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15. DARK DANCE TREFFEN

Ort: Lahr - Universal D.O.G.

Datum: 24.09.2005

Das 15. Dark Dance Treffen konnte sich durchaus sehen lassen: zehn DJs verteilt auf fünf neudeutschen „Floors“, sechs Live-Acts, eine Feuertanzshow im Biergarten und eine Modenschau wurden dem geneigten Besucher neben dem obligatorischen kleinen Gruftmarkt unter freiem Himmel und reichlich Merchandise geboten. Ich war zum ersten Mal im Lahrer D.O.G., allerdings kann ich mir nicht noch mehr Besucherandrang vorstellen, möchte man als Veranstalter gewährleisten, dass jeder Gast atmen und sich ungefährdet bewegen kann.
Etwas später als um geplante 20:40 Uhr eröffneten [FIGHT THE CAUSE] aus Halle a. d. Saale als Opener den Dark Dance Floor. Ließ ihre interessante Technik, Keyboard und Mikro mit Hilfe von Ketten von der Decke baumeln zu lassen noch aufmerksam werden, wurde diese Neugier leider nur mit zwar netter und tanzbarer Musik, aber leider ziemlich einfallslosen bis klischeetriefenden Texten belohnt. RaloS, seines Zeichens neben Gesang, Musik und Text auch für die „Performance“ verantwortlich, hüpfte voller Elan in seiner mutwillig zerlöcherten und wieder zusammengehefteten Kluft über die nicht sehr originell gestaltete Bühne – ein überdimensionales Kreuz, wahrscheinlich aus Metall, stand herum. Vielleicht wurde ihm auch irgendwann kalt, da er sich während eines Tracks auch mehr oder weniger lasziv an Keyboarder Rawboned rubbelte. Und vielleicht hat das dann ein Pyrotechniker gesehen und sich seiner erbarmt, da dann ein paar Flammen gekonnt die Halle erhellten.

Als nächste waren WELLE:ERDBALL an der Reihe. Ich kannte von ihnen nur den Clubhit „Starfighter F-104G“, welchem ich mit gemischten Gefühlen gegenüberstand. Wenn man allerdings das Ganze in einem ironischen Zusammenhang sieht, kommen einem die Texte doch nicht mehr ganz so dämlich vor – aber darauf muss man erst mal kommen. Auch mir erschloss sich ein gewisser Reiz und nach spätestens den ersten beiden Liedern fraß die Menge Honey, Alf., Frl. Venus und Zara aus der Hand. Die Halle kochte, und es verbreitete sich sichtlich gute Laune. Hymnen auf den Commodore C=64, tote Frauen und alte Autos wurden angestimmt, und das kam beim Publikum an. Die Bühnenshow tat mit den beiden dekorativen Damen ihr übriges dazu, die ihre Stimmen, ihre Weiblichkeit und ihre Fähigkeiten am Schlagwerk ins Gesamtbild einfließen ließen. Daumen nach oben: die Herrschaften waren meine Überraschung des Abends.

Offensichtlich hatten sich im nachhinein Besucher über CINEMA STRANGE beim Veranstalter beschwert: woher sonst die Stellungnahme auf deren Homepage? Mir waren sie – vom Namen abgesehen – gänzlich unbekannt, und daher war ich relativ vorurteilsfrei der Show ausgesetzt. Schon beim Aufbau der Bühne wurde ich etwas stutzig: schräge Klamotten bin ich gewohnt, von daher schockierten mich weder die straps- und fetzenbehangenen Gitarristen und ihre Frisuren, noch Frontmann Lucas Gregory Lanthier, der sich in einem evtl. traditionell wirkenden Chinesischen Outfit präsentierte. Es war lediglich die Kombination, die mich leicht irritierte und im Zusammenhang mit dem Bandnamen wohl auch eine Art Omen für den kommenden Auftritt darstellte. Konnte ich noch den free-jazzigen Gitarrenfrickeleinlagen der beiden Gothic-Mumien Michael und Daniel Ribiat durchaus Positives abgewinnen (Stichworte: Instrumentbeherrschung, Spielfreude, usw.), war dieser potentielle Bonus mit Einsatz des „Chinesen“ verspielt. Seine Laute waren definitiv nichts für mich: Winseln, Wimmern und das auch noch hektisch und einfach unpassend – das muss wirklich nicht sein. Zwischendurch hopste er noch zwischen Akustikgitarre und einem i-Pod herum, zupfte hier, drückte da und überhaupt hatte ich nicht den Eindruck, dass ich eine strukturierte Bühnenshow vor mir hatte, die mich auch nur ansatzweise fesseln, geschweige denn nicht langweilen konnte. Der Großteil des Publikums dachte sich wohl ähnliches, denn konnte man sich bei der Vorband noch kaum bewegen, herrschte nun schon fast gähnende Leere vor der Bühne. Nachdem sich Lanthier schließlich auch noch für irgendwelche Probleme entschuldigte, die mir bei dem konfusen Set gar nicht aufgefallen waren, befand ich, dass ich den Mannen aus Übersee eine Chance gegeben hatte, aber kein Mensch mehr von mir verlangen konnte, und floh erstmal in Richtung Bar.

Mehr Spaß machten dann schon [WAI PI WAI] auf der kleineren Bühne im Maschinenraum. Die Kollaboration von Herman Klapholz (AH CAMA-SOTZ) und Jérôme Soudan (MIMETIC, VON MAGNET) wusste nicht nur mir gut zu gefallen, denn die beiden deichselten an ihren Mischpulten sehr feines, sehr rhythmisches Klangwerk. Ihr selbstbetitelter Track eröffnete den Tanzboden und ließ mich beeindruckt zurück. Sehr gut.

Gespannt war ich anschließend auf KIEW, ob sie den hohen Standard mit ihrer „Audiotherapie“ würden halten können. Das Intro war interessant: im Bühnenhintergrund wurden auf einer Leinwand Bilder und Videos von Korridoren und Kammern projiziert, welche das Publikum wohl auf das Kommende vorbereiten sollten, ebenso wie eine nette Stimme aus dem Off, die u.a. belehrte, dass im Folgenden eine Lautstärke von über 130 dB erreicht werden würde. Wie war das? Ab 120 dB sind bleibende Schäden zu erwarten? Nun, evtl. auch, wenn man sich den Auftritt der Herren in voller Länge angetan hat. Da ich einer self-fulfilling prophecy keinerlei Nährboden geben wollte, habe ich mich schließlich nach ca. 10-15 Minuten aus dem Staub gemacht – ich hatte nämlich keinen Bock darauf, mir die ganze Zeit „seid ihr geisteskrank?!“ (oder so ähnlich) entgegenbrüllen zu lassen. Die dem lyrischen Hochgenuss zugehörige musikalische Untermalung war schlechter Unterdurchschnitt, und warum sich die beiden Kameraden ohne Zwangsjacke und Mikro auch noch E-Gitarre, bzw. –Bass umgeschnallt haben, weiß ich beim besten Willen nicht, denn gehört habe ich davon irgendwie auch nichts, geschweige denn, dass es die Musik noch irgendwie „gerettet“ hätte. Anders als bei CINEMA STRANGE kam die Mischung aber bei ca. 98% meines Umfeldes gut an.

Weshalb allerdings schon vor der letzten Band des Treffens viele Besucher das Weite suchten, bleibt für mich persönlich ein Rätsel; vielleicht wollten einige noch den letzten Zug erwischen oder ähnliches. Was aber schade war, denn die Belgier von THIS MORN’ OMINA waren mein offizieller Höhepunkt der Nacht: rituelle, beschwörerische Rhythmen, untermalt von stimmungsvollen Bildsequenzen, die an die Projektionsfläche im Hintergrund gestrahlt wurden, waren die Kunst, mit der Mika und sein Kollege meine alten Death Metal-Knochen in Bewegung versetzten. Im Vordergrund wurde mit gekonnter Perkussion diverser aufgebauter Trommeln unterschiedlicher Größe und Klangfarben die Mischpultarbeit bereichert. Hierfür gibt es beide Daumen ganz weit nach oben, und nach zwei Zugaben war auch das überschaubare Publikum vorerst befriedigt.

Copyright Fotos: Daniele Cerami

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