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THE BASEBALLS – 77 BOMBAY STREET

Ort: Münster – Jovel

Datum: 05.05.2014

Montagabend, elf Stunden am Stück gearbeitet und dann ab aufs Sofa? Auf keinen Fall, wenn in gerade mal 50 km Entfernung ein Konzert der BASEBALLS lockt. Basti, Digger und Sam haben im März ihr viertes Album „Game Day“ veröffentlicht und überzeugen an dieser Stelle erstmals mit überwiegend selbstgeschriebenen Songs, wobei es auch auf diesem Silberling immer noch eine Handvoll durchweg gelungener Cover zu hören gibt. Beim Vorentscheid zum ESC waren die Jungs mit „Mo Hotta Mo Betta“ angetreten – ebenfalls eine Eigenkomposition, die allerdings das Eurovisionspublikum nicht zu gefallen schien, jedoch bei den Westfalen die Hütte zum Brennen brachte. Doch dazu später mehr.

Zunächst einmal eröffneten ja 77 BOMBAY STREET aus der Schweiz den Abend. Die vier Buchli-Brüder Matt (Lead-Gesang & Gitarre), Joe (E-Gitarre), Esra (Schlagzeug) und „Simri-Ramon (E-Bass) gründeten ihre Indie-Folk-Rock-Kapelle 2007 und benannten sie nach der Straße, in der sie mit ihrer neunköpfigen Familie Anfang des Jahrtausends im australischen Adelaide gelebt haben. Mit ihrem Debüt „Up In The Sky“ und dem Nachfolger „Oko Town“ konnte der Vierer die Eidgenossen derart begeistern, dass der Erstling immerhin 115 Wochen in den Charts war und mit Gold und Platin bedacht wurde. Diverse Preise und zahlreiche Live-Gigs folgten, so auch jetzt gemeinsam mit den BASEBALLS. Möglicherweise müssen die Buchlis noch ein wenig Nachhilfe in Geografie haben, denn sie wähnten sich im schwäbischen Reutlingen und nicht in der Stadt des Westfälischen Friedens, wo Digger im Übrigen ein Heimspiel feiern konnte. Die Münsteraner verziehen diesen kleinen Fauxpas jedoch bald und verloren auch die ihnen häufig eigene Scheu und schwenkten zum groovenden „Planet Earth“ alsbald die Arme. Die Saitenfraktion, die in verschiedenfarbenen Samtjacketts gekleidet war, übernahm derweil den mehrstimmigen Gesang, während der Mann in Rot für „Oko Town“ zunächst allein und mit einer Ukulele bewaffnet agierte. Seine Brüder gesellten sich jedoch bald wieder zu ihm und auch der Drummer verdingte sich für einen Moment am Mikro, ehe für „Number 2“ alle wieder ihre angestammten Plätze einnahmen. Der Song hatte Drive und animierte das Auditorium zum Springen. Das folgende „Up In The Sky“ machte mit rhythmusbetonten Melodien nicht weniger Spaß und so fand der 30-minütige Auftritt auch ein vergnügliches Ende, bei dem auch ein paar Bewegungsspielchen mit dem Publikum nicht fehlen durften.

Setlist 77 BOMBAY STREET
?
In The War
Planet Earth
Oko Town
Number 2
Up In The Sky
?

Dass die BASEBALLS-Fans sich auf diese Weise bereits ein wenig warm gemacht hatten, war nicht verkehrt, denn wie Basti den „Ersttätern“ erklärte, ist so ein Konzert der vor inzwischen sieben Jahren aus der Taufe gehobenen Combo kein „Sugar schlecken“, sondern ein ganzheitliches Fitnessprogramm. Selbiges führte dem ersten Eindruck des Intros nach zunächst einmal auf einen Bahnsteig, wo alsbald der BASEBALLS-Train einfahren sollte. Die drei Vokalisten verbargen sich zu diesem Zeitpunkt noch hinter drei weißen „Vorhängen“, die jedoch zu den Klängen von „Let It Go“ langsam hochgezogen wurden, worauf schließlich auch der große Vorhang fiel, hinter dem sich die BASEBALLS-Band, bestehend aus Klaas Wendling (Kontrabass), Tomas Svensson (Drums), Lars Vegas (Gitarre) und Jan Miserre (Klavier) befand. Mit „Goodbye Peggy Sue“ war dann auch ganz schnell klar, dass sich die eigenen Tracks nicht hinter den Neuinterpretationen verstecken müssen, aber natürlich wurden auch Nummern wie „Hello“ (im Original von MARTIN SOLVEIG & DRAGONETTE) oder „Never Ever“ von den ALL SAINTS amtlich abgefeiert. Beim Letztgenannten hielt es dann den Pianomann nicht mehr auf seinem Schemel und auch den Münsteranern ging der Shaky-Sound direkt auf die Hüften. Sehr cool schloss sich „My Baby Left Me For A DJ” an, ehe „King Kong” mit dezenten Psychobilly-Anklängen gefiel und die Herrschaften bei „Follow Me“ ihre ausgeprägten Entertainer-Qualitäten unter Beweis stellten. Basti wurde es langsam zu warm auf der Stage, was dazu führte, dass man über verschiedene Hochzeitsbräuche nachdachte (u.a. darf die Festgesellschaft sich ja seiner Jacken entledigen, wenn dies auch der Bräutigam tut) und verfiel auf die Nummer mit dem ans Glas klopfen, damit sich das glückliche Paar küssen möge. Sehr zur Freude des Trios nahmen zwei Ladies in der ersten Reihen diese Gelegenheit wahr – auch wenn sie nach dem Dafürhalten der BASEBALLS dafür vermutlich in die Hölle kommen, wo sie sich selbst allerdings auch schon sehen. Mit Highspeed und einem fetten Instrumentalpart sorgte „Royals“ für Stimmung, bevor Digger ein ganz besonderes Musikinstrument präsentierte: ein Theremin namens Theresa. Dabei handelte es sich um ein elektronisches Instrument, welches dadurch besticht, dass es berührungslos gespielt wird und dabei direkt Töne erzeugt. Wie das Ganze technisch funktioniert, erspare ich uns, aber die Laute waren schon ein wenig abenteuerlich und erinnerten an die Soundtracks früher Science-Fiction-Filme. Aufgabe des Publikums: Gehörtes stimmlich nachmachen und wenn sei es der Sound einer kämpfenden Katze. Ein wenig strange und definitiv unterhaltsam! „Angels“ war da natürlich ein ganz anderer Schnack, aber nicht weniger hörenswert und selbstverständlich wurde das ROBBIE-WILLIAMS-Cover nicht minder lautstark mitgesungen als dies beim Originalinterpreten der Fall gewesen wäre. Mit „Hot’n’Cold“ stand sogleich der nächste Kracher auf dem Programm, doch anders als in der Vergangenheit holten sich die Herrschaften an dieser Stelle keine Damen zum Mitsingen auf die Stage, sondern machten im Anschluss in einem altertümlichen Fotoautomaten Schnappschüsse mit einem Mädel. Genau genommen übernahm diesen Part Digger, weil er Münsteraner ist; angeblich macht er dies aber in allen Städten mit genau dieser Begründung. Nun, Alina schien doch sehr glücklich und tanzte nach den Selfies zu „Bitch“ noch ausgelassen neben Sam. Der durfte gemeinsam mit Basti und Digger wenig später eine kleine Pause einlegen, in der die Band ihr rasantes „Beep Bop“ performte, um dann ein zweites Tasteninstrument mitsamt Kerzenbeleuchtung in den Mittelpunkt zu rücken. Die gesamte Mannschaft versammelte sich im Folgenden um Jan und gemeinsam brachte man einen Gospel namens „Looking For Freedom“ zu Gehör. Sehr geil, was auch für „What You Want“ galt, bei dem alles Sieben zur Ukulele griffen. Scheint dieser Tage ein angesagtes Instrument zu sein. „Bad“ ging nach diesem ruhigen Zwischenspiel dann wieder in die Vollen und die Männer durften zeigen, in welche Höhen sie ihre Stimmen schrauben konnten. Dass es an diesem Abend im Jovel brannte, war nicht nur im übertragenen Sinne zu verstehen, denn bei „Mo Hotta Be Hotta“ ging auch der Klimperkasten des Herrn Miserre in Flammen auf. Natürlich war dies geplant, doch die Flammen loderten ordentlich und es qualmte auch gewaltig, als Jan ganz allein in die Tasten haute. Für „The Look“ waren dann alle wieder zur Stelle und spätestens mit „Born This Way“ hatte sich das ehemalige Autohaus in einen Hexenkessel verwandelt. „I’m Yours“ sorgte umgehend für ein Meer aus gereckten Armen und natürlich bekam jeder Musiker bei diesem grandiosen Finale auch noch einmal Gelegenheit für ein Solo.

105 Minuten waren wie im Flug vergangen, aber natürlich konnte das noch nicht alles gewesen sein. Schließlich fehlte noch so ein richtiger Schmachter, den die Herrschaften gemeinsam mit „Hard Not To Cry“ servieren. Regenschirme wurden dieses Mal zu „Umbrella“ zwar nicht im Zuschauerraum in Position gebracht, dafür beteiligte sich aus Publikum mit ausdauernden Gesängen beim Akustiktest im jüngst umgebauten Jovel, ehe mit „Lucky Guy“ dann endgültig das letzte Lied der Setlist gespielt wurde.

Es war wieder ein Fest, der launigen BASEBALLS-Show beizuwohnen. Basti, Digger und Sam sind mit so viel Elan und Spielfreude bei der Sache – dem steht die BASEBALLS-Band in nichts nach – dass es einfach Spaß macht, dabei zu sein. Sam nimmt sich aktuell vielleicht ein wenig mehr zurück als in der Vergangenheit, was seinem Bandscheibenvorfall im vergangenen Jahr geschuldet sein dürfte. Dafür rückte Digger in seiner Heimatstadt stärker in den Mittelpunkt. Mal sehen, ob das in Dortmund ähnlich sein wird. Dann wird der Terrorverlag abermals berichten.

Setlist THE BASEBALLS
Let It Go
Goodbye Peggy Sue
Hello (MARTIN SOLVEIG & DRAGONETTE)
Never Ever (ALL SAINTS)
My Baby Left Me For A DJ
King Kong
Follow Me (UNCLE CRACKER)
Royals (LORDE)
Crazy In Love (BEYONCÉ)
Angels (ROBBIE WILLIAMS)
Hot’n’Cold (KATY PERRY)
Bitch (MEREDITH BROOKS)
Beep Bop
Looking For Freedom (DAVID HASSELHOFF)
What You Want
Bad (MICHAEL JACKSON)
Mo Hotta Mo Betta
The Look (ROXETTE)
Born This Way (LADY GAGA)
I’m Yours (JASON MRAZ)

Hard Not To Cry
Umbrella (RIHANNA)
Lucky Guy

Copyright Fotos: Daniela Vorndran

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