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AREA 4 2009 – Tag 3

Ort: Lüdinghausen - Flugplatz Borkenberge

Datum: 23.08.2009

So, Endspurt beim diesjährigen AREA 4! Gut ausgeruht konnte der dritte Tag, der einen bunten Mix aus Indie, Alternative, Latin-Ska, Punk und Crossover versprach, beginnen. Inzwischen waren die Autos auf den Parkplätzen mit einer dicken Staubschicht bedeckt und es sah keinesfalls so aus, als würde auch nur ein Tropfen Regen fallen. Die Verwendung von Sonnencreme war also eine gute Idee, auf die allerdings viele krebsrote Gestalten nicht gekommen waren, die mir im Laufe des Tages über den Weg liefen.

BOMBAY BICYCLE CLUB

Zunächst lag noch sonntägliche Lethargie über dem Flugplatz. Gut möglich, dass die Besucher auch an anderen Sonntagen nicht vor Mittag ihre Bettstatt verlassen hätten. Vor der Stage tummelten sich definitiv nur wenige Hartgesottene, die sich den BOMBAY BICYCLE CLUB zu Gemüte führen wollten. Keine schlechte Entscheidung, denn die fünf Jungspunde wussten mit ihrem flotten Indie-Sound durchaus zu unterhalten. Das Quintett gilt als der letzte heiße Scheiß vom britischen Eiland und hat im Juli seine Debüt-Langrille „Had The Blues, But I Shook Them Loose“ veröffentlicht, von der es melodiöse Sounds mit elektronischen Versatzstücken zu hören gab. Sänger und Gitarrist Jack Steadman krönte das ganze mit seiner prägnanten Stimme, deren dunkles Timbre nicht unwesentlich dazu beitrug, dass die Songs eindringlich rüberkamen. Belohnt wurden die Briten mit einem begeisterungsfähigen Publikum, das eifrig mitklatschte und den eingängigen Indie wohlwollend aufnahm.

BADDIES

Erstaunlicherweise wurde es im Anschluss bei den BADDIES noch leerer vor der Bühne. Wahrscheinlich waren viele ganz einfach schon damit beschäftigt, ihre Zelte abzubauen oder noch ihren Kater zu pflegen. Schade, denn auch diese Combo aus dem Vereinigten Königreich wird als aufgehender Stern am Indie-Himmel gefeiert. Um kurz vor 13 Uhr stand vor allem jedoch die Sonne hoch am Himmel und knallte mit aller Macht auf die ehemals grüne Fläche, während auf der Stage vier Herrschaften in hellblauen Oberhemden Aufstellung nahmen. Ein bisschen sahen die eineiigen Zwillinge Michael (Gesang & Gitarre) und Jim Webster (Drums & Vocals) sowie ihre Mitstreiter Simon Bellamy (Gitarre & Vocals) und Danny Rowton (Bass & Vocals) aus, als seien sie gerade einem englischen Internat entsprungen und trügen noch ihre Schulkleidung. Musikalisch ließ es der Vierer dafür umso mehr krachen. „At The Party“ vom im September kommenden Album „Do The Job“ trieb nachhaltig den Schlaf aus den Augen und auch die Debütsingle „Battleship“ gefiel mit mehrstimmigem Gesang und britischen Indie-Habitus. Dazu bewegte sich Leadsänger Michael gern roboterlike zur flotten Mucke, die dann auch die Leute jenseits des Fotograbens beim treibenden „Colin“ in Bewegung brachte. „Tiffany, I’m Sorry“ gab sich äußerst rhythmusbetont und kam bestens an, bevor „We Beat Our Crests“ endgültig ins Bein ging. Wer nach dem temporeichen „Holler For My Holiday“ noch nicht genug hatte, muss sich bis zum Oktober gedulden, dann kommt das Quartett zu einer kleinen Clubtour zurück nach Deutschland.

ALBERTA CROSS

Eigentlich kommen auch ALBERTA CROSS aus Great Britain, allerdings sind Petter Ericson Stakee, Terry Wolfers, Sam Kearney, Austin Beede und Alec Higgins über den Großen Teich nach Brooklyn geflüchtet. In die Staaten passt der Mix aus Southern Rock und Folk, der mit einer kleinen Prise Gospel abgerundet wird, möglicherweise auch besser. Leider hatte sich die Zuschauerzahl noch einmal reduziert. Sollte sich der Trend so fortsetzen, wäre spätestens um 15.00 Uhr kein Mensch mehr auf dem Gelände. Dabei hatte der stets gut behütete, langmähnige Sänger mit seinen Kollegen an den Instrumenten durchaus hörenswerte Musik zu bieten, die in Zeiten des KINGS OF LEON-Hype eigentlich Neugierde hätte wecken müssten. Der Fünfer spielte abwechslungsreich mit schnellen und langsamen Passagen, ließ die Langäxte krachen und agierte stets sehr druckvoll. „Leave Us And Forgive Us“ war dabei der bluesigeste Vertreter des ebenfalls für September erwarteten Erstlings „Broken Side of Time“. Die Nummer brachte ein wenig Ruhe und psychedelische Momente ins Geschehen, bevor wieder zum Schellenkranz gegriffen wurde und der Fronter die Akustikgitarre zur Hand nahm. Mit „ATX“ gaben ALBERTA CROSS erneut Gas und beendeten ihre knapp 40 Minuten mit ebenso knackigen Klängen wie man sie zu Anfang von den Wahl-New-Yorkern gehört hatte.

PANTÉON ROCOCÓ

Meine Befürchtung, es könnte um 15 Uhr komplett leer sein, erwies sich als grundlos, denn PANTÉON ROCOCÓ vermochten das Festivalvolk in Scharen an den Ort des Geschehens zu locken. Nach drei Newcomer-Bands machten sich die zehn Mexikaner, die seit 1995 musikalische Genres wie Rock, Ska, Salsa, Cumbia, Mariachi, Reggae, Punk und auch Mestizo-Musik miteinander verbinden, daran, einen sehr tanzbaren, äußerst energiegeladenen Mix zu zaubern. Dass sich sozialkritische und Liebeslieder abwechselten, werden die wenigsten gemerkt haben, denn die meisten dürften des Spanischen nicht mächtig gewesen sein. Dafür verband die Sprache der Musik, die den angeblich so sturen Münsterländern umgehend in die Glieder fuhr, auf dass der Westfale seine Latin-Wurzeln zu Tage fördern konnte. „Fiesta statt Siesta“ war die Parole, weshalb auch eine Polonäse nicht fehlen durfte. Dazu passte auch die lateinamerikanische Variante des KISS-Klassikers „I Was Made For Lovin’ You“ ganz hervorragend und schon bald hatte sich die verdorrte Fläche vor der Stage in einen Hexenkessel verwandelt. PANTÉON ROCOCÓ, die auf der Bühne wie Derwische unterwegs waren, legten ein rasantes Tempo vor und brachten mit heißen Sambarhythmen und sehr dynamischen Bläsern die eh schon heiße Luft zum Knistern. Saxofonist und Sänger Missael Oseguera nahm gegen Ende crowdsurfend ein Bad in der Menge, bevor selbige zum Schluss niederkniete und noch einen Zwiegesang mit der Kapelle startete, ehe das Spektakel nach 40 Minuten unter regem Applaus und zahlreichen Zugaberufen endete. Dass Felipe Bustamante eine St.Pauli-Fahne an seinem Keyboard befestigt hatte, hängt übrigens mit dem Projekt Viva con Agua zusammen, das auch auf dem AREA 4 um Pfandbecher warb, um mit dem Erlös den Brunnenbau in notleidenden Gegenden zu unterstützen.

LIFE OF AGONY

Langsam fanden offensichtlich alle zurück auf das Gelände; mit LIFE OF AGONY stand allerdings auch ein echter Leckerbissen auf dem Timetable, den sich viele zurecht nicht entgehen lassen wollten. Die New Yorker Crossover-Legende zeichnete sich musikalisch durch ungestüme Aggressivität und Härte aus, deren Live-Performance an Intensität keine Wünsche offen ließ. Ich weiß zwar nicht, warum Sänger Keith Caputo unter seinem langärmeligen Hemd auch noch ein weiteres langärmeliges Shirt trug, aber vielleicht wollte er einfach schon mal seine aktuelle Herbstkollektion präsentieren. Im Übrigen bot der Herr mit der markanten Stimme einen bunten Querschnitt der LOA-Discografie, die ihr bisheriges Ende in der 2005er VÖ „Broken Valley“ gefunden hat. Aus dieser Zeit stammte vermutlich auch noch das Backdrop mit gleichem Schriftzug, das Hauptaugenmerk lag aber eindeutig auf der ersten LIFE-OF-AGONY-Dekade von 1989 bis zur Trennung 1999. Inzwischen sind die Herrschaften seit sechs Jahren wieder in Originalbesetzung aktiv, neues Material lässt allerdings noch auf sich warten. Mit ehrwürdigen Stompern wie dem abwechslungsreichen „This Time“, dem flotten „Weeds“, dem druckvollen „Lost At 22“ und dem krachenden „Underground“ ließ sich über diesen kleinen Makel großzügig hinwegsehen. Zum Schluss standen übrigens plötzlich vier weitere Gestalten an den Mikros, die ich leider auf die Schnelle überhaupt nicht zuordnen konnte. Des Weiteren darf sich jetzt ein AREA 4-Besucher freuen, Besitzer des Hutes von Alan Robert zu sein, den der Bassist nach dem durchweg gelungenen Gig ins Publikum geworfen hatte, bevor Schlagzeuger Sal Abruscato noch seine Drumsticks hinterher schmiss, während Gitarrist Joey Z. im Graben noch die Fans abklatschte.

ANTI-FLAG

Auch ANTI-FLAG sind mit ihrem ruppigen Punkrock längst zu einer Institution geworden. Neben kantigen Gitarrenriffs zeichnen sich die Amis durch sozialkritische Texte und die vehemente Verteidigung der Tierrechte aus. Ihre Überzeugungen drücken die Jungs dabei in vielerlei Hinsicht mit ihren Instrumenten aus. Sie lassen nicht nur ihre Musik für sich sprechen, auch das „Handwerkszeug“ wird zwecks Visualisierung einbezogen, weshalb auf dem Bass von Chris #2 beispielsweise dem Faschismus eine Absage erteilt wird. Entsprechend fielen auch die Ansagen zwischen den Highspeed-Songs auf, in denen Chris #2 und Justin Sane um Toleranz warben und zum größten deutschen Circle Pit aufforderten. Ob es der größte war, bleibt fraglich, aber möglicherweise war es der staubigste deutsche Circle Pit, wobei es nicht bei einem bleiben sollte. Die Masse geriet am frühen Abend noch einmal ordentlich ins Schwitzen und ließ es sich nicht nehmen, ANTI-FLAG amtlich abzufeiern. Dabei durfte die Crowd nicht nur aus der Ferne mitsingen, sondern ein ganzer Haufen bekam Gelegenheit, mit der Band gemeinsam auf der Stage zu stehen, um für den finalen Rhythmus zu sorgen, nachdem die Punkrocker zuvor THE CLASH mit einer brettharten Version von „Should I Stay Or Should I Go“ ihre Aufwartung gemacht hatten. Sogar auf der rappelvollen Bühne entwickelte sich noch ein letzter Circle Pit, während sich die ANTI-FLAG-Member im Graben von ihren Fans verabschiedeten, die nicht nur ihre Zugabewünsche verbalisierten, sondern a capella weitersangen.

Setlist ANTI-FLAG (ohne Gewähr)
Turncoat
I’d Tell You But…
Die For The Government
Sodom, Gomorrah, Washington D.C. (Sheep In Shepherd’s Clothing)
The Smartest Bomb
1 Trillion Dollars
Death of A Nation
Mind The GATT
The Press Corpse
This Is The End (For You My Friend)
The Gre(A)t Depression
Should I Stay Or Should I Go (THE CLASH Cover)
Cities Burns

KETTCAR

Wie sagte KETTCAR-Fronter Marcus Wiebusch so schön? „Nach ANTI-FLAG kommt mit uns jetzt so was wie ne Dichterlesung. Da sind wir schon froh, dass wir nicht beschmissen werden.“ Für mich waren die Hamburger einer der sonntäglichen Höhepunkte und mit „Deiche“ vom 2005er „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ legte der Fünfer auch gleich mit einem Hit der Indie-Gemeinde los. Zwar zeigten sich die zahlreichen Zuschauer noch eher verhalten, aber es schien durchaus so, dass nach dem vorherigen Gebolze Zeit für ein paar ruhigere Klänge war. Obwohl im Hintergrund ein großes Backdrop mit dem Cover der letztjährigen dritten Langrille „Sylt“ prangte, lag heuer der Schwerpunkt beim Erstling „Du und wie viel von deinen Freunden“ aus 2002. Im gleichen Jahr waren KETTCAR das erste Mal beim Hurricane vertreten, obwohl die Combo zu diesem Zeitpunkt erst seit wenigen Monaten existierte und noch eine unbekannte Indie-Gitarrenpop-Band war. Dass sie inzwischen drei Gigs in Scheeßel hatten und nun auch an prominenter Stelle beim AREA 4 auftreten konnten, verdankten sie Andreas vom Veranstalter Scorpio, der gerade sein letztes deutsches Festival bestritt, weil ihn die Liebe in die Staaten zieht. Ihm war dann auch das finale „Balu“ gewidmet, bei dem die beiden Wiebusch-Brüder Marcus (Akustikgitarre) und Lars (E-Piano) allein auf der Bühne standen und Gänsehaut-Stimmung verbreiteten. Zuvor gab es noch das nicht minder emotionale „48 Stunden“ und natürlich die KETTCAR-Hymne „Landungsbrücken raus“, die ganz passabel mitgesungen wurde. Nur die „Shalala“-Gesänge bei „Ausgetrunken“, die üblicherweise immer lauter werden, war den AREA-4-Besuchern wohl nicht so geläufig. War aber nicht weiter schlimm, dafür klappte das Klatschen beim flotten „Nullsummenspiel“ bestens, bei dem Bassist Reimer Bustorff, der 2002 gemeinsam mit Marcus Wiebusch und Thees Uhmann (TOMTE) das Label Grand Hotel van Cleef gegründet hat, um den fertigen Longplayer „Du und wie viel von deinen Freunden“ zu veröffentlichen, erfolgreich sein aus Kleiderbügeln gefertigtes Rhythmusgerät zum Einsatz brachte. Mit dem fantastischen „Am Tisch“, für das Lars sich eines Akkordeons bediente und Reimer in eine Trompete blies, beendeten KETTCAR mit viel Gefühl ihr reguläres Set, das endgültig vom besagten „Balu“ beschlossen wurde. Eine wunderbare Stunde, in der Marcus und Reimer deutlich weniger erzählten als bei anderen Auftritten, aber die Zeit saß ihnen ja nun auch einmal im Nacken.

Setlist KETTCAR
Deiche
Kein Außen mehr
48 Stunden
Balkon gegenüber
Landungsbrücken raus
Graceland
Im Taxi weinen
Money Left To Burn
Nullsummenspiel
Ausgetrunken
Ich danke der Academy
Am Tisch

Balu

FARIN URLAUB RACING TEAM

Dafür ging der Umbau jetzt in sensationellen 20 Minuten vonstatten, weshalb die Spielzeit von FARIN URLAUB unterm Strich um 15 Minuten verlängert werden konnte. Die zahllosen Fans werden es zu schätzen gewusst haben, denn im Folgenden wurde eine riesige Party gefeiert, mit der FARIN URLAUB das Ende seiner „Krachgarten“-Tour beging. Das Gründungsmitglied der ÄRTZE ist bereits seit 2001 mit seinem elfköpfigen RACING TEAM auf Solopfaden unterwegs und schart neben vier Bläsern der BUSTERS auch eine Menge hübscher Damen an den Instrumenten und Background-Mikros um sich. Zu Beginn des Konzertes waren zunächst jede Menge Trommeln gefragt, die den Opener „Insel“ einläuteten, nachdem der riesige schwarze Vorhang gefallen war. Im Anschluss an ein bisschen Reggae-Feeling wurde es rockiger und spätestens zu „Ich gehöre nicht dazu“ war die Fete im vollem Gange. Nicht anders als bei den ÄRZTEn hatte Herr Urlaub auch im Alleingang sein Publikum weitestgehend im Griff, wie der sich anschließende Willenlosigkeits-Test bewies. Geld wollten die Fans ihm zwar nicht geben, aber ihre Stimme liehen sie Farin gern, um zum verbalen „Geschlecherkampf“ anzutreten, der meines Erachtens unentschieden ausgegangen ist. Bei „Krieg“ durfte das Auditorium“ mit „Fuck off“-Sprüchen gleich weitermachen, um zu „Worte fehlen“ erst einmal gepflegt abzutanzen. „Niemals“ gab sich etwas ruhiger und präsentierte sich mit der großartigen Bläsersektion sehr stimmungsvoll, bevor es mit „OK“ erneut hoch herging. Lichtgewitter und Schlagzeugdonnern begleiteten den Background-Chor beim knackigen „Sonne“, dann war erneut die Mithilfe der Zuschauer gefragt, die zu „Alle dasselbe“ den Soundtrack intonieren sollten, was allerdings zunächst ausführlich geübt werden musste, bis es schließlich klappte. Da gestaltete sich „Zehn“ deutlich einfacher, denn hier war einfach nur ausdauerndes Hüpfen gefragt, was auch nach drei Tagen noch 1A funktionierte. Auch die Sängerinnen schlossen sich der Beinarbeit an: Zu „Wo ist das Problem?“ zeigten sie ihr Können beim Cancan, dann wurde es „Unter Wasser“ fast schon heavy, bevor Crewmitglied Tobi ein Geburtstagsständchen gebracht wurde und zum „Abschiedslied“ die Blechinstrumente erneut Tempo machten. Um das unvermeidliche Ende noch ein bisschen herauszuzögern, gab es „Zehn²“ zu hören, doch damit war Lüdinghausen noch nicht zufrieden, weshalb als ungeprobte Zugabe noch „Dusche“ obendrauf gepackt wurde. Wie sagte FARIN URLAUB selbst einmal sinngemäß: DIE ÄRZTE sind auf der Bühne Anarchie pur, beim RACING TEAM hat man eher ein Orchester voller Dynamit. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Setlist FARIN URLAUB RACING TEAM
Insel
Unscharf
Glücklich
Ich gehöre nicht dazu
Am Strand
I.F.D.G.
Der ziemlich okaye Popsong
Krieg
Worte fehlen.
Niemals
OK
Sonne
Alle dasselbe
Zehn
Wo ist das Problem?
Karten
Petze
Unter Wasser
Abschiedslied
Zehn²

Dusche

FAITH NO MORE

So langsam neigte sich das diesjährige Area 4 dem Ende zu, doch der absolute Höhepunkt für meiner Einer und gewiss auch andere Zeitzeugen stand noch bevor. Erwartungsgemäß hatte sich der Platz nach FARIN URLAUB ein wenig geleert, doch war immer noch ein überaus feierlicher Rahmen für eine wahre Legende gegeben. FAITH NO MORE waren zu jeder Zeit ihrer Bandgeschichte den meisten Konkurrenten im harten Gitarren Business um Lichtjahre voraus. Wo andere kleinkariert auf ihre Schubladen pochten, verschmolzen die Amis Metal, Punk, Hardcore, Funk und Rap, als ob es nichts Selbstverständlicheres auf der musikalischen Welt gegeben hätte. Die wahren Vorreiter des Crossovers veröffentlichten 1989 mit „The Real Thing“ ein geradezu sensationelles Album, welches meine späte Adoleszenz um einiges erträglicher machte. Roh und ungestüm hämmerte man sich durch die Gegend und hatte insbesondere in dem wahnwitzigen Sänger Mike Patton ein Trumpf-As im Ärmel, das später noch so richtig zu Kreativität erblühen sollte. Auch die nachfolgenden Veröffentlichungen sorgten für Begeisterungsstürme, wobei das kommerzielle Interesse im Laufe der Zeit nachließ. Dazu kam die Trennung vom kultigen Gitarristen Jim Martin, die nicht von allen Fans mitgetragen wurde. 1998 dann die Auflösung der Band und ich hätte niemals gedacht, FAITH NO MORE noch einmal live zu Gesicht zu bekommen (geschweige denn sie aus nächster Nähe ablichten zu dürfen). Doch genug der Erinnerungen und zurück zum Tagesgeschäft…

Vor einem roten Vorhang nahm zunächst die Instrumentalfraktion an ihren Geräten Platz, dem Event angemessen in feinstem Zwirn inklusive Krawatte. Abgesehen von Herrn Martin (s.o.) die Urbesetzung mit Keyboarder Roddy Bottum, Schlagzeuger Mike Bordin (immer noch mit Dreads) und Bassist Billy Gould. Dazu an der Klampfe der glatzköpfige Jon Hudson. Alle ein wenig grau und in die Jahre gekommen, doch wer kann schon von sich behaupten, den Zahn der Zeit aufzuhalten. Und dann betrat DER Entertainer die Bühnenbretter: Mike Patton in einer Magenta-farbenen Kombination, die irgendwie an Las Vegas erinnerte, dazu passend mit Stock als Accessoire. Zusammen eröffnete man nun das Set sehr passend mit dem smoothen PEACHES & HERB-Cover „Reunited“, bei dem per Spot zwischen den einzelnen Herren hin und her geschaltet wurde. Danach ging es erstmal richtig zur Sache in Form von „From out of Nowhere“ und der „Buchstabensuppe“ „Be Aggressive“. Die Zuschauer feierten ihre Helden nach allen Regeln der Kunst ab und Herr Patton gestikulierte nahezu manisch, ohne den Gesang zu vernachlässigen. Eine Rampensau vor dem Herren und ein Paradiesvogel im Rock Zirkus obendrein. Sehr interessant auch die Interaktion mit dem Publikum: So sinnierte MR. BUNGLE darüber, warum er von den Zuschauern mit einem 1 Euro Stück beworfen worden war und entschied sich schließlich, dies als positive Geste zu werten (von weiteren Gesten dieser Art wollte er dann allerdings nichts mehr wissen…). Bei „Midlife Crisis“ gefiel ihm der Gesang aus dem Auditorium so wenig, dass er diesen mit lauten Schnarchgeräuschen quittierte und erst dann mit der Darbietung fortfuhr, als es wirklich muxmäuschenstill auf dem Gelände war. Keine sterile und vorprogrammierte Rock Show, hier hatte man das Gefühl, es könnte jederzeit etwas Unvorhergesehenes geschehen. Die Setlist bot im Gegensatz dazu die erwarteten Hits von hart bis zart und lies bis zum Ende kaum Wünsche unbefriedigt. Zu den Klängen der Zugabe machten wir uns schließlich auf den Heimweg… bzw. auf die ersten Meter, denn es hatten sich derweil auf dem Parkplatz mehrere Warteschlangen gebildet, die sich partout nicht auflösen wollten. So konnte man in mittlerweile kalter Nacht auch noch die Klänge des Uralt-Groovers „We care a lot“ mitnehmen, während um uns herum überall Fahrzeuge mit Blaulicht gesichtet wurden. Bis es dann endlich ins Rollen geriet, sollte noch geraume Zeit verstreichen, doch allein der Auftritt FAITH NO MOREs entschädigte für diesen etwas nervigen Abschluss der Veranstaltung.

Setlist FAITH NO MORE (ohne Gewähr)
Reunited (PEACHES & HERB Cover)
From out of Nowhere
Be Aggressive
Caffeine
Evidence
Suprise! You’re dead!
Last Cup of Sorrow
Digging the Grave
Easy (COMMODORES Cover)
Midlife Crisis
Epic
I started a Joke
The Gentle Art of Making Enemies
King for a Day
Ashes to Ashes
Just a Man

Chariots of Fire/ Stripsearch
We care a lot

Midnight Cowboy

So ging das dritte, sonnenbeschienene AREA 4 am Standort Borkenberge zu Ende und verabschiedete den Festivalsommer mit jeder Menge toller Bands überwiegend härterer Gangart, die keine Wünsche übrig ließen, so dass es auch im nächsten Jahr wieder heißen kann: Der Westen rockt! Gastgeber und Einsatzkräfte freuten sich zudem über ein ruhiges Open Air ohne besondere Vorkommnisse und auch der neue Getränkeabholmarkt vermeldete beeindruckende Zahlen: Bei moderaten Preisen gingen bis Sonntag Nachmittag immerhin 10.000 gut gekühlte Dosen Beck’s und 30.000 Flaschen Softdrinks weg. Hier griff auch das Pfand-Müllvermeidungskonzept, das leider auf dem Campingground nicht ganz so durchschlagenden Erfolg hatte.

Copyright Fotos: Karsten Thurau/ Dani Vorndran

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