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AND ONE – CAMOUFLAGE – DE/VISION – MINERVE

Ort: Düsseldorf - Stahlwerk

Datum: 05.11.2011

Stahlwerkssinfonie in Düsseldorf – ein Synthie Pop-Festival in der KRAFTWERK-Stadt. Steve Naghavi, Vorzeige-Enfant Terrible der deutschen Electro Szene hatte geladen, und gut 1500 Zuschauer waren seinem Ruf in die NRW-Metropole gefolgt, überwiegend schon jenseits der 30. Nun wollen wir nicht noch mal den ganzen unschönen Teppich ausrollen und die Line Up-Änderungen beim Headliner diskutieren, das hat Herr Naghavi bereits ganz alleine in epischer Breite getan. Dennoch war die Neugier der Anwesenden groß, wie sich die „Nr. 1 des deutschen Synthie Pop“ in neuer alter Besetzung schlagen würde. Nachdem wir bereits ausführlichst aus Hamburg berichtet haben, werde ich mich heuer ein wenig kürzer fassen, dafür gibt es deutlich mehr Bilder zu begutachten, man bewege einfach die Maus auf den entsprechenden „Foto Galerie“-Button. Bevor die 3 Urgesteine des Genres loslegen durften, sollte noch ein etwas „kleinerer“ Act die Möglichkeit bekommen, die bereits jetzt (17 Uhr!) gut gefüllte Location aufzuwärmen.

MINERVE

Minerve ist laut Wikipedia eine südfranzösische Gemeinde, doch die 3 Herren, die da in Sensation White-Anzügen auf die Bühne traten, haben ganz sicher andere Vorfahren. Neubrandenburg bzw. Zürich ist die Herkunft von Daniel/ Andreas Wollatz (Gesang/ Keys) und Tastendreher Nr. 2 namens Mathias Thuerk, die optisch auch gut an den Strand von Ibiza gepasst hätten. Doch inhaltlich passte man mit dem mal gefühlvollen, oft aber auch treibenden Synthie Sound perfekt ins heutige Line Up. Hervorragendes Licht, guter Sound (beides sollte sich später noch ändern) und eine gute Stimme, so präsentierte man in einer knappen halben Stunde ein paar Exponate des seit 2002 währenden Bandschaffens, den Abschluss bildete das überaus treibende „High Pitched Emotions“ vom 2004er Debüt. Mission gelungen. Neue Fans hinzugewonnen.

DE/VISION

Synthpop-Legende Teil 1: DE/VISION existieren bereits seit 1988 und konnten ihren Status in all der Zeit immer wieder unter Beweis stellen, gerade auch live. Auf dieser Tour agiert man ohne Live-Drummer und mit ziemlich ungotischen Klamotten, dafür hatten Sänger Steffen Keth und Tastenmann Thomas Adam schicke Käppis auf. Das Publikum taute jetzt so richtig auf und fraß dem deutschen Duo alsbald aus der Hand, wenngleich auf der Bühne natürlich bewegungstechnisch nicht allzuviel passierte. Steffen ließ allerdings immer wieder gekonnt die Hüften kreisen, wenn er nicht gerade die Düsseldorfer plus Zugereiste anfeuerte. Ein buntgemischtes Set aus all den Jahren zeigte die Vielseitigkeit der Combo, die – auch wenn sie es selbst nicht so gern hört – immer wieder mal an DEPECHE MODE erinnert. Besonders hörenswert das früh in der Setlist auftauchende “Try to forget”. An dieser Stelle aber auch mal ein paar ordentliche Rüffel an die Technik. Dass das Licht wenig Fotographen-tauglich war, damit kann und muss man ja auch leben, aber der Sound war insbesondere im Bass-Bereich dermaßen übersteuert, dass es für Menschen ohne Ohrenschutz schon fast an Körperverletzung grenzte. Vielleicht bin ich ja in meinem fortgeschrittenen Alter auch schon eine “Pussy” diesbezüglich, aber gerade vorne links bestätigten einige weitere Anwesende meinen Eindruck. Und dass bei einem eigentlich so detailreichen Sound, den DE/VISION normalerweise vorzuweisen haben. Dennoch wurden Keth und Adam über alle Maßen abgefeiert, was schlussendlich wie in Hamburg zu der Zugabe “I regret” führte, das aus vielen Kehlen mitgesungen wurde. Musikalisch top, Sound Flop.

CAMOUFLAGE

Synthpop-Legende Teil 2: Noch länger im Geschäft sind natürlich die nachfolgenden CAMOUFLAGE, die angesichts ihres Gründungsjahres (1983) optisch immer noch erstaunlich fit rüberkommen. Insbesondere Sänger Markus Meyn, der unablässlich auf der Bühne herumwirbelte. Das Ganze vor einem “richtigen” Schlagzeuger und einem “Greyscale”-Backdrop, beides aufgrund der Nebel-/ Sichtverhältnisse nicht immer klar erkennbar. Zum Glück hatte der Mischer mittlerweile ein Einsehen und schraubte die Lautstärke auf annehmbare Skalen herunter, merkwürdigerweise abgesehen von den beiden Klassikern “The Great Commandment” und “Love is a shield”, wo sich die Bässe wieder tief in die Eingeweide schnitten. Das haben diese beiden Hits gar nicht nötig, denn Düsseldorf ging ohnehin steil. Beim restlichen Programm allerdings zeigte sich die Meute deutlich reservierter als beim direkten Vorgänger, und das obschon die Band ihr Live Debüt in der Fortuna-Stadt gab. Mag vielleicht daran liegen, dass CAMOUFLAGE ursprünglich keine schwarze Szene Band war, aber seit ihrem “Comeback” sind sie doch überwiegend dort beheimatet. Mag sich aber vielleicht mit dem mehrfach angekündigten neuen Werk (eben jenes “Greyscale”) wieder ändern, denn insbesondere das gegen Ende dargebotene “Shine” kam mit seinem mitsingbaren Chorus bestens an, hier könnte sich tatsächlich ein kleiner Hit ankündigen. Ansonsten kamen Meyn, Kreyssig und Maile bodenständig und überaus sympathisch rüber, tauschten auch mal die Rollen und gaben sich musikalisch inkl. E-Drum-Einlagen keine Blößen. Und auch Songs wie “We are lovers” oder “Me and you” reißen mit, es müssen nicht immer nur die beiden fast schon totgenudelten Evergreens sein…

AND ONE

Synth-Pop Legende Teil 3: Nun also AND ONE, nach 10 Jahren wieder in der Besetzung Rick Schah (Keys), Joke Jay (Drums) und natürlich Mr. Chaos himself: Steve Naghavi. Doch das war noch nicht alles, vor dem riesigen AND ONE/ Back Home-Backdrop musizierte desweiteren auch noch ein Herr Wiedlitz, ebenfalls an den Keys. Alle Augen waren aber natürlich auf den quirligen Fronter gerichtet, der übrigens für das Konzert neben den normalen auch VIP-Tickets in Umlauf gebracht hatte. Der glückliche Kunde kam damit u.a. in den Genuss, ganz vorne in einem eigens abgetrennten Bereich zu logieren, in dem dann natürlich richtige Hardcore-Fans Stellung bezogen, darunter ein paar sehr ansehnliche Damen, die Steve möglicherweise nicht zum ersten Mal sah. Ja, der Herr ist schon ein cleveres Verkaufs-As, aber er beherrscht auch Ironie und Sarkasmus, so warf er uns Fotographen an vorderster Front ein “Und ihr habt sogar 1000 Euro bezahlt für eure Plätze” entgegen. Aber natürlich lieber Steve, für dich ist uns doch nichts zu teuer! Musik gab es natürlich auch und die ließ kaum Wünsche offen, mit der Setlist unternahm man eine lange Reise quer durch die AND ONE-Discographie, von zart bis hart. Da durfte zur “Deutschmaschine” heftigst gegroovt werden, aber genauso war auch eine sinnliche “Traumfrau” im Programm. Mit “Wound” präsentierte man die (recht softe) B-Seite der am 13.1.2012 erscheinenden neuen Single “Back Home”, natürlich irgendwie auch ein programmatischer Titel. So wurde Herr N. nicht müde zu betonen, dass nun endlich wieder mehrere Leute am Songwriting beteiligt seien, dass LIVE-Keys gespielt würden und er sich nun überhaupt wieder zuhause fühle in diesem Line Up. Ohne das gross zu kommentieren, eine Bemerkung meinerseits: Wenn es sich bei Ruiz und Oli um solche Volldeppen gehandelt hat, wie konnte Steve es dann immerhin 10 Jahre mit ihnen aushalten? Nun denn, die beiden sind Geschichte und mittlerweile einen PAKT eingegangen, dafür bekam der zwischendurch auch solo angetretene Joke die Möglichkeit, sein Gesangstalent bei Stücken wie “High” oder “The aim is in your head” zu beweisen, was ihm nicht schwer fiel. Im übrigen hatte man die Setlist im Vergleich zu Hamburg ein wenig variiert, so war an diesem Abend z.B. auch der Klassiker “Metalhammer” (1990) am Start. Mit dem Ohrwurm “Get you closer” und dem eher unscheinbaren “Playing Dead” gingen dann auch so langsam die Lichter aus für den Hauptteil, das alles unter sehr guter Zuschauerresonanz. Bis in die letzten Reihen des Stahlwerks bewegten sich die schwarzen Leiber. Natürlich stand auch noch eine 3-teilige Zugabe an (ganz zu schweigen von der Aftershow Party ab 22 Uhr), doch nach ca 11 Stunden Konzertvergnügen an 2 Tagen traten wir so langsam die Heimreise an.

Abgesehen von dem gelegentlich übersteuerten Sound gab dieser synthetische Vierteiler kaum Anlass zur Kritik, alle Formationen überzeugten mit Liedgut, Einsatz und Volksnähe und die gelegentlichen Monologe von Herrn Naghavi sind doch im Grunde genommen auch bestes Entertainment. 2012 soll es dann mit eine “Cover for the Masses”-Tour weitergehen, die Spannung bleibt also oben!

Setlist AND ONE (ohne Gewähr)
Intro
Techno Man
Love And Fingers
Love You To The End
The Walk
Shining Star
Sometimes
Seven
Wound
Memory
High
Traumfrau
Electrocution
Deutschmaschine
The Aim Is In Your Head
Schwarz
Für
Zerstörer
Metalhammer
Recover You
Get You Closer
Playing Dead

Timekiller
Military Fashion Show
Bodynerv

Krieger
Speicherbar
Wasted

So klingt Liebe (Akustik)
Enjoy The Silence (DEPECHE-MODE-Cover)

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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