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AREA 4 2009 – Tag 2

Ort: Lüdinghausen - Flugplatz Borkenberge

Datum: 22.08.2009

Der Samstag versprach nicht nur jede Menge Sonne, sondern auch haufenweise Hardcore und darüber hinaus noch einiges Artverwandtes unter der großen Überschrift: Lass es krachen! Zunächst einmal galt es jedoch im heimatlichen Osnabrück einem Brautpaar zu gratulieren, das sich allen Statistiken und persönlichen Erfahrungen zum Trotz vor den Standesbeamten gewagt hatte. Dadurch bedingt hatte ich den samstäglichen Opener, die Beck’s Music Experience Gewinnerband REVOLVING DOOR leider komplett verpasst und konnte auch EVERLAUNCH nur noch bei ihrem letzten Song „Setting Sun“ lauschen.

EVERLAUNCH

Die Band aus Rotenburg an der Wümme war für die verhinderten ILL SCARLETT eingesprungen, ein ähnliches Szenario hatte es bereits beim diesjährigen HURRICANE gegeben. Da waren es FLORENCE & THE MACHINE, die nicht kommen konnten und durch EVERLAUNCH ersetzt wurden. In Scheeßel hielt mich heftiger Regen davon ab, mir auch ein visuelles Bild von den Jungs zu machen. Mit schlechtem Wetter mussten die Indie-Rocker dieses Mal nicht kämpfen und die Zugaberufe ließen darauf schließen, dass nicht nur mir der Sound des Quartetts gefiel. Inzwischen haben EVERLAUNCH auch ihr Debüt „Suburbian Grace“ draußen und gehen auf Tour – vielleicht schaffe ich es ja dann…

CALLEJON

Nach dem melodiösen Empfang, den mir EVERLAUNCH bereit hatten, empfingen mich CALLEJON mit deutlich brachialeren Klängen. Vor der Bühne hatten sich um 13.45 Uhr schon erstaunlich viele Leute eingefunden, die offensichtlich wild entschlossen waren, den Screamo Metal aus Köln ohne Rücksicht auf Verluste abzufeiern. Der Fünfer um Sänger Bastian „BastiBasti“ Sobtzick ließ sich nicht lumpen und startete mit mächtigem Donnergrollen der Drums und derbem Geshoute in Highspeed. Zu den Stakkatoklängen gesellte sich bisweilen Sirenengeheul, aber auch Musik, die sich anhörte als sei sie in den Dreißigern auf einem Grammophon gespielt worden, fand sich bei „Und wenn der Schnee“ vom letztjährigen Album „Zombieactionhauptquartier“, mit dem sie bei Nuclear Blast debütierten. Vom gleichen Longplayer war auch „Zombiefied“ – ein Track über schwangere Zwerge, die unter der Erde leben. Da ist es nur angemessen, mit „Snake Mountain“ auch noch einen Song über He-Man im Repertoire zu haben. Ihr Set beendete die seit 2002 aktive Kapelle mit „Porn From Spain“. Nach eigenem Bekunden ein asoziales Lied, zu dem die Jogginghosen ausgepackt werden sollten. Dazu kam es nicht, aber der gewünschte Circle Pit wurde vollzogen, womit sich eine von vielen Staubwolken über Borkenberge legte und der härteste Teil des Tages beendet wurde.

RIVAL SCHOOLS

Entweder hatten sich die jungen Menschen bei CALLEJON schon komplett verausgabt und brauchten erst einmal eine Pause oder sie konnten mit dem Namen RIVAL SCHOOLS so gar nichts anfangen. Auf jeden Fall war es sehr leer vor der Stage, als Walter Schreifels seine wiedervereinigte New Yorker Post-Hardcore-Truppe ins Rampenlicht führte. 2002 war ihnen mit „Used For Glue“ ein respektabler Hit gelungen; es gab Konzerte mit dem BEATSTEAKS und A, aber sieben Jahre Pause sind im Musikgeschäft eine lange Zeit. Möglicherweise hatte aber immerhin der ein oder andere RIVAL SCHOOLS im vergangenen Jahr als Support für JIMMY EAT WORLD gesehen oder war bei einem der Konzerte, die OLLI SCHULZ gemeinsam mit Walter Schreifels gegeben hat. Jetzt will der Vierer wieder durchstarten und hatte zu diesem Zweck auch zwei neue Songs im Gepäck: „69 Gallons“ und „Eyes Wide Open“ bewiesen, dass RIVAL SCHOOLS nichts von ihrer Energie verloren haben und lassen darauf hoffen, demnächst einen ganzen Haufen neuer Sachen hören zu können. Für den Übergang taten es auch die Songs der „Unity By Fate“-VÖ aus 2001, von denen besonders das vielschichtige „Undercovers On“ und natürlich „Used For Glue“, bei dem noch mal amtlich die Post abging, herausstachen.

Setlist RIVAL SCHOOLS
High Acetate
Everything Has It’s Point
?
69 Gallons
Travel By Telephone
Good Things
?
Undercovers On
Eyes Wide Open
The Switch
Used For Glue

BROILERS

Die Festival-Gemeinde hatte ihre Pause beendet und kehrte pünktlich zum Auftritt der BROILERS wieder zur Stage zurück. Als die BROILERS, die wie DIE TOTEN HOSEN aus Düsseldorf kommen, 1994 mit Oi! Punk starteten, waren sie gerade mal 14 Jahre alt, inzwischen sind die Fünf nahe an der 30 und haben in ihre Musik zunehmend Elemente aus Ska, Reggae und Psychobilly aufgenommen. Ein Mix, der ankommt, weshalb wohl auch schon vor dem Gig BROILERS-Rufe zu vernehmen waren, bevor es dann um 16 Uhr mit dem „Preludio-Vanitas“-Intro in die Vollen ging. Für die kommenden 50 Minuten war gute Laune angesagt, für die neben Sänger und Gitarrist Sammy und der Stammbesetzung aus Ron (Gitarre), Andy (Schlagzeug), Ines (Bass) und Chris (Keys) eine zweiköpfige Bläsersektion sorgte. Der treibende Rhythmus ging dem sehr textsicheren Publikum umgehend in die Beine und es dauerte nicht lange, bis wieder eine imposante Staubwolke über dem Gelände hing. Zur „Hexenjagd“ begab sich Sammy auf den Bühnenvorsprung im Graben, bevor es mit dem „Punkrock Lovesong“ eine Spur ruhiger zuging. Mit einer Textzeile wie „Asche zu Asche, Staub zu Staub“ war die Nummer auf dem AREA 4 natürlich bestens aufgehoben, aber auch in den anderen Titeln wie „Dein Leben“ oder „Meine Sache“ schienen sich die Zuschauer wiederzufinden. In jedem Fall erlebten sie eine sehr energiegeladene Show, die Spaß machte. Davon kündeten auch die zahlreichen Zugaberufe, die jedoch ungehört verhallten.

Setlist BROILERS (nicht vollständig)
Preludio Vanitas
Alles, was ich tat
Nur die Nacht weiß
Weißt du das schon?
Ruby Light & Dark
Ich sah kein Licht
Dein Leben
Meine verdammte Seele für die Musik
Hexenjagd
Punkrock Lovesong
Zusammen (SLIME Cover)
(Ich bin) bei dir
Meine Sache

THE GET UP KIDS

Und da war sie wieder, die Fluktuation vor der Bühne. THE GET UP KIDS mussten sich wie bereits RIVAL SCHOOLS mit einem deutlich dezimierten Auditorium begnügen. So recht wollte der Funke allerdings auch nicht überspringen. Es war wohl das Schicksal der diestägigen Reunion-Bands, denn auch THE GET UP KIDS hatten sich 2005 nach zehn Jahren gemeinsamer Emo- und Alternative-Geschichte getrennt, um zunächst auf Solopfaden zu wandeln. Von der ursprünglichen Besetzung sind Sänger und Gitarrist Matthew Pryor, Bassist Robert Pope sowie Gitarrist Jim Suptic mit von der Partie. 1996 übernahm Ryan Pope die Drums und seit 1999 gönnen sich die Jungs aus Kansas City auch ein Tasteninstrument, das von Keyboarder James Dewees bedient wird. Zwar legten die Fünf gleich gut los und lieferten mit „Woodson“ auch einen emotionalen Stomper hin, dem das treibende „No Love“ folgte. So richtig in Wallung kamen die Leute aber erst ganz zum Schluss, nachdem das Piano zu „Beer For Beakfast“ (was inhaltlich unter Garantie auf viele Festivalbesucher zutraf) und die Stadionhymne „Don’t Hate Me“ verklungen war. Nette 40 Minuten Musik, die jedoch keinen wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

THURSDAY

So ähnlich war es dann auch bei THURSDAY. Es war nicht eben voller geworden und auch die Darbietung der sechs Herrschaften aus New Brunswick blieb teilweise etwas farblos, auch wenn in bester Post-Hardcore-Manier feste geknüppelt wurde. Bei „Resuscitation of A Dead Man“ gab es zusätzliche Unterstützung durch Tim McIlrath, der üblicherweise bei der befreundeten Band RISE AGAINST am Mikro steht und später als Headliner fungieren sollte. Gleichzeitig sorgte im Publikum ein Flitzer für Aufmerksamkeit, dessen Kleidungsstil aus ein wenig Flatterband und einer Idee Müllsack bei der Security auf wenig Gegenliebe stieß, weshalb der junge Mann alsbald aussortiert wurde und auf diese Weise nicht mehr das krachende „Friends In The Armed Forces“ und „Beyond The Visible Spektrum“ vom aktuellen Silberling „Common Existence“ mitbekam. Vielleicht hatte er sich zu den jaulenden Gitarren von „Disision Street“ vom 2003er „War All The Time“ wieder angezogen, spätestens beim gleichnamigen Titeltrack musste er sich beeilen, denn die Nummer, zu der THURSDAY-Sprechchöre zu hören waren, markierte den Schluss des 50-minütigen Auftritts, nachdem es zuvor das schnelle „Jet Black New Year“ sowie das frische „Subway Funeral“ auf die Mütze gab.

EAGLES OF DEATH METAL

Nachdem sich die Sonne verzogen hatte, krochen langsam auch die Damen und Herren Musikbegeisterten aus ihren Löchern. Erstaunlicherweise nicht selten mit einem angeklebten Walross-Bart. Was hatte es damit auf sich? Die EAGLES OF DEATH METAL standen in den Startlöchern und inzwischen genießt das Outfit von Jesse „The Devil“ Hughes ohne Zweifel Kultstatus. Bereits vor zwei Jahren waren die EODM, die neben Jesse Hughes von QUEENS OF THE STONE AGE-Member Josh Homme 1998 mitgegründet wurden – ganz einfach weil sie den Namen geil fanden – beim AREA 4 und hatten die Veranstaltung in Grund und Boden gerockt. Beim HURRICANE hatte Mr. Hughes vor zwei Monaten bereits seine neue Langhaarfrisur präsentiert und selbstverständlich gab es auch jede Menge Musik, die bestens in das Dicke-Eier-Konzept der begnadeten Rampensau passte: Boogie, Blues und Garagen- sowie Stonerrock prägten den Sound der EAGLES OF DEATH METAL, die Show startete allerdings mit einer Discoversion des FOUR-SEASONS-Hits „What A Night“, bevor die Herrschaften richtig Gas gaben. Nicht nur, dass das Posing von The Devil einem ein Dauergrinsen aufs Gesicht zauberte, die Mucke fraß sich auch umgehend ins Hirn, welches ohne zu zögern die Aufforderung zum Tanzen an die Beine weitergab. In der Folge kam es zu ausufernden EAGLES-Gesängen und dem Geständnis, dass Herr Hughes sehr auf die deutschen Frauen stehe, weshalb auch „English Girl“ für diesen Abend in „German Girl“ umbenannt wurde. Inwieweit er mit seinem deutschen Ausdruck „Meine kleine Muschikatze“ bei der holden Weiblichkeit punkten konnte, vermag ich nicht abschließend zu beantworten, aber ich ahne, dass beide Geschlechter dem unfassbar coolen Porno-Sonnenbrillenträger aus der Hand gefressen hätten. Seltsamerweise hatten auch fast alle Anwesenden auf seine Frage hin zufällig Geburtstag, was dann auch mit einem kleinen Ständchen belohnt wurde, bevor man sich vorstellen sollte, noch mal 19 zu sein, was schließlich in „I Got A Feelin (Just Nineteen)“ mündete. Zum Abschluss widmete The Devil den finalen Track noch der Visions-Crew, der er in irgendeiner Weise verbunden ist und krönte den Gig mit einer Tanzeinlage zum Niederknien. Als Belohnung ernteten die EAGLES OF DEATH METAL verdientermaßen den meisten Applaus des Tages, der wohlgemerkt nicht nur für die komödiantische Leistung (das Auftreten des EODM-Fronters kann nur eine Persiflage sein) galt. Gemeinsam mit Dave Catching (Gitarre), Brian O’Connor (Bass & Gesang) und Joey Castillo (Drums) macht Jesse Hughes wirklich erstklassigen Rock, der inzwischen auf drei Langrillen verewigt ist und den ich mir gern länger als nur 65 Minuten angehört hätte.

Setlist EAGLES OF DEATH METAL (nicht vollständig)
Don’t Speak (I Came To Make A Bang!)
Bad Dream Mama
Cherry Cola
Heart On
English Girl (German Girl)
I Got A Feelin (Just Nineteen)
Already Died
Stuck In The Middle With You
Anything ‘Cept The Truth
Whorehoppin ((Shit, Goddam)
Wannabe In L.A.
Speaking In Tongues

AFI

So wie sich die Nacht über die Flugplatz senkte, fanden sich auch die letzten Versprengten ein, um zu schauen, was AFI (A FIRE INSIDE) mittlerweile auf die Beine stellen. Mit Wurzeln im Hardcore haben sich die Amis mit Wohnsitz in Ukiah/ Kalifornien im Laufe ihrer mittlerweile 18-jährigen Bandgeschichte dem Alternative genähert, ohne dabei Dynamik und Spielfreude einzubüßen. Es ging schnell und heftig zur Sache – sehr zur Freude der Zuhörerschaft und spätestens beim brachialen „Kill Caustic“ vom „Sing The Sorrow“-Album aus 2003 war Alarm angesagt. „Silver And Cold“ bescherte mit dem einleitenden Piano eine kleine Verschnaufpause, um schon bald wieder aufs Tempo zu drücken, wobei Davey Havok seine Stimme bei diesem Track in ungeahnte Höhen schraubte. Mit „A Single Second“ vom 1997er „Shout Your Mouth and Open Your Eyes“ ging es zurück zum ultraschnellen Hardcore-Gebolze vergangener Tage, bevor „Mr. Havok zu „Dancing Through Sunday“ über die Stage tobte, über den Boden kroch und wie so häufig Aufstellung vor der Schießbude von Adam Carson nahm. Nach dem HC-Overkill „Love Is A Many Splendored Thing” aus 1993 ließen es AFI mit „Love Like Winter” vom letzten Studiowerk „Decemberunderground“ gemächlicher angehen, um Kräfte für das abschließende Soundgewitter zu sammeln, das natürlich mit den passenden Lichtblitzen und farblichen Untermalungen einherging. Für mich die erste Live-Berührung mit AFI, die mich sehr positiv überraschte, weshalb ich es schade fand, dass die Band bereits 25 Minuten vor der Zeit ihre Sachen zusammenpackte. Ende September erscheint das neunte Studioalbum „Crash Love“ der Amerikaner, das auf jeden Fall schon mal auf den Merkzettel gehört.

Setlist AFI (ohne Gewähr)
Girl’s Not Grey
The Leaving Song Pt. II
Summer Shudder
Kill Caustic
The Days Of The Phoenix
Silver And Cold
A Single Second
The Missing Frame
Dancing Through Sunday
Love Is A Many Splendored Thing
Love Like Winter
Totalimmortal
Miss Murder

Mit der Aussicht auf eine 45-minütige Umbaupause und erheblicher Müdigkeit in den Knochen, entschied ich mich letztlich gegen RISE AGAINST und für acht Stunden Schlaf im eigenen Bett. Man ist eben doch keine 19 mehr, auch wenn man es sich tagsüber noch so intensiv vorgestellt hatte und charmanterweise von einem Herrn sogar acht Jahre jünger geschätzt wurde. Schließlich stand noch der dritte Festivaltag mit prognostizierten Temperaturen am Ende der 20-Grad-Skala bevor, da hieß es Vernunft walten lassen und den Akku aufzuladen.

Copyright Fotos: Dani Vorndran

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