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1LIVE – EINE NACHT IN MÜNSTER

Ort: Münster - Skaters Palace/ Jovel Music Hall

Datum: 08.05.2009

SELIG & FREUNDE – MAXIMO PARK – MILOW

Einmal im Jahr verlassen die Herrschaften von 1Live ihr Kölner Studio und fallen im Sektor ein. Im letzten Jahr hatte es die Puddingstadt Bielefeld erwischt, Anno 2009 war die Fahrradfahrer-Domäne Münster an der Reihe. Das Schöne an den Besuchen der Radiofritzen ist, dass sie keineswegs allein kommen, sondern regelmäßig allerlei illustre Gäste im Schlepptau haben. Da war es keine Überraschung, dass innerhalb kürzester Zeit fast alle Veranstaltungen ausverkauft waren. Das Akustikset mit CLUESO und PHILIPP POISEL wurde aus diesem Grund sogar noch vom Prinzipalsaal in den Speicher 10 verlegt und auch vor unserer ersten Location hing ein großes „Restlos ausverkauft!“-Schild.

Immerhin waren MAXIMO PARK auch eigens für dieses Konzert am Veröffentlichungstag ihrer vierten Langrille „Quicken The Heart“ aus Newcastle angereist, um vor gut 1.000 Fans die neuen Songs und natürlich auch liebgewonnene Klassiker zu präsentieren. Die Münsteraner Indies zeigten sich sogar mal nicht westfälisch zurückhaltend, sondern gingen von der ersten Minute an mit. Vielleicht wollte man sich im Sektor auch keine Blöße geben, denn der Gig wurde gleichzeitig live im Radio übertragen und man will ja nicht in den Ruf geraten, nicht konzerttauglich zu sein. Sollte irgendwo im Skaters Palace noch jemand partyunwillig gewesen sein, dürfte der wie immer gut behütete Fronter Paul Smith den- und vor allem diejenige ruckzuck in seinen Bann gezogen haben. Bei der holden Weiblichkeit hatte der Schlacks ganz offensichtlich jede Menge Schlag, aber auch die Musik der Briten wusste zu überzeugen. Vereinzelt waren Anwesende bereits im Besitz der brandaktuellen VÖ, wie sie vermittels Handzeichen auf Anfrage zu verstehen gaben, aber auch der große Rest feierte uneingeschränkt die neuen Stücke ab, wobei natürlich Nummern wie „The Night I Lost My Head“ und „Going Missing“ vom 2005er Debüt „A Certain Trigger“ oder auch das wohl bekannteste „Books From Boxes“ vom letzten Longplayer „Your Early Pleasures“ aus 2007 die Halle blitzschnell in einen Hexenkessel verwandelten. Bis auf wenige Ausnahmen wie beispielsweise das neue, fast hymnische „Question, Not Coasting“ war ausgelassenes Tanzen angesagt. Die Tracks gingen mit eingängigen Indie-Sounds ausnahmsweise direkt in Ohr und Bein; „Let’s Get Clinical“ wurde derweil sogar ein wenig funky, bevor zu „Overland, West of Suez“ Lukas Wooler am Keyboard für ein fettes Orgel-Inferno sorgte. „Girls Who Play Guitars“ setzte sehr überraschend bereits nach einer knappen Stunde einen knackigen Schlusspunkt, der natürlich kräftig mitgesungen wurde. Mr. Smith und Kollegen hatten dann doch noch einen Nachschlag für die Domstädter in petto, die zum Abschluss einen klasse Mix aus alt („Apply Some Pressure“) und neu („Calm“) auf die Ohren bekamen.

Setlist MAXIMO PARK
Nosebleed
?
The Penultimate Clinch
The Night I Lost My Head
I Want You To Stay
Questing, Not Coasting
In Another World (You’d Have Found Yourself By Now)
Books From Boxes
?
Tanned
Going Missing
Let’s get Clinical
Overland, West of Suez
The Kids Are Sick Again
Girls Who Plays Guitar

Calm
Apply Some Pressure

Für uns hieß es jetzt ganz schnell Standortwechsel, denn im ehemaligen Autohaus Kiffe gegenüber der Halle Münsterland spielte bereits Belgiens momentaner Exportschlager Nr. 1. 1Live war nicht nur die erste Radiostation, die MILOW on air gebracht hat, die Kölner sorgten auch für die deutsche Live-Premiere des Singer-/ Songwriters im Jovel. Seit Ende letzten Jahres residiert die Jovel Music Hall in den ehemaligen Ausstellungsräumen des insolventen Autohändlers, die vielleicht nicht so furchtbar viel Charme, dafür aber locker Platz für rund 1.500 Zuschauer bieten. Auch die Kombination MILOW/ SELIG erfreute sich an der Aa größter Beliebtheit, weshalb die 1.000-qm-Venue ebenfalls flugs ausgebucht war. Im Vergleich zum Skaters Palace war das Publikum hier allerdings ein wenig älter – ein klares Indiz dafür, dass SELIG in den Neunziger sehr präsent waren.

Zunächst hatten wir jedoch noch zwanzig Minuten das Vergnügen, MILOW zu lauschen. Bewaffnet mit seiner Akustikgitarre und von einer Band begleitet, deren Sängerin Nina just an diesem Tag Geburtstag hatte, was mit einem spontanen Ständchen des Auditoriums gewürdigt wurde, performte Jonathan Vandenbroeck u.a. das sehr flotte „Dreamers And Renegades“, bevor es mit „Born In The Eighties“ deutlich ruhiger wurde. Fehlen durfte natürlich auf gar keinen Fall das 50-CENT-Cover „Ayo Technology“, das erstens deutlich besser als das Original ist und zweitens zum generationenübergreifenden Überhit auf internationaler Ebene wurde. Entsprechend ausführlich wurde der Song dann auch zelebriert bis es schließlich Zeit war, Platz für SELIG zu machen.

Die Hamburger waren nicht in kompletter Aufstellung angereist, da Bassist Leo Schmidthals und Drummer Stephan „Stoppel“ Eggert an dem Abend andere Verpflichtungen hatten. Wer im Vorfeld Bedenken hatte, dass dieser Umstand den Gig zweitklassig machen könnte, konnte sich über 75 Minuten vergewissern, dass in diese Richtung absolut keine Gefahr bestand. Die „Rest“-Band hatte nicht nur die vakanten Positionen mit Freunden besetzt (am Bass Ex-GODS-OF-BLITZ-Sänger Sebastian Barusta Gaebel, der Herr hinter der Schießbude war Reiner Khallas), sondern gleich noch weitere Gäste eingeladen. So kam es auch, dass Ingo POHLMANN seinen Crowd-Surf-Einstand im Jovel geben konnte. So richtig glücklich sah er allerdings nicht aus, während er sich neben Jan Plewka zu den Klängen von „Wenn ich wollte“ auf Händen tragen ließ. Als gebürtiger Ostwestfale hat er wohl lieber festen Boden unter den Füßen. Daneben gab es noch eine weitere Premiere, denn erstmals wurde „Ohne Dich“ mit Cello-Begleitung zum Vortrag gebracht. Mit Cellist Hagen Kuhr war man gerade noch bei INA MÜLLER in deren Sendung „Inas Nacht“ zu Gast, da bot es sich an, Hagen auch gleich mit nach Münster zu nehmen, der besonders beim feuerzeugbegleiteten „Ich fall in deine Arme“ begeisterte. Außerdem war mitsamt Glitzeraugenklappe noch Urgestein Niko Weidemann mit von der Partie. Also griff er zur Akustikgitarre und versuchte sich daneben an den SELIG-Texten. Wahrscheinlich hatte es hier während der Vorbereitungen Probleme gegeben, weshalb Jan aufmunternd meinte, Niko solle einfach nachsingen, was er vorsänge. Auf jeden Fall hatten SELIG & Freunde auf der Stage jede Menge Spaß, was sich umgehend auf die Zuschauer übertrug, die einen grandiosen Gig erlebten. „Ist es wichtig?“, 1995 auf der zweiten Full Length „Hier“ erschienen, bot einen fetten Einstieg, aber auch die Tracks des aktuellen Top-5-Albums „Und endlich unendlich“ ließen keine Wünsche offen. Die Singleauskopplung „Schau schau“ wurde selbstredend gebührend bejubelt und „Wir werden uns wiedersehen“ gleich doppelt gespielt. In Ermangelung weiterer geprobter Songs, gab es die Nummer in Acht-Mann-Stärke am Ende als krachendes Finale einfach noch einmal zu hören. Dazwischen gefiel auch melancholisches a la „Ohne dich“ mitsamt eines Gitarrensolos von Christian Neander, welchem Plewka am Drumkit sitzend lauschte. Ein Lieblingslied der beiden SELIG-Masterminds ist „Bruderlos“, klar, dass die emotionale Nummer auf der Setlist nicht fehlen durfte. Viel zu schnell kam dann auch schon der letzte Song „Die Besten“ für den sich die gesamte Meute auf der Stage versammelte, um noch mal in die Vollen zu gehen.

Fast sah es so aus, als gäbe es keine Zugabe mehr, da gleich im Anschluss ein Radiomoderator die Bühne enterte. Glücklicherweise wollte er die Leute aber nur animieren, die Band nochmals lautstark nach vorn zu locken. Zunächst kehrten Jan, Christian und Keyboarder Malte Neumann zurück, um als SELIG-Kernkompetenzteam eine Akustikversion von „Regenbogenleicht“ (vom selbstbetitelten 1994er Debüt) unters Volk zu bringen. „Wir werden uns wiedersehen“ schlug danach wieder den Bogen zur neuesten Platte. Abgesehen von „Ist es wichtig?“ und „Bruderlos“ stammten übrigens sämtliche Tracks von diesen beiden Silberlingen, wobei SELIG nach 15 Jahren eindeutig wieder zu ihren Wurzeln zurückgekehrt sind. Ein fantastisches Konzert! Das fanden wohl auch die Akteure selbst, die sich im Anschluss backstage glücklich in den Armen lagen und vermutlich noch lange gefeiert haben.

Dazu hatten auch die Münsteraner dank 1Live noch ausreichend Gelegenheit. Im Gleis 22 gab es im Anschluss noch LITTLE BOOTS zu sehen und zu hören, während fünf verschiedene Parties noch allen eine lange Nacht bescherten, die von unterschiedlichen Konzerten, der Sarah-Kuttner-Lesung oder der Comedy mit Lukas und Tony Mono noch nicht erledigt waren.

Setlist SELIG
Ist es wichtig?
Sie hat geschrien
Schau schau
Wir werden uns wiedersehen
Ohne dich
Mädchen auf dem Dach
Wenn ich wollte
Bruderlos
Glaub mir
Ich fall in deine Arme
Die Besten

Regenbogenleicht
Wir werden uns wiedersehen

Copyright Fotos: Karsten Rzehak

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