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…AND YOU WILL KNOW US BY THE TRAIL OF DEAD

Ort: Bochum - Zeche

Datum: 11.07.2009

„Scheiß Stimmung hier“, sagte das Mädchen neben mir zu ihrem Freund nach einer guten Viertelstunde des TRAIL OF DEAD Konzerts in der Bochumer Zeche. Da sie dabei ihren Kopf nach links hinten drehte, hörte ich es unaufgefordert. Zu diesem Zeitpunkt war es in der Tat eine verdammt merkwürdige Atmosphäre in der überschaubaren Halle. Das Publikum war verhalten, schaute eher respektvoll zur Bühne als enthusiastisch abzufeiern. Und das bei TRAIL OF DEAD, der Band, die bei jedem Konzert ordentlich Gas gibt und sich und ihren Instrumenten alles abverlangt. Das passte so gar nicht überein. Aber kurz zurück zu der Person neben mir. Hatte sie bisher etwas zur Scheiß Stimmung beigetragen? Ja, ihre Hände waren so mit dem festhalten des Bierbechers beschäftigt, dass sie bis dato noch kein Mal applaudiert hatte. Sie sollte es auch in den nächsten 80 Minuten nicht tun, denn inspiriert durch die Äußerung konnte ich nicht umher, sie ab und an aus den Augenwinkeln heraus zu beobachten. Sie war also mitverantwortlich für die ihrer Meinung nach „Scheiß Stimmung“. Und dann darf man so was nicht sagen, höchstens denken, aber nicht laut – und ich meine sogar einen vorwurfsvollen Unterton gehört zu haben – sagen.

Themenwechsel: Der Tag begann wie so oft im Juli mit Rad fahren. Nein, nicht ich, Tour de France war für den frühen Nachmittag angesetzt. Pyrenäenetappe, Jan Ullrich Wetter. Es ist mittlerweile 12 Jahre her, dass ganz Deutschland Jan Ullrich und das gesamte Team Telekom angeschoben hat. Es gab stundenlange Liveberichte, Analysen und das volle Sportfernsehensprogramm. Einige Blutdopings und Pillenaffären später hat sich einiges relativiert; kaum ein Mensch schaut noch ganze Etappen, Jan Ullrich darf man nicht mehr kennen und Radsport läuft in epischer Breite nur noch auf Eurosport. Fehlt ja nur noch Tomi Rominger als Co-Kommentator, dann wäre es’ wieder 1995. Ich interessiere mich aber nach wie vor für die Tour, habe auch keine Skrupel davor, mir Bergetappen von Anfang bis Ende zu geben. Im Gegenteil: Es macht mir Spaß und der Radsport fasziniert mich nach wie vor. Doping hin oder her. So saß ich denn ganzen Nachmittag auf dem Sofa, schaute fern und erinnerte mich an 1997. Damals wohnte ich noch in Bochum, in dieser netten, überschaubaren Ruhrgebietsstadt. Ich fand es dort sehr angenehm, und so freu ich mich noch heute jedes Mal, wenn sich die Gelegenheit ergibt, dorthin zu fahren. Auf eine gewisse Art und Weise mag ich diese Stadt.

Natürlich war die Anfahrt unproblematisch. Ich hatte Zeit, war relativ früh losgefahren und so gab es keinen Grund für den Verkehr, sich zu stauen. Staus gibt es nur, wenn man in Eile ist! So war ich früh in der Zeche. Wie samstags üblich, muss der nachfolgenden Disco genügend Zeit eingeräumt werden, deshalb startete der Abend um halb acht mit einer sehr ambitioniert wirkenden Vorband aus Köln, deren Namen ich leider vergessen habe (es waren WHAT HAPPENED TO ROY G. BIV? – Anm. der googelnden Redaktion). Sie schienen gerade dem Schülerbandalter entwachsen zu sein, hatten aber bereits – vermutlich durch intensives Livestudium von Bands wie BEATSTEAKS, DREDG, MARS VOLTA und ähnlichen – alle großen Bühnengesten drauf. Anfangs war ich interessiert und schlecht war es nicht, was die fünf auf der Bühne fabrizierten, doch nach 10 Minuten und ab Song Nummer 3 wurde es mir langweilig und ich schaute lieber umher und schrieb lieber eine Sms, als mich auf die Musik zu konzentrieren.

…AND YOU WILL KNOW US BY THE TRAIL OF DEAD hatten anfangs Mühe. Wie eingangs erwähnt war es eine komische Atmosphäre. Das Publikum hielt ein bis zwei Meter Abstand zur Bühne, und konnte erst nach Conrad Keelys Aufforderung dazu bewegt werden, näher zu kommen. TOD werfen zwar schon mal Gitarren und ähnliches ins Publikum (zumindest waren sie früher so drauf) aber beißen tun sie nicht. Als „Scheiß Stimmung“ empfand ich es aber nicht. Ich empfand es mehr als ein kollektives Gefühl innerlicher Freude und Ausgelassenheit, die ich hier und da in den Gesichtern sah. Nach außen wurde diese Freude durch zarte Pogoversuche und Hände-in-die-Luft recken ab und an erkennbar. Meine Theorie zu diesem Erscheinungsbild ist folgende: TRAIL OF DEAD machen Musik für introvertierte Menschen und introvertierte Menschen jubeln nicht lauthals. Aber wie gesagt, die Stimmung war nicht unterirdisch, sie passte nur nicht zur explosiven, Kräftezerrenden Musik der Jungs aus Austin. Die Band schwitzte schon nach drei Songs. Conrad Keelys Handrücken war so nass, dass darauf die Schweißperlen tanzten, wenn er wie ein Gestörter die Gitarrensaiten quälte. Man sah es ganz deutlich im Gegenlicht der Scheinwerfer.
TRAIL OF DEAD spielten eine gute Mischung aus ihren drei Alben “Source, Tags & Codes”, “Worlds apart” und “The Century of Self”. Einzig des vorletzten Werks “So divided” fehlten im Set. Und ihr Set war laut. So laut, dass ich das Gefühl hatte, meine Nasenflügel würden vibrieren. Gott sei Dank hatte ich meine Ohrentücher dabei, das linderte ein wenig, half aber nicht vollständig, so dass ich zuhause noch einen leichten Druck auf den Innenohren spürte.
Bochum als lauteste Konzertstadt des Jahres? Ein eindeutig ja, MOGWAI und TRAIL OF DEAD setzten die Maßstäbe. Gut, beide Bands stehen jetzt auch nicht gerade für die leisesten Konzerte…

Ab der Mitte des Konzerts wurde es dann moderater. Sei es reine Einbildung, weil ich mich an den Lärm gewöhnt hatte, oder war es tatsächlich so, weil es auf der Bühne größere Technikprobleme gab. Kevin Allen pausierte einen ganzen Song lang, weil irgendetwas mit seinem Verstärker nicht funktionierte. Einen Titel und zwei Wechselgitarren später schien es dann wieder einigermaßen zu klappen. Die Band ließ sich daraus nicht aus der Ruhe bringen, routiniert änderten sie kurzerhand die Setlist und überspielten so im wahrsten Sinne des Wortes die Probleme. Da lag „Another morning stoner“ bereits hinter uns. Einer meiner TRAIL OF DEAD Lieblinge, aber so schnell gespielt wie in Bochum habe ich es wohl noch nie gehört. Live spielen sie ihre Stücke durch die Bank schneller, aber „Another …“ war wirklich unglaublich schnell. Nach einer Stunde war das reguläre Set um. Nach mehreren Minuten, in denen erneut zwei Gitarren ausgetauscht wurden, kamen sie noch mal zurück. Conrad Keely erklärte, dass so ziemlich alles auf der Bühne kaputt sei, sie aber dennoch zwei Stücke spielen wollen. Die neuen TRAIL OF DEAD zerstören ihre Instrumente nicht mehr mit körperlicher Gewalt, keins der beiden Schlagzeuge wurde auch nur ansatzweise umgehauen, geschweige denn eine Gitarre geschreddert, nein, sie spielen sie kaputt.
Bedingt dadurch ist die offizielle Setlist auch mehr als vager Anhalt zu verstehen. Das erste Lied der Zugabe war ein anderes („All St. Days“?) und ich glaube auch mittendrin gab es einige Umstellungen.

Setlist (ohne Gewähr!)
The Giants causeway
It was there that i saw you
Isis unveiled
Homage
Bells of creation
Will you smile again
Caterwaul
Another morning stoner
Clair de Lune
Aged dolls
Perfect teenhood

All St. Days(?)
Totally natural

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