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AREA 4 2010 – TAG 3

Ort: Lüdinghausen – Flugplatz Borkenberge

Datum: 22.08.2010

Finale am Flugplatz Borkenberge! Für den Sonntag stand noch mal ein wirklich heftiges Gitarrenbrett auf dem Zettel, denn gleich drei Hardcore-Kapelle in Folge zierten das Line-Up der fünften Auflage des AREA 4. Traditionell eher den ruppigen Riffs verschrieben, hatten sich die Macher auch in diesem Jahr nicht lumpen lassen und für eine entsprechende Live-Beschallung gesorgt. Weshalb es aber ausgerechnet bei den beiden Bands regnen musste, auf die ich mich am meisten gefreut hatte, weiß nur der liebe Gott. Und überhaupt, was war überhaupt mit dem Wettergott los? Eigentlich gibt es doch beim AREA 4 in Lüdinghausen eine Sonnenschein-Garantie!

TWIN ATLANTIC

Als pünktlich im 12.00 Uhr TWIN ATLANTIC als erste Band des Tages vor überschaubarem Publikum den Reigen eröffneten, sah auch noch alles gut aus. Die Glasgower, die THE GASLIGHT ANTHEM und BLINK-182 auf Tour begleiten bzw. begleitet haben, legten mit „Lightspeed“ von ihrem ersten Studioergebnis „Vivarium“ aus 2009 gleich flott los, wirkten allerdings selbst noch ein wenig unausgeschlafen. Zum Schluss waren aber auch die vier Herrschaften auf der Bühne wach und wussten mit ihrem Sound, der bisweilen durch ein E-Cello komplettiert wurde, durchaus zu gefallen. Der Dank war freundlicher Applaus, der die Schotten von der Stage geleitete, die rotiniert für den nächsten Act vorbereitet wurde.

STATE RADIO

Der kam aus den UNITED STATES und versprach einen Mix aus Rock, Punk und Reggae. Nun ist Reggae nicht wirklich mein Steckenpferd, doch in den homöopathischen Dosen, in denen das Trio dieses Genre zum Einsatz brachte, konnte auch ich mich mit der Mucke anfreunden. Mastermind der seit 2002 existierenden Combo aus Boston/Massachusetts ist Chad Urmston, der für den Gesang und den Sechssaiter zuständig ist und zudem auch den ganz überwiegenden Teil der Songs schreibt, die auf bisher drei Alben veröffentlicht wurden. Passend zum groovenden „People To People“, dem man die Reggae-Einflüsse neben durchaus präsenten Langäxten eindeutig anhörte, kam auch die Sonne wieder raus, die zwischenzeitlich ein wenig hinter harmlosen Wolken verschwunden war. „Doctor Ron The Actor“ nahm derweil Tempo auf und brachte ein wenig Ska ins Spiel, ehe „Arsenic & Clover“ in rockige Gefilde eintauchte. Wer sich bis dahin fragte, ob er den Typen hinter der Batterie nicht schon mal bei GHOST OF TOM JOAD gesehen hat, bekam an dieser Stelle von Chad die Bestätigung. Stammdrummer Mike Najarian war in Boston unabkömmlich und wurde schnell durch Christoph Schneider von GHOST OF TOM JOAD ersetzt, der sich in Münster lebend über eine kurze Anfahrt zum AREA 4 freuen konnte. „Camilo“ machte mit stimmungsvollen Melodien hörenswert weiter und auch der Text hatte es in sich. Es ging um einen amerikanischen Soldaten, der nach seinem Einsatz im Irak zu 9 Monate Haft verurteilt wurde, da er sich gegen weitere Einsätze wehrte und somit gegen seinen Vertrag mit dem Militär verstieß. Überhaupt haben STATE RADIO eine ganze Reihe politischer Statements, weshalb der blonde Lockenkopf am Mikro mitsamt seiner Castrol-Ölkanister-Gitarre gleich einmal seine Meinung zum Umweltschutz in den USA kund tat. Angesichts der Ölpest im Golf von Mexiko ein sehr passendes Instrument, das bei „Knight of Bostonia“ und „Man In The Hall“ zum Einsatz kam. Allenthalben feine Songs, die Lust auf mehr machten und mit ihrer partytauglichen Folk- bzw. Reggae- & Blues-Attitüde perfekt in den Sonntagmittag passten.

Setlist STATE RADIO
People To People
Doctor Ron The Actor
Gang of Thieves
Arsenic & Clover
Camilo
Knights of Bostonia
Man In The Hall

PARKWAY DRIVE

Mit entspannten Rhythmen sollte jetzt allerdings erst einmal eine Weile Essig sein. Stattdessen gab’s ordentlich was auf die Zwölf, denn gleich drei Hardcore-Bands in Reihe waren angetreten, das AREA 4 in Schutt und Asche zu legen. Der Grasnarbe konnten die Herren nichts mehr anhaben, vom Grün war schon länger nichts mehr zu sehen und angesichts der Richtung Stage strömenden männlichen Besucher lagen PARKWAY DRIVE durchaus im musikalischen Radar der Youngsters. Die fünfköpfige Truppe ist im australischen Byron Bay zuhause und hat sich in den sieben Jahren ihrer Existenz immer weiter Richtung Metalcore entwickelt. Allerdings suchte man am Borkenberge vergeblich nach dem für das Genre üblichen Clean-Gesang. Stattdessen growlte Winston McCall was das Zeug hielt und initiierte einen Circle Pit nach dem nächsten. Vor der Bühne ging es zu bösem Gebretter heftig zur Sache und erste Gewitter brachen über dem AREA 4 aus. „Romance Is Dead“ war definitiv Programm und alte wie neue Stücke vom unlängst veröffentlichten dritten Longplayer „Deep Blue“ (namentlich „Samsara“, „Sleepwalker“ und „Deliver Me“) fanden die breite Zustimmung der Meute. Mit „Carrion“ machten PARKWAY DRIVE deutlich, was sie unter einem langsamen Stück verstehen, um sich bei „Boneyards“ wieder völlig den harten Breakdowns zu widmen.

Setlist PARKWAY DRIVE
Samsara
Unrest
Idols And Anchors
Romance Is Dead
Sleepwalker
Dead Man’s Chest
Deliver Me
Carrion
Boneyards

COMEBACK KID

Da sich die HC-Fans gerade warm gemacht hatten, legten gleich im Anschluss COMEBACK KID los, um ihre Variante des klassischen Old-School-Hardcore-Punks an den Mann zu bringen. Bei den Kanadiern ging es im Vergleich zu der vorherigen Kapelle fast schon melodiös zu. Es gab gleich bei „Die Tonight“ entsprechende Gesangslinien, für die seit 2007 der ehemalige Gitarrist Andrew Neufeld zuständig ist. Der Herr suchte wie bei „Partners In Crime“ immer wieder die Nähe der Fans, die nicht mehr ganz so zahlreich vertreten waren wie bei PARKWAY DRIVE, mit „Broadcasting vom gleichnamigen 2007er Silberling aber ordentlich was auf die Mütze bekamen und sich zum Klatschen hinreißen ließen. Dank der eingängigen Rhythmen fand auch ich alsbald Zugang zu der Nummer, die von „Do Yourself A Favor“ vom Ende August erscheinenden „Symptoms + Cures“ abgelöst wurde. Auch „Because of All“ war dieser Platte entlehnt, mit der die Nordamerikaner im November in die deutschen Clubs kommen wollen. Mit „Final Goodbye“ drehte der Fünfer noch einmal richtig auf und auch das Publikum, das sich bisher eher geschont hatte, ging auf den letzten Metern noch ein letztes Mal steil.

Setlist COMEBACK KID (ohne Gewähr)
Die Tonight
Defeated
Partners In Crime
Broadcasting
Do Yourself A Favor
The Trouble I Love
Lorelei
Because of All
Talk Is Cheap
All In A Year
Final Goodbye

CALIBAN

Ein halbe Stunde hatten müde Knochen und überanstrengte Gehörgänge nun zum Regenerieren, dann standen CALIBAN aus Hattingen auf der Stage. Mit 200 bpm hat sich dieses Quintett in den letzten Jahren an die Spitze der deutschen Metalcore-Szene gespielt und zählt hierzulande neben HEAVEN SHALL BURN zu den einflussreichsten Vertretern dieses Genre. Sänger Andreas Dörner hatte wohl nicht vor, Gefangene zu machen und war deshalb anfangs auch gar nicht mit der Leistung des Publikums zufrieden, das wohl deutlich hinter seinen Erwartungen zurück blieb. Deshalb wurde zu „No One Is Save“ erst einmal eine Wall of Death veranstaltet, um das Auditorium auf Betriebstemperatur zu bringen. Damit erst gar keine Zeit zum Schwächeln blieb, rief der Gute bei „I Will Never Let You Down“ vom 2007er „The Awakening“ im Anschluss zum Crowdsurfen auf und spätestens nach dem staubigen Circle Pit zu „I’ve Sold Myself“ müssten alle wieder wach gewesen sein. Mit viel Geballer und Geknüppel, entsprechenden Circle Pits, die nicht groß genug sein konnten (jedoch auch von schunkelnden Mädchen an den Rändern gesäumt werden sollten – klappte allerdings nicht ganz so gut), ging die wilde Fahrt weiter, die schließlich im Highspeed-Finale von „Nowhere To Run, No Place To Hide” endete. Womit auch mein Bedarf an Metal- und Hardcore für die nächsten zwölf Monate gedeckt wäre.

Setlist CALIBAN (ohne Gewähr)
Her Darkest Dream (Intro)
Love Song
My Time Has Come
It’s Our Burden To Bleed
No One Is Safe
I Will Never Let You Down
I’ve Sold Myself
Forsaken Horizon
Between The Worlds
24 Years
Nowhere To Run, No Place To Hide

BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB

Ich hatte mich so auf den BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB gefreut und was passierte? Es regnete! Und nicht nur ein paar Tropfen! Vielleicht hat der Himmel auch einfach mit Sänger, Bassist und Gitarrist Robert Levon Been geweint, der um seinen Vater Michael Been trauerte, der am 19. August während des Pukkelpops in Belgien im Alter von nur 60 Jahren an einer Herzattacke gestorben ist. Nicht eben die besten Voraussetzungen für ein Konzert, aber vielleicht war der plötzliche Tod des Vaters auch genau der Grund für die besondere Intensität der Musik. Seit März ist die aktuelle Studioplatte „Beat The Devil’s Tattoo“ in den Läden und nach einem Intro starteten Been und Peter Hayes, die seit 2008 von Miss Leah Shapiro am Schlagzeug unterstützt werden, genau mit diesem Track. Auch das äußerst druckvolle „Mama Taught Me Better“ stammte wie das ruhigere „Bad Blood“ und das flotte „Conscience Killer“ vom jüngsten Werk, das die gesamte stilistische Bandbreite der Band zeigt. Aber auch „Love Burns“ vom 2001er selbstbetitelten Erstling wusste ebenso wie das energiegeladene „Stop“ vom 2003er Nachfolger „Take Them On, On Your Own“ voll zu überzeugen. Der Blues brach mitsamt Mundharmonika bei „Ain’t No Easy Way” (2005 auf „Howl“ veröffentlicht), durch, ehe „Berlin“ vom vorletzten Album „Baby 81“ amtlich rockte und es „Whatever Happened To My Rock ’n‘ Roll (Punk Song)“ noch einmal krachen ließ. Der Regen war fast vergessen und spätestens als ich Robert, der minutenlang am Graben-Absperrgitter nahe den Fans seine Langaxt bearbeitet hatte, auf dem inzwischen schlammigen Boden kauern und die Initialen seines toten Vaters in den Matsch ritzen sah, hatte ich einen Kloß im Hals. Diesen Moment und dieses Konzert werde ich mit Sicherheit im Gedächtnis behalten. Rest in Peace Michael Been!

Setlist BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB
Beat The Devil’s Tattoo
Love Burns
Mama Taught Me Be Better
Stop
Bad Blood
Ain’t No Easy Way
Conscience Killer
Berlin
Whatever Happened To My Rock ’n‘ Roll (Punk Song)

THE GASLIGHT ANTHEM

Leider wollte das Wetter nicht besser werden und es goss auch bei den von mir so geschätzten GASLIGHT ANTHEM. Zwar hat Sänger Brian Fallon ein wirklich sonniges Gemüt, aber auch ihm wollte es nicht gelingen, die Himmelsschleusen zu schließen. Stattdessen fragte er sich, weshalb so viele Leute orangefarben gekleidet waren. Er meinte die Jägermeister-Regencapes, dessen Logo auf der Rückseite er nicht sehen, mit dessen Namen er dann auch auf Zuruf aber gleich was anfangen konnte. Hörner-Wiskey scheint auch den Amis zu schmecken… Aber zurück zur Musik, die in gewohnter Weise erstklassig war. Los ging’s mit „Great Expectations“ vom 2008er „The’59 Sound“ – dem Album, mit dem die jugendliche Antwort auf den alternden BRUCE SPRINGSTEEN knackig durchstarten konnte. Ein Jahr zuvor war das Debüt „Sink Or Swim“ erschienen, dem auch „Wooderson“ entnommen war, während „The Diamond Church Street Choir“ vom aktuellen „American Slang“ stammte, mit dem THE GASLIGHT ANTHEM bis auf Patz 8 der deutschen Album-Charts durchmarschiert sind. „Old White Lincoln“ schloss sich gutgelaunt an, bevor es mit “The Diamond Church Street Choir” emotional weiterging. Genau dieser Mix aus punkgefärbten Gute-Laune-Songs und gefühlvollen, bluesrockgeschwängerten Tracks macht das Besondere an der Musik des energiegeladenen Quartetts aus, die auch beim wiederholten Male weder als Konserve noch live langweilig werden. Außerdem war das AREA 4 für die Jungs das erste Festival in Europa, wodurch die Location wohl für Fallon & Co. eine besondere Bedeutung erhalten hat. Auf jeden Fall haben sich THE GASLIGHT ANTHEM in Deutschland inzwischen eine solide Fanbase erspielt und die massive Airplay des als Single ausgekoppelten Titeltracks von „American Slang“ tut ein Übriges, um den Bekanntheitsgrad des sympathischen Vierers zu pushen. Entsprechend wurde am Borkenberge die Nummer trotz Regens gebührend abgefeiert. Mal ganz davon abgesehen, dass die ersten Schlammrutscher schon längst jeden Sitzplatzanspruch in öffentlichen Verkehrsmitteln verwirkt hatten. Ich zog es vor, weiterhin unter meinem Regenponcho die Mucke zu genießen, während sich zum gefühlvollen „The Queen of Lower Chelsea“ weiter vorn eine Gummipuppe im Crowdsurfen übte. Mit „Stay Lucky“ ließen es THE GASLIGHT ANTHEM noch mal krachen und auch „The Backseat“ sparte nicht an hochenergetischen Beats, die aber leider auch schon nach einer Stunde das Ende des Gigs markierten.

Setlist THE GASLIGHT ANTHEM (ohne Gewähr)
Great Expectations
Wooderson
The Diamond Church Street Choir
Old White Lincoln
Even Cowgirls Get The Blues
Old Haunts
The ’59 Sound
We Came To Dance
American Slang
The Spirit of Jazz
Miles Davis and the Cool
Bring It On
Film Noir
The Queen of Lower Chelsea
Stay Lucky
The Backseat

Für mich sollte dieser Gig dann auch das Ende des diesjährigen AREA 4 sein. Inzwischen war ich vom Regen zwar dank Cape nicht durchnässt, aber doch gewaltig durchgefroren und auch nach der Umbaupause zu GOGOL BORDELLO sah es nicht so aus, als würde das Wetter noch mal deutlich besser. Da ich mir eine Erkältung momentan so gar nicht leisten konnte, entschied ich mich erneut, vernünftig zu sein, verzichtete schweren Herzens auf BILLY TALENT und sagte dem Flugplatz Borkenberge für dieses Jahr Adieu. Im nächsten Jahr bin ich aber wieder mit von der Partie und dann scheint auch die Sonne durchgängig! So gehört sich das schließlich beim AREA 4! Vielleicht lässt sich dann auch das Müllproblem irgendwie in den Griff bekommen. Offensichtlich ist es für einen nicht unerheblichen Teil der Festivalbesucher unmöglich, sich einigermaßen zivilisiert zu benehmen und genau so sah es dann auch auf dem Campinggelände aus. Anscheinend hat auch die „Freibier gegen Müll“-Aktion am Samstag nicht den durchschlagenden Erfolg gebracht, sodass es 2011 vielleicht nur über einen erhöhten Müllpfand (im Gespräch sind wohl EUR 20,00) das Problem gelöst werden kann. Schade, denn ansonsten ist das AREA 4 wirklich ein sehr entspanntes Festival mit einer äußerst freundlichen und zuvorkommenden Security (schöne Grüße an den stets lächelnden Ordner am Übergang vom Festivalgelände zum Presse-Parkplatz!) und einer absolut professionellen Organisation. Liebe Leute, macht Euch das nicht selbst kaputt!

Copyright Fotos: Uli Klenk

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