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A STORM OF LIGHT – AMBER ASYLUM – ?ALOS

Ort: Hamburg – Hafenklang

Datum: 26.10.2010

So ein stürmischer und nasskalter Herbsttag wie dieser in Hamburg Rock City verlangt dem Normalbürger generell schon eine gewisse Widerstandskraft ab. Wenn dann zusätzlich noch A STORM OF LIGHT mit zwei standesgemäß ziemlich durchgeknallten Support Acts in der Stadt sind, ist das definitiv nichts mehr für schwache Nerven. Aber von vorne:

Der Reigen der Ungewöhnlichkeiten begann gegen 21.00 Uhr mit ?ALOS (das Fragezeichen gehört zum Namen und hat wahrlich jegliche Daseinsberechtigung). ?ALOS also ist eine italienische Künstlerin aus Berlin, die ihren Auftritt damit begann, bewaffnet mit einer Schale klaren Wassers durch den Raum zu schreiten und besagtes Wasser schluckweise an das Publikum zu verteilen, nicht ohne dabei mit leicht quäkender Stimme schamanisch anmutende Beschwörungsgesänge zum Besten zu geben. Das machte auf jeden Fall neugierig und so begab man sich in Richtung Bühne, um dort Zeuge eines erschreckend beängstigenden, aber dabei absolut faszinierenden Auftritts zu werden. ?ALOS versteht sich selbst als Spiegelbild ihres bürgerlichen Ichs Stafania Pedretti und als solches tanzte, kreischte, brüllte und lärmte sie sich durch eine knappe halbe Stunde, dass man mitunter befürchtete, man müsste einen Exorzisten bemühen. Die Hilfsmittel der Dame bestanden aus einer Gitarre, böse verzerrt und effektbeladen, diversen Glocken (zum Teil in ihre bodenlangen Dreadlocks eingeflochten) und ähnlichen Haushaltsgeräten, sowie ihrer Stimme, die von Death Grunts über kindlich-zerbrechlich bis zur Lebkuchenhaus-Hexe alles abdeckte. Mein Nebenmann kreierte für dieses Schauspiel den Ausdruck „Ethno-Drone“, was nicht ganz aus der Luft gegriffen schien, ich persönlich würde es unter der Rubrik Aktionskunst abspeichern. Anstrengend, weil kaum so etwas wie Songstrukturen, aber nicht unspannend.

Es folgten nach einer kurzen Umbaupause drei Damen aus San Francisco namens AMBER ASYLUM, und die brachten die Musikalität ins Haus. Eigentlich zu viert, gab es an diesem Abend die reduzierte Besetzung aus Gesang, Violine, Viola und Keyboard (plus vereinzelte Gitarre) zu bewundern. Die attraktiven und distanziert bis schüchtern wirkenden Musikerinnen sind dem Dark Ambient bzw. der Neoklassik zuzuordnen und waren durchaus dazu in der Lage, dem Abend eine nebulöse und Gänsehaut erzeugende Atmosphäre zu verleihen. So muss es in den Wäldern von Lothlorien klingen, möchte man meinen. Gerade nach dem vorangegangenen Auftritt von ?ALOS war das eine willkommene Abwechslung, die auch wohlwollend vom leider nur knapp zur Hälfte gefüllten Hafenklang aufgenommen wurde. So sanftmütig die Musik von AMBER ASYLUM im ersten Moment auch wirken mag, so vermochte sie doch eine gewisse nihilistische Kälte auszustrahlen, womit die Daseinsberechtigung der Damen in diesem extrem ungewöhnlichen Billing als direkter Support von ihren Landsmännern A STORM OF LIGHT eindeutig unterstrichen wäre.

Letztgenannte Underground-Helden um den NEUROSIS-Visual Artist Josh Graham starteten dann nach einer weiteren kurzen Pause in einer ohrenbetäubenden Lautstärke ihr etwa einstündiges Set und stellten umgehend klar, dass die Uhr nun definitiv Endzeit geschlagen hatte. Begleiterscheinung dessen war leider ein furchtbar breiiger Sound, der die Band dann auch dazu veranlasste, nach dem ersten Song nochmals für fünf Minuten zu unterbrechen um ein nicht näher definiertes technisches Problem zu lösen. Wer selbst einmal relativ hilflos an seinem Instrument auf der Bühne gestanden hat, weiß, wie nervig das ist, und so verwundert es kaum, dass das, was im Anschluss geboten wurde, aggressionstechnisch sehr weit oben angesiedelt war. Zu hören gab es eine ausgewogene Mischung aus Werken vom neuen Album „Forgive Us Our Trespasses“ und dem 2008er Debüt „And We Wept The Black Ocean Within“, und wer kürzlich Grahams ehemaliges Betätigungsfeld RED SPAROWES live gesehen hat, hatte spätestens jetzt eine Ahnung, was jenen seit Graham’s Ausstieg offenbar fehlt, nämlich die latente Bösartigkeit im Gesamtsound. An der herrschte an diesem Abend wahrlich kein Mangel, im Gegenteil: die aktuelle Tour-Besetzung, deren offenkundigste Neuerung Sängerin Zorah Atash ist, schien vor unterdrückter Wut förmlich überzuschäumen, Drummer BJ Graves (hauptamtlich bei US CHRISTMAS tätig) malträtierte seine Kessel extrem kraftvoll und seit ich Domenic Seita gesehen habe, weiß ich, was es bedeutet, auf seinen Bass einzudreschen. Leider wurde der Sound im Verlauf des Gigs zwar besser, aber dennoch nicht transparent genug, um die durchaus vorhandenen Feinheiten in den feindseligen Kompositionen von A STORM OF LIGHT herauszustellen. Besonders Atash, deren unkonventioneller Gesang ohnehin eher als sphärische Keyboard-Alternative zu verstehen ist, war zumeist lediglich marginal unter den Lärm-Salven der Lichtstürmer auszumachen. So blieb am Ende des Abends doch auch die Erkenntnis, dass man definitiv schon gelungenere Shows der Band gesehen hat.

Alles in allem war es jedoch ein lohnenswerter und höchst interessanter Konzertabend, auch und vor allem aufgrund des vielseitigen Billings, das im Endeffekt aber doch einen gemeinsamen Nenner hatte, nämlich einen Einblick in die düstere Kargheit des menschlichen Seins. Amen.

Copyright Fotos: Wiebke Tamke

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