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111 JAHRE ARMINIA OPEN AIR

Ort: Bielefeld – SchücoArena

Datum: 04.06.2016

Obwohl es Bielefeld ja bekanntlich gar nicht gibt, hat die einheimische Fußballmannschaft doch bereits einige Erfolge einfahren können – das muss sogar ich als vergangenheitsbedingt eher Preußen Münster-Anhänger neidlos anerkennen. Und die Stimmung in der SchücoArena ist oftmals sehr beeindruckend, was man auch bei dem großen OWL-Konzerthighlight 2016 feststellen konnte, wenngleich es bei herrlichen äußeren Bedingungen ein paar mehr Zuschauer als die gut 10.000 hätten sein dürfen. Zu Ehren des 111ten Geburtstags der Arminia hatte man sich mit den erfahrenen Konzertveranstaltern der VIBRA Agency (man beachte u.a. die lange Serengeti Festival-Tradition!) zusammengetan, um ein musikalisches Qualitäts-Programm auf die Beine zu stellen, das über Genre-Grenzen hinweg begeistern konnte. Auch Nicht-Anhänger des Rasenballsports kamen hier ganz sicher auf Ihre Kosten…

Gegen 15 30 Uhr machten wir uns aus der „anderen“ OWL-Metropole (sprich Gütersloh) auf in die Nachbarstadt, wo an diesem Tag auch abseits des Open Airs allerhand geboten wurde. So z.B. der „Karneval der Kulturen“, der für gesperrte Straßen bei der Anreise sorgte. Könnte man das terminlich nicht etwas entzerren? Wie auch immer, bei Traumwetter erreichten wir einigermaßen pünktlich die ehemalige „Alm“, wo bereits der Opener RANDALE musizierte. Die einheimischen Herren sind keine Unbekannten in der Region, mit ihrer „Rockmusik für Musik für Kinder“ besetzen sie eine interessante Nische und haben bereits etliche Alben veröffentlicht. Als Freunde der gepflegten Alliteration besitzen diese Titel wie „Hardrockhase Harald“ oder „Punkpanda Peter“. Leider bekamen wir nur noch die allerletzten Minuten der Darbietung mit, welche aber offensichtlich schon für ordentlich Stimmung gesorgt hatte.

Kurz nach 17 Uhr stand aber bereits der Quasi-Co-Headliner auf dem Programm. THE BOSSHOSS hatten sich an diesem Tag einiges vorgenommen, hatte man doch auch noch ein Date mit dem Rock am Ring, das bekanntermaßen in diesem Jahr unter keinem guten „Wetter-Stern“ stand. Immerhin sollten die Country-Heroen dort später am Abend die allerletzte praktizierende Band sein, bevor der Laden dort endgültig dicht gemacht wurde. Doch zurück nach Bieletown. Hier hatte man zwar deutlich weniger Zuhörer, aber dafür allerfeinste Begleitumstände. Und so legten sich Alec und Sascha auch mächtig ins Zeug, um die Besucher auf Touren zu bringen, dabei hatte man natürlich eine spielfreudige Band plus die diesmal 3-köpfige Bläserfraktion THE TIJUANA WONDERBRASS am Start, welche zunächst maskiert als mexikanische Ringer auf die Bühne kam. Die schwarz gewandeten Herren sind allesamt Vollprofis und brachten das Publikum stimmungstechnisch schnell unter Kontrolle. Mitmachspielchen, wilde Bühnenaction auf und neben den Barhockern, das bekannte „Thanx“ auf „Hoss Powers“ Gitarrenrückseite und natürlich auch das Crowdsurfen von Boss Burns auf vielen hilfsbereiten Händen… Das kommt einfach gut an, und wirkt auch bei Mehrfachsehern noch vergleichsweise spontan. Dazu eine bunte Setlist der bekannten Gassenhauer wie etwa „Shake & Shout“, „Dos Bros“, „Jolene“ oder die aktuelle Single „I like it like that“ und fertig waren 75 Minuten gute Laune inkl. Mundharmonika- und Kontrabass-Einlagen. In der Zugabe fand sich auch das treibende „Word up“, so dass man sich nun erst mal gut gelaunt auf die kleine Fressmeile begeben konnte, die das übliche Junk Food von Pizza bis Currywurst, aber auch nette Cocktails bot.

Zwischen den musikalischen Acts ging es natürlich auch immer wieder um den Anlass der heutigen Zusammenkunft: Die DSC-Balltreter. Philipp Köster und Jens Kirschneck aus der 11Freunde-Redaktion moderierten und hatten den einen oder anderen Arminia-Fachkundigen am Start, genauso wie 2 Fans, die sich einem Ball-Quiz stellten (das der älter der beiden Herren an seinem Geburtstag gleich mal haushoch gewann). Musikalisch ging es mit SHANTALLICA, dem etwas anderen Shanty-Chor weiter, der offensichtlich sowohl James Hetfield und Co. als auch der Arminia huldigt. So wurden entsprechende Originale launisch von den gut 30 Herren interpretiert, wobei es mit viel Herzblut und Selbstironie zur Sache ging. Als 15 minütiges Intermezzo eine sehr gelungene Sache mit Lokalkolorit.

Etwas professioneller sollte dann aber der nächste Auftritt geraten, auf den ich doch einigermaßen gespannt war. Die gute Jamie-Lee Kriewitz war ja noch vor kurzem auf der ESC-Bühne gnadenlos (und für meine Begriffe doch unter Wert) abgestraft worden, nun durfte sie vor etwas kleinerer Zuschauerzahl eine knappe halbe Stunde performen. Dieses Mal mit 2 männlichen Knöpfchendrehern und 2 weiblichen Backing-Vocals, welche mir eher gelangweilt vorkamen. Große Überraschung: Ein mir zu Ohren gekommenes Gerücht bewahrheitete sich, denn JL hat offensichtlich ihren Manga-Style ad acta gelegt. Schade eigentlich für uns Fotographen. Aber auch so war die junge Dame ganz interessant anzusehen, sie frönt nun einem na sagen wir Ghetto Hip Hop-Style, wobei ich in diesen jugendlichen Sub-Szenen nicht ganz so bewandert bin. Jedenfalls sollte sie etwas mehr in die Sonne, da machte dieses Open Air ja schon mal einen guten Anfang. Ansonsten hinterließ sie einen ganz ordentlichen Eindruck in Anbetracht der Tatsache, dass doch einige Besucher nicht so viel mit ihr anfangen konnten. Vorne hatten sich aber durchaus einige (jüngere) Hardcore-Fans eingefunden. Nun muss ich zugeben, dass ich ihr Debüt „Berlin“ nicht kenne, aber der Titeltrack, das Cover von „Halleluja“ sowie natürlich zum Abschluss das Grand Prix-Stück „Ghost“ ließen sich am frühen Abend doch ganz gut an. Singen kann die Kleine und eine namentlich nicht näher genannte Begleiterin gab sogar an, bei einem Song eine Gänsehaut gehabt zu haben. Na das ist doch schon was!

Doch nun sollte es wieder mit handgemachter Rock-Musik und meinem persönlichen Highlight weitergehen. Dem Gros der Besucher dürfte Daniel Wirtz vor allem durch seine Teilname an NAIDOOs Tauschkonzert-Sendung bekannt sein, doch vor diesem „Durchbruch“ hat der Herr schon einige musikalische Spuren hinterlassen, siehe etwa seine recht erfolgreichen SUB7EVEN-Zeiten. Nun aber startet der gute Daniel so richtig durch, und das hat er sich auch mehr als redlich verdient. Leider gab es an diesem Abend aus meiner bescheidenen Sicht ein paar kleine Wermutstropfen an dem Gig des gebürtigen Heinsbergers. Neben den nur 45 Minuten Spielzeit (dafür kann er natürlich nichts) war auch der im Vergleich zu den Kollegen etwas schwächere Sound und vor allem die Setlist zu bemäkeln. Zumindest für jemanden wie mich, der sehr auf den aktuellen Output „Auf die Plätze…“ steht, von dem mit „Du fährst im Dunkeln“ nur ein einziger Titel berücksichtigt wurde. Dies sorgte übrigens auch bei weiteren Zeitzeugen für ein Fragezeichen im Gesicht. Nicht dass das alte Material schlecht wäre, aber schon recht ungewöhnlich, die Hintergründe für diese Song-Auswahl würden mich durchaus mal interessieren. Aber genug gemeckert, auch so kamen die 4 gutaussehenden Herren authentisch und packend aus dem Äther, egal ob bei der obligatorischen Rockballade „Keine Angst“, der Hymne „Frei“ (mit sehr passender Ansage), „Gebrannte Kinder“ oder dem treibenden Abschluss-Track „Mon Amour“. Leider konnte der lauthals geforderte Wunsch nach einer Zugabe nicht erfüllt werden. Demnächst also wieder bei einem Club Konzert in deiner Nähe…

So langsam aber sicher senkte sich die Sonne über Bielefeld, und der Headliner konnte seinen Dienst antreten. DIE FANTASTISCHEN VIER zählen zwar nicht unbedingt zu meinen persönlichen Favoriten, aber sie sind sowohl Pioniere, als auch absolute Könner auf der Bühne, und das sollte sich heute mal wieder zeigen. In der über 25-jährigen Bandgeschichte haben Thomas D, Smudo, Michi Beck und der live etwas im Hintergrund agierende And.Ypsilon ein ganzes Genre in Deutschland geprägt und sich quasi immer wieder selbst neu erfunden. Selbst Nicht-Hip Hopper dürften so gut wie jeden Song der heutigen Setlist gekannt haben, einige Tracks gehören ja mittlerweile zum Kulturgut. Dazu hat man eine technisch erstklassige Band im Hintergrund, der man in Sachen Scratching, Percussion, Keys etc. kaum etwas vormachen kann. Und natürlich die 3 Rapper in bester Sing- und Spiellaune, die bei aller Choreographie ganz einfach den Eindruck machen, dass der Fun-Factor im Vordergrund steht. 3 nicht mehr ganz taufrische Jungs, die einfach auf der Bühne stehen und musikalisch miteinander abhängen. Dazu dürften die vielen Sprünge bei den Temperaturen ganz schön Körner gekostet haben – Respekt. Auch vor den Künstlern ging es nun richtig ab, und sogar „unverdächtige“ Hausfrauen verfielen nun dem Ausdruckstanz, kurzum: es herrschte allerorten beste Stimmung. Egal ob die lustige Selbstbeweihräucherung „Le Smou“, der Mega-Groover „Was geht“ oder auch mal ruhigere Töne à la „Tag am Meer“ – Der Auftritt war definitiv eines Headliners würdig. Ein besonderes Schmankerl war die Tourpremiere des neuen Titels „Name drauf“, der anlässlich der aktuellen Best of-VÖ aufgenommen wurde und beweist, dass die Fantas auch 2016 nichts von ihrer lyrischen Bissigkeit verloren haben. Fett. Mittlerweile war es dunkel geworden und die Herren befanden sich bereits in der Zugabe („Die da“ durfte natürlich nicht fehlen), da machten wir uns so langsam auf den Heimweg, die Füße hatten nach den vielen Stunden doch etwas gelitten.

Setlist DIE FANTASTISCHEN VIER (ohne Gewähr)
Danke
Yeah Yeah Yeah
Das Spiel ist aus
Lass sehen
Sie ist weg
Gegen jede Vernunft
Gebt uns ruhig die Schuld (den Rest könnt ihr behalten)
Einfach Sein
Le Smou
Ichisichisichisich
Typisch ich
Tag am Meer
MfG
Was geht
Name drauf
Populär

25
Die da
Troy

Alles in allem ein sehr gelungener Tag – interessantes, vielschichtiges Line Up, eine tolle Location und natürlich Sonne pur sorgten für beste Unterhaltung. Kleinere Kritikpunkte wie der anscheinend relativ schlechte Sound auf den Tribünen (dem man sich aber entziehen konnte) oder der wohl mangelnde Getränkenachschub fallen da nicht groß ins Gewicht. Vielleicht schafft es die Arminia ja, in den nächsten Jahren auch wieder fußballerisch ins Feld der Großen vorzudringen, das heutige Line Up war auf jeden Fall schon mal erstklassig!

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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