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AND ONE – STATEMACHINE

Ort: Bielefeld - Ringlokschuppen

Datum: 12.04.2004

Das große Oster-Konzert-Wochenende näherte sich seinem Ende: Nach SUBWAY TO SALLY am Samstag und dem AD MORTIS-Festival am Sonntag gab sich nun Steve Naghavi die Ehre, eigentlich drei Monate zu spät. Denn ursprünglich sollte AND ONE schon im Januar auf Deutschlandtournee gehen, ein unglückseliger Vorfall mit einer Silvester-Rakete sorgte für die kurzfristige Verschiebung. Zum ersten Mal durfte ich einer musikalischen Darbietung in der mittelgroßen Halle des Ringlokschuppens beiwohnen, die – und das nehme ich schon mal vorweg – einen hervorragenden Eindruck hinterließ, was Licht und Effekte anging. Als wir um 19 45 Uhr den PC-Nachfolger betraten, war der Haufen anwesender Elektrolurche noch recht überschaubar. Vielleicht lag das auch daran, dass als offizielle Anfangszeit 20 30 Uhr angegeben war. Hätten wir uns aber daran gehalten, wäre uns wie schon beim NEUBAUTEN-Konzi die Vorgruppe entgangen, die an diesem Abend STATEMACHINE hieß.

Vor einem schwarzen Umhang legte sie los, die schwedische Elektro-Boy-Group. Obwohl die Skandinavier schon einige Jährchen und Veröffentlichungen auf dem Buckel haben, sind sie in Deutschland so gut wie unbekannt. Logischerweise hielten sich die Anwesenden in respektabler Entfernung vor den Musikern auf und lauschten den unbekannten Klängen neugierig aber distanziert. D.h. so unbekannt waren die Klänge gar nicht, Synthie Pop mit einschmeichelnden Melodien und sehr DEPECHE MODigem Gesang, der sehr gut vorgetragen wurde. Während die beiden Hübschen an den Keys eine nette Staffage bildeten, posierte Mårten Kellerman auf dem kleinen Laufsteg wie ein Besessener. In einer Mischung aus Gleichgültigkeit und aufreizender Lässigkeit brachte der Mann sicher einige Frauenherzen in Wallung, zudem schien er seine Hose etwas ausgepolstert zu haben… Diese Information wurde mir natürlich von einer Dame zugetragen! Von den Songs waren für mich lediglich 2 erkennbar: „Paint it black“, eine STONES-Coverversion vom aktuellen Album „Short and Explosive“ und die 97er Single „Negative Feedback“ als Rausschmeißer. Einige bekanntere Stücke wie „Music from the End of the World“ blieben leider außen vor. Diese Tour mit AND ONE wird sicher ein hartes Brot für STATEMACHINE, die in Göteborg gerade noch einen Preis als bester skandinavischer Act für sich einheimsen durften! Immerhin blieben die Leute artig und verabschiedeten die Jungs sogar einigermaßen laut, so dass man aus den Möglichkeiten sicher das beste gemacht hat.

Vom Bühnenumbau für AND ONE bekam man zunächst erst mal gar nichts mit, denn alles spielte sich hinter dem schwarzen Tuch ab. Dafür wurde man mit klassischen 80er Songs verwöhnt, die eine gute und angemessene Hintergrundkulisse abgaben. Mittlerweile war das Publikum auf schätzungsweise 350 Leutchen angewachsen, die sich nun langsam in Richtung Bühne bewegten. Als Intro wählte man eine Rede Gerhard Schröders zum Thema „Deutschland und ein etwaiger Eintritt in den Irak-Krieg“, nur dass diese so zusammengebastelt war, das „unser“ Kanzler zum kriegs- und gewaltgeilen Despoten wurde. „Wir wollen den Krieg, wir wollen möglichst viele Zivilisten und Kinder töten. Schickt schnell unsere Soldaten hin…“ usw usw. Man sah schon ein paar überraschte/ offene Münder und ich persönlich fand hier die Grenze des guten Geschmacks überschritten. Sollte wohl eine Art späte Rache für Stevies Überwachung durch den Bundesnachrichtendienst sein, auf jeden Fall eine außergewöhnliche Einleitung!

Dann wurde es still und mit einem Knall fiel der schwarze Vorhang, dahinter befand sich eine ganz gehörige optische Überraschung. Der Bandname befand sich in riesengroßen Lettern auf der Rückseite, zudem noch in exponierter Stellung. Das sollte nicht die einzige Hommage an DEPECHE MODE an diesem Abend bleiben, die frühere Konzerte ebenso einläuteten. Davor befanden sich links und rechts je ein Keyboard, hinter denen Gio van Oli links und Chris Ruiz rechts Platz nahmen. Es sei noch auf ein niedliches kleines Maskottchen hingewiesen, welches am rechten Bühnenrand befestigt war. Mit der Single „Krieger“ vom aktuellen Album „Aggressor“ legte das dynamische Trio eine guten Start hin, wobei man eher vom dynamischen Duo sprechen sollte, da sich Gio den ganzen Abend kaum bewegte. Steve und Chriz hingegen waren sehr beweglich und zum Scherzen aufgelegt, zwar gab es hin und wieder noch ein paar ironische Sprüche aber Zuschauerprovokationen wie früher (in Herford: „Hallo Ostdeutschland!“) fanden nicht mehr statt. Ganz im Gegenteil: Chriz erwähnte mehrfach den bevorstehenden Aufstieg der Bielefelder Fussballmannschaft, was die meisten Schwarzen aber eher kalt ließ. Das Set bestand aus einer meistenteils gelungenen Anordnung von Songs aus der viele Jahre währenden Bandgeschichte AND ONEs, wobei das Hauptaugenmerk natürlich auf der neuen Scheibe lag („Sternradio“, „Speicherbar“, „Tote Tulpen“). Dabei hatte ich den Eindruck, dass die deutschsprachigen Titel noch für etwas mehr Begeisterung im Publikum sorgten, insbesondere „Deutschmaschine“ oder das uralte „Metalhammer“. Bei letzteren verließ Ruiz seinen angestammten Platz und übernahm einige Gesangparts. Zwar ist er nicht der größte Sänger vor dem Herren (und das gleich in doppelter Bedeutung…), er macht das aber mit einer enormen Spielfreude und Beweglichkeit wieder wett. Immer wieder nutzten Steve und er den kleinen Laufsteg, an dem sich die treuesten Anhänger tummelten und jede Zeile mitsungen. Das nachfolgende „Fernsehapparat“ wurde wie auf CD von Ruiz alleine intoniert, eine ganz offensichtliche DAF-Reminiszenz, simpel aber effektiv. Aber das war noch nicht alles, bei „Recover you“ wurde mal eben eine Passage aus „Der Räuber und der Prinz“ zum besten gegeben, deutlich homoerotischer als dies die Urheber selbst noch vor kurzem in Gent hinbekommen hatten. Derlei Spielereien gab es noch einige, fast in jedem Track wurden ein paar DEPECHE MODE-Samples integriert, bei „Steuerbar“ („Fly on the Windscreen“) und der Zugabe „Wasted“ („Personal Jesus“) sogar längere Songparts. Gerade diese offensichtliche Lockerheit im Umgang mit den Vorbildern kam beim Auditorium gut an. Lediglich bei der „englischen“ Sequenz „Body Nerv“ – „Don’t need the Drugs“ sank der Stimmungspegel ein wenig, da war die Songauswahl vielleicht nicht optimal. Den „Pimmelmann“ hingegen forderten nicht ganz so viele Münder wie erwartet und er blieb auch in der Hose…

Nach dem bereits erwähnten „Steuerbar“ war die Hauptarbeit geleistet, die Musiker zogen sich kurz zurück, nur um schnell wieder nach oben geklatscht zu werden. Entgegen der ursprünglichen Absicht, mehrere Zugaben zu geben, blieb man gleich ganz und spielte einfach 5 Hits nacheinander: „Strafbomber“, „Take some more“, „Wasted“ und dann die beiden Tanzflächenknaller „Technoman“ und der „Panzermensch“. Jetzt kochte die Menge richtig und das Tanzbein wurde ordentlich geschwungen. Beim „Panzermensch“ holte Naghavi einen besonders heissblütigen Fan auf die Bühne, der ein wenig mitgröhlen durfte: Star Search à la AND ONE! Ein wenig blödelten die Herren Musiker noch herum, zeigten ihre weibliche Seite und prüften, wer den nun den größeren Panzermenschen abgibt. Fast könnte man meinen, Steve hätte Ruiz nur in die Band geholt, damit er nicht mehr der kleinste ist… Halt, ein Scherz!!! Mit der Parole „Don’t drink and walk!“ und der Aufforderung, sich sexuell zu betätigen wurde das sehr zufriedene Publikum in die kalte Bielefelder Nacht entlassen. In dieser Form bleiben AND ONE eine wichtige Konstante deutscher Elektrokultur!

SETLIST AND ONE:
Krieger
Second Voice
Für
Pray
Metalhammer
Wet Spot
Fernsehapparat
Uns geht’s gut
Recover you
Driving with my Darling
Sternradio
Deutschmaschine
Tote Tulpen
Body Nerv
Don’t need the Drugs
Get you closer
Speicherbar

Strafbomber
Take Some More
Wasted
Techno Man
Panzermensch

STATEMACHINE

AND ONE

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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