzen, die ich nur programmieren musste, um dann an Knöpfen zu drehen, um zu staunen, was dann so alles passiert. Das war sehr interessant für mich und hat erstaunlich viel Spaß gemacht. Das TELLBACH-Album entstand sehr rasch. Nebenbei habe ich auch das Magnetband wieder für mich entdeckt, habe eine Bandmaschine für künftige Produktionen restauriert und arbeite gerade an den Time Trip Tapes, einer Serie von Minimal Wave-Alben auf Kassette, die ich mit einem Vier-Spur-Rekorder aus den 80ern produziere. IST ART ABSCON JETZT GESCHICHTE ODER WIRD ES DA NOCH ETWAS GEBEN? Naja, der Großmeister Abscon ist ja irgendwie unsterblich und wird mich sicherlich nicht ewig in Ruhe lassen. Ich habe in der Tat gedanklich schon angefangen, an einem ART ABSCONs-Album mit Volksliedern zu arbeiten. Einen kleinen Vorgeschmack darauf hat das Mini-Album „Fünf Lieder“ gegeben, das ich bereits auf Kassette aufgenommen hatte. Das neue Volkslied-Album soll allerdings professioneller produziert und mit eher klassischen Arrangements daherkommen. Ich habe bereits ein paar Klavierkompositionen dafür, die noch zu einer Art psychedelischer Kammerkonzertstücke weiterentwickelt werden. Ähnlich wie bei „Fünf Lieder“ verwende ich dabei Texte deutscher Volkslieder und versehe sie mit eigenen Kompositionen, die für mich den Kern der Lieder treffen. Ich war und bin überrascht, wie sehr die universelle, einfache Sprache volkstümlichen Liedguts zu mir spricht und wie sehr ich darin zuhause sein kann, wenn ich sie auf meine eigene Weise vortrage. Außerdem schlüpfe ich auch jetzt noch von Zeit zu Zeit in die Rolle des Großmeisters. Ich werde diesen Sommer zum Beispiel allein und unplugged auf ein paar privaten Feiern spielen. Darauf freue ich mich schon sehr. Ich bin selbst gespannt, was da noch kommen mag. WORAUS BEZIEHST DU DIE INHALTE DER TEXTE? Da muss ich zwischen ART ABSCON und TELLBACH differenzieren. ART ABSCON ist zehn Jahre lang meine Muse gewesen. Er ist für mich ein eigenständiges Wesen mit eigenen Vorstellungen und Wünschen. Vieles von dem, was ich für ihn gesungen habe, empfing ich in Träumen. Als ich mich mit TELLBACH selbstständig gemacht habe, war ich zunächst auf mich selbst gestellt, was am Anfang recht schwierig war. Als ich dann aber merkte, dass ich einfach nur über mich selbst und meine Erlebnisse hinter der Maske schreiben konnte, floss es schnell aus mir heraus. Dadurch sind die TELLBACH-Texte recht persönlich geworden. Bei ART ABSCON durfte ich mich nie beklagen. Ich habe den Eindruck, dass ich in den TELLBACH-Texten manchmal sehr viel Frust abgelassen habe, der sich über die Jahre aufgestaut hat. Das war auch etwas sehr Neues für mich, und ich hoffe, dass ich es damit nicht übertrieben habe. Es war allerdings auch sehr befreiend, und ich denke, dass die künftigen TELLBACH-Texte wesentlich unbefangener sein werden. Auf den Time Trip Tapes habe ich bereits damit angefangen, das Rätselhafte und Geheimnisvolle alltäglicher Banalitäten zu besingen. WIRD ES DAS TELLBACH-DEBÜT NOCH ALS VINYL ODER KASSETTE GEBEN? Das muss sich erst noch zeigen. Das TELLBACH-Debüt ist die erste richtige Veröffentlichung auf meinem eigenen Label Opus Abscondi. Es hängt davon ab, wie gut oder schlecht dieses neue Projekt aufgenommen wird, und ob die Resonanz eine Vinyl-Release ermöglichen wird. MCs sind natürlich sehr günstig und quasi on demand zu bewerkstelligen. Ich frage mich nur, ob es in diesem Fall eine große Nachfrage geben würde. Mit den Time Trip Tapes plane ich Veröffentlichungen, die ausschließlich auf Kassette erhältlich sein werden, womit ich das Medium Kassette als Fetisch und schwer zugängliche Rarität zelebrieren möchte in einer Zeit, in der man sich alles mal schnell im Netz ziehen kann. Ich bin immer noch kein großer Fan vom Internet und dem Wert- und Qualitätsverlust, den die Musik insgesamt dadurch erfahren hat. Aus diesem Grund gibt es das TELLBACH-Debüt vorläufig auch nur auf CD und erst als Stream oder Download wenn man es sich sowieso schon auf YouTube anhören und an anderen Orten im Netz illegal herunterladen kann. PLANST DU KONZERTE? Absolut. Ich plane Konzerte mit TELLBACH für den Herbst und Winter 2018. Ich lasse mir gerade noch einfallen, wie das genau aussehen wird. Die Stücke auf dem Debüt-Album habe ich anhand spontaner „Schraubereien“ an den Knöpfen der Synthies kreiert. Nichts davon ist mehr reproduzierbar. Ich plane eine ähnlich spontane und intuitive Vorgehensweise für die Konzerte. Das dürfte interessant und spannend werden. Jedes Konzert wird vollkommen einzigartig.

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu TELLBACH auf terrorverlag.com