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BEADY EYE – STEVE CRADOCK

Ort: Hamburg – Große Freiheit

Datum: 30.05.2011

Die Tickets für diesen Gig waren innerhalb von vier Stunden ausverkauft – zum einen sicher deswegen, weil in Deutschland gerade mal zwei Konzerte angesetzt waren, eins im Kölner E-Werk und eben dieses in der Großen Freiheit, die trotz des Namens ja auch eher zu den kleineren Hallen der Hansestadt gehört. Zum anderen aber auch, weil OASIS immer noch auf eine solide Fangemeinde vertrauen können – obwohl man davon ausgehen kann, dass Liam Gallagher, Gem Archer und Andy Bell heute keine Songs ihrer alten Band präsentieren werden.

Bevor jedoch die eigentliche Attraktion des Abends auf die Bühne kommt, tritt erst einmal Steve Cradock ans Mikrofon, ein alter OASIS-Spezi, der sich früher mit OCEAN COLOUR SCENE die ersten Sporen verdiente, zwischenzeitlich bei PAUL WELLER Gitarre spielte und jetzt sein zweites Soloalbum am Start hat. Dass die Songs nicht so richtig zünden, mag daran liegen, dass der Sound ziemlich schlecht ist und schon die Ansagen kaum zu verstehen sind. Trotzdem bekommt Cradock zumindest zu Beginn für die ziemlich zahmen Britpop-Nummern höflichen Applaus; mit Anleihen an die BEATLES, SEARCHERS, HOLLIES und die übrigen Beatbands der Sechziger kann man bei OASIS-Fans schließlich nicht viel falsch machen, obwohl es schon ein bisschen unanständig ist, wenn ein Support Act die Geduld des Publikums eine Dreiviertelstunde lang strapaziert.

Besser noch als CRADOCK stimmt aber das sauber zusammengestellte Musikprogramm aus der Konserve auf den Gig von BEADY EYE ein: Aus den Boxen dringen Klassiker von den BEATLES, THE WHO, T. REX, IGGY und den SEX PISTOLS, bis schließlich, wie auch früher so oft vor OASIS-Gigs, die ersten Schlagzeug-Takte der STONE-ROSES-Hymne „I Am The Resurrection“ einsetzen. Es ist eine geniale Inszenierung: Die Steigerung des langen Instrumentalteils ist die perfekte Überleitung zum Konzert und ein unmissverständliches Startsignal. Das Publikum jubelt bereits, bevor das Licht ausgeht.

Und dann stehen sie auf der Bühne, die OASIS-Veteranen Gem Archer (Gitarre) und Andy Bell (Gitarre und Bass), Schlagzeuger Chris Sharrock, die beiden Tourmusiker Jeff Wootton (Bass) und Matt Jones (Keyboards) und natürlich Liam Gallagher, der zumindest aus der Entfernung überraschend frisch aussieht. „We’re Beady Eye, this is Four Letter Word!“ Oha. Liam spricht tatsächlich mit dem Publikum, während zu OASIS-Zeiten zwischen den Songs ja eher schweigendes Niederstarren der zahlenden Gäste angesagt war. Natürlich verkörpert er trotzdem mit jeder Faser diese köstliche Fuck-Off-Haltung, für die er berühmt-berüchtigt ist, und kaut beim Singen nonchalant Kaugummi. Bemerkenswert ist auch, dass er trotz der Affenhitze, die unter den Scheinwerfern auf der Bühne sicher nicht besser als im Zuschauerraum, einen langen Parka trägt, den Reißverschluss wie üblich bis zum Kinn zugezogen, und zusätzlich einen Schal schwenkt. Aber trotzdem ist er für seine Verhältnisse enorm gut gelaunt und scheint tatsächlich richtig Bock auf den Gig zu haben. Vielleicht weiß er sogar, in welcher Stadt er ist. Ohne den großen Bruder neben sich auf der Bühne ist Gallagher Junior jedenfalls ein ganzes Stück lockerer, als man ihn sonst so kennt.

Und auch besser. Sicher, die Songs des ersten BEADY-EYE-Albums „Different Gear, Still Speeding“ gewinnen weder einen Preis für Einfallsreichtum noch für besondere Ausgefeiltheit, aber live funktionieren sie ganz ausgezeichnet. „I just wanna rock’n’roll“, verkündet Liam in „Beatles And Stones“, und das mag kein besonderes originelles Statement sein – offensichtlich stimmt es aber. BEADY EYE rocken. Dreckig, krachig, kantig, gut. Selbst „Bring The Light“, eines der kompositorisch schwächsten Stücke auf der Platte, explodiert in der Großen Freiheit vor Energie. Und das Publikum dankt es der Band, indem es kein einziges Mal nach OASIS-Songs brüllt, aber ein paar Mal in enthusiastische „Liam! Liam! Liam!“-Sprechchöre verfällt, während von der Balustrade die Bierbecher in die wogende Menge segeln.

Die Stimmung ist ohnehin bestens, auch wenn die Band, wie zu erwarten war, auf Show verzichtet, lieber schön statisch vor den Mikrofonen steht oder dem Publikum beim Spielen auch gern mal den Rücken zudreht, während über den Bühnenhintergrund Bilder vom Cover-Artwork und psychedelische Lavalampeneffekte flimmern. Aber auch wenn hier niemand auf die Boxen klettert oder sich von der Bühne ins Publikum fallen lässt: Dass BEADY EYE an diesem ungeschliffenen, rotzigen Sound einfach enorm viel Spaß haben, ist unverkennbar. Liams Parka zeigt inzwischen am Rücken dunkle Schwitzstellen, die wie Flügel aussehen, weil er wie immer mit den Armen hinter dem Rücken singt. Ganz nebenbei zeigen Bell, Archer und Sharrock, dass die Band neben Gallaghers großer Klappe aus ziemlich guten Musikern besteht, die ihr Handwerk verstehen – gerade Archer lässt ganz unprätentiös immer mal wieder kurz die Gitarrensau raus und unterfüttert Liams sicheren Gesang mit gelungenen Licks und fließenden Soli.

BEADY EYE spielen sämtliche Songs von „Different Gear, Still Speeding“ zuzüglich „Man Of Misery“, einem erdigen Bluesrocker und iTunes-Bonustrack, der kurz vor Schluss noch einmal für ein echtes Highlight sorgt. „The Morning Son“ kündigt Liam dann als letzten Titel an, und was zunächst als leichter Dämpfer für die aufgeheizte Stimmung wirkt, steigert sich, unterstützt von der gelungenen Lichtkulisse, zu einem pulsierenden, mitreißenden Rockmonster, nach dem eigentlich gar nichts mehr kommen kann. „Champagne Supernova“ in ruppig, ohne die peinlichen, großen Gesten. Aber dann kommt natürlich doch noch was, denn eine Zugabe ist selbst bei den kurzen Britrock-Sets Pflicht. Das etwas zähe „Wigwam“ tut sich zunächst etwas schwer, den Anschluss zu finden, baut dann aber durch die hypnotischen Wiederholungen doch noch richtig viel Spannung auf, die sich in der B-Seite der „Bring The Light“-Single, „Sons Of The Stage“, noch einmal richtig entladen kann. Und dann kommt tatsächlich nichts mehr.

Vielleicht liegt es an der vergleichsweise kleinen Halle, dass BEADY EYE so viel mehr Spaß machen als OASIS früher in den großen Arenen. Der gut durchdachte Aufbau der ganzen Show und der Mix aus Professionalität und typischer Gallagher-Attitüde würden aber sicherlich auch auf einer größeren Bühne zünden. Wie singt Liam so schön in „The Beat Goes On“: „I’m the last of a dying breed“. Möglicherweise ist er wirklich einer der letzten der aussterbenden Rockstars-Gattung, irgendwo zwischen Arschloch und Genie. Noel mag die besseren Songs schreiben, aber wenn es um Rock’n’Roll geht, dann weiß Liam zweifelsohne, worauf es ankommt.

Setlist BEADY EYE
Four Letter Word
Beatles And Stones
Millionaire
For Anyone
The Roller
Wind Up Dream
Bring The Light
Kill For A Dream
Standing On The Edge Of The Noise
Three Ring Circus
The Beat Goes On
Man Of Misery
The Morning Son

Wigwam
Sons Of The Stage

Copyright Fotos: Sandra Dürkop

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