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VNV NATION (RONAN HARRIS)

VOR DEM KONZERT IN HANNOVER AM 17. MAI 2007 HATTEN MELANIE HINZE UND UWE MÜHLENMEIER DIE MÖGLICHKEIT, EIN INTERVIEW MIT DEM TEXTER, SÄNGER, MUSIKALISCHEN IDEENGEBER, ARRANGEUR, PROGRAMMIERER, ENTERTAINER UND MASTERMIND RONAN HARRIS VON VNV NATION FÜHREN ZU KÖNNEN. TROTZ BAHNVERSPÄTUNG UND LEICHTER ERKÄLTUNG ERWARTETE UNS EIN GEWOHNT GUT GELAUNTER, HÖFLICHER UND SEHR FREUNDLICHER GESPRÄCHSPARTNER, DER SICH TROTZ ZEITDRUCK UND NACHFOLGETERMIN (EIN KOLLEGE VOM UNIFUNK HERTZ 87,9) 45 MINUTEN ZEIT NAHM, AUF UNSERE FRAGEN ZU ANTWORTEN. ALS KLEINES GASTGESCHENK HABEN WIR MR. HARRIS VOR DEM INTERVIEW EINE FLASCHE MÜNCHNER-HELLES VON HACKER-PSCHORR (SEINE LIEBLINGSSORTE) ÜBERREICHT. ER LIEF SOFORT LOS, ZEIGTE ES EINIGEN ANWESENDEN UND BRACHTE ES IN SICHERHEIT. (freundlich) Vielen Dank und lass´ uns loslegen! ZUERST WOLLTEN WIR UNS BEDANKEN, DASS ES GEKLAPPT HAT MIT DIESEM TERMIN. DAS FINDE ICH KLASSE! Danke! ERSTMAL WOLLTE ICH DICH FRAGEN, WIE ES DIR GEHT? Alle im Tourbus waren der Reihe nach erkältet. Diese Medikamente hier (zeigt auf eine Schachtel Halspastillen und einen kleinen Haufen anderer Medikamente) sind für mich und der Rest ist für die anderen Jungs. Das hilft dabei, meine Stimme in Form zu halten, aber macht euch keine Sorgen, ansonsten sind alle ok. WIE GEHT ES DENN DEM REST VON DER, CREW ABGESEHEN VON DER ERKÄLTUNG? Es geht allen gut und alle sind gut gelaunt. Wir hatten drei Tage Pause in Hamburg. Die Amerikaner haben es genossen. Sie waren auf einem „Sight-Seeing-Trip“ und sie hatten reichlich Spaß daran, viele verschiedene Sorten deutsches Bier zu genießen. Sie probieren jede Sorte Hefeweizen, die sie finden können (grinst). Sie scheinen aber kein Interesse an anderen Sorten zu haben, denn sie wollten immer nur Weizen. Das Bier, was ihr mir mitgebracht habt, schmeckt mir sehr gut und ich habe es deshalb auch in Sicherheit gebracht, damit es mir keiner wegtrinkt! DAS KANN ICH GUT VERSTEHEN, SONST IST ES NACHHER ALLE. WIE WAREN DENN DIE BISHERIGEN KONZERTE AUF DER TOURNEE? Sehr erfolgreich, gerade die Atmosphäre! Mh… was bedeutet für mich erfolgreich? Die Stimmung war fantastisch. Die Menschen konnten großartige Erfahrungen in den Konzerten machen, was wir von der Bühne aus beobachtet haben und nach den Konzerten hören konnten. Auch hinterher haben wir in den Foren oft gelesen, dass sehr viele die Shows genossen haben. Es ist die größte Tour, die wir bisher in Deutschland und in Europa gemacht haben, mit der größten Anzahl an Zuschauern. Überall ausverkaufte Konzerte, was uns sehr überrascht hat. Das hatten wir nicht erwartet! Auf der Bühne, vor der Bühne und im Bus war eine wirklich großartige Atmosphäre. Alle sind gut drauf und wir fühlen uns wie ein Haufen Freunde. Die meisten, die für uns arbeiten, sind Amerikaner und wir kennen sie schon seit Jahren. Sie arbeiten für uns in den USA und hier in Europa. Es ist einfacher, wenn in Amerika Amerikaner arbeiten, als wenn Deutsche uns begleiten. Die Mentalität in den amerikanischen Auftrittsorten und die Organisation sind verschieden und es fällt Amerikanern leichter dort. Wir haben einen Deutschen dabei, was die Sache gerade in Ostdeutschland erleichtert. Er beherrscht den Dialekt. Es fällt mir manchmal schwer, die Leute dort zu verstehen, gerade Sächsisch. Für den Rest der Jungs ist es fast wie Urlaub. Wir haben einen tollen Haufen Menschen beisammen (lächelnd). Insgesamt war die Tour bisher fantastisch, wie hatten sehr viel Spaß. DAS IST SCHÖN ZU HÖREN. WIE SIND DENN DIE NEUEN STÜCKE ANGEKOMMEN? Sehr gut. Bei den ersten Konzerten kannte sie ja noch keiner. Sie kannten sie nicht, weil sie sie noch nicht gehört hatten. Nach 3 bis 4 Konzerten haben wir festgestellt, dass einige die Konzerte mitgefilmt hatten und die Bootlegs im Internet gelandet waren. Wir sahen dann viele Menschen, die die Lieder schon kannten und mitsangen. Wir haben uns gefragt, wie kann das sein, denn das Album war ja noch gar nicht veröffentlicht… Ab Anfang Mai fingen die Leute dann an, fast alle Lieder mitzusingen (NACH DEM VÖ-TERMIN VON „JUDGEMENT“). „Nemesis“ kommt gut an. Die Hälfte des Publikums singt mit bei „Judgement day´s not coming soon enough!“. Das ist wirklich cool! (stolz) Im Vergleich zu vorangegangenen Alben kommen die Stücke schneller an. Die Reaktionen waren diesmal viel schneller. Insgesamt: die Leute scheinen die Stücke zu mögen, die Mädchen singen „Illusions“ mit. Jede(r) scheint sein Lieblingsstück zu haben. IST ES EIGENTLICH AUFREGENDER, WENN MAN EIN KONZERT GIBT UND DAS AKTUELLE ALBUM NOCH NICHT VERÖFFENTLICHT IST? Für uns ist es interessant, denn es gibt einige Menschen, die unsere Musik mehr in einem Konzert genießen als auf den Aufnahmen. Manche sehen das Konzert, dann hören sie das Album und denken sich: das ist nicht wirklich dasselbe. Für die meisten ist es aber andersherum. Wir ziehen es vor, ein paar Konzerte vor dem VÖ-Termin zu spielen. Wir können dann noch freier und ungezwungener spielen und uns ausdrücken im Singen und im Spielen. Dazu kommt noch das visuelle Element. Es gibt aber keine Videos für die neuen Lieder, wie wir sie bisher hatten, denn wir wollten nichts haben, was von der Band und dem Auftritt ablenkt. Aber in Zukunft wird es Videoprojektionen geben für den Hintergrund. Diesmal wollten wir uns erst mal zeigen, wie wir die Lieder spielen, singen und unsere Energie rüberbringen ohne Videos… und es funktioniert! NOCH EINMAL ZURÜCK ZUM AKTUELLEN ALBUM. WO SIEHST DU UNTERSCHIEDE ZWISCHEN „JUDGEMENT“ UND DEN VORANGEGANGENEN ALBEN? Mh, … ich denke „Matter+Form“ war ein Hinweis, in welche Richtung wir uns entwickeln können und konnten. Es war wie eine Art Experiment, und für mich war es (in Deutsch) ein Zwischenalbum. Das neue Album zeigt eine Reihe von Stilen, die wir machen können und beherrschen. Es ist doch schon anders als alles, was wir vorher gemacht haben. Wir sind immer noch eine elektronische Band. Es gibt ein Limit: ich will unseren Stil nicht komplett verändern. Es wird immer viele Leute und vor allem Kritiker geben, die bei jedem neuen Album sagen: oh, das ist wie alles andere auch, wie alles vorher. Das ist aber falsch! Für VNV Nation sind nicht die Instrumente entscheidend, die benutzt wurden, oder die Stile, sondern die Botschaft und das Gefühl! Der Ton und die Stimmung des Albums sind entscheidend. In diesem Sinne ist das aktuelle Album wirklich anders als alle davor. Es ist mehr als nur Musik! Die meisten Menschen hören, sehen und spüren das. Es gibt musikalische Referenzen an die Stile, die wir vorher gespielt haben. Zum Beispiel Anklänge an „Praise The Fallen“ oder an die „Empires“ und „Futureperfect“. Das wird uns immer daran erinnern, woher wir kommen, auf eine ganz persönliche Weise. Wir lieben das! Wir lieben das Piano in „Illusions“ als Beispiel, aber nicht als Kopie älterer Stücke, sondern mehr wie ein Echo, ein Abklang. Das zeigt sich auch in Stücken wie „Testament“, „Decent“ oder „Nemesis“. Trotzdem ist vieles verändert. Ich denke, heute ist mehr verändert als auf jedem anderen Album bisher. Die Abwandlungen zwischen „Empires“ und „Futureperfect“ waren nur gering, aber zwischen der „Futureperfect“ und der „Matter+Form“ war wirklich eine Wandlung da. Einige Leute mochten es deshalb auch nicht. Sie mögen ein Album und es soll sich auch nichts ändern. Das Problem an solch einer Einstellung ist aber, dass die Bands dann langweilig werden. Sie machen keine Fortschritte. Ich persönlich kann nicht dasselbe Album noch einmal schreiben. (nachdrücklich) Es ist für mich unmöglich, so etwas zu tun! Ich habe mal versucht Stücke so zu schreiben, wie ich es 1999 getan habe, zu Zeiten der „Praise The Fallen“, aber es ist unmöglich für mich, wieder so zu denken und zu fühlen. Abgesehen davon höre ich immer sehr viele neue Arten und Stile von Musik und bringe diese Einflüsse auch mit in meine Arbeit. Ich mache das bewusst, um VNV weiterentwickeln zu können. Aber eins bleibt immer dasselbe: die Botschaft, die Emotion, der Inhalt und wie die Menschen über die Musik denken, die uns zuhören. Das wird sich niemals ändern, denn so sind wir! Das sind wir. Jemand hat mal ein Stück herausgesucht und mir gesagt, den könnte man auf 20 verschiedene Weisen spielen und aufnehmen und trotzdem würde es derselbe Ausdruck bleiben. Ist es dann nicht immer dasselbe Lied? Und ja, in vielerlei Hinsicht ist es das! Es geht mir nicht um den Stil, sondern um die Substanz. WER HAT DENN DIE GITARRE UND DAS PIANO GESPIELT, ODER WOHER HAST DU DEN KLANG? Es gibt keine Gitarre! (erfreut) Das ist ein Synthie. KLINGT ZIEMLICH ECHT. Ja! (lachend) Ein Gitarrist würde sagen: das ist keine Gitarre! Es ist ein Synthesizer mit viel distortion und overdrive. Ich habe viele dieser Klänge auf dem Album verwendet. Das ist sehr interessant, wenn du an „Holding On“ denkst, da hat mich keiner gefragt, wer hat die Streicher gespielt. Keiner würde danach fragen und jeder denkt, das müssen ja elektronische Klänge oder Samples sein. Das ist heute das erste Mal, dass mich jemand gefragt hat, ob es echte Gitarren auf dem Album sind. Die meisten Leute, die Elektronik hören, mögen keine Gitarren und ich verstehe das. Ich selbst mag viel Musik mit Gitarren, aber unsere Band ist 100% elektronisch und so wird es bleiben (lächelnd)! Jeder Klang ist ein Synth oder Sample. DESHALB HABE ICH MICH JA AUCH SO GEWUNDERT. Es wurden keine unelektronischen Instrumente verwendet, aber es vermittelt das Gefühl davon und das mag ich so. So sollte es sein. Mit „Testament“ ist das so, ich mag NORTHERN LITE – die Band – wirklich sehr. Sie versuchen, ihre Gitarren in der Art zu spielen, dass sie gut zu elektronischer Musik passen. Aber ich habe versucht, zuerst eine Sequenz zu erarbeiten und danach kam mir die Idee: versuch´ die mal mit einem Gitarrenklang auszugestalten und es hat gut funktioniert. Wir arbeiten viel in Amerika. Ich habe für eine Band in den USA produziert und für sie viele dieser Klänge erstellt. Es handelt sich um einen großen Namen in der amerikanischen Szene – den ich aber nicht verraten will und darf (grinst) – ich hab also viele dieser Klänge für sie benutzt und arrangiert. Der Gitarrist suchte nach einem neuen Sound für sich, etwas wirklich Neues und Einzigartiges. Ich hab´ ihm dann gesagt, dass ich einen Synth hätte, der wirklich sehr ungewöhnliche und einzigartige Töne produzieren kann, aber der auch sehr warme und organische Klänge erzeugt: wie eine echte Gitarre oder Streicher oder ein Piano. Ich spiele ja Piano. Ich saß dann also im Studio, nahm die Sequenz auf und alles ist Teil ihrer und meiner Songs geworden. Auf dem Album habe ich es eingespielt und live spielt es einer unserer Keyboarder. Das werdet ihr ja gleich hören und sehen, aber, im Grunde habe ich das alles selbst gemacht (stolz). KLASSE! Danke! (stolz) (allgemeines Lachen) MAL ETWAS GANZ ANDERES: WIE SIEHST DU DIE SZENE HEUTE UND DEN ELEKTRO 2007? Es ändert sich stark. Im Jahr 2000 war es noch sehr einfach zu erkennen und zu sagen, was die Szene ausmachte, wie ihre Stile waren. Die gesamte Linie war erkennbar. Ich denke, es sind zwei wichtige Entwicklungen, die sich heute abzeichnen. Einige Clubs verharren in der Vergangenheit und einige Clubs bewegen sich mehr in Richtung Zukunft, indem sie neue und andere Musikstile in die Szene tragen. Die gesamte Szene entwickelt sich und man bringt Bands und Sounds hinein, die ursprünglich nicht viel damit zu tun hatten. Was die Szene anbelangt so sehe ich da ein großes Defizit. Ein Defizit in der Hinsicht – ähm… (auf Deutsch), „was fehlt sind neue Bands!“ Das ist mit das größte Problem. Die größeren Plattenfirmen – und ich kenne mittlerweile fast alle von ihnen – versuchen neue Bands in die Szene zu bringen, aber viele Leute wollen sie nicht hören und interessieren sich nicht für neue Entwicklungen. Viele Bands und viele neue Stile haben so überhaupt keine Chance. Wenn man uns als Beispiel nimmt, 1997/1998 waren die Vorraussetzungen für unseren Durchbruch perfekt! Man bekam einen Song auf einer vielgehörten Compilation, jeder hörte ihn und die Clubs spielten das Lied. Das passierte damals mit vielen Bands. Sie bekamen so eine Chance auf ein breiteres Publikum zu stoßen. Viele hatten so ihre ersten „dunklen“ Hits. Das scheint heute kaum noch möglich zu sein! (besorgt). Ich glaube, die meisten Menschen haben einfach zu viel gehört und es gibt auch leider viel zu viele Wiederholungen. Das heißt nicht, dass die Szene stirbt, sondern, dass sie sich nicht fortentwickelt und auf der Stelle tritt. Das zweite Problem ist, dass die Plattenfirmen oft einfach kein Geld haben, neue Bands auf den Markt zu bringen. Sie scheuen das Risiko, da sie viel schneller Pleite gehen können als noch vor 10 Jahren. Sie investieren kaum noch Geld in neue Bands, wegen des Risikos. Das größte Problem dabei ist das Herunterladen von Musik aus dem Netz! Wenn man vergleicht, wie viele Platten heute verkauft werden im Vergleich zu dem Zeitraum vor 5 Jahren, so sind das heute vielleicht noch 20% von dem, was mal verkauft wurde. Wenn man 4/5 seines Einkommens verliert, kann und darf man kein Risiko mehr eingehen und man kann auch kein Geld mehr für Promotion ausgeben. Dann können sich „neue“ Musiker auch nicht mehr entfalten. Viele haben heute nicht mehr die Möglichkeiten, sich und ihre Musik in Ruhe zu entwickeln. Wir hatten damals die Möglichkeit, unsere Jobs aufzugeben und uns voll und ganz der Musik zuzuwenden! Wir arbeiten Vollzeit damit und ich selbst kann für mich sagen, dass es wirklich harte Arbeit ist, an unserer Musik, an unserer Liveshow, an unserem Image und an der Promotion (zwinkert). Davor hatten wir nur halbtags Zeit, wir hatten nur die Abende und die Wochenenden. Wir haben auch damals hart daran gearbeitet, aber das was wir erreicht haben, hätten wir so nicht geschafft. Trotzdem sehe ich da draußen wirklich viele Talente. Das macht mir Hoffnung für die Zukunft, denn wenn die neue Welle kommt, was alle 5-7 Jahre der Fall ist, dann wird eine neue stärkere Welle an neuen Stilen und Bands in die Szene kommen. Daran kann sie nur wachsen und stärker werden. Es wird wieder einen ganz neuen Stil geben, viele werden ihn hören, viele werden ihn spielen und ebenso viele werden ihn einfach kopieren… So läuft es oft und so lief es bisher oft ab. Deshalb bin ich wirklich gespannt, was demnächst passieren wird. Das spricht ja nun dagegen, dass die Szene stirbt, wie es viele prophezeien. Sie muss sich weiterentwickeln, denn viele „neue“ Sachen die ich höre, klingen wie viele andere Sachen, die 5 Jahre alt sind. Man hört wenig Neues, und wenn es etwas wirklich Neues gibt, dann scheint es oft keinen zu interessieren. Ich habe keine Ahnung, wie sich das ändern wird, aber es wird sich ändern, denn eine Szene kann Stagnation nicht zu lange aushalten. 1998 hatten wir viel Erfolg. Bands wie ICON OF COIL, APOPTYGMA BEZERK und COVENANT ging es ähnlich. Dieser Stil war gut für 3/4 Jahre, aber danach kam im Elektro nichts wirklich Neues mehr. Viele Bands sind dann in Richtung WUMPSCUT, HOCICO und SUICIDE COMMANDO gegangen und viele in unsere und in die Richtung von COVENANT und APOP. Dazwischen gab es oft nicht viel, das war zeitweilig wirklich sehr langweilig, denn als Musiker ist man auf Impulse und Inspiration angewiesen. Deshalb bin ich dazu übergegangen, viel Musik außerhalb der Szene dazuzunehmen um neue Ideen und Anregungen zu bekommen. Ich habe schon immer so viele verschiedene Stilrichtungen und Bands gehört und das hilft mir, das inspirierte mich. Jede Band, die sich in der Szene einen großen Namen gemacht hat, machte ähnliche Musik. Viele haben mich auch gefragt: was sollen wir tun um erfolgreich zu sein? Der beste Weg um Erfolg zu haben, ist zu versuchen, keinen Erfolg zu haben! Man sollte nicht das tun, von dem man denkt, dass es den Erfolg bringen wird. Was jetzt erfolgversprechend klingt, wird es in 6 Monaten vermutlich nicht mehr sein. Man sollte sein eigenes Ding machen, die Musik mit der man glücklich ist. Vielleicht funktioniert es, vielleicht wollen die Leute dann genau diese Musik hören, aber es gibt keine Garantie. Man sollte nicht erfolgreich werden um den Erfolg selbst zu haben, denn das ist das falsche Ziel! Das ist dasselbe, als wenn man Musik nur dafür benutzt um Aufmerksamkeit zu erregen und um bekannt zu werden. So wird man nie berühmt! DAMIT WIRST DU SICHER RECHT HABEN. ICH HABE MANCHMAL AUCH DAS GEFÜHL, WIE DU ES EBEN GESAGT HAST, DASS VIELE IN DER SZENE NICHT WIRKLICH NEUGIERIG SIND. MIR IST AUFGEFALLEN, DASS VIELE SICH GAR NICHT EINLASSEN WOLLEN AUF NEUE MUSIK UND NEUE STILE. Wenn ich als DJ auflege, dann kann ich auflegen, was ich möchte und die Tanzfläche ist voll. Viele DJs aus den Clubs sagen mir dann, wenn sie das spielen würden, würde keiner tanzen gehen. GENAU DAS MEINTE ICH. Genau das verstehe ich auch nicht! Für mich ist es einfach einen Underground-Hit zu spielen, wie z.B. ältere Sachen von KIEW. Ich mixe es oft mit anderen Sachen, denn das ist mein Stil beim DJ´ing. Trotzdem tanzen die Leute zu fast allen Sachen die unbekannter sind wenn ich auflege. Viele andere DJ haben ein wirklich großes Problem, wenn sie ähnliche Sachen spielen wollen. Zu ihnen kommen dann viele, die dies und das immer wieder hören wollen, jeden Abend, alles was jeder schon kennt. Viele wollen jede beschissene Woche immer wieder dasselbe hören und erwarten das von einem DJ. Das ist langweilig! Man könnte dann auch eine CD aufnehmen, sie einlegen und einfach auf Shuffle abspielen – das wäre dann das DJ-Set. DANN BRAUCHT MAN AUCH KEINEN DJ MEHR. Es gibt aber zur Zeit viele DJs, die experimentieren, die versuchen, viele neue Klänge einzubauen. Viele DJs versuchen auch Mash-Ups, bei der sie mehrere Tracks gleichzeitig spielen. Einer fällt mir da ein, der wirklich keine Ahnung hat, was Mash-Up wirklich bedeutet, aber das ist auch egal (amüsiert). Er spielt einfach verschiedene Platten gleichzeitig ab und das Ganze klingt dann wirklich schlimm! Für viele wird es immer attraktiver, Laptops zum Mixen zu benutzen. Ich benutze beim Auflegen ja auch meinen Laptop und ich hoffe, dass sich diese Technik mehr und mehr durchsetzten wird, denn sie bietet viele neue Möglichkeiten und Vorteile. Das Beste ist aber immer noch, man bringt ein Stunde neue Sachen und frische Klänge unter die Leute und der Rest der Nacht ist Pflichtprogramm. So halte ich es auch. Man sollte sich als DJ auch wirklich Mühe geben und nachdenken, wie man dann in der Stunde wirklich neue und interessante Sachen präsentiert, denn die Aufgabe eines DJs ist es auch, über die Form und über die Präsentation nachzudenken, nicht nur Platten abzuspielen. Man muss es so mixen, dass es für die Leute interessant und spannend wird. Was ich nicht gerne mag – aber das ist eine Frage des persönlichen Geschmacks und Stils – ist es, wenn man in einen Club kommt und der DJ einen Song spielt, ihn leise auslaufen lässt und dann den nächsten lauter werden lässt. Jeder kann das, so etwas ist für mich wie eine Jukebox. DAS IST EINFACH LANGWEILIG. Ja! Dafür braucht man keine Ahnung haben und auch keine Kenntnis von der Technik. Meiner Schwester könnte ich das in 5 Minuten zeigen und sie hat überhaupt keine Ahnung davon. Ich stand sogar mal mit ihr in einem solchen Fall in einem Club und sie hat zu mir gesagt: „Das kann ich ja sogar!“ (amüsiert) Und, was soll ich sagen, natürlich kann sie das! Zu überlegen und zu spüren, welche Lieder funktionieren zusammen, was kann man nach welchem Song spielen, wie kommt das rüber und wie mixe ich das Ganze. Das ist die Kunst dabei und dafür ist elektronische Musik auch wirklich gut geeignet. Gerade das zusammenmixen am Ende. Es ist die Aufgabe eines Elektro-DJs darüber nachzudenken und es dann abends zu tun. KANN MAN NEUE MUSIK VON DIR, ABGESEHEN VON MODCOM UND VNV, ERWARTEN? Ja, ich habe ja schon einmal Filmmusik gemacht für einen Underground-Hollywood-Film namens „Gen-Generation“. Das ist so eine Art Cyber-Punk-Dark-Science-Fiction-Geschichte. Sehr interessant und sehr orchestral, ein wenig anders, als viele meiner Aufnahmen. Ich bin ja öfter in den USA, nicht nur demnächst wegen unserer Tour, auch sonst. Ich habe noch drei weitere Angebote für Soundtracks von Filmen bekommen und ich will sehen, was ich davon wann machen kann. Eines dieser Angebote kam, als ich in Los Angeles war, und einer von den Leuten vom Film hörte, dass ich Musiker bin. Er hat mich einfach gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte, und, nun ja, ich habe einfach zugesagt (amüsiert). Das passiert öfter, auch in Europa und ich muss gucken, was ich wann und wie machen kann in dem Bereich. Priorität hat aber immer VNV. ICH HABE NOCH EINE WEITERE FRAGE. VORAB MÖCHTE ICH DIR ABER SAGEN, DASS SIE SEHR PERSÖNLICH IST, UND ES KEIN PROBLEM IST, WENN DU NICHT DARAUF ANTWORTEN MÖCHTEST, DENN ICH WILL DIR NICHT ZU NAHE TRETEN. Nur zu (freundlich)! BIST DU EIN RELIGIÖSER MENSCH? WAS BEDEUTET DIR GLAUBE? Mh, Religion… Ich folge keiner organisierten Religion! Ich glaube nicht daran. Das bietet Antworten für Menschen, die diese annehmen möchten und ich finde das gut. Ich selbst bin ein sehr spiritueller Mensch. Ich musste meine eigenen Antworten finden, wie das Universum funktioniert. Ich bin keiner von den Leuten, die sagen, es gibt keinen Gott und alles ist unbedeutend. Ich kann so nicht leben. Ich kann es mir nicht vorstellen, dafür habe ich auf dieser Welt zu viel gesehen, was mich dazu gebracht hat, es anders zu sehen. Ich habe großen Respekt vor allen Arten von Religionen und vor den Menschen, die daran glauben, aber ich habe keinen Respekt davor, wenn Menschen, die dies vorgeben, nicht die wirklichen zentralen Inhalte ihrer Religion befolgen. Jede Religion lehrt die Menschen friedfertig zu sein, ihre Emotionen sinnvoll zu kontrollieren und gute Menschen zu werden. Leider hören nur sehr wenige Menschen, die ich bisher getroffen habe, wirklich auf diese Botschaften und befolgen sie. Diese wenigen aber stechen heraus und sind wundervolle Menschen! Abgesehen davon glaube ich, dass die Antworten auf die Fragen, wie das Universum funktioniert, von jeder Religion in einer Art und Weise beantwortet werden muss, dass jeder es verstehen kann, ohne Theologe zu sein. Damit fingen dann auch meine Probleme an, denn viele meiner Fragen gingen weit über diesen allgemeinverständlichen Horizont hinaus. Sie waren so schwer, dass ich sie selbst kaum fassen und formulieren konnte. Dazu kommt, dass keine Religion mit dem wirklich übereinstimmt, was ich glaube. Um ehrlich zu sein muss man sagen, das Wahrheit persönlich ist. Es ist eine persönliche Interpretation der Realität. Solange man keinen anderen damit verletzt oder schadet ist es für jeden Menschen völlig in Ordnung. Der eine sieht etwas an und es ist für ihn grün. Ein anderer sagt, es ist blau. Am Ende ist es völlig egal, solange beide akzeptieren, das es dasselbe ist, und es jeder anders wahrnimmt. Solange man nicht deswegen anfängt gegeneinander zu kämpfen hilft es beiden. Meine Vorstellung von dem Sinn und von der Funktion des Universums ist friedlich, ein dankbares und friedvolles Verständnis des Universums. Viele meiner Sichtweisen, wie das Universum funktioniert und warum es so ist, haben mich tiefer und tiefer gehen lassen und immer mehr Fragen dieser Art aufgeworfen. Diese Fragen hören niemals auf. Ich denke, das wunderschöne an Religionen ist, dass sie Antworten bieten. Aber das gefährliche ist, dass sie leider oft vom Leben und vom Alltag separiert werden. Glauben darf für viele Menschen nicht in Frage gestellt werden. Er ist absolut und wenn man ihn teilt, gut, und ansonsten steht man außen vor. Diese Ansicht teile ich nicht. Dann funktioniert es nach dem Prinzip: es gibt Religionen und es gibt die Wissenschaft und nichts dazwischen. Das finde ich schade, denn das Leben bietet mehr. Vor 500 Jahren glaubten wir, das Donner von Gott kommt und davor, dass er selbst ein Gott ist, der sich zeigt. Heute glauben wir nicht mehr daran. Nicht etwa, weil die Wissenschaft die Götter zerstört hat, sondern weil sie uns neue Wege aufgezeigt hat die Dinge zu betrachten. Wir sind dadurch verdammt hochnäsig geworden, denn wir alle sind in diesem Universum doch nur Kinder, die nur sehr wenig verstehen können. Und um ehrlich zu sein: vor 120 Jahren oder vor 100 Jahren hatte man noch keine wirklich gut funktionierende Medizin. Wenn man ernsthaft krank war, half nur noch hoffen und beten. Oft sind die Menschen einfach gestorben und wir sind immer noch dabei zu lernen. Es ist nicht an uns Menschen, zu behaupten wir hätten alle Antworten. Die Wissenschaft und auch die Religionen können nicht alle Antworten geben, wie das Universum funktioniert. Die meisten Religionen haben sich seit 2000 Jahren oder länger in ihrem Kern nicht verändert und bieten Antworten vor dem Hintergrund des Horizontes dieser Menschen, die sie formuliert haben. Das Ganze ist wirklich nicht einfach. Aus meiner Sicht hat jeder Mensch das Recht, seinen eigenen Weg zu gehen und seine eigenen Antworten zu suchen und zu finden. Jeder soll seine eigene Sinnsuche bestreiten und in sich gehen, wenn er es möchte. Denn am Ende streben wir nach denselben Antworten und stellen die Fragen nur aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Mich haben schon viele Leute gefragt, was die Wahrheit ist, und ich kann immer nur sagen, was meine Wahrheit ist. Ihre Wahrheit ist vielleicht völlig anders und jeder muss sie selbst herausfinden. Jeder glaubt auf seine Weise, jeder hat seinen Ausschnitt von der Wahrheit und alle Menschen sollten, wenn sie es ernst meinen, zusammen kommen, und gemeinsam eine universelle Wahrheit bilden. Das wäre für mich universelle Wahrheit. Eine Summe jeder Vorstellung aller Menschen… (nachdenklich und leise) FÜR MICH PERSÖNLICH WAR DIESE PLATTE UND AUCH DEINE MUSIK VORHER IMMER SEHR WICHTIG. ES GIBT DARAUF UND ES GAB AUF DEN ALTEN ALBEN VIELE LIEDER, DIE MICH PERSÖNLICH BERÜHRT HABEN. MIR FÄLLT DA VOR ALLEM „ILLUSIONS“ EIN. Wir spielen es heute Abend (lächelnd). Keine Sorge, wir spielen es heute Abend, sonst würden die Leute wirklich sauer werden (zwinkernd). M.H..: DARF ICH AUCH NOCH EINEN WUNSCH ÄUSSERN? Ja klar, welchen denn? „STANDING“ Natürlich. Das spielen wir immer (lachend)! Mach´ dir keine Sorgen. Wir spielen das Original vom Album. VIELE MENSCHEN HABEN IMMER WIEDER BERICHTET, DASS IHR SIE MIT EURER MUSIK EMOTIONAL BERÜHREN KÖNNT UND AUCH, DASS DU DAS AUSDRÜCKEN KONNTEST, WAS SIE SELBER NICHT FORMULIEREN KÖNNEN. MIR GING ES DAMALS AUCH NICHT ANDERS 1999, ALS ICH EURE MUSIK ENDTECKT HABE UND ANGEFANGEN HABE, SIE ZU HÖREN. WAS DENKST DU WOHER DAS KOMMT? Das ist etwas, was ich nicht in Frage stelle (stolz und nachdenklich)! Wie das kommt, weiß ich nicht. Eines Tages ging es los. Ich war so weit, meine Fragen beantworten zu können. Ich war so weit, meine Emotionen zu konzentrieren und ich habe mich einfach hingesetzt und es aufgeschrieben. Es ist einfach passiert. Ich war dreißig, das weiß ich noch genau. Ich war nicht mehr so jung. Viele 16/17-Jährige kommen immer wieder zu mir und fragen mich, wie sie das schaffen können. Ich kann ihnen nur immer sagen, dass so etwas einfach passiert. Es ist das Ende eines Prozesses. Man erreicht einen Punkt in der Entwicklung, in der man einfach anfangen muss zu sprechen, sich auszudrücken, wenn man das in sich spürt. Das kann man nicht wirklich erklären, es kommt im Inneren aus der Seele, wenn man zurücksteht und sich konzentriert und alles loslassen kann… Mh, ich kann das nicht wirklich erklären. Das ist nicht einfach für mich das zu sagen… Wenn mir die Menschen sagen, dass meine Stücke und Texte ihre Gefühle ausdrücken, oder sie genau beschreiben, wie du das ja eben auch gesagt hast, dann muss man wissen, dass ich durch sehr harte Zeiten gegangen bin. Ich hatte wirklich persönlich sehr schwere Situationen zu meistern. Ich brauchte einen Weg, mir das Ganze selbst zu erklären und klar zu machen. Ich musste es wegpacken können. Ein Psychologe würde sagen, man muss es sich selbst klar machen, um damit umgehen zu können. Ich denke deswegen funktioniert es. Es ist außerhalb meines Inneren. Ich denke, deshalb berührt es viele Menschen auch, weil sie es so auch loslassen können. Aber meine Situation, die ich beschrieben habe und beschreibe sind aber völlig anders als deine oder deine (zeigt auf M.H.. und U.M.) Aber, die Gefühle und ihre Bedeutung sind für alle Menschen ähnlich oder gleich. Es ist eine emotionale Sprache in der Musik, die man auch verstehen kann, wenn man kein Englisch kann. Nicht jeder versteht diese Sprache und ihren Ausdruck. Ich weiß, dass viele Menschen VNV NATION als eine Abfolge von Melodien, von Sequenzen und Rhythmen hören. Sie genießen das für den Augenblick und tanzen dazu und vergessen es danach auch wieder. Das ist klasse, das ist schön für mich und für sie. Wenn die Musik ihnen etwas gibt, dann macht mich das fröhlich. Was mich aber wirklich glücklich macht, ist das, was die Musik bei den Menschen auslöst, die ihren tieferen Sinn hören und erkennen, wie ihr beide zum Beispiel. Euch und den anderen gibt die Musik etwas wirklich Spezielles und Besonderes, genau so, wie sie es mir auch gibt. Das teile ich wirklich gerne mit den Menschen und das macht mich stolz und glücklich. Deswegen fühle ich mich auch wirklich für meine Musik und für ihre Wirkung verantwortlich, gegenüber den Menschen, die unsere Musik wirklich hören. Ich weiß das und ich nehme diese Verantwortung an. Ich bin so froh, dass wir auf diese Weise Menschen erreichen können. Ich konnte mir vor 1999 nicht vorstellen, so etwas zu tun, was ich heute machen kann und darf. Die Worte, und die Musik die ich schreibe, kommen auf so unterschiedliche Arten zu mir, dass ich es manchmal kaum fassen kann. Was mich noch glücklicher dabei macht, ist, dass es mir einen Sinn in meinem Leben gibt. Das, was wir machen, kann sehr anstrengend sein, sehr stressig und Nerven kosten, deswegen ist es nicht immer einfach. Manche Leute, gerade in Amerika, erwarten, dass ich wie ein Weiser in einer weißen Robe herumlaufe und predige, wie Buddha oder andere (amüsiert). Ich bin einfach ein normaler Mensch, der viel nachdenkt, vielleicht manchmal zu viel… Was mich wirklich erfreut ist, dass es Menschen gibt, die meine Musik so inspiriert, dass sie ihr Leben auf die Reihe kriegen oder es ihnen dabei hilft, ihr Leben neu zu ordnen (stolz). Vielen scheint sie einen Weg heraus aus ihrer Not und aus ihren Problemen zu weisen. Aber ich glaube, sie sehen in erster Linie eine Chance in der Musik, wie sie aus ihren Problemen herauskommen. Es ist nicht die Musik selbst, sondern nur eine Hilfestellung. Dass es Menschen so helfen kann, ist das Entscheidende für mich. Es war nie meine Absicht es darauf anzulegen, aber es ist wunderschön, dass meine Musik so helfen kann. Ich habe doch nur meine Emotionen und meine Hoffnung aufgeschrieben! Ich konnte mir nie vorstellen, was das für eine Wirkung auf andere Menschen haben kann. Ich bin aber froh und dankbar, dass ich das heute über meine Musik sagen kann. Meine Hoffnung hat mir den Push verpasst, den ich brauchte. DAS GING MIR GENAUSO. ICH HABE LANGE ÜBERLEGT, WAS ICH MIT MEINEM LEBEN ANFANGEN SOLL. ICH HAB` DANN GEMERKT, DASS ES DER RICHTIGE WEG IST, DEN ICH GEHEN WILL. ICH HABE ANGEFANGEN ERNSTHAFT ZU STUDIEREN, UM LEHRER ZU WERDEN. ICH HABE GEMERKT, DASS ES DAS RICHTIGE FÜR MICH IST. ICH HAB´ MEIN LEBEN SORTIERT UND GEORDNET UND SIE (M.H.) DABEI AUCH KENNENGERLERNT. JETZT BIN ICH AUCH SO WEIT, DASS ICH SAGEN KANN: ICH BIN GLÜCKLICH! Das freut mich wirklich sehr (stolz und gerührt)! Es ist unglaublich, wie viele Menschen ich kenne und gesehen habe, die nicht wirklich auf ihre Natur hören. Mit Natur meine ich dabei nicht, dass man einen Job macht. Natur in dem Sinn, auf welche Art man sein Leben führt, dass man zufrieden ist mit sich selbst. Ich denke, das ist das Wichtigste im Leben und im Universum. Jeder, ob gut oder schlecht, hat seine Natur, seinen Charakter. Wenn man ehrlich und aufrichtig zu sich selber ist, kann alles, was man will, in Erfüllung gehen. Alles! Das ist der natürliche Lauf der Dinge. Man kann es jeden Tag beobachten, wie viele Dinge für viele Menschen nicht funktionieren, weil sie ihrer Natur nicht folgen wollen oder können. Jeder muss seinen Weg finden. Ich bin selbst durch eine ähnliche Situation gegangen. „Rubicon“ handelt genau davon. Das ist ein Fluss in Italien mit einer historischen Bedeutung, aber du kennst die Geschichte bestimmt (lächelnd). In Englisch bedeutet Rubicon, dass man, wenn man diesen Fluss überquert hat, nicht mehr zurück kann (NACHZULESEN U.A. BEI GAIUS JULIUS CAESER ANM.D.VERF.). Ich stand mit dem Rücken zur Wand. Ich konnte nur noch nach vorne gehen und hatte keinen, den ich fragen konnte, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Das aufschreiben zu können in diesem Song hat mir da raus geholfen. Das war das Licht aus der Dunkelheit. Das ist mir bis heute sehr wichtig. Der Name des Albums war schon eine sehr dramatische Weise auf mein Leben zu blicken. Mein ganzes Leben war wie ein historisches Reich. In der Art, wie sich die Geschichte verändert, konnte ich zusehen, wie es aufstieg und zusammenbrach. Das habe ich verglichen mit meinem persönlichen Leben. Man errichtet seine Umwelt und sein Netzwerk um einen herum so, wie ein Weltreich. Wie ein eigenes Land, wenn man es so sehen mag. Das alles zusammenbrechen und einstürzen zu sehen, indem man sich davon entfernt, ist schwer, aber es war sehr wichtig für mich. Ich befand mich danach, wie ich es nenne, auf einem offenen freien Feld. So war mein Leben nach dem Zusammenbruch für mich, und ich hatte anfangs keine Ahnung in welche Richtung ich gehen sollte, aber meine Antworten kamen! Wenn man wirklich Antworten sucht und braucht kommen sie auch oft zu einem. Das meine ich auch nicht religiös, sondern ich denke – wie ich ja auch vorhin gesagt habe – so funktioniert die Welt. Wir alle haben einen Instinkt, der uns leiten und schützen kann, der uns sagen kann, was das Richtige ist. Wenn man so konfus ist und nicht weiß, in welche Richtung es weitergehen soll, dann kann man die kleine Stimme in einem selbst hören und so Orientierung finden. Wenn diese kleine Stimme in Inneren spricht, kann man sie auch irgendwann verstehen, wenn man es will. Das hört sich sehr seltsam an, aber so funktioniert es und so war es für mich. IN EINEM ORKUS-INTERVIEW HABE ICH GELESEN, DASS DU EINE DATENBANK FÜR SOUNDS HAST. Ja, das stimmt, jede Melodie, jeder Klang, jede Idee und alle Einfälle, die ich habe, kommen da rein. Das ist eine Art von Datenbank. DIE THEMEN ODER DIE LIEDER AN SICH, FALLEN DIR DIE EINFACH SO EIN ODER SETZT DU DICH GEZIELT HIN UND SAGT: SO, ICH MÖCHTE JETZT EIN STÜCK SCHREIBEN? KOMMT DAS AUTOMATISCH? Das passiert automatisch. Ich kann eine Straße langgehen, ich kann in einem Café sitzen, überall… Dann kommt ein Stück in meinem Kopf. Es kann auch passieren, dass ich im Radio, oder auf einer CD ein neues Lied höre, und mir dazu selbst eine Melodie oder eine Sequenz einfällt. Oder ich kann die Melodie nicht mehr vergessen, wie ein (auf Deutsch) „Ohrwurm“. Wenn es etwas Neues ist, was mir eingefallen ist, versuche ich es so schnell wie möglich aufzuschreiben. „Illusions“ zum Beispiel ist ein Fall, der mich drei Jahre lang beschäftigt hat. Es tauchte immer wieder in meinem Kopf auf, wie eine endlose Melodie. Sie musste einfach raus, auch wenn es lange gedauert hat. Ähnlich ist es mit dem letzten Stück auf „Judgement“. Es ist die letzte Version eines Originals, das keiner je gehört hat. Es bestand nur aus einem Pianopart. Ich werde ihn vielleicht irgendwann veröffentlichen, aber ich bekomme dann sicher Zeitprobleme, denn man kann ihn nicht einfach nach 5 oder 7 Minuten beenden. Beim Aufschreiben setze ich mich einfach hin und spiele, dazu kommen dann die Melodien und die Texte, das ist unterschiedlich. Deshalb schreibe ich alle Ideen auf, oder speichere alle Klänge, um den Stücken ihre Form geben zu können. Den Melodien und den Stimmungen die richtigen Klänge zu geben ist dann der harte, schwierige Teil. Das ist es, was ich im Studio mache, und das hat dieses mal zwei Jahre gedauert. WAS KOMMT DENN DANN VON AUSSEN? WAS INSPIRIERT DICH GENAU? Das ist sehr unterschiedlich. Das kann ein Buch sein, ein Film, ein Lied, ein Bild, eine Clubnacht oder ein Mensch, der mir begegnet. Ich höre dabei einen Klang, der taucht einfach in meinem Kopf auf und der führt mich zu anderen Ideen. Musik, die ich nicht hören möchte, die ich hasse, kann mich ebenso inspirieren. Das bringt mein Gehirn dann dazu Musik zu kreieren, die nicht so klingt wie der Mist den ich dann gerade hören muss (grinsend). Ich bekomme von überall her Ideen, das ist schwer zu sagen… Ok, ich sehe gerade, wir haben nicht mehr so viel Zeit. Eine letzte Frage, ist das ok? JA, KLAR! DIE TEXTE AUF „JUDGEMENT“ HÖREN SICH FÜR MICH TEILWEISE EIN BISSCHEN AN WIE UNMUTSÄUSSERUNGEN ODER KLAGEN. AUCH EINE ANKLAGE, DASS DIE WELT SO IST, WIE SIE IST. IST DAS SO? Es ist nicht so, dass ich angekotzt wäre von der Welt, aber es ist so, dass ich frustriert bin von der Dummheit der Menschheit. Ich bin frustriert, dass wir dieselben Fehler immer und immer wieder machen. Der Chorus von „Testament“ beschreibt die Menschheit, wie sie mir erscheint. Wir alle wissen, wie die Probleme sind, wir wissen, wie wir sie in Ordnung bringen oder in den Griff bekommen können, aber wir tun es einfach nicht! Das Problem ist unser Paradigma, die Art wie wir denken, wie wir orientiert sind. Dieses Paradigma, diese Wahrnehmung ist das Resultat unserer Vergangenheit, unserer Erfahrungen und unserer Art zu denken. Das alles bringt uns zu dem Punkt, dass es uns scheinbar egal ist, die Probleme zu lösen. Jedes Land kümmert sich darum, wie es selbst an Ressourcen kommt und interessiert sich nicht für die anderen. Wir kommen nicht näher zusammen, sondern wir bewegen uns voneinander fort. Der Punkt dabei ist, ähnlich wie es in „Judgement“, „Nemesis“ oder „Farthest Star“ zum Ausdruck kommt, niemand ändert seine Lebensweise oder seine Sichtweise, bis etwas passiert, was sie zum Umdenken und Handeln zwingt. Die Menschen müssen es klar vor Augen geführt bekommen, dass das der falsche Weg ist. Die Menschheit ändert nichts, bis wir etwas so lange oder so sehr falsch gemacht haben, dass wir keine andere Wahl haben. Lass es mich so sagen: ein Typ geht in eine Bar, tut etwas wirklich Dummes und entscheidet danach es nie wieder zu tun. Vielleicht muss er es 2 oder 3 mal machen, aber er hat irgendwann die Botschaft verstanden. Natürlich habe ich keine persönlichen Erfahrungen mit diesem Beispiel (grinst)! NEIN! (alle lachen) Die Gesellschaft und die Menschheit funktionieren ähnlich. Wir werden uns nicht ändern, wenn wir uns nicht unmittelbar mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert sehen. Wenn es nun mal so sein muss, dann wird es so kommen. Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht, dass es so ablaufen muss. Keiner soll sich das Album anhören und sagen: Ronan hat aber gesagt wir brauchen nix ändern, bis etwas wirklich Schlimmes passiert (lachen). Ich sag das oft in Interviews in Amerika dazu. Denn ich habe die Befürchtung, dass irgendein verwirrter Dummkopf genau auf diese Idee kommen könnte. Nicht, dass ich nachher die Inspiration für jemanden werde der einen Virus freisetzt oder so etwas. Ich würde mich einfach freuen, wenn die Menschheit ihre Probleme lösen könnte, bevor es unausweichlich wird. Ich denke in den nächsten 10 Jahren werden die Probleme aber immer schwerwiegender und drängender werden. Ich denke, das liegt daran, dass wir im Westen die Ressourcen bunkern und den Großteil der restlichen Welt in Armut halten. Aber in den letzten Jahren werden andere große Teile der Welt immer reicher, und sie wollen den Traum den wir leben auch verwirklichen. Nur haben wir nicht mehr genug Ressourcen dafür. Deshalb wird es zu einem Kampf darum führen. Leider wird es vermutlich so kommen… Ok, dann belassen wir es am besten dabei. JA, DANKE ERST EINMAL! DANKE, DASS DU DIR SO VIEL ZEIT GENOMMEN HAST UND DANKE FÜR DIE INTERESSANTEN ANTWORTEN! Ich danke euch (erfreut). Vielen, vielen Dank für das Bier und die interessanten Fragen. Ich hoffe ihr habt Spaß beim Konzert nachher und könnt die Show genießen!

Copyright Foto: Melanie Hinze

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