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ANNE CLARK – RAINER VON VIELEN

Ort: Hannover - Musikzentrum

Datum: 07.11.2007

Nachdem ich die Grande Dame des Eighties Electro zuletzt im Sommer auf dem M’era Luna in Hildesheim erleben durfte, bot sich in Hannover erneut die Möglichkeit, der kühlen Britin zu lauschen, die sich momentan auf Clubtour befindet und etwa 250 Fans jenseits der 30 in den Musikzirkus locken konnte. Natürlich war Miss Clark nicht allein angereist, sondern hatte ihre Band mitgebracht, von der zwei Mitglieder gleich in doppelter Mission unterwegs waren.

Als Support fungierte nämlich RAINER VON VIELEN, der gleichzeitig auch fürs Programming bei ANNE CLARK zuständig ist. Der Einfachheit halber hatte er sich für seinen Auftritt auch gleich Drummer Niko Lai ausgeliehen. Zuerst erschien der Herr jedoch einmal allein auf der Stage und intonierte mit minimalistischer Instrumentalisierung den Song „Die Wahrheit ist ein Virus“ seines selbstbetitelten Albums von 2005. Dabei brachte er seine sehr facettenreiche Stimme schon bestens zur Geltung. Zwischenzeitlich hatte auch Niko seinen Arbeitsplatz eingenommen und es ging mit einem weiteren Titel des besagten Longplayers weiter. „Leben den Lebenden“ könnte als eine Art moderner Mönchsgesang verstanden werden, wobei es Rainer gelang, seiner Stimme den Klang und das Timbre eines Didgeridoos zu verleihen. Dem wurden Hip Hop-Elemente hinzugefügt, „Innen an außen“ weckte da auch schon mal Assoziationen an FETTES BROT und kam flott zur Sache. „Tanz deine Revolution“ lud mit seinem eingängigen Sound tatsächlich zum rhythmischen Bewegen ein und wurde mit weiblichen Vocals aus der Konserve garniert. Vom 2001er Erstling „0160-98236130“ stammte „Räderwerk“. Hier griff Rainer zum Akkordeon und präsentierte ein Stück in bester TON STEINE SCHERBEN-Tradition. Bei „Plan X“ überwogen wieder die Hip Hop-Anteile und mit seiner extrem dunklen Stimme gelang es ihm, die Hannoveraner zumindest vereinzelt zum Tanzen zu verführen. Gleiches machte der Künstler beim folgenden „Sandbürger“ auf der Stage ausgiebig zu lateinamerikanischen Rhythmen, die mit SEEED-mäßigem Dub und Dancehall unterlegt waren. Ganz anders „Dem Gefühl“, welches Rainer allein mit seinem Akkordeon vortrug und das dem Gefühl im Allgemeinen gewidmet war. Ein sehr stimmungsvoller Song, der mit wabernden Nebelschwaden perfekt in Szene gesetzt wurde. Mit dem Akkordeon beschrieb RAINER VON VIELEN auch „Der Gedanke an dich“. Geschrieben für einen Menschen, der weit weg ist, aber besser nahe wäre, kamen noch einmal Emotionen an die Oberfläche, bevor nach 40 Minuten ein Gig endete, der sehr vielschichtig war und einen sehr interessanten Kontrast zum nach ausstehenden ANNE-CLARK-Konzert bot.

Setlist RAINER VON VIELEN
Die Wahrheit ist ein Virus
Leben den Lebenden
Innen an außen
Tanz deine Revolution
Räderwerk
Plan X
Sandbürger
Dem Gefühl
Der Gedanke an dich
Summ Summ Summ

20 Minuten ließ die „Mutter“ des Dark/ New Wave noch auf sich warten, dann enterte zuerst ihre Band bestehend aus dem besagten Rainer von Vielen an der Elektrik, Jann Michael Engel am E-Cello, Gitarrist Jeff Aug und Murat Parlak am Piano die Bühne. Fehlte nur noch die Hauptakteurin des heutigen Abends. Mit einem Papierstapel bewaffnet ließ ANNE CLARK auch nicht mehr lange auf sich warten und startete mit dem langsamen „Killing Time“, um mit dem sehr rhythmischen „Counter Act“ bereits Fahrt aufzunehmen. Zu „Prayer Before Birth“ griff auch Rainer, der nun eine schwarze Hornbrille trug, zum Mikro und verzückte erneut mit seinen düsteren Vocals, die perfekt mit Annes Sprechgesang harmonierten. Zusammen mit dem treibenden Sound ein erster Höhepunkt des Sets, dem umgehend mit „Boy Racing“ ein weiterer folgte. Inzwischen wurde im Auditorium auch schon das Tanzbein geschwungen, wobei mit „Waiting“, „Psalm“ und „Off Grid“ erst einmal eine ungleich ruhigere, aber sehr eindrucksvolle Phase eingeläutet wurde. „Waiting“ verzauberte mit einem sehr stimmungsvollen Gitarren- und Cello-Start, während „Psalm“ ohne Schlagzeug auskam. Auch „The Hardest Heart“ wurde an diesem Mittwoch Abend in einer eher ruhigen Version dargeboten. „Nightship“ gab sich da etwas lebendiger und überraschte mit ungewohntem Pianogeklimper und schrägem Cello-Einsatz. „Homecoming“ ging erneut in die Beine und ein weiteres Mal durfte Rainer die enorme Bandbreite seiner Stimme unter Beweis stellen. Mit begeistertem Jubel wurden die ersten Takte vom Überhit „Sleeper In Metropolis“ begrüßt, bei dem Jeff von der Akustikgitarre zum E-Bass wechselte. Der Song wurde natürlich gebührend abgefeiert, was ANNE CLARK eher kalt ließ. Abgesehen von einer kurzen Begrüßung des Publikums, der Bandvorstellung und dem Hinweis, dass sie sich freute, nach einem Jahr wieder zu Gast im Musikzentrum zu sein, gab sie sich gewohnt zurückhaltend und begeisterte ganz einfach mit ihrer Musik. In Anbetracht der Vielzahl ihrer Lieder geht sie offensichtlich auf Nummer Sicher und hat auf der Bühne auch immer die Texte parat. So auch in Hannover, wo sie zwischen den Titeln gern einen Schluck Wasser nahm und ihre Zettelwirtschaft ordnete. Allerdings machte sie nie den Eindruck, tatsächlich ihre „Spicker“ zu benötigen, sondern zeigte sich stets souverän. Beim Solo von Rainer, Niko und Murat konnte sie erst einmal gemeinsam mit Jeff und Jann Michael eine Pause einlegen, denn jetzt sorgten Drums und Piano für die passende Untermalung von Rainers Stimme, die zuerst sehr zurückhaltend vom Schlagzeug begleitet wurde, bevor Murat am E-Piano mit Stakkato-Akkorden loslegte. Der Gute schien in der Musik völlig aufzugehen und machte einen entsprechend entrückten Eindruck, während die Zuschauer begeistert jubelten. Hier wurde aber auch ein Wahnsinnstempo vorgelegt. Murats Hände flogen in einer wahnwitzigen Geschwindigkeit über die Tasten und was Rainer an Tönen produziert, ist eh kaum zu fassen. Zu „As Soon As I Go Home“ waren alle wieder vollständig versammelt und boten Anne und Murat ein getragenes Duett, welches eine immense Kraft versprühte. Drumsbetont und melodisch ging es mit „Elegy For A Lost Summer“ weiter, dann übernahmen beim extrem tanzbaren „Abuse“ Gitarre und Piano das Sagen, während ANNE CLARK ihrem Spoken Word-Gesang frönte. Dank „Now“ ging es noch mal so richtig in die Vollen und die einzelnen Musiker durften ihr Können zeigen, an dem spätestens jetzt kein Zweifel mehr bestehen dürfte.

Leider war mit diesem sehr hypnotischen und fordernden Track um 23.20 Uhr auch schon das Ende des regulären Sets gekommen. Ohne eine Zugabe konnte ANNE CLARK aber kaum die Leinestadt verlassen, fehlte doch auch noch ein weiterer musikalischer Meilenstein der Achtziger: „Our Darkness“! Im Musikzentrum gab es kein Halten mehr und auch Jeff schien der Faszination dieses Titels erlegen zu sein und spielte sich um Kopf und Kragen. Dem erneuten Abgang folgte ein weiteres Schmankerl, welches von Rainer am Akkordeon begleitet wurde. Während die Stage in rotes Licht getaucht war, sorgten die akustische Gitarre nebst Cello für eine Gänsehaut-Stimmung bei „Know“, um vom „I of The Storm“ abgelöst zu werden. Was mit Sturmgeräuschen anfing, entwickelte sich mit Annes wütendem Gesang und aufkommendem Nebel zu einem gewaltigen Orkan, der den Auftritt um 23.35 Uhr endgültig beschloss.

Auch wenn es spät geworden war (warum müssen Konzerte in der Woche erst um 21.00 Uhr beginnen?), stand doch außer Frage, dass sich die Fahrt in die Landeshauptstadt ohne Einschränkung gelohnt hatte. Mit ihren 47 Jahren ist ANNE CLARK ein unangefochtenes Aushängeschild des Dark/New Waves. An ihr müssen sich die jungen Hüpfer messen lassen und die Messlatte hängt nicht eben niedrig. Respekt auch für ihre erstklassige Begleitband, die ihr Handwerk versteht.

Setlist ANNE CLARK
Intro
Killing Time
Counter Act
Prayer Before Birth
Boy Racing
Waiting
Psalm
Off Grid
The Hardest Heart
Nightship
Homecoming
Sleeper In Metropolis
Zest! (Solo Rainer, Niko & Murat)
As Soon As I Go Home
Elegy For A Lost Summer
Abuse
Now!

Our Darkness

Know
I of The Storm

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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