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THE STATIC AGE (ANDREW PALEY)

MAN HÄLT SIE MITTLERWEILE FAST FÜR EINE LEGENDE, DIESE BANDS, DIE LIEBER IN KLEINEN CLUBS SPIELEN ALS DAS GROSSE GELD ZU MACHEN, WENN DAS BEDEUTEN WÜRDE, SICH SELBST UND DIE EIGENE MUSIK ZU VERRATEN. GEHÖR GEFUNDEN HABEN THE STATIC AGE AUS VERMONT DENNOCH. VON KRITIKERN HOCH GELOBT, UND SELBST MIT INTELLIGENTEN MITGLIEDERN GESEGNET, SIND SIE EIGENSINNIG, ABER NICHT STUR IHREN EIGENEN WEG GEGANGEN. WIE UNTER ANDEREM AUCH ANI DIFRANCO ES EINST GETAN HAT, HABEN SIE DEN LANGSAMEN AUFSTIEG GEWÄHLT, UND STEHEN DAFÜR ALS GEFESTIGTE MENSCHEN MIT TREUEN FANS KURZ VOR DEM ABSPRUNG IN DIE LIGA DER GANZ GROSSEN. MUSIKALISCH ALLERDINGS SIND SIE DORT SCHON LÄNGST, UND SÄNGER ANDREW PALEY STAND DEM TERRORVERLAG KURZ VOR DER EINSPIELUNG DES KOMMENDEN ALBUMS REDE UND ANTWORT. ERSTMAL – WIE GEHT ES DIR? Recht gut, danke. WANN WIRD EUER NEUES ALBUM ERSCHEINEN? HAT ES SCHON EINEN NAMEN? Das neue Album wird Anfang April 2011 veröffentlicht werden. Nach dem jetzigen Stand der Dinge werden wir mit den Aufnahmen im Spätsommer beginnen, und den Herbst durch arbeiten, in der Absicht, am Ende des Jahres mit allem fertig zu werden. Wir hatten gerade viele Tage Pre-Poduction, und ich habe daran gearbeitet, die Songs über die letzten Monate hinweg zusammenzustellen. Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir 17 Songs zur Auswahl. Was den Namen angeht, haben wir ein paar Ideen, aber noch nichts was wir bekannt geben können. WIRD DAS ALBUM WIEDER IN EINER LIVE-BAND-SITUATION AUFGENOMMEN? WAS DENKST DU ÜBER DEN AUFNAHMEPROZESS? Bei diesem Album werden wir mehr auf Live-Schichten aufbauen als auf die Elektronik und das Sampling wie bei unserem letzten Album. Wobei wir wahrscheinlich beides tun werden. An diesem Punkt werden etwa 8 oder 9 der ungefähr 12 Songs, die wir letzten Endes aufnehmen werden, recht nah an dem sein, was wir live tun, was sehr viel roher ist als unsere letzten Alben – und dann werden noch ein paar programmiert/ gesampelt werden, oder eine Mischung von beidem. Wir werden an mindestens drei verschiedenen Orten aufnehmen, in Chicago (IL), Burlington (VT) und in upstate New York, wir werden also eine ziemlich variable Reihe von Einrichtungen haben, mit denen wir arbeiten können, und sehen, wo uns all das hinführt. Und ich habe es immer geliebt aufzunehmen. Zurzeit bin ich in einer Art immerwährenden Aufnahmeprozess mit ein paar unterschiedlichen Projekten in meinem eigenen Studio. Es macht süchtig. GIBT ES IRGENDETWAS, DASS DU UNS IM VORAUS ÜBER DAS ALBUM VERRATEN KANNST? Ich weiß auch nur wenig mehr als Du darüber, welche Form es letztendlich annehmen wird, um ehrlich zu sein. Ich werde etwas von Dingen nehmen, die wir bereits ausprobiert haben und viel von Dingen, die wir noch nie versucht haben. Wie gesagt, die Songs sind geschrieben, und was den Stil angeht, sind sie über die komplette Bandbreite verteilt. Manches davon ist das roheste Zeug, das wir je gemacht haben. Nachdem „Blank Screens“ raus kam, haben wir viel Zeit auf Tour verbracht, und das manchmal mit Bands, die merklich anders waren als wir. Ich denke mit so vielen unterschiedlichen Bands und an so unterschiedlichen Orten zu spielen, hat uns geholfen, jede Nacht zu experimentieren. Wir probierten schließlich viele Songs live aus, die wir nie eingespielt hatten, und manche davon landeten auf „i/o“. Es gibt da allerdings noch viele mehr, und einige unserer Favoriten aus diesem Haufen werden auf der nächsten Veröffentlichung auftauchen. FÜR MICH ALS ZUHÖRER HABEN EURE SONGS EINEN SEHR INTIMEN TOUCH, SEHR PERSÖNLICH UND REAL. WIE INTIM SIND SIE FÜR DICH, UND WIE SCHAFFST DU ES, SIE VOR DER KOMMERZIALISIERUNG ZU SCHÜTZEN? Erzwungene Inspiration finde ich unangenehm und irgendwie grotesk. Für mich ist schreiben ein Versuch, wirklich zu hören, was versucht aus einem heraus zu kommen – und so habe ich immer versucht, in dem jeweiligen Moment meinen Impulsen zuzuhören. Ich denke ein Nebenprodukt davon ist das, was Dir aufgefallen ist. Ich habe Interviews mit Leuten gelesen, die über das Schreiben reden, als ob es ein Job wäre. Ich kann das nie nachvollziehen. Ich denke Bukowski hat es in „So you want to be a writer?“ besser gesagt, als ich es je könnte. Das fasst meine Gedanken zu diesem ganzen Thema gut zusammen. EURE SONGS BOMBARDIEREN DEN HÖRER NICHT GERADE MIT ANSICHTEN UND GEFÜHLEN, SONDERN WIRKEN EHER WIE EINE LEISE EINLADUNG DAZU, DIESE POLITISCHEN ANSICHTEN UND PERSÖNLICHEN GEFÜHLE ZU TEILEN. SELBST BIN ICH EIN ZIEMLICHER MEDIENJUNKIE, FAND ES ABER SEHR ANGENEHM, MICH BEWUSST DAFÜR ENTSCHEIDEN ZU DÜRFEN, DIE EINDRÜCKE EURER MUSIK AUFZUSAUGEN. WELCHE MEINUNG HAST DU ALS MUSIKER UND MEDIENKONSUMENT SELBST ZU EURER HERANGEHENSWEISE? Wenn Du meinen Ansatz zum Konsum meinst, also ich versuche, so viele seriöse Meinungen zu hören, wie ich kann. In Kunst, Medien, Politik und auch allem anderen. Das beinhaltet auch viele Stimmen, mit denen ich überhaupt nicht einig bin, so lange sie nicht Teil der Krachmaschinerie sind. Ich denke, die eigenen Ideen herausgefordert zu sehen, macht diese entweder stärker, zwingt dich sie besser zu verstehen oder auszudrücken, oder lässt dich diejenigen, bei denen du falsch lagst, berechtigt verwerfen. Ich verstehe den Impuls nicht, nur dazu zu neigen, die Dinge anzunehmen, bei denen man sich einig ist, auch wenn es wirkt, als ob vieles der Kunst und Medien in den USA auf diese Art funktioniert. Ich kann mir nicht vorstellen, was das einem bringen soll. Ich denke, das einzige, das mich wirklich von einer Idee, einer Plattform, einem Künstler oder einem Ventil abstoßen kann, ist, wenn das Produkt eindeutig mehr Blendwerk als Substanz hat, voll mit Propaganda oder Marketing oder anderen versteckten Motiven ist – obwohl es auch interessant sein kann zu sehen, was die Leute beeinflusst. Ich will lieber etwas Rohes haben als etwas Glitzerndes, lieber Nuancen als das Bombastische, lieber Wahrhaftigkeit als ein Image. Und es klingt zwar abgedroschen, aber viel Bullshit verkleidet sich heutzutage als Wahrheit (wobei, der Fairness halber, das scheint keine wirklich neue Situation zu sein). EURE ENTSCHEIDUNG, KREATIVE FREIHEIT PLATTENVERTRÄGEN MIT GROSSEN PLATTENFIRMEN VORZUZIEHEN, ERINNERT MICH AN DAS ROBERT FROST-GEDICHT „THE ROAT NOT TAKEN“. BIST DU DER MEINUNG, DEN WENIGER BEGANGENEN PFAD EINGESCHLAGEN ZU HABEN, UND WELCHEN UNTERSCHIED HAT DAS GEMACHT? Das ist eine interessante Frage. Es gibt immer noch Leute, die mir sagen, dass wir verrückt waren bei den Entscheidungen, die wir getroffen haben. Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde diese Entscheidungen hätten es nicht schwieriger für uns gemacht, Gehör zu finden. Aber es zwingt Dich auch dazu in Frage zu stellen, warum man überhaupt etwas erschafft. Ich denke, dass das eine gute Sache ist. Es hält die See rau und den Kopf klar. IHR SEID VON EINER GROSSEN BANDBREITE VON BANDS BEEINFLUSST. WÜRDEST DU SAGEN DASS ES WICHTIG WAR, DIESES SPEKTRUM NICHT ZU SCHMÄLERN? UND WENN JA, INWIEFERN? Ich wüsste nicht einmal, wie ich das Spektrum unserer Einflüsse bewusst einschränken könnte, wenn ich es versuchen würde. Jede Idee, jedes Argument, jeder Ton oder Rhythmus, den jemand je gehört hat wird Futter. Vieles davon bleibt unbenutzt. Und einiges davon wird auf Arten benutzt, die wir nicht verstehen. Die einzige Art, in der ich versuche eine aktive Rolle darin zu spielen, das Spektrum breit zu halten wenn es darum geht etwas zu erschaffen, ist indem ich nicht vor Stilrichtungen, Ideen oder Sounds zurückschrecke, die ich noch nicht probiert habe. Und ich denke unsere bisherigen Alben sind ein Produkt davon, dass wir dazu bereit waren, herum zu spielen. ZENSIERST DU DICH IRGENDWIE BEIM SONGWRITING? UND GIBT ES FÜR DICH EINE VERBINDUNG ZWISCHEN PERSÖNLICHER ZENSUR UND DER ZENSUR VON UND AN DEN MEDIEN? Nun, ich würde es nicht Zensur nennen. Nichtsdestoweniger treffe ich definitiv aus einer Reihe von Gründen Entscheidungen darüber, was ich veröffentliche und wo. Ich habe auch unter anderen Namen veröffentlicht. Aber diese Art Entscheidungen haben mehr mit Privatsphäre zu tun, mit unterschiedlichen Identitäten zu spielen und Entscheidungen aus Gründen des Selbstschutzes, was ziemlich unterschiedlich ist zu sozialer oder politischer Zensur. Privatsphäre und Identität sind in persönliche Entscheidungen verpackt – Zensur ist ein aufgezwungener Akt. Ich stelle die beiden nicht gleich. WELCHE ROLLE SPIELT IDEALISMUS IN EURER MUSIK, UND AUCH IM PRIVATLEBEN? GLAUBST DU DASS IHR DIESEN IDEALISMUS ÜBER DIE JAHRE BEIBEHALTEN KÖNNT? Bin ich idealistisch? Ich schätze, dass vielleicht einige meiner Entscheidungen so bezeichnet werden können. Wobei Idealismus unrealistische Erwartungen an die Art wie die Dinge sind, oder sein könnten, suggeriert, und ich denke gern, dass meine Erwartungen nicht völlig außerhalb des Möglichen sind. Aber vielleicht gehört das auch zum idealistisch sein. Oder vielleicht bin ich auch nur unvernünftig. Mist – das ist schwer zu sagen. Ich lasse hier lieber George Bernard Shaw den Vortritt. Nichtsdestoweniger ist das Erschaffen von Natur aus ein idealistischer Akt. WÜRDEST DU SAGEN, DASS DAS DEMOKRATISCHE POTENTIAL DES INTERNETS EINEN UNTERSCHIED FÜR BANDS GEMACHT HAT, DIE NICHT MIT GROSSEN LABELS ARBEITEN WOLLEN, AUCH IN BEZUG DARAUF, DAS PUBLIKUM UND POTENTIELLE FANS ZU ERREICHEN? HAT DAS FÜR EUCH ALS BAND EINEN UNTERSCHIED GEMACHT? Ohne Frage. Es hat einen Unterschied für jeden gemacht, der heutzutage versucht etwas nach draußen zu bringen. Es hat es auf viele Arten einfacher gemacht, und schwerer auf andere. Die offene Natur des Netzes bedeutet, dass es da draußen eine Katzenmusik von Stimmen gibt, und das ist klasse – aber in einer solchen Umgebung haben Gimmicks eine Tendenz, die Nuancen der Ideen zu übertrumpfen. Aber das ist die Natur der offenen Konversation – die Leute können wählen, was sie sagen und was sie sich anhören. Ich denke die Bloggerkultur hilft, das Überangebot etwas zu analysieren, und hilft vielleicht auch über einige Gimmicks hinwegzukommen, aber es gibt immer noch viele Möglichkeiten für neue Arten von Labels, Communities und Plattformen. Ich bin derzeit tatsächlich in ein solches Projekt involviert. Es sollte Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres lanciert werden ZURÜCK ZU EUREM KOMMENDEN ALBUM. WIE SEHT IHR RÜCKBLICKEND EURE ENTWICKLUNG ALS BAND, UND WIE WIRD DIESES ALBUM EIN TEIL DAVON SEIN? Als wir diese Band gründeten, waren wir alle nur ein Haufen Jugendlicher aus ein paar winzigen ländlichen Örtchen in Vermont (Einem kleinen Staat im Nord-Osten der vereinigten Staaten). Wir waren aus der Mitte von Nirgendwo, hunderte Meilen von der nächsten Großstadt entfernt (welche zufälliger Weise auch in der Nähe von dem Ort ist, wo Robert Frost hauptsächlich geschrieben hat). Wir nahmen ein Album – „The Cost of Living“ – im Schlafzimmer eines Freundes auf, und riefen in kleinen Clubs und Bars ringsherum in den Vereinigten Staaten an, packten einen 10 Jahre alten Minivan und verbrachten unseren ersten Sommer als Band damit, durch die USA zu reisen, Erdnüsse und billige Nudelsuppen zu essen und auf Böden, Campingplätzen und Rastplätzen entlang des Highways zu schlafen. Was uns angeht, war das alles, was es dazu brauchte, um eine Band zu sein. Wir kannten nichts anderes, und wir haben es geliebt. Im nächsten Jahr taten wir das wieder. Im dritten Jahr hatten uns die Leute bereits bemerkt, und von da an lief es weiter. Unterwegs sind wir auf Hindernisse gestoßen, haben Fehler gemacht, Mitglieder verloren, Mitglieder gewonnen, taten unser Bestes, um weise Entscheidungen zu treffen, und haben buchstäblich hunderte, wenn nicht tausende von Freunden, Bands, Supportern, Verbündeten und Feinden kennengelernt. Und wir haben auf vielen Böden geschlafen. Ich würde nichts davon zurück nehmen oder anders machen. Unsere Alben waren ein Produkt all dieser Energie, Unsicherheit, Wut, Angst, Freude und allen anderen Dingen die in unseren Köpfen schwirrten. Was auch immer wir als nächstes tun, wird auch ein Produkt davon sein. HAT SICH DENN DIE ART GEÄNDERT, WIE IHR MIT MUSIK ARBEITET? Während wir „Neon Nights, Electric Lives“ aufgenommen haben, hat Matt Squire (der Produzent des Albums) angefangen, mir Tipps zum Aufnehmen zu geben. Bis zu diesem Punkt hatte ich noch nie selbst versucht, zu produzieren. Als ich im Jahr darauf zurückkam, um ein Solo-Album mit Squire aufzunehmen, war ich begierig, mehr zu lernen. Über die folgenden Jahre habe ich langsam Verstärker, Gitarren, Drums, Keyboards und eine Menge Aufnahmeausstattung zusammengetragen um mir mein eigenes Studio einzurichten, aber unser vollgepackter Tourkalender hielt mich davon ab, mich niederzulassen und alles einzurichten. Ich habe vieles gelagert, während wir gereist sind. Teile meiner Sammlung wurden in Songs auf „Blank Screens“ und“ i/o“ genutzt, aber es war erst letztes Jahr, dass ich einen Ort bekam, an dem ich wirklich arbeiten kann. Also denke ich, dass das die größte Veränderung ist – ich kann jetzt einen Großteil der Arbeit selbst machen. Das ist toll, weil ich unbegrenzt Zeit habe, und keinen eingeschränkten Zeitplan – wenn ich um 4 Uhr morgens eine Idee kriege, kann ich alles damit arbeiten. Aus den gleichen Gründen ist es auch nicht so gut, da Grenzen einen auch manchmal dazu zwingen, die Dinge erledigt zu kriegen und den Prozess zu beschneiden. Ich bin noch dabei diese Balance zu finden, und das wird definitiv teil des nächsten Albums sein. WANN KÖNNEN WIR EUCH DENN IN DEUTSCHLAND LIVE SEHEN? Wenn alles nach Plan läuft kommen wir im Frühjahr 2011 wieder. IRGENDWELCHE BERÜHMTEN LETZTEN WORTE FÜR UNS? „Freunde applaudiert, die Komödie ist beendet.“ L.v.B. Oder vielleicht nur: „Ich habe mich nie besser gefühlt.“

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