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18. DARK DANCE TREFFEN

Ort: Lahr - Universal D.O.G.

Datum: 15.07.2006

Man muss Abstriche machen, wenn man im Sommer auf eine „schwarze“ Veranstaltung will. Fakt ist nämlich, dass die Sonne einfach viel zu lange abends am Himmel bleibt und es viel zu hell ist, um sich angemessen in düstere Stimmung versetzen zu können. Außerdem – ich gebe es ja zu – sind anberaumte Zeitangaben Schall und Rauch, wenn man mit Frauen weggehen will: sie brauchen prinzipiell länger als eigentlich veranschlagt und zögern so den Aufbruch unnötig heraus. Kann mir jetzt FADERHEAD vergeben, weshalb ich den Großteil ihrer Show als Opener verpassen musste? Als ich also irgendwann nach 21 Uhr den Mainfloor betrat, war es allerdings nicht nur mir eher nach letzten Sonnenstrahlen an der frischen Luft: Vor der Bühne ging es sehr überschaubar zu und dabei gab sich Frontmann und Namensgeber Faderhead wirklich Mühe, sein spärliches Publikum zu unterhalten. Als Zugabe für die wackeren Fans wurde noch NIN gecovert, was auch gut zum eigenen Sound passte.

Spätestens jetzt ging es für alle in den gut gefüllten Außenbereich mit Klamotten- und Versorgungsständen. Hier gab es wieder vieles, was das dunkel tanzende Herz begehrte. Nebst Fotoausstellung (die nicht wirklich vom Hocker riss, aber offensichtlich muss man ein paar Klischees einfach bedienen) und Tonträger-Tischen, fand man hier auch den Veitstanzfloor, bzw. –pavillon, etliche Sitzgelegenheiten, sowie Getränkebars und Essen.
Gut gestärkt konnte man sich nun dem nächsten Act, den Kanadiern THE BIRTHDAY MASSACRE, widmen. Sängerin Chibi hüpfte brav auf der Bühne herum, sowie auch ihre Bandkollegen, aber leider konnten sie mich musikalisch nicht überzeugen. Davon unabhängig, dass ich Sängerinnen prinzipiell eher skeptisch gegenüberstehe (Ausnahmen bestätigen die Regel), habe ich ihr wirklich Zeit gegeben – aber allen Anschein nach wollte sie ihren japanischen Künstlernamen nicht umsonst tragen: genauso wie ich keine super-süßen knuddeligen Mädchenmangas mit kleinen („chibi“) überzuckert-süßen Gören mag, kann ich nichts mit TBMs Stageacting oder Musik anfangen. Schade. Ich befürchte, ich war nur deshalb bis zum Ende vor der Bühne gestanden, weil ich Anhaltspunkte dafür suchte, dass der eine Gitarrist sich endlich als Brian Warner zu erkennen gibt. Seine Ähnlichkeit mit Marilyn Manson war nämlich erschreckend – zumindest in meinen Augen; ich kann mich aber auch getäuscht haben … Die mich umgebenden Fans waren ausnahmslos ganz hin und weg – was ich auch nachvollziehen kann, immerhin überfliegt man den Atlantik auch nicht jedes Wochenende. Weder als Band, die gerade auf Europatour ist, noch als Fan.

COMBICHRIST gefiel mir dafür überraschend gut. Eigentlich war die harte Industrial-Formation ja schon für ein vorangehendes DDT geordert, konnten aber leider nicht auftreten und hatte nun viele hungrige Fans vor der Bühne stehen. Sänger Andy LaPlegua gab live fast alles – und sieht dabei auch noch nicht schlecht aus. Mit dem blutverschmierten Schwarz-Weiß-Warpaint kann man heutzutage vielleicht niemandem mehr Alpträume bereiten, aber das wollten die Herren um Herrn LaPlegua sicherlich auch nicht. Die stampfenden Rhythmen besaßen einen super Sound und kamen live eben viel besser und brutaler rüber als auf Konserve. Die Menge tanzte und schwitzte, was das Zeug hielt und was unter den Lack-Korsagen hervortröpfeln wollte. Tosenden Beifall ernteten die Jungs auf der Bühne zu Recht.

Was ich aber beim besten Willen nicht gedacht hätte, war, dass mich DAS ICH so beeindrucken würde. Ich muss gestehen, dass ich sie noch nie live gesehen hatte – mich aber auch nicht wirklich mit ganzen Alben von ihnen auseinandergesetzt habe. Die paar Sequenzen, die mir Schwester und/ oder Freunde vorspielten, ließen mich meistens ziemlich indifferent zurück und ich plädierte für einen Tonträgerwechsel im Abspielgerät. Dass mich ein Auftritt der drei so begeistern könnte, hatte ich nicht im Traum gedacht. Sänger Ackermann tänzelte und sprang und wälzte sich wie ein der Hölle entsprungener Derwisch über die Bühne und suchte auch den Kontakt zu seinem treuen Publikum. Sein langjähriger Gefährte Kramm und seit 2002 hinzugestoßener, zweiter Live-Keyboarder Kain Gabriel Simon kompensierten diese ausufernde Dynamik durch ihre nicht fest verankerten, sondern fahrbaren Synthesizer-Anlagen – und letzterer ließ sich in seiner Arbeit auch nicht durch einen Zungenkuss mit seinem Sänger stören. Das nenne ich mal Professionalität. Aber an Ackermanns Stelle hätte ich das auch gemacht, denn Herr Simon ist echt heiß… Auf seine erste Soloveröffentlichung bin ich mal sehr gespannt. Natürlich gab’s als letztes Schmankerl dann noch „Gottes Tod“ und die DDT-Besucher flippten fast aus. Sehr schön, solche positiven Überraschungen lobe ich mir.

Leider kann man nicht alles gleichzeitig haben (hätte auch musikalisch nicht so ganz gepasst, aber wir wollen mal nicht so sein), denn im Maschinenraum hatte schon TWINKLEs Mastermind die Regler seines Mischpults unter seiner Kontrolle. Wer als seine Einflüsse NIN und BJÖRK angibt, macht mich schon mal aus Prinzip neugierig und siehe da, ich wurde abermals für meine Neugier belohnt. Der Straßburger mit dem kultverdächtigen inversen Zebra-Warpaint hat sich meine Sympathien durch seinen tanzbaren Industrial schnell ergattert. Leider viel zu schnell ging sein Auftritt vorbei, aber TWINKLE kann ich tatsächlich uneingeschränkt interessierten Lesern empfehlen, wobei ich zunächst auf seine Site verweise, auf der man selbstverständlich auch einige seiner Lieder anhören kann, My Space sei Dank.

Nach so viel Gezappel und Begeisterung musste ich allerdings an die frische Luft. Man bedenke bitte großzügig die klimatischen Umstände an diesem Tag und einen Ventilator gab es im Maschinenraum auch nicht – und wenn es einen gab, dann habe ich ihn unglücklicherweise nicht bemerkt. Daher habe ich auch leider (?) S.I.N.A. verpasst, denn für Projekte des Labels Hands habe ich eigentlich immer ein, zwei Ohren offen.

Dafür ließ ich mich gern wieder von WINTERKÄLTE (bei diesen Temperaturen ein grotesk anmutender Bandnahme, übrigens) zum Tanzen animieren. Monoton und einnehmend bearbeiteten die beiden Herren ihre Arbeitsutensilien inklusive Drumcomputer und hielten fast länger durch, als ihr entrücktes Publikum. Hier gibt es nichts zu beanstanden, was auch für die Qualität der „Altmeister“ spricht. Völlig fertig und glücklich trieb es die verbliebenen Massen nach den letzten Zugaben in den Außenbereiche und/oder ganz vom Gelände, auf mehr oder weniger lange Rückfahrten in ein weiches, ruhiges Bett oder zum Weiterfeiern unterwegs.

Den Veranstaltern ist es wieder gelungen, ein ansprechendes Programm mit super Organisation zu verbinden, was ja auch nicht immer so einfach ist – auch wenn beim Feuerwerk im Nachthimmel beinahe irgendwelches Equipment abgefackelt ist, was auch noch ein schönes Feuerchen gab, das die Pyromanen unter den Besuchern begeistert haben dürfte.

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