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AMPHI FESTIVAL 2005 – TAG 2

Ort: Gelsenkirchen - Amphitheater

Datum: 02.07.2005

Nach nicht einmal 8 Stunden Schlaf ging es dann schon wieder ins Ruhrgebiet, schließlich warteten 9 weitere Bands auf Entdeckung. Ob die campenden Besucher frischer aus der Wäsche schauten, konnten wir nicht so recht beurteilen, jedenfalls war wieder allerlei optische Extravaganz auf den Rängen auszumachen. Von Gasmasken über Männerkorsagen bis hin zu plüschigen Nachwuchsgruftis war alles vertreten, was unsere Szene so liebenswert macht. Auffällig die hohe Anzahl an IN EXTREMO und FEINDFLUG-Shirts, zumindest ersteres durchaus nachvollziehbar an diesem Tag. Zwar mussten wir nun etwas weiter außerhalb parken, aber dennoch handelte es sich hier um ein Festival der kurzen Wege, und eine größere Schlange gab es nun nicht mehr. Obwohl der Zuschauerandrang am Samstag größer schien, da kamen wohl dann auch einige Tagesticket-Besucher hinzu, was schließlich zu einer sehr beeindruckenden Kulisse von etwa 4500 Leutchens geführt haben dürfte, etwa 1000 mehr als am Vortag. Ist allerdings schwer zu schätzen, da immer nur die jeweils interessierten Fans sich direkt auf den Rängen aufgehalten haben, während die anderen flanierten oder es sich sonst wie gut gehen ließen. Jetzt aber sollte wieder die Musik sprechen, gleich 9 Bands lagen vor uns.

Den Auftakt machten die Berliner STAUBKIND aus dem Pohl-Stall mit TERMINAL CHOICE Member Louis Manke an den Vocals. Diese Formation hat sich in kürzester Zeit eine treue Fanbasis erobert, wozu das Debüt „Traumfänger“ in nicht unerheblicher Weise beigetragen hat. Ihre etwas in Richtung härtere ZERAPHINE gehende Musik fand auch in Gelsenkirchen sehr guten Anklang, so dass schon zu dieser frühen Stunde die Fläche vor der Bühne sehr gut gefüllt war. Sicherlich auch kein schlechter Schachzug, den Act des „Mentors“ am selben Tage auftreten zu lassen. Songs wie „Knie’ nieder“ oder das lyrisch ein heißes Eisen anpackende „Schlaflied“ konnten der Masse schon einige Reaktionen entlocken. Manke kündigte an, auf der nächsten Tour nur noch wenig altes Material zu präsentieren, lassen wir uns mal überraschen, wohin der Weg STAUBKINDs führt.

Danach wurden wohl einige Zuschauer etwas überrascht, denn anstelle der angekündigten NAMNAMBULU betraten die Deutsch/ Kanadier PSYCHE die Bühne. NNB hatten sich mal eben kurzerhand aufgelöst, da es wohl zwischen Vasi und Sänger Henrik zu einigen Problemen gekommen war. Moderator Andy kommentierte dies süffisant mit den Worten: „Wir haben was Besseres gefunden“. Zwar mag das in Bezug auf die kompositorischen Fähigkeiten von Darrin Huss durchaus richtig sein, an diesem Tage fand er allerdings nicht wirklich Zugang zu den Anwesenden. Zu wenige konnten sich wohl mental auf träumerisch-treibenden Retro-Elektro mit SOFT CELL-Touch einstellen, gerade auch nach der STAUBKIND-Performance. So blieb der Platz vorne doch relativ übersichtlich, wenngleich Darrin und seine 2 Mitstreiter an den Keys sich keine Blöße gaben. Der sympathische Sänger zog wieder alle Register und führte einige interessante Bewegungsabläufe vor, inklusive sich auf dem Boden winden. Einen Song widmete er sogar (scherzhaft?) den verblichenen NAMNAMBULUs. Stücke wie „Yearning“, „The Belonging Kind“, ”Tears” oder “Sanctuary” fielen mal tanzbar und mal verträumt aus, zudem würzte er die Show mit ein paar Gimmicks. So baute er einmal Teile aus DAFs „Als wärs das letzte mal“ in ein Lied ein, und an anderer Stelle erklang der Refrain zu NITZER EBBs „Let your body learn“. Die Coverversion „Goodbye-Horses“ (vom „Schweigen der Lämmer“-Soundtrack) erhielt dann doch noch sehr ordentlichen Applaus, so dass PSYCHE insgesamt recht zufrieden gewesen sein dürften.

Danach also wieder Gitarren mit den Süddeutschen LACRIMAS PROFUNDERE, die mit ihrem Gothic Rock/ Metal ja schon einige Achtungserfolge einfahren konnten. Stücke wie „Sarah Lou“, „Amber Girl“ oder der Titeltrack zum aktuellen Album „Ave End“ bieten dann auch recht akzeptable Unterhaltung, wenngleich man nie das Gefühl hat, nun etwas Außergewöhnlichem zu lauschen. Vielmehr verlassen sich die Bajuwaren doch stark auf das Aussehen ihres Frontmannes Christopher Schmid, der anscheinend nebenbei auch bei 4LYN tätig ist… Der gute Herr ist sich seiner Wirkung vollauf bewusst, überschreitet mit seinen Ansagen allerdings auch gerne die Grenze zur Arroganz, womit er bei mir nicht unbedingt punkten konnte. Nette Nachmittagsunterhaltung.

Jetzt sollte ein elektronischer Block folgen, den „unsere Freunde“ von der WELLE:ERDBALL einleiteten, die wie immer die Bühne selbst präparierten. Nach dem Ausstieg des einen Petticoat-Mädchens Soraya waren wir neugierig, ob sich bereits ein Ersatz eingefunden hatte, eine Frage, die sich sehr schnell auf sehr blonde Art und Weise erledigt hatte. Honey führte wie gewohnt durch das W:E-Programm, verhaspelte sich dabei zwar einige Male, wirkte aber gerade dadurch liebenswert und authentisch. Auch die bekannten Gimmicks wurden eingesetzt: Schwalben bei „Starfighter F-104G“, große rote Luftballons mit „Synthetic Symphony“ Aufdruck, schwenkbare Metallkonstruktionen zu beiden Seiten, die Blechtonne zu „Arbeit adelt“… Außerdem rief der beanzugte Sänger die Anwesenden dazu auf, für die Tierschutzorganisation PETA zu unterschreiben, und wenn dies nicht alle 6000 tun würden, wären wir selber dafür verantwortlich, so so. Im Gegenzug wurden brandheiße Girlie Shirts verschenkt, Musik gab es natürlich auch noch, vorzugsweise aus dem Commodore 64 stammend wie die Illuminaten-Hymne „23“. Aber auch dem „VW Käfer“ und dem „Walkman“ wurde gehuldigt, bevor es bei „Wir wollen keine Menschen sein“ oder „Mensch aus Glas“ Gesellschaftskritisches auf die Ohren gab. Die Zuschauer fraßen der abgefahrenen Truppe wie fast immer aus der Hand und selbst der Musik eher abgeneigte Zeitgenossen mussten den Unterhaltungswert der WELLE:ERDBALL neidlos anerkennen, die damit den 2ten Festivaltag so richtig einläuteten.

Damit dies auch so bleibt, hatte man extra ein Selbstmordkommando angeheuert, welches natürlich aus Belgien stammt. Besonders freute ich mich darüber, dass Ex-Feindflieger Beam wieder als Live Drummer mit von der Partie war, ebenso wie Torben Schmidt an den Keys rechts und Tanja, Johans sehr aparte Freundin, links an den Reglern. Nach kurzem elektronischen Aufgalopp stürmte dann natürlich van Roy himself auf die Stage, mit leicht offenem Hemd und offensichtlich einigen verlorenen Pfunden, der gute Mann hat abgenommen! Ob er den Anwesenden deshalb ständig die Zunge herausstreckte, kann allerdings an dieser Stelle nicht geklärt werden. Mit „Cause of Death: Suicide“ und „Hellraiser“ stiegen SUICIDE COMMANDO natürlich bestens tanzbar-aggressiv ins Set ein und brachten die Fans härterer Elektroklänge in Ekstase. Das blieb auch bis zum Ende des recht kurzen Auftritts so, der noch Bekanntes wie „Love Breeds Suicide“ aber auch ein neues Stück und als Abschluss die kommende Single „Godsend“ enthielt. Bei einem derart energetischen Auftritt konnte man auch die paar Regentropfen verzeihen, die erstmals das Amphitheater heimsuchten.

Danach folgte ein Projekt, dessen Name mir kurzfristig entfallen ist, auf der Bühne befanden sich jedenfalls ein Herr, der seinen Text vergaß und ein paar halbnackte Damen, die mit ihrer Kleinkunst der Schlagermusik einen gothischen Anstrich verpassen sollten. Dazu setzte man hin und wieder Pyros ein, wohl um zu verhindern, dass das Schnarchen auf der Tribüne zu groß wurde. Da man mit dem verschossenen Lametta (ja ist denn schon Weihnachten?) die obere Lichttraverse verunstaltet hatte, musste danach ein mutiger Techniker ohne Netz und doppelten Boden für Abhilfe sorgen.

Doch jetzt wieder zu Musik mit Wert und Inhalt, DIE KRUPPS waren an der Reihe, und sie traten nach dem WGT in Leipzig zum 2ten Male mit ihrer Jubiläumsshow in Germoney auf. Zu meinem Leidwesen fanden sich jetzt etwas weniger Fans vorne ein als bei den direkten Vorgängern, wozu ich jetzt mal nichts sagen will. Die Performance hingegen kann man mit Fug und Recht als Triumph bezeichnen, die Herren Engler, Esch und Dörper (plus 2 Livemusiker) ließen es richtig knallen, ein Hit jagte den nächsten, und im Pit vorne ging es nun richtig rund. Die Mischung aus harten Riffs und elektronischen Klängen klingt aber auch so aktuell wie am ersten Tag, denn merke: Hier haben wir es mit Trendsettern zu tun! Bei älteren Songs wie „Volle Kraft voraus“ oder „Metal Machine Music“ hämmerte Herr Engler dann auch auf einer mitgebrachten Stahlrohrkonstruktion herum wie ein Jungspund, während Keyboarder Dörper wie üblich keine Miene verzog. „Germaniac“, „Crossfire“ oder „To the Hilt“ waren weitere Stimmungsgranaten, die auch lyrisch immer bzw. gerade wieder aktuell sind. Nach dem Hit „Fatherland“ ließ man sich nicht lange bitten und krönte die Darbietung noch mit der Zugabe „Bloodsuckers“. Beeindruckend! Und jetzt bitte bald neues Material komponieren!

Dass danach CAMOUFLAGE einen schweren Stand haben würden, war schon vorher klar, schließlich handelt es sich hier doch eher um ruhige, verträumte Musik. Dazu regnete es nun das erste und einzige Mal etwas kräftiger, so dass die (schwarzen) Regenschirme für ein paar Minuten hervorgekramt wurden. Davon ließen sich aber die Herren Kreyssig/ Maile/ Meyn nicht beirren, deren Konterfeis wie auf der vergangenen Tour an der Bühnenrückseite befestigt worden waren. Meyn überraschte gar mit einem Kurzhaarschnitt und sehr agiler Bühnenpräsenz, derweil ein Live Drummer den Stücken mehr Dynamik gab. Neben Liedern vom aktuellen Album „Sensor“ wurde natürlich auch altes Material feilgeboten, zur Setlist gehörten Kompositionen wie „Me and You“, „Perfect“ oder der uralte CD-Bonus Track „They Catch Secrets“. Mit „Conversation“ präsentierte man auch ein überraschend eingängiges/ 80er-mässiges Stück vom nächsten Werk, sozusagen direkt aus dem Studio. Den Abschluss bildete dann das geniale Trio „The Great Commandment“ – „Being boiled“ (natürlich ein HUMAN LEAGUE-Cover) – „Love is a shield“, was dann auch den letzten auf der Tribüne zum Mitsingen animierte. Obwohl also meiner Meinung nach im Billing etwas zu hoch angesetzt konnten die Schwaben die Erwartungen der Electrofans mehr als erfüllen.

Die IN EXTREMO-Devotees hingegen freuten sich nun darauf, endlich ihre Lieblinge an den diversen neu- und altmodischen Instrumenten musizieren zu sehen. Die Umbaupause dauerte das erste Mal an diesen beiden Tagen etwas länger, dafür gab es dann ein riesiges Backdrop passend zum neuen Album zu sehen sowie ein „aufgebocktes“ Drumkit. Nachdem Andy Krüger zum letzten Mal seine launigen Ansagen verbreitet hatte, enterten 7 gutgebaute Herren die Bühne, gerade Sänger Micha hat offensichtlich trainiert. Lief er am Nachmittag noch im Hawaii-Hemd herum, war er nun natürlich standesgemäß gekleidet, ebenso wie seine 6 Mitstreiter. Gitarre, Bass und Drums der klassischen Rockbesetzung plus Drehleier, Dudelsack, Harfe und Tröte der dreiköpfigen Mittelalterfraktion. Damit entfachten die Extremos vom ersten Moment an ein Riffgewitter par excellence, welches zum Tanzen, Bangen und Mitsingen einlud. Alle Wach- und Fitgebliebenen bevölkerten nun noch einmal die Arena, auch in dem Wissen, dass 2 wunderschöne Tage nun bald ihr Ende finden würden. Zwar sind IN EXTREMO große Menschenmengen nach ihrem Lausitz Ausflug für die ONKELZ mehr als gewohnt, hier aber waren IHRE Fans zugegen, welche die Jungs nach allen Regeln der Kunst abfeierten. „Das Letzte Einhorn“ wusste immer wieder mit ein paar launigen Sprüchen in Richtung Tribüne oder Fotographen zu unterhalten, und die Mischung aus alt und neu, Rock und Mittelalter weiß immer noch zu fesseln. Ob „Erdbeermund“, „Horizont“, „Wind“, „Spielmannsfluch“, „Gier“ oder „Küss mich“, alles wurde begeistert aufgenommen. Kleine Gimmicks wie eine weibliche Kopfbedeckung zu „Herr Mannelig“ gaben den letzten Pfiff unter diese energiegeladene Performance, mit der das erste Amphi-Festvial dann auch schon wieder seine Pforten schloss. Es sei denn, man folgte Michas Anweisung, der alle (Zufalls)Pärchen in eindeutig charmanter Weise zum Ficken aufforderte…

Fazit: Eine außergewöhnliche Location, prächtiges Wetter fernab der Extreme, fast ausnahmslos spielfreudige Bands aller Sparten und ein zahlreich angetretenes feierwilliges Publikum sorgten für ein Wochenende der besonderen Art. Wenn man noch die minimalen organisatorischen Schwächen ausmerzt und beim nächsten Mal für WECHSELNDE Pausenbeschallung sorgt (ich stelle gerne CDs zur Verfügung ;-), könnte das Amphi schon bald zu den großen Namen der deutsch Konzertszene gehören. Melo-Andy hat es ja schon angekündigt, das nächste Mal werden dann alle Bands mit Schiffen zum Orte des Geschehens verbracht… also habt Acht!

Copyright Fotos: Jörg Rambow, ausser “BLUTENGEL-Impressionen” – Antje Wagler

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