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ATREYU – STILL REMAINS – ENGEL

Ort: Hamburg - Grünspan

Datum: 22.11.2007

Neugierig darauf, wie viele Besucher es heute Abend wieder einmal, nach dem Gastspiel der „Never Say Die“ Tour am vorigen Tage, auf ein großes Konzert verschlagen würde, wanderte ich die „Große Freiheit“ an einem kühlen November-Tag entlang. Bevor der Konzert-Abend aber beginnen sollte, hatte ich die dankbare Aufgabe, Gespräche mit Jordan von STILL REMAINS und Brandon von ATREYU zu führen. Dazu an anderer Stelle mehr. Aufmerksame Leser haben sicherlich zur Kenntnis genommen, dass ich mit der neuen ATREYU Scheibe „Lead, Sails, Paper, Anchor“ leichte Schwierigkeiten bezüglich eines möglichen „Gut-Findens“ hatte. Deshalb war ich ebenfalls gespannt, wie die Jungs sich live mit ihren neuen Songs schlagen würden und ob sie mich doch noch begeistern könnten (sowie sie es mit ihren vorherigen Releases durchaus geschafft hatten). Den Blick im angenehm gefüllten Grünspan herumschweifen lassend, wurde mir als erstes deutlich, dass ich zu den wenigen Besuchern der Ü-30 Fraktion zählte. Auch sahen gefühlte 50 Prozent der Besucher aus, als wären sie gerade aus einem TOKIO HOTEL Konzert gestolpert. Blonde Haare stachen aus dem heterogenen schwarzen Meer deutlich hervor. Dies alles waren untrügliche Zeichen dafür, dass die Hardcore- oder Metal-Community den anwesenden Bands schon lange den Rücken zugekehrt bzw. sich nie für diese interessiert hat. Aufgrund des jungen Alters von STILL REMAINS durchaus nachvollziehbar, ist der Status-Verlust bei ATREYU, die ja schon seit 1998 im Geschäft sind, jedoch auffällig. Und Metal-Fans bezahlen sicherlich nicht den vollen Eintritt, um ein paar Songs von ENGEL zu sehen. Diese begannen den Abend jedoch sehr überzeugend.

ENGEL

Von den Rezensenten geliebt oder gehasst wegen ihres bedingungslosen Willen zum Pop, überzeugte mich das Debüt-Album „Absolute Design“ durchaus. Obwohl von den Grundzutaten durchaus zum Package passend machte ich mir doch Sorgen, ob das sehr junge Publikum die alten Hasen des Schweden-Metal-Sounds zu würdigen wüsste. Im schwarzen Einheitslook mit passendem Logo auf der Brust auf der Bühne erscheinend, machten ENGEL sofort klar, dass sie es hervorragend verstanden, ihren Album-Sound ohne Probleme live zu reproduzieren. Mangan Klavborn hat seine Stimme bestens im Griff, singt die honig-süßen Melodien ohne jegliche Probleme und meistert nebenbei locker die geshouteten Parts. Namensgeber Niclas Engelin zeigt zu jeder Sekunde seine Metal-Roots, schwingt die Matte und soliert frohgemut. Währenddessen grinst er über beide Backen und fordert die Zuschauer immer wieder auf, ihm die Hörner zu zeigen. Sehr sympathische Ausstrahlung, der gute Mann. Der haarlose Schlagwerker Mojjo spielt solide, muss sich aber nicht allzu sehr anstrengen. Der Rest der Mannschaft vervollständigt den guten Auftritt makellos und beweist den Skeptikern, dass die Jungs voll hinter ihren Songs stehen und sie live durchaus noch einen Schippen in Sachen Härte draufpacken können. Ein paar junge Menschen pogen sich ein wenig warm, während der Rest den Auftritt einfach nur beobachtet. Nach einer Fragerunde von Mangan, wie viele Anwesende denn die Platte schon hätten, gingen auch lediglich nur vier Hände nach oben. Nach dem Auftritt sollten ein paar weitere Käufer gefunden worden sein. Ich persönlich würde mich freuen, die Band als Headliner im kleinen Kreise wieder sehen zu dürfen.

STILL REMAINS

Die ebenfalls für ihr poppiges Werk „The Serpent“ gescholtenen STILL REMAINS machten sich als nächstes daran, ein wenig Stimmung ins Grünspan zu bringen. Von der Band T-Shirt Dichte der Besucher zu schließen, waren genauso viele Besucher wegen Ihnen, als auch wegen ATREYU hier. Nachdem Keyboarder Ben Schauland, der von seinem Auftritt her wirklich ins MySpace-Bilderbuch passte, den Auftritt eröffnete, überraschten STILL REMAINS mit einer absolut glaubhaften und energetischen Live-Show. Sänger T. J. Miller bietet einen außergewöhnlichen Anblick mit seiner Ausstrahlung, die irgendwo zwischen Chris Martin und George „Corpsegrinder“ Fisher liegt. Von seinen Moves her mit einem typischen Brit-Pop Gestus behaftet, kommt es dann gleich doppelt überraschend, wenn der gute Mann seine Death-Growls aus der Lunge presst. Und ja, es wird überraschend viel geschrien, natürlich kommen dennoch die Hits der letzten Scheibe nicht zu kurz: Der Love-it-or-hate-it Track „Dancing with the enemy“ oder „Stay Captive“ hier einmal beispielsweise genannt. Bei letztgenannten muss man neidlos anerkennen, dass man so einen Song erst einmal schreiben muss. Insgesamt geben sich Schweden-Metal-Breakdowns und melodienselige Refrains die Hand und lassen keine Langeweile aufkommen. Schlagzeuger Adrian „Bone“ Green wirkt wirklich verdammt jung, während Bassist Steve Hatland seine weichen Züge unter einer Riesen-Matte versteckt. Gitarrist Jordan Whelan ist fleißig am bangen und unterstützt den sympathischen Auftritt wo er nur kann. Das Publikum geht gut mit und ist ebenfalls sichtlich zufrieden mit dem Auftritt. Wenn man es denn darauf anlegt, kann man der Band sicherlich den einen oder anderen negativen Aspekt ihrer Entwicklung oder ihres Gestus zum Vorwurf machen. Man kann man ihnen jedoch nicht vorwerfen, dass sie sich mit ihrem musikalischen Richtungswechsel an das Publikum anbiedern würden. Die Jungs stehen hinter der Musik, die sie machen und das merkt man an jedem Ton. Weitermachen!

ATREYU

Aus den Boxen klingt das Intro von QUEENs „Fat Bottomed Girls“, um danach gleich in den Hit „Bleeding Mascara“ überzugehen. Zu Anfang also schon mal alles richtig gemacht… Gitarrist Dan Jacobs stürmt die Bühne im „Banzai!“-Look mit Stirnband, Blutverschmierter ESP-Gitarre und einem „Rokk“-Shirt, die er gemeinsam mit seinem Bruder designed und vertreibt. Der zweite Gitarrist Travis Miguel trägt ein Western-Hemd, Sänger Alex Varkatzas nach der Hälfte des Sets gar kein Shirt mehr. Zum ersten Mal, da das erste Mal live gesehen, bekomme ich die Bestätigung, dass es Drummer Brandon Saller wirklich schafft, live genau so gut zu singen wie auf Platte. Die Drums verdrischt er praktisch nebenbei, spielt natürlich aber auch nicht die komplexesten Beats. Was mich persönlich erstaunt, ist die Tatsache, dass die Songs vom neuen Album fast die besten Reaktionen bekommen. Es wird lauthals mitgesungen und die Titel scheinen dem Publikum sichtlich in Mark und Blut übergegangen zu sein. Es scheint, als hätte die Band mit ihrem neuesten Release wirklich eine komplett neue Generation von Fans an Land gezogen, auch wenn die alten Tracks natürlich ebenso mitgesungen werden. Und was mich wirklich noch mehr erstaunt ist die Tatsache, dass die neuen Songs mich live ebenso zu begeistern wissen. Brendan deutete im vorherigen Gespräch ja schon an, dass die Titel live um eine Ecke härter ausfallen und die Eighties-Attitüde mehr zum Vorschein kommen würde. Und er hat Recht gehabt. Klingen die Songs auf Platte unorganisch und platt, werden sie Live zu richtigen Rockern, die man gerne mit erhobener Faust mitgrölen mag. Die Live-Show, die ein fast schon GLUECIFER artiges Posing beinhaltet, lässt kein Klischee aus, verbreitet aber eine positive, energiegeladene Stimmung. Hier wird das Grünspan mal kurzerhand in ein Stadion verwandelt. Die Gitarren werden im Synchron-Posing malträtiert und Alex feuert mit seinem ausdefinierten Oberkörper die Meute immer wieder an. Das funktioniert auch bestens und so finden einige Stagediver den Weg über die Absperrung (von dort sie gleichwohl sofort wieder heruntergezogen werden) und der eine oder andere Circle-Pit wird ebenfalls eröffnet. Der Kreis schließt sich letztendlich im Zugabenteil. Dieser wird von Dan mit einem furiosen Soli eröffnet, welches von Alex mit den Worten „Every time Dan does his Solo, an angel gets his wings“ kommentiert wird. Es folgte der BON JOVI Klopper aus dem „Mr. and Mrs. Smith“ Soundtrack „You give love a bad name“, der noch einmal richtig für Stimmung sorgte. Bleibt also festzuhalten, dass ATREYU live, trotz des meiner Meinung nach schwachen neuen Studio-Albums, für mächtig Alarm sorgen und auf jeden Fall eine Show bieten, die von der ganzen Band mitreißend präsentiert wird. Und ebenso wie bei STILL REMAINS muss man die neue Richtung nicht mögen, aber dennoch konstatieren, dass die Entwicklung letztendlich logisch ist und von der Band glaubhaft getragen wird. Nichtsdestotrotz hat man sich als erwachsener Mensch als ein wenig fehl am Platze gefühlt. Dies ist eine komische Erfahrung, die ich so nicht erwartet hätte.

Copyright Fotos: Michael Päben

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