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VNV NATION (RONAN HARRIS)

BEVOR WIR UNS DEM AUSFÜHRLICHEN INTERVIEW MIT VNV NATION-MASTERMIND RONAN HARRIS WIDMEN, MÖCHTE ICH ANMERKEN, DASS ICH DIESES GESPRÄCH ALS EINES DER KURZWEILIGSTEN UND RONAN HARRIS ALS EINEN DER SYMPATHISCHSTEN GESPRÄCHSPARTNER IN MEINER LAUFBAHN ALS REDAKTEUR BEIM TERRORVERLAG IN ERINNERUNG BEHALTEN WERDE. UND NUN WÜNSCHE ICH VIEL SPASS! HALLO RONAN, ICH HOFFE BEI DIR IST ALLES IN ORDNUNG? Danke, alles ist bestens! Ich arbeite gerade an den letzten Änderungen für das Album und daher ist es derzeit etwas stressig, aber ansonsten ist alles bestens! BEVOR WIR ZUM NEUEN WERK „AUTOMATIC“ KOMMEN, LASS UNS DOCH MAL ZURÜCK ZUM ENDE DER TOUR ZUM LETZTEN ALBUM „OF FAITH POWER AND GLORY“ GEHEN. WIE HAST DU DICH GEFÜHLT, ALS DAS LETZTE KONZERT GESPIELT WAR UND ALLES ZUR RUHE KAM? Oh sehr interessant, diese Frage hat mir noch keiner gestellt… mal was anderes! Also, so ein Album-Zyklus mit Tour endet ja nicht so einfach mit der letzten Show! Wir hatten ja gleich zwei Tourabschnitte in den USA und der letzte Teil fand im Frühjahr 2010 statt. Dann kamen die Festivals. So ist es lange Zeit ein Auf und Ab, ein Hin und Her! Das ging bis fast September 2010! Und dann wurde ich zu einem wirklich krassen Break gezwungen! Ich musste mich einigen Augen-Operationen unterziehen, bei denen ich neue Linsen eingesetzt bekam. Ich hatte schon länger Probleme, was aber sonst keiner wusste und nun musste das letzenendes doch mal angegangen und erledigt werden! Das war gar nicht so leicht, denn ich durfte gut 6 Monate nicht am Computer arbeiten und sowas bei mir, haha! Das war aus mehreren Gründen eine sehr schwere Zeit für mich. Einmal durfte und konnte ich nicht arbeiten und dann war ich gezwungen, auf dem Sofa abzuhängen und aus dem Fenster zu schauen. Denn das sollte ich auch, um meine Augen langsam zu trainieren! Ich konnte aber lange Wochen lang nicht wirklich gut sehen und wusste nie, wann das ganze nun wirklich überstanden sein würde. Da lief ich schon Gefahr, in eine Art Loch zu fallen! Es ist aber gut gegangen! Eine gute Eigenschaft bei mir ist, dass ich dennoch weiter gearbeitet habe und zwar im Kopf! So habe mir viele Gedanken über neue Songs gemacht, wohin das nächste Album gehen soll und quasi erste Songs im Kopf geschrieben! Dazu habe ich viele viele Dokus im TV angeschaut, denn das ging später für eine bestimmte Zeit am Tag. Eigentlich habe ich das einfach nur zur eigenen Unterhaltung getan, aber natürlich sammelt man so automatisch Ideen und Inspirationen. Um zu deiner Frage zurückzukommen. Auch wenn ich nicht auf Tour bin oder im Studio, kann ich nicht tatenlos rumhängen und nix tun. Ich muss mich immer mit irgendwas beschäftigen! Das ist besonders schwer, wenn man gezwungen wird, ruhiger zu machen! WAR ES IM RÜCKBLICK VIELLEICHT GAR NICHT SO SCHLECHT, MAL ETWAS ABSTAND ZU DER SONST ALLTÄGLICHEN ARBEIT IM STUDIO UND AM COMPUTER ZU BEKOMMEN? Das stimmt absolut! Es hat sogar beim Songwriting geholfen. Ich habe ein altes Keyboard an meinen Computer zuhause angeschlossen und auch ein ähnliches Programm wie im Studio. Ich mag auch einfach zum Zeitvertreib Musik zu machen. Einfach ein wenig herumklimpern, ohne einen bestimmten Zweck zu verfolgen! Aber genauso sind doch einige Grundlagen für die neuen Songs entstanden! Und das ist wieder typisch für mich. Ich wollte nur so ein wenig vor mich hin klimpern und schon kommen mir Ideen für neue Songs… Aber eine interessante Erfahrung! Ebenso konnte ich mich einfach mal anderen Sachen widmen, anderen Ideen, auch musikalisch, ausprobieren. Und im Ganzen tat die Pause wirklich sehr gut, um den eigenen Akku wieder zu laden. Auch wenn die Pause, wie gesagt, ungewollt war! Genauso schwierig war es, Anfang des Jahres dann wieder den Schalter umzulegen. Denn einmal im Pausen-Modus kommt man schwer wieder so richtig in die Gänge! Man muss sich erstmal wieder neu orientieren und im ersten Moment wollen die neuen Song-Ideen so gar nicht funktionieren. So findet man zuhause einige Ideen noch voll klasse und wenn man wieder bei der Arbeit ist und sich die Dinge mal im Studio anhört, fragt man sich, was da einen eigentlich geritten hat, haha! Seltsam waren auch einige Meinungen von befreundeten Musikern. Der Winter war lang und der Frühling kam ja erst spät. Da haben sich viele völlig uninspiriert und ideenlos gefühlt! Und die wundern sich, wie ich dann mit diesen Songs um die Ecke kommen konnte, wo die selbst überhaupt nichts gebacken bekommen haben. Und im Nachhinein frage ich mich das auch manchmal, haha! Die Songs klingen so emotional und dennoch so perfekt… ich habe mich eigentlich zu entschuldigen, denn eigentlich sollten es erst Demos werden, aber die Songs waren sofort schon richtig gut! ALSO TUT AUCH EINEM RONAN HARRIS MAL EINE PAUSE VON DER EIGENEN MUSIK GUT, HAHA! Oh ja, absolut! Eine kleine Story! Wir hatten eine Tour zu „Judgement“! Die ging locker 7 bis 8 Monate! Das war 2007 glaube ich! Die letzte Show war am 30.12. in Düsseldorf, meine ich. Wir fuhren mit dem Tourbus gut 4 Stunden lang zurück nach Hamburg und wurden dann abgesetzt. Und ich meinte zu meiner Freundin nur: „Ich will in einen Supermarkt!“ Es ist manchmal schon krass. Auch wenn man mal eine Woche off hat, hat man keine Chance mal zu relaxen. Zwei bis drei Tage braucht man sicher, um wieder runterzukommen, aber man weiß die ganze Zeit, dass man in wenigen Tagen wieder los muss! So erholt man sich nicht! Es treibt einen in den Wahnsinn, den man bekommt nicht mal einen einfachen Einkauf im Supermarkt auf die Reihe, weil man im Kopf so fertig ist… nach dieser Tour gabs dann auch ein halbes Jahr Pause, weil die einfach derart nötig war! Aber dieses Mal musste ich die Pause machen und ich musste mich mit mir selbst und anderen Dingen als der Musik beschäftigen. Das war eine interessante und neue Erfahrung! Filme gucken, Bücher lesen (das ging im eingeschränkten Maße)… Freunde treffen… und einfach mal ein normales Leben! Sag mal… dreht sich das Interview nun darum, wie Mr. Harris seine Freizeit verbringt, hahaha? NEIN… ABER INTERESSANT IST ES ALLEMAL!! Ich war übrigens sogar im Urlaub letztes Jahr… ein solider, klassischer Urlaub… MALLORCA? Urlaub… Mallorca? Bist du wahnsinnig, wie kommst du denn auf sowas??? Mallorca… Ballermann?? Nein, wir sind mit Freunden einem Wohnmobil durch den Nordwesten der USA gereist! Wir haben die National Parks abgeklappert, waren förmlich jenseits von allem… auch an der Küste. Und da habe ich einige der schönsten und unwirklichsten Landschaften gesehen, die man sich vorstellen kann… (an dieser Stelle überspringe ich mal Ronans ausführliche Urlaubs-Erzählungen von Stränden, Landschaften, Lagerfeuer-Atmosphäre etc., die schöner sind als es je ein Gemälde oder eine Fotografie wiedergeben könnte…, Anm. des Verf.) OK, NUN IST DER URLAUB ABER VORBEI! ZURÜCK ZUR ARBEIT! ICH HABE GEHÖRT, DASS IHR TECHNISCHE PROBLEME HATTET… Wir hatten dieses Mal tatsächlich einige Schwierigkeiten. So ist hier ein Computer kaputt gegangen, dort eine Festplatte abgeraucht… das ist uns zuvor niemals passiert! Wir hatten immer alle Möglichkeiten und nie ging was schief. Aber wie das so ist, wenn man es dann auch noch eilig hat, geht‘s erst recht nicht. Kennt man ja… der Drucker will nicht, der Brenner streikt oder der Monitor gibt seinen Geist auf usw.! Manch Abergläubige glaubt ja, dass man mit der eigenen Aura solch eine Pechsträhne erst noch verstärkt… aber nun ja… Aber einem meiner Studio-Techniker ist nach dem fünften oder sechsten Zwischenfall etwas aufgefallen. Immer wenn etwas passiert, mussten wir die Aufnahmen oder den Mix wiederholen. Und jedes Mal war das Ergebnis besser als die eigentliche Version! Z.B. war mal ein Mikro kaputt und ich musste die Vocals nochmal neu mit einem anderen aufnehmen. Und dann klangen die besser als die eigentliche Aufnahme! Wir dachten schon, dass wir eine Zigeunerin oder eine Hexe verärgert hätten und die uns verflucht hat! Soviele komische Sachen passierten. Ein weiterer Zwischenfall passierte erst vor wenigen Tagen. So merkten wir zufällig, dass bei einigen Songs die Vocals mit einem fiesen Störton durchsetzt waren. Mit den normalen Boxen im Studio, und wir haben wirklich sehr gute Boxen, war das nicht zu hören. Als wir uns die Songs über Kopfhörer anhörten, trat dieser Ton plötzlich hervor! Es stellte sich heraus, dass eine Festplatte für 2 oder 3 Tage dieses Geräusch fabrizierte, mehr nicht. Aber genau da nahm ich einige Vocals auf und diese musste ich nun noch schnell komplett neu aufnehmen! Sehr abgefahren! Aber so wurden die Songs dann doch noch besser und besser! Einen Gesangs-Effekt haben wir durch Zufall entdeckt…oder der Produzent, der uns beim abmischen helfen sollte, musste kurzfristig absagen und so kamen wir an den Techniker, den wir schon ewig haben wollten, aber der nie Zeit hatte und für ewig ausgebucht ist. Denn dem ist ein Kunde abgesprungen und hatte nun Zeit! Alles Zufälle, die schon Schicksal sein müssen! DAS KANN ABER ZU EINEM NIE ENDEN WOLLENDEN TEUFELSKREIS WERDEN! Nein… Nein! Ich konnte nicht mehr! Ich dachte so oft, dass wir fertig sind und dann kam wieder was Neues… ich war es so leid, haha! Irgendwann hat es dann wirklich gereicht! Fertig und gut! Aber dennoch sind soviele Sachen passiert, dass man glaubt, dass hier übersinnliches passiert… Aber am Ende zählt dann nur die Qualität des Ergebnisses… nichts anderes! Wenn ich die Songs höre, dann höre ich jede Emotion heraus. Ich mache Musik für mich und das ist, was zählt! Die Songs müssen meine Seele berühren, dann sind sie gut! Ich sehe das noch immer als „kleiner“ Fan, der ich selbst als Kind war! Wenn mich das so wie damals berührt, dann ist es gut! LASS UNS ZU DER MUSIK AN SICH GEHEN. IHR HABT BEREITS IM VORFELD EINIGE TRACKS LIVE AUSPROBIERT. WIE KAMEN DIESE AN? Spielt man neue Songs, erwartet man erstmal eine etwas zurückhaltende Reaktion. Die Leute schauen meist erstmal und denken sich „Ok, ein neuer Track, mal abwarten!“. Zum ersten Mal haben die die neuen Songs beim Nordstern Festival in Hamburg gespielt. Und das Hamburger Publikum jubelt und tanzt erst, wenn es das selbst wirklich will. Man ist dort sehr skeptisch. Sehr anspruchsvolle Aufgabe. Wir spielten also hier im Stadtpark in Hamburg und das bei Tageslicht, weil um 22 Uhr die Sonne noch nicht weg war! Ich glaube, zuerst haben wir „Control“ und dann „Nova“ gespielt. Diese Songs zeigen schon gut die zwei Seiten des Albums, das Licht und die Dunkelheit, wie ich gerne sage. So konnten die Leute sehen, dass für jeden was dabei ist. Einmal der härtere VNV-Track „Control“ und das ruhigere, atmosphärische „Nova“. Die Reaktionen waren großartig! Die Leute tanzten, gingen ab und es gab sogar nen kleine Pogo bei „Control“! Bei „Nova“ war es schwieriger, weil der nicht so zum Abgehen ist. Ich checkte dann Youtube und da waren massenweise Kommentare, die meinten, dass der Song pure Gänsehaut wäre! Wenn man sowas liest und man weiss, dass die Leute so auf einen Song reagieren, den sie nie zuvor gehört haben, dann muss man was richtig gemacht haben! Meine Nachbarin, die auch in der schwarzen Szene ist, schrieb mir ne SMS mit der Bitte ihr doch nen USB-Stick mit dem langsamen Lied drauf, in den Briefkasten zu schmeissen, haha! In Holland und zuletzt beim M‘era Luna gab es auch gute Reaktionen. Ok, das an sich ist ja nicht unbedingt so was Überraschendes. Aber bei youtube und in den Foren disktutieren die Leute über die Songs und setzen sich richtig mit ihnen auseinander. Und so eine enthusiastische Reaktion habe ich seit bestimmt 10 Jahren nicht mehr bekommen! Großartig! GEHEN WIR MAL MEHR INS DETAIL DER PAAR SONGS, DIE ICH BISLANG HÖREN DURFTE. „CONTROL“ ERINNERT MICH SEHR AN DIE EBM OLD SCHOOl-RICHTUNG, WAR DAS ABSICHT? Vor dem Songwriting mache ich mir meist einen Plan. Ich nehme mir so 20 Parts vor, die ich unterbringen möchte. Ich formuliere das dann richtig für mich selbst aus und halte es schriftlich fest, damit ich den Plan vor Augen habe. In dieser Liste waren so einige härtere Passagen! Bei einem Song habe ich allerdings die Notbremse gezogen, da er mir irgendwann wie der „Pflicht-Industrial-Song“ vorkam. Und genau das sollte es nicht sein. Ein Album soll vielseitig sein und doch zusammenpassen und dabei keinesfalls gezwungen klingen! Es gab einige Ansätze, die gut zu einem Nachfolge-Album gepasst hätten. Aber da ich nicht in die kommerzielle, zu erwartende, Richtung gehen wollte, habe ich einfach das gemacht, wo ich Bock zu hatte! „Control“ ist so ein Querschnitt von EBM und Techno, beginnt aber mit einem Effekt, der mich an RAMMSTEIN erinnert! Dann gehts mehr zum New Rave oder Dirty Electro. Dieser Stil hat punkige Facetten und diese Richtung ist natürlich sehr von Bands wie FRONT 242 beeinflusst! Hört man sich mal live „Modern Angels“ oder auch meinen Fave „Punish your Machine“… ich war früher übrigens fanatischer 242-Fan und habe jedes T-Shirt, Poster, jedes Special-Vinyl und alles von denen gesammelt… dann sind das klar unsere Roots! Dies haben wir über die Jahre allerdings etwas aus unserem System gewaschen! Das kommt erst nach und nach zurück… so war „Praise the Fallen“ schon eine Ecke härter, meiner Meinung nach, als „Advanced and Follow“. Bei „Control“ merkt man das nun stärker und auch „Resolution“ ist in der Bassline deutlich EBM, auch wenn der sonst nicht so düster ausfällt. Ich liebe es, diese Styles wieder miteinzubringen und zu kombinieren! Aber „Control“ kommt mit seinem Vibe und dann dann den Live-Drums richtig gut!! Und es reisst die Leute mit… Und mich auch!! Hier wusste ich sofort, wo der Track hingehen soll. Andere Songideen sind dagegen ins Leere gelaufen, aber das gehört auch dazu! Aber ich werfe nichts weg und vielleicht arbeite ich einige Songs noch aus und veröffentliche diese dann auf einer EP… den Namen habe ich schon: „Electromatic“!! Nur einer Idee bislang… aber das wird dann kein Mainstream-Ding, sondern eine Platte nur mit harten, düsteren Dance-Tracks! Wirklich mal was besonderes! KOMMEN WIR ZU „PHOTON“, AUCH EIN ETWAS UNGEWÖHNLICHER TRACK MIT SPHÄRISCHEN MOMENTEN, BEI DENEN EINEM AUCH MAL JEAN MICHELLE JARRE IN DEN SINN KOMMEN KÖNNTE (MEINT MEINE FREUNDIN, HEHE)! Interessante Ansicht, die ich aber nicht 100%ig teile. Keine Frage, ich habe viel 70er Elektro-Songs gehört, als ich an den Songs gefeilt habe, aber da war in diesem Fall nicht unbedingt Jarre für verantwortlich. Es gibt noch einen weiteren Track, der es nicht aufs Album geschafft hat, ich aber wahrscheinlich später mal verwenden werde. Da ist deutlich ein Einfluss vom „Equinoxe“-Album auszumachen. Mehr als nun bei „Photon“! Diese Melodie ist eher von klassischer Musik inspiriert! Aber als ich diese Melodie wem im Studio vorgespielt habe, meinte der, dass diese ja sehr groß und mächtig rüberkommt. Im selben Fluss bin ich dann auf die Melodie vom „Terminator“-Film gewechselt und das passt wunderbar zusammen. Pure, dramatische Soundtrack-Musik! Also, ich kann den Gedanken schon nachvollziehen mit Jarre, aber bei diesem Track ist‘s doch etwas düsterer im Vergleich zu einigen anderen Ideen, die noch mehr in diese Richtung gehen! Auf jeden Fall hat es Spaß gemacht, mal einen Song zu machen, der mehr in die Dark Trance-Richtung geht. Diesen Track habe ich während meiner Zwangspause entwickelt, als ich nur zeitweise an meinem alten Keyboard arbeiten konnte! Ursprünglich hatte ich für „Photon“ eigentlich noch Vocals angedacht, aber die Melodie hat sich so stark und so dominant entwickelt… die würde viel zu wenig zur Entfaltung kommen, würde ich nun noch Gesang drüber legen. Da es ein Soundtrack-Song ist, würde einfach zu sehr von der Atmosphäre abgelenkt werden, würde man darüber noch Gesang packen. Es geht halt nicht immer um meine Stimme. Es gab bei uns immer Instrumental-Songs. Ich nenne das den „Ronan-Halt-die-Klappe“-Track, haha! EIN SEHR INTERESSANTER TRACK IST „STREAMLINE“, DER EINEN SEHR EIGENWILLIGEN, DOMINANTEN GRUND-SOUND HAT, AN DEN MAN SICH ERST GEWÖHNEN MUSS. IN DIESEN SONG MUSS MAN SICH WIRKLICH ERST REINHÖREN, UM DIE DETAILS ZU ERFASSEN! Dieser Song ist meine Hommage an die 70er Elektro-Disko! Als ich am Synthie rumgetüftelt habe, kam dieser Bass-Sound heraus und ich dachte nur „Man, ist das 70er Disko!!“ Der Sound ist sehr minimal, fast hypnotisch! Der Name „Streamline“ kommt von einer Design-Linie, die damals sehr angesagt war. Es musste alles stromlinienförmig, ohne Ecken und Kanten sein. Das war bei Möbeln, Häusern, Autos, bei allem so. Und ich wollte bei dem Song alles Unnötige herausnehmen. Das sollte ohne Deko, Spielereien und sonstwas einfach ein Lied werden, das auch pur in die 70er Disko passen würde! Ein Track in Tradition von GIORGIO MORODER! Nur die Bass-Line und der hypnotische Beat! Aber der Track war saumäßig schwer abzumischen! Im Refrain gibt es Effekte mit Streicher-Elementen und irgendwie fehlte da noch was. Ich wollte da noch ein typisches Merkmal für unseren Sound drin haben. Nicht, weil es sein musste, aber ich hatte einfach das Gefühl, dass da noch was fehlt! Und ich hab mich da immer wieder dran gesetzt. Eigentlich sollte nur meine Stimme über die ursprüngliche Bass-Line gelegt werden, aber das fand ich dann doch etwas zu derbe. So hat es mich Monate gekostet noch das passende Element für diesen Song zu finden! Stundenlang, Tage, Wochen! Hatte ich ne eigentlich gute Idee, fand ich diese am nächsten Tag plötzlich völlig unpassend! Vor allem, weil ich den Songs ja nicht zu sehr ausschmücken wollte! Es musste halt passen, eine Ergänzung sein, die den minimalen Grundcharakter aber nicht zerstört! Es wurde dann wirklich eine Hommage an die Avantgarde-/ Ambient-/ Abstract-Musik der 70er. Jarre hat ja wahre Landschaften mit der Musik erschaffen. Dann Moroder mit seinem eigenwilligen Sound! KRAFTWERK waren gerade im Kommen, aber noch zu interlektuell für viele! Das waren herrliche Musik-Errungenschaften und Sounds, die total neu waren! Als ich aufwuchs, gab es massenweise Musik aus dieser Richtung und das war die Geburt von House, Trance, Techno und einer neuen Generation elektronischer Musik im generellen! Ich habe erst letztens mit Daniel Bressanuti und Patrick Codenys (FRONT 242), mit denen ich mittlerweile sehr gut befreundet bin, geredet. Wir überlegten, welche 5 Songs die einflussreichsten Electro-Tracks sind! Und mindestens einer würde aus der 70er Elektro-Szene kommen, denn da wurde so viel Neues entdeckt, dass wir das mittlerweile als Tonlabor bezeichnen, haha! Das war mehr eine Wissenschaft als reines Musik machen! Eine mysteriöse und aufregende Zeit damals! Für einige Leute muss das wie Science Fiction gewirkt haben! Ja, das war also so ne Herzens-Angelegenheit, diesen Song auch fertig zu stellen! Und ich bin wirklich happy, dass ich am Ende doch noch den passenden Sound gefunden habe, um den Song auch zu komplettieren! Auch die Vocals finde ich eigentlich sehr gelungen. Der Text spiegelt, denke ich, ganz gut dieses futuristische Ideal der damaligen Zeit. Diese Aufbruchsstimmung begann ja schon in den 30er und 40er Jahren! Es war vielleicht auch ein wenig naiv, aber auch jeden Fall sehr spannend! Nein, das ist sicher einer meiner Lieblingssongs auf dem Album! GERADE IN DER SCHWARZEN ELEKTRO-SZENE IST IN DEN LETZTEN JAHREN EINE TENDENZ ZU HÄRTEREN, JA FUTURISTISCHEN SOUNDS AUFGEKOMMEN. DU GEHST JETZT EHER ZURÜCK ZU DEN URSPRÜNGEN. IST DAS AUCH EINE REAKTION AUF DEN DERZEITIGEN TREND? Ich halte meine Musik grundsätzlich eigentlich für recht zeitlos. Bei „Matter and Form“ konnten schon viele Leute den Ursprung der Einflüsse nicht nachvollziehen. Bei „Empires“ waren Marc und ich sehr vom Underground-Elektro der späten 90ern inspiriert. Das war der großen Masse gar nicht bewusst, dass der Dance/ Trance-Faktor allgegenwärtig war. Das hatte rein gar nichts mir kommerziell und den Charts zu tun. Das war direkt aus dem Underground ein fast orchestraler, hymnischer Trance-Sound. Zusammen mit unserem eigenen Sound entstand dadurch dann „Empires“! APOPTYGMA BERZERK machten es ähnlich beim „Welcome to Earth“-Album, bei COVENANT kam das besonders beim Song „One World One Sky“ durch. Es kam zwar aus dem Trance-Underground, aber es hat funktioniert! Viele Leute in der sogenannten schwarzen Szene hatten überhaupt keine Ahnung, woher dieser Sound nun kam. Wir drei Bands aber waren schon immer inspiriert von THE CHEMICAL BROTHERS, FAITHLESS oder auch UNDERWORLD. Wir wollten natürlich weder diese Bands noch uns gegenseitig kopieren, aber zogen jeder für sich seine Inspirationen aus diesem Bereich! Und daher entwickelte jeder seinen unverkennbaren Sound! Bei „Matter and Form“ und auch „Empires“ musste ich ausführlich erklären, woher denn nun dieser Sound kam! Mit dem neuen Album wollte ich die Einflüsse stärker verdeutlichen. Ein Paradebeispiel sind MGMT, die mit minimalen Sounds und minimalen Equipment ebenso genau diesen Sound der 70er Elektro-Sounds und Disko in die heutige Zeit transportiert haben! Dies alles ist zb. stark bei Gigolo Records vertreten, wo auch Terence Fixmer, der ja mit Douglas McCarthy von NITZER EBB zusammenarbeitet, seine Sachen veröffentlicht. Dieser Lo Fi-Sound, diese Harmonien, diese Sequencer-Sounds… das klingt alles so echt und real, obwohl elektronisch! Das ist nicht digital, so clean und gerade gezogen, wie man es woanders so oft hört mittlerweile! Es muss klingen, als hätte man das zuhause in seinem Kämmerchen an seiner Dudelkiste aufgenommen! Aber mit einer modernen Produktion. Das ist das Geheimnis! Diesen Vibe wollte ich aufnehmen. Dabei geht es nicht darum, dass man altbacken klingt. Nein, ich wollte mit modernen Mitteln und Wegen, die Atmosphäre und den Spirit von damals herüberholen und neu interpretieren! Ich möchte, dass die Leute heute das gleiche Gefühl beim Hören meiner Musik bekommen, wie ich damals beim Erleben der damaligen Musik! Neben „Control“ gibt es noch den Track „Space & Time“, der zwar auch melodisch ist, aber vom Grund-Beat direkt nach vorne geht und diesen Vibe ebenfalls sehr gut rüber bringt! Und diese Form der modernen Interpretation wird sich in Zukunft verstärkt im Sound der heutigen Bands wiederfinden. Ähnlich wie das vor 10 Jahren passiert ist. Ich habe schon neue Tunes von AESTHETIC PERFECTION gehört und die sind ähnlich beeinflusst, wie wir. Das wird sicher auch sehr interessant! GENAUSO INTERESSANT WIRD SICHERLICH AUCH DIE TOUR, WELCHE JA SCHON LÄUFT, WENN DAS ALBUM ERSCHEINT! IHR HABT EIN VERLÄNGERTES SET ANGEKÜNDIGT! Erst mal freue ich mir sehr, dass STRAFTANZ mit dabei sind! Die Jungs sind echt klasse und wissen, was sie tun. Daher freut es mich auch, dass wir sie bei der US-Tour ebenfalls dabei haben werden! Unsere Show wird grundsätzlich die bekannten Elemente haben: Keys, Live-Drums und eine gelungene Light-Show. Allerdings wird das Set etwas länger ausfallen. So haben wir sonst vielleicht 90 Minuten oder mal 100 Minuten gespielt, auf Festivals auch weniger. Und dich denke, bei einer Band wie uns, mit diesem Backkatalog und Fülle an guten Songs muss da mehr kommen. Vor allem da wir ja auch die neuen Songs ausreichend zum Zuge kommen lassen wollen! Daher kann es gut sein, dass unser Set locker 2 Stunden geht. Mal schauen, ob die Leute da mithalten, haha! DA UNSERE ZEIT LANGSAM KNAPP WIRD, AM ENDE NOCH MEINE TRADITIONS-FRAGE: WENN DU DIE WAHL HÄTTEST MIT EINEM MUSIKER/ KÜNSTLER TOT/ LEBENDIG ZU ARBEITEN… AUF WEN WÜRDE DEINE WAHL FALLEN? Da würden mir gleich 3 Personen einfallen, wenn ich das so sagen darf! Allen voran wäre da mal Nikola Tesla! Mit seinen Erfindungen und Entwicklungen im elektronischen Bereich hat er nicht nur einige wichtige Errungenschaften für die industrielle Entwicklung geschaffen, sondern auch die Grundlage für die elektronische Musik gelegt. Ein sehr eindrucksvoller Wissenschaftler! Dann wäre da Johan Johannson aus Island. Ein sehr interessanter Musiker, der tolle orchestrale Soundlandschaften kreiert! Mit ihm an Songs für VNV NATION zu arbeiten, wäre sicher eine tolle Erfahrung! Und zum Schluss würde ich gerne mit einem wirklich guten und eigenwilligen Regisseur zusammenarbeiten, der seine eigenen Visionen hat! LYNCH? David Lynch? Bist wahnsinnig? Seine Filme sind eindrucksvoll, keine Frage! Aber mit dem auf einen Nenner zu kommen, halte ich für fast unmöglich! Nein, ich dachte da eher an Ridley Scott! „Blade Runner“, „Alien“ und und und… alles Wahnsinns-Filme. Dem würde ich gerne einige VNV-Songs zur Verfügung stellen, zu denen er jeweils die Videos entwickeln soll. Diese müssen dann aber zusammen so funktionieren, dass es eine große Story… einen ganzen Film ergibt. Das wäre doch mal eine Herausforderung! Aber nicht zu vergessen, dass es halt so klassisch und minimal gehalten werden soll, wie möglich. Also würde ich da das Budget auf nicht mehr als… sagen wir… 100.000 Dollar auslegen! Ja, das wäre mal eine interessante Sache! GENAUSO WIE DAS ALBUM AUF DAS WIR UNS IN KÜRZE FREUEN DÜRFEN! VIELEN DANK FÜR DIESES INTERVIEW! Ich habe für dieses interessante Gespräch zu danken. Wir sehen uns dann in Köln? AUF JEDEN FALL!

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