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TRANSSYLVANIANS (HENDRIK MAASS)

IN KÜRZE ERSCHEINT EURE DOPPEL-CD „FÉL ES EGÉSZ“, EUER SECHSTES ALBUM NACH ZWEI JAHREN STUDIOABSTINENZ. KANN ES SEIN, DAS SICH IN DER ZEIT NE MENGE IDEEN BEI EUCH ANGESTAUT HABEN, DIE JETZT AUF CD GEBRANNT WURDEN, IMMERHIN SIND ES MEHR ALS 100 MINUTEN MATERIAL GEWORDEN?! So eine CD-Produktion ist immer eine Herausforderung. Es gibt Stücke, die sofort fertig sind und die wir dann auch live spielen. Dann gibt es die Titel, die wir proben und live spielen wollen, sich aber nicht so einfach in unser normales Programm integrieren lassen. Und es gibt auch die Stücke, die erst im Studio entstehen. In dieser Hinsicht stimmt es, dass eine Menge Ideen umgesetzt worden sind. IHR NENNT EURE MUSIK „HUNGARIAN SPEEDFOLK“, WAS SIND DABEI FÜR EUCH DIE WICHTIGSTEN EINFLÜSSE UND STILMITTEL? Wir mussten uns einen Begriff einfallen lassen, der den Charakter der Band und die Musik beschreibt, sozusagen ein Werbespruch, der die Interessierten zu unseren Konzerten lockt und diese dort auch in diesem Sinne befriedigt. Wahr ist, wir spielen ungarische Musik mit Geige und das meistens schnell. Allerdings ist dieses Kriterium alleine zu kurz gegriffen. Wir in der Band sind ganz unterschiedliche Charaktere, und so bietet eine CD immer auch Raum, etwas anderes vorstellen. Thomas, der Schlagzeuger ist mehr vom Jazz beeinflusst, Andreas, der Keyboarder kommt mehr aus der Klassik und ist jazzinteressiert. András ist von allen Stilen geprägt. Bei Isabel weiß ich das gar nicht, und ich, der Gitarrist, bin mehr der Rocker. Zusammen ergibt das einen punkigen, wilden Sound mit komplexen Strukturen. Und jeder hat die Möglichkeit, musikalische Fähigkeiten und Virtuosität einzubringen. Es macht unglaublich Spaß, Soli und Melodien zu spielen, wenn die Band dazu ordentlich rockt. Es ist wohl mehr die Art und Weise, wie wir die Stücke spielen bzw. der Sound der Band. Das war von Anfang an so. Wer später in die Band kam, wurde sozusagen transsylvanisiert. Da wir aber auch selber nicht genau wissen, wie wir unseren Sound eigentlich kurz und bündig beschreiben sollten, warten wir immer wieder die Kreativität der Journalisten ab. Bisher war allerdings kein Spruch besser. WIE KOMMEN DIE TRANSSYLVANIANS DENN IN IHRER „HEIMAT“ AN BZW. WO SEHT IHR ÜBERHAUPT EURE HEIMAT? IHR SCHREIBT AUF EURER HOMEPAGE, DASS IHR WURZELN IN DEN KARPATEN UND EUREN WOHNSITZ IN BERLIN HABT. BEZIEHEN SICH DIE OSTEUROPÄISCHEN WURZELN NUR AUF SÄNGER UND VIOLINIST TIBORCZ ANDRÁS UND DEN WEIBLICHEN GESANGSPART NAGY ISABEL? GITARRIST HENDRIK MAASS, KEYBOARDER ANDREAS HIRCHE UND DRUMMER THOMAS LEISNER VERFÜGEN JA EHER ÜBER DEUTSCH KLINGENDE NAMEN. Den Heimatbegriff muss jeder für sich beantworten. Das, was wir schreiben, benutzen wir natürlich, neben einer inhaltlichen Wahrheit, als Etikett. Das ist interessant und wirft Fragen auf, aber es sind immer dieselben Fragen. Manche Siebenbürger tauchen z.B. bei unseren Konzerten auf und beschweren sich, dass wir ungarische Musik spielen. Nach einem Konzert jemanden einen historischen Exkurs zu geben, um sich zu rechtfertigen, ist schon müßig. Oder früher, als wir noch sehr viel ohne Verstärker gespielt haben, gab es einige Leute, für die wir, wenn wir schon keine echten Transsilvanier waren, doch zumindest ein Musikstudium absolviert haben mussten, oder aber eigentlich ganz groß vom Klezmer beeinflusst sein mussten. Ich habe diese Fragen immer bejaht, um das Gespräch abzukürzen. Ja, wir leben und wohnen in Berlin. Wir sind Deutsche, bis auf die halbungarische Sängerin Isabel und unseren Bandleader an der Geige, Andras, unser so genannter Vorzeigeungar. Fern der Heimat der Ungarn, locken wir diese immer wieder auf unsere Konzerte, und die meisten sind begeistert. In Ungarn selbst haben wir bisher keine Konzerte gemacht, da bisher kein Veranstalter ungarische Musik aus Deutschland nach Ungarn importieren wollte. Dazu muss man verstehen, dass die folkloristische ungarische Musik als Kulturgut gesehen wird, welches von tanzenden und musizierenden Trachtengruppen aufgeführt wird. Wir sind in einem solchem Zusammenhang ein Affront. Wenn wir an dieser Stelle ein Ziel formulieren sollen, welches die Band noch in der Zukunft erreichen will, dann heißt das: einmal offiziell in Ungarn spielen. WENN ICH DAS GELBE HINWEISSCHILD AUF DEM ALBUM RICHTIG DEUTE, IST DIE ERSTE CD DIE PARTY-VARIANTE, BEI DER SCHWEISSTREIBENDE SONGS ZUM TANZEN ZU GEHÖR KOMMEN. DER ZWEITE SILBERLING GEHT DIE SACHE RUHIGER AN, WERDET IHR IN EUREN KONZERTEN STÜCKE BEIDER „ABTEILUNGEN“ SPIELEN UND WENN JA, IN WELCHEM VERHÄLTNIS? Wir haben eine Menge Stücke im Repertoire, die wir je nach Situation einsetzen. Das Konzertprogramm entsteht am selben Abend. Und es überwiegen die schnelleren, tanzbaren Stücke. WIE MUSS ICH MIR DENN ÜBERHAUPT EIN TRANSSYLVANIANS-KONZERT VORSTELLEN? VOR MEINEM GEISTIGEN AUGE SEHE ICH EINEN WAHREN HEXENKESSEL AUSGELASSEN TANZENDER ZUSCHAUER… So sollte es sein. Einige Konzerte sind ein wahres Fest. Der Höhepunkt der Euphorie wird dann erreicht, wenn sich Andras, während eines Geigensolos, in die Menge fallen lässt und, auf Händen getragen, sein Solo fortsetzt. Diese Momente sind spontan, eben ’live’. Aus dieser Situation heraus, haben wir das gelbe Logo entwickelt. Aber ehrlich gesagt, mir sind auch Konzerte in Erinnerung geblieben, wo wir einfach die falsche Band am falschen Ort waren und die Reaktionen von Teilnahmslosigkeit bis hin zum totalen Desinteresse reichten. Es gibt auch Gegenden und Länder mit unterschiedlichen Mentalitäten, wo die Leute erst bei der Zugabe anfangen zu tanzen. Und natürlich hat die Band auch mal einen schlechten Abend. Kein Konzert ist gleich, das ist das Schöne und das Spannende. INTERESSANTERWEISE SPIELT IHR VIEL IM OSTEN UND SÜDEN DEUTSCHLANDS UND AUCH IN DEN NIEDERLANDEN, BEI UNS IM NORDWESTEN SEID IHR DAGEGEN SELTENER ANZUTREFFEN (2005 GAB ES KONZERTE IN OSNABRÜCK UND LINGEN). FEHLT DEN STUREN NORDDEUTSCHEN DER SINN FÜR DAS STÜRMISCHE TEMPERAMENT DER TRANSSYLVANIER? Wahrscheinlich fehlen uns die Kontakte. Jeder, der eine Idee hat, kann uns gerne Hinweise geben. IHR SINGT AUF UNGARISCH, FÜR DEUTSCHE OHREN EINE ETWAS GEWÖHNUNGSBEDÜRFTIGE SPRACHE, ÜBERHAUPT SCHEINT EINE GROSSE VERBUNDENHEIT MIT DER UNGARISCHEN GESCHICHTE VORHANDEN ZU SEIN – LIEGE ICH DA RICHTIG? Wenn ich als Deutscher ungarische Musik spiele, ist es nahe liegend, auch etwas über die Ursprünge der Musik, über Ungarn und etwas über die Texte zu wissen. Die Sprache habe ich allerdings noch nicht sprechen gelernt, nur bei einzelnen Refrains beiße ich mir auf die Zunge. WENN IHR TRADITIONALS WIE „A MÚLT NYÁRON“ SPIELT, WIE NAH BLEIBT IHR DANN AM ORIGINAL? ODER WIE SIEHT ES MIT BELA BARTOK AUS? KANN ES SEIN, DASS IHR AUCH EIN WENIG SEIN ERBE ANGETRETEN HABT, WAS DAS „ARCHIVIEREN“ OSTEUROPÄISCHER VOLKSWEISEN ANGEHT? Das wäre eine zu große Arbeit. Ich weiß nicht unter welchen Gesichtspunkten Andras die Stücke heraussucht. Aber ich weiß, dass ihm das Neuarrangieren für Schlagzeug, E-Gitarre, Keyboard, Kontrabass und Geige großen Spaß macht, und er somit den Stücken ihren barbarischen Ursprung einverleibt. Andras hat mit seinen Vertonungen von Gedichten berühmter, ungarischer Dichter, sein ganz eigenes Werk erschaffen. Aber natürlich sind nach sechs CD’s eine Menge traditionelle Lieder und Texte unter unserem Namen ’archiviert’. Für jemanden, der ungarische Musik machen möchte, ist das bestimmt interessant. Die 17Hippies z.B. haben sich auch eines unserer Arrangements bedient. AUF DEN ERSTEN BLICK FÄLLT „FIRE“ VON JIMMY HENDRIX, DAS IHR AUF DER ERSTEN „FÉL ÉS EGÉSZ“-CD COVERT, VÖLLIG AUS DEM RAHMEN. STILISTISCH EIGENTLICH EINE GANZ ANDERE RICHTUNG UND DANN AUCH NOCH ENGLISCHE TEXTE, TROTZDEM FÜGT ES SICH NAHTLOS IN DIE ÜBRIGEN SONGS EIN. WAS IST DAS GEHEIMNIS UND WAS HAT EUCH AN DIESEM TITEL GEREIZT? Stilistisch gesehen passt bei uns nicht wirklich etwas zusammen. Wir benutzen Gypsysongs, bedienen uns in der Klassik und im traditionellen Liedgut, insofern sind wir eine geübte Coverband. Es ist wohl mehr die Art und Weise, wie wir die Stücke spielen, sie arrangieren und der Sound der Band, der uns die individuelle Note gibt. Allerdings sind eine Menge Standards in unserem Programm Kompositionen von Andras. Und der hatte in seiner Jugendzeit, in den 70gern, in Ungarn, viel Spaß die westliche Rockmusik zu kopieren. Wenn für Andras ein Stück ’ungarisch’ klingt, wird es irgendwann in ein Arrangement verwandelt und ausprobiert. Daher passt der Sound so gut zusammen. DIE „ISTVÁNES KOPPÁNY“-SEKTION KLINGT ERSTAUNLICHERWEISE SOGAR EIN WENIG FERNÖSTLICH UND DANN AUCH WIEDER IRISCH. SOLLTEN DIE KARPATEN DER EIGENTLICHE (MUSIKALISCHE) MITTEL- UND AUSGANGSPUNKT DER WELT SEIN ODER BEDIENT IHR EUCH EINFACH WELTWEITER EINFLÜSSE? Ein grober geschichtlicher Streifzug erklärt das. Attila und seine Mannen fielen mal dort ein, auch die Türken bzw. Osmanen besetzten mal das Land. Die umherziehenden ’Gypsys’ kamen ursprünglich aus Indien usw. Und so gibt es Gemeinsamkeiten, aber auch spezielle Charakteristika. Die Magyaren in den transsilvanischen Karpaten, und die Kelten auf Irland, konnten ihre alten Traditionen vielleicht länger gegen die Dominanz der Römer und der Christen verteidigen, als andere Völker. Aber das Musizieren mit Geige, Flöten, Trommeln und Gesang ist eigentlich in allen Volksmusiken weit verbreitet. „SZOMORÚ VASÁRNAP“ („GLOOMY SUNDAY“ ODER AUCH “DAS LIED VOM TRAURIGEN BZW. DÜSTEREN SONNTAG”) IST DERART MELANCHOLISCH, DASS SICH VOR, WÄHREND UND NACH DEM ZWEITEN WELTKRIEG MEHR ALS 100 MENSCHEN ZU ODER NACH DEN KLÄNGEN DES STÜCKES DAS LEBEN GENOMMEN HABEN. DIE BBC HAT AUS DIESEM GRUND DEN TITEL SOGAR LÄNGERE ZEIT AUS DEM PROGRAMM GENOMMEN UND AUCH DER UNGARISCHE KOMPONIST REZSO SERESS VON „SZOMORÚ VASÁRNAP“ HAT 1968 SELBSTMORD BEGANGEN. WAS VERBINDET IHR MIT DEM SONG, DER GLEICH ZWEIMAL AUF EURER AKTUELLEN VÖ ZU HÖREN IST? Das Lied ist ein beliebter Coversong. Und die Wenigsten wissen, dass er ungarischen Ursprungs ist. Der ungarische Text ist natürlich nicht so populär, wie der englische, aber genau das ist eine Lücke, die wir füllen wollten. Die dreisprachige Duovariante von Isabel und Andras, ist sowohl eine Reminiszenz an die ganz persönlichen traurigen Sonntage im Leben der beiden, an den Film „Ein Lied von Liebe und Tod – Gloomy Sunday. als auch an unsere Mehrsprachigkeit in der Band. DER TITEL EURES ALBUMS „FÉL ÉS EDÉSZ“ BEDEUTET „HALB UND GANZ“ – WAS STECKT HINTER DIESER AUSSAGE? WO VERBIRGT SICH DAS GANZE UND WO „NUR“ DIE HÄLFTE? Halb und Ganz ist der Titel einer Instrumentalkomposition von Andras, und als solcher ein musikalischer Begriff. Das Hauptmotiv, bzw. der Riff dieses Stückes besteht aus halben und ganzen Noten. Wir empfanden den Titel aber auch passend für ein Doppelalbum, für den Inhalt. Und wo jeder für sich das Halbe und das Ganze hinpackt, kann man ganz unterschiedlich sehen. HABT IHR IRGENDWELCHE PERSÖNLICHEN BEZIEHUNGEN ZU DEN BERLINER FORMATIONEN POEMS FOR LAILA ODER LES HOMMES SAUVAGES, DIE ICH IM GEWISSEN SINNE ALS BRÜDER/ SCHWESTERN IM GEISTE SEHE? Nein. Wir haben andere Brüder und Schwestern, und die haben mit ungarischer Musik nichts zu tun. Da wären z.B. STOPPOK und die BEEZ zu nennen. EINE LETZTE FRAGE BRENNT MIR NOCH UNTER DEN NÄGELN: DIE UNGARISCHE SPRACHE SCHEINT NUR SO VOR ZUNGENBRECHERN ZU STROTZEN – KANN MAN SIE ALS NICHT-MUTTERSPRACHLER INNERHALB EINES ÜBERSCHAUBAREN ZEITRAUMES ÜBERHAUPT ERLERNEN? ICH DENKE DA AUCH AN DIE BANDMITGLIEDER, DEREN WIEGE ICH OB IHRER NAMEN NICHT UNBEDINGT IN DEN KARPATEN STEHEN SEHE (WOBEI DORT INZWISCHEN WAHRSCHEINLICH AUCH EHER RUMÄNISCH GESPROCHEN WIRD, ODER?). Wenn man nur möchte, kann man alles lernen, sogar Geige spielen. Mein Bedürfnis, war es bisher nicht. VIELEN DANK, DASS IHR EUCH ZEIT GENOMMEN HABT. DER TERRORVERLAG WÜNSCHT DER NEUEN PLATTE VIEL ERFOLG UND ALLES GUTE FÜR DIE ZUKUNFT!

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