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AUSTIN LUCAS – PJ BOND – EMILY BARKER

Ort: Münster – Gleis 22

Datum: 22.03.2014

Es gibt Leute, die gehen nur zu Konzerten, wenn diese in riesigen Stadien mit viel Schnickschnack stattfinden. Dafür bezahlen sie dann auch gern viel Geld, denn Qualität hat ja schließlich seinen Preis. Auf diese Weise lassen sie sich die kleinen, aber sehr feinen Konzert-Perlen entgehen, die es in den kleinen Clubs zu erleben gibt. So wie an diesem Samstagabend im Münsteraner Traditionsschuppen Gleis 22. Hier gab’s die Gelegenheit, für EUR 15,00 an der Abendkasse gleich drei wunderbare Musiker zu sehen und zu hören, die zudem noch durch eine dreiköpfige Band unterstützt wurden. Die Rede ist vom US-Amerikaner AUSTIN LUCAS, der nicht nur von seiner Band THE BOLD PARTY begleitet wurde, sondern zusätzlich auch noch die charmante Kollegin EMILY BARKER und den bärtigen Folk-Punk PJ BOND eingeladen hatte, ihn durch Europa zu begleiten. An sich traten die Musiker zwar nacheinander auf, doch irgendwie standen sie auch immer wieder gemeinsam auf der Stage, um ihre Version von Alt-Country, Classic Rock, Folk, Punk, Indie Rock und Bluegrass unters Volk zu bringen.

Den Anfang machte pünktlich um 21.00 Uhr in der gut gefüllten Location, die 2013 zum drittbesten Club Deutschlands (hinter dem Berghain und Molotow) gekürt wurde und in diesem Jahr 40 Jahre existiert, Miss EMILY BARKER. Die brauchte zunächst einmal nicht mehr als ihre Akustikklampfe, um mit dem ruhigen Song „Little Deaths“ die Zuschauer in ihren Bann zu ziehen. Nun, leider nicht alle, denn in den hinteren Reihen war es gelegentlich doch wieder mal sehr unruhig, was bei den leiseren Stücken schon störend war. Davon war nicht nur die 33-jährige Singer-Songwriterin betroffen, sondern auch ihre männlichen Mitstreiter, die ihr später auch musikalisch zur Seite standen. Während sich die Jungs am Sechssaiter, dem Bass und hinter der Schießbude bereits in Position gebracht hatten, musste sich PJ BOND zunächst einmal vom Merch loseisen, um dann gemeinsam das sehr kraftvolle „Ghost Narrative“ vom aktuellen Longplayer „Dear River“ zu performen. Emily griff bei dieser Gelegenheit zur Mundharmonika, die auch beim nächsten – wie die Sau groovenden – Stück zum Einsatz kam. PJ hatte sich an dieser Stelle bereits verabschiedet, jetzt gingen auch die Instrumentalisten und überließen das Feld der gebürtigen Australierin und dem Gastgeber des Abends, die gemeinsam das dramatische Duett „Fields of June“ zum Besten gaben. Das hat die Folk-Lady übrigens auch schon mit FRANK TURNER gesungen und den Münsteranern gefiel es so gut, dass es ohne lange Vorrede heftig mitgeklatscht wurde. Ein weiteres schönes Zwiegespräch lieferten die beiden mit dem Stück, das die zierliche Sängerin mit der glockenklaren Stimme für den Film „Hector“ geschrieben hat und das als nächstes auf der Setlist stand. Im Alleingang trug sie schließlich ihren Song „Calendar“ vor, der bereits ein wenig älter ist, aber durchaus lebhaft daherkam. Im Mai ist EMILY BARKER mit ihrem Country-Folk-Mix im Übrigen auf Headliner-Tour in Deutschland – ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall, wie dieses gut dreißigminütige Appetithäppchen beweisen konnte.

Eine große Umbaupause brauchte es im Folgenden nicht. Emily entfernte ein paar Kabel, PJ brachte seine A-Gitarre in Stellung und schon konnte es weitergehen. Wie man weiß, wird in New Brunswick/New Jersey wunderbare handgemachte Musik fabriziert, denn dort ist nicht nur PJ BOND zuhause, sondern auch THE GASLIGHT ANTHEM. Die Stadt ist offensichtlich ein gutes Pflaster für handmade music etwas rauerer Machart und so präsentierte sich der bärtige Mützenträger dann auch. Der Mann gastierte im vergangenen Jahr bereits mit CHUCK RAGAN im nahen Skaters Palace und brachte ins Gleis eine gewisse Punk-Note, die zweifellos wie bei dem Lied „Stop Beeing Bad“ vom Solo-Debüt „You Didn’t Know I Was Alphabetical“ zu gefallen wusste. Auch er versicherte sich der Mithilfe seiner Tourbegleiter, die in ihrer Euphorie schon einen Song zu früh auf die Bühne stürmen wollten. Diesen Titel spielte der Herr dann jedoch noch mit viel Inbrunst allein, um dann gemeinsam mit Emily und Austin einen brandneuen Track zu servieren. Im Anschluss waren die Jungs an den Instrumenten gefragt, die dem Sound naturgemäß gleich eine Extraportion Schmackes verpassten und das Auditorium in irgendeine Bar im Mittleren Westen transformierten. Es ging amtlich zur Sache und zur nächsten Nummer fanden sich auch die beiden anderen Sangeskünstler wieder ein, die gleich einmal ihr tänzerisches Können unter Beweis stellten und sichtlich Spaß an der Show hatten. Die Mucke ging aber auch mit Volldampf zu Herzen und machte einfach gute Laune. Mit einer guten Portion Country ließ PJ BOND, der sich zwischenzeitlich von seiner Kopfbedeckung getrennt hatte, seine 40 Minuten temporeich ausklingen und hinterließ abermals eine begeisterte Zuschauerschaft.

15 Minuten später war dann AUSTIN LUCAS an der Reihe, der zunächst einmal versuchte, Ruhe in den Laden zu bringen. Für den Moment wollte das auch gelingen und so gab’s den ersten Song auf die Ohren, der gleich einmal mit einer kleinen Geschichte verbunden war, die von seiner Vermieterin handelte, die leider Profi-Wrestlerin war. Unnötig zu erwähnen, dass die Story für ihn nicht gut ausging. Dass er sich mit Miss Barker bei der anschließenden Nummer beim Text nicht ganz einig war, spielte bei diesem leisen Lied keine große Rolle und war vielmehr ein kleines Detail, das den Charme eines Live-Gigs unterstützt. Im Anschluss stand knackiger Boogie-Woogie auf dem Plan, der gemeinsam mit der Kapelle vorgetragen wurde und Emily zu einem Tänzchen animierte. Für den Americana-Country-Folk von „Four Wheels“ wurde erstmals die Pedal Steel Guitar von Gitarrist Ricky aktiviert und auch für den folgenden Walzer mit viel Schmelz und Schmiss agierte der Saitenmann im Sitzen und bearbeitete die zehn Strings mit dem Slide Bar. Aber auch nach allen Regeln der Kunst zu rocken wussten die Herrschaften, wie sie mit doppelter E-Gitarren-Beschallung nicht nur mit dem Titeltrack „Stay Reckless“ vom letztjährigen fünften Soloalbums des Mannes aus Bloomington/Indiana klar stellten. Hier rückte der Country-Einfluss ein wenig in den Hintergrund, doch spätestens mit etwas älteren „Somebody Loves You“ und der Pedal Steel Guitar waren die charakteristischen Merkmale dieses Genres wieder zu hören und zeugten davon, dass es auch in Contry-Kreisen krachend zur Sache geht. Nicht minder temperamentvoll zeigte sich „Alone In Memphis“, bei dem sich auch Emily und PJ wieder hinterm Mikro einfanden. Ein tolles Lied, mit dem das reguläre Set überzeugend beendet wurde.

Natürlich konnte die Truppe aber nicht ohne eine Zugabe verschwinden, weshalb die drei Hauptprotagonisten alsbald auf die kleine Stage zurückkehrten. Reihum nahmen alle noch einmal den akustischen Sechssaiter in die Hand, wobei der Höhepunkt wohl das HANK-WILLIAMS-Cover „I’m So Lonely I Could Cry“ war. Inzwischen war es Mitternacht geworden und mit einer kurzen Verabschiedung schien das Konzert auch beendet zu sein. Entsprechend setzte die Rausschmeißer-Musik ein, doch Austin, der auch bei THE REVIVAL TOUR involviert war, kam noch einmal aus dem Backstage, entschuldigte sich bei der Technik für seine Umdisponierung und bat sein Auditorium um absolute Ruhe. Mit Barker und Bond im Schlepptau schnappte er sich seine Gitarre, ging mitten ins Publikum und servierte sozusagen als musikalischen Schlürschluck noch einen kleinen unplugged-Track, der am Ende von fast allen im Gleis mitgesungen wurde und den Abend mit tosendem Applaus beendete.

Es war aber auch ein echter Hochgenuss, diese Musiker bei der „Arbeit“ zu erleben. Alle Beteiligten agierten mit derart viel Herzblut, Leidenschaft und handwerklichem Können, dass man sich des besonderen Charmes dieses kleinen Club-Konzertes gar nicht entziehen konnte. Diese besondere Stimmung bleibt in einer Zehntausende fassenden Arena einfach auf der Strecke und deshalb werde ich auch immer ein Fan jener intimen, lauschigen Veranstaltungen sein, bei denen auf Effekte, umfangreiche Lightshows und ähnliches Brimborium verzichtet wird. Auch, wenn die Fotos unter solchen Bedingungen manchmal (wie auch in diesem Fall) nicht so professionell ausfallen.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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