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BELASCO – NEZZER

Ort: Osnabrück – Kleine Freiheit

Datum: 02.05.2013

Was war nur mit den Osnabrückern los? Zu heftig die beiden gewonnenen Champions League Halbfinals mit deutscher Beteiligung gefeiert? Hatte der Tanz in den Mai zu lang gedauert oder saß etwa noch der Maigang in den Knochen? Eigentlich gab es keinen vernünftigen Grund, warum die Kleine Freiheit an diesem Donnerstagabend nicht voll sein sollte, doch um 21.00 Uhr hatten sich vielleicht 30 Personen eingefunden, um sich dem krachenden Breitwand-Rock von BELASCO hinzugeben – ungefähr so viele Leute waren auch 2008 bei dem Gig im Glanz und Gloria und der war bereits so überzeugend, dass eigentlich jeder, der dort war, wieder hätte zur Stelle sein müssen. Inklusive mindestens eines Kumpels, der von den Lobpreisungen angesteckt, ebenfalls einen Blick auf das Londoner Trio werfen wollte. Nun, ich hatte es vor fünf Jahren schon vermutet, dass BELASCO womöglich der Glamour für die ganz große Karriere fehlen könnte, dabei haben Tim Brownlow (Gesang & Gitarre), Duff Battye (Bass) und Bill Cartledge (Drums & Gesang) es mit ihrem Song „Empire“ vom 2012er Album „Transmuting“ doch sogar auf den „Kokowääh 2“-Soundtrack geschafft, womit die Bekanntheit der Engländer eigentlich deutlich gesteigert worden sein müsste.

Nun denn, es war wie es war und auch die Support-Band NEZZER aus Osnabrück trug es mit Fassung und teilte mit, man habe bereits vor weniger Zuschauern gespielt. Dass die Hasestädter gern einen großzügigen Sicherheitsabstand zur Bühne halten, dürfte für den Fünfer ebenfalls nichts Neues gewesen sein und so ließen sich Tifty (Vocals), Murphy (Bass), Hoffi (Schlagzeug) und die beiden Gitarristen Philipp und Timo nicht beirren und legten mit „Radio“ vom 2011 erschienenen Longplayer „Red Plastic“ einen flotten Start hin. Eine kurze Begrüßung später ging es fast nahtlos und mit viel Schmackes dank „Lipsticks“ weiter und auch mit dem eingängigen „Insight“ konnten die Herren, die bereits ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel hatten, punkten. Romantik wurde für „Wasting“ angekündigt und in der Tat nahm das Quintett für einen Moment die Geschwindigkeit raus – allerdings nur, um am Ende wieder Vollgas zu geben. „Send Me Out“ können die Stadtblatt-Leser auch zuhause hören, denn diese Nummer ist auf dem aktuellen Maiwochen-Sampler vertreten. Bei DEM Osnabrücker Open-Air-Ereignis werden NEZZER am 14.05. abermals auftreten und wieder ihren druckvollen Rock mit klaren Reminiszenzen an die Achtziger zum Besten geben. Da passte natürlich auch ein JOY-DIVISION-Cover wie „Disorder“ bestens ins Bild und auch die dunkle, sonore Stimme des Herrn Tifty machte sich nicht nur bei „Soil/Disgrace“, das mit einem Drumsolo startete, gut. Kein zu strenges Urteil erbat sich der Vokalist beim folgenden „Close My Eyes“. Man mache in der Kleinen Freiheit fast so etwas wie eine öffentliche Probe. Geboten wurde ein treibender Sound mit einem stoischen Rhythmusfundament, der zwar fast unfallfrei gespielt wurde, aber leider im Auditorium noch nicht für Bewegung sorgte. Nun sind NEZZER auch nicht unbedingt das, was man gemeinhin als Rampensäue bezeichnen würde. Eigentlich wollten die Jungs nur spielen und das taten sie dann auch mit ihrem Titeltrack „Red Plastic“ und verpassten ihrem Gig mit „Control“ nach 45 Minuten einen knackigen Abschluss.

Setlist NEZZER
Radio
Lipsticks
Insight
Wasting
Send Me Out
Disorder
Soil/Disgrace
Reflect
Close My Eyes
Red Plastic
Control

Wirklich voller war es nach der 20-minütigen Umbaupause wahrlich nicht geworden. Aber immerhin verringerten die Anwesenden den Abstand zur Stage ein wenig, als BELASCO selbige betraten und mit „Summer“ einen äußerst charmanten Auftakt der Show boten. „Open Up“ vom bereits erwähnten „Transmuting“ ließ ebenfalls nichts anbrennen und Kollege Brownlow legte schon mal ordentlich Schmelz in die Stimme, bevor er zu „15 Seconds“ (2002 auf „Technique“ veröffentlicht) vom elektrischen Sechssaiter an die Akustikklampfe wechselte. Auch diese Nummer ging direkt unter die Haut und präsentierte sich gewohnt spritzig. Zum großartigen „Everyone“ sah man zuvor den ersten einzelnen Tänzer und tatsächlich sollten es im Laufe des Abends noch ein paar Gestalten mehr werden, die einfach nicht mehr auf der Stelle stehen bleiben konnten. Zunächst einmal gefiel jedoch „And As You Are“ mit zartem Gesang, prägnantem Schlagwerk und jeder Menge Energie, woran es auch „Butterflies“ vom 2007er Silberling „61“ nicht mangelte. Derweil berichtete Tim davon, dass er jüngst beim Joggen in Köln verloren gegangen sei und dass die Band da so ein „Social Media Ding“ am Laufen habe. Leider hat man wohl bei Twitter einen Follower verloren, doch wenn ich richtig mitgezählt habe, konnte in Osnabrück schon mal einer wieder gewonnen werden, womit die seit 2000 agierende Kapelle erneut bei 73 ist. Mit dem treibenden „Chloroform“ waren es bereits vier Tanzmäuse, die am alten Güterbahnhof ihre Beine nicht mehr still halten konnten und mit „Home“ einen weiteren variantenreichen Track auf die Ohren bekamen. Der Fronter hatte währenddessen seine liebe Not mit seiner, wie er meinte, kleinsten Setlist der Welt, die obendrein auch noch mit unsichtbarer Tinte geschrieben wurde. Auf ihr war als nächstes „Glass Rock“ von der „Knowing Everyones Okay“ aus 2003 vermerkt. Los ging’s ein wenig melancholisch mit Gitarre und Gesang, doch die Rhythmusfraktion wusste natürlich, wie sie Wumms in das Stück bekam, ehe mit dem fantastischen „The Earth“ erneut zum Tanze gebeten wurde. Dramatisch gut schloss sich „Something Between Us“ (gleichzeitig der Titel der 2006er Platte) an, um mit „Empire“ vergleichsweise ruhig nachzulegen – ein richtiger Schmachter war’s zwar nicht, aber schon ein Song, der hervorragend als Filmmusik für einen Til-Schweiger-Film taugt. Ganz weit zurück in der Discografie ging’s mit „Proud“, das vom 2001er Debüt „Simplicity“ stammte und lange nicht mehr live gespielt worden war. Bassmann Duff griff bei dieser Gelegenheit zwischendurch auch mal in die Tasten und auch dieser ruhige Vertreter wurde ähnlich wie „Swallow“ mit einem krachenden Finale beendet. Zackig schloss sich derweil „Moves Like Water“ an, mit dem das reguläre Set nach 70 Minuten abgehakt war.

Ohne Nachschlag ging in der ehemaligen Bahnkantine allerdings nichts. Mr. Brownlow schickte seine Mitstreiter an dieser Stelle in die Pause, bewaffnete sich mit seinem Akustik-Instrument und performte den leisen, jedoch sehr schönen „The Hunters Song“ ebenso wie „Who Do You Love?“ im Alleingang. Inzwischen war man wieder etwas auf Touren gekommen und für das finale „In The Garden“ enterten erneut alle drei Musiker die Bühne. Battye spielte noch ein wenig am Mini-Keyboard herum, Tim schnallte sich wieder die elektrifizierte Langaxt um und Bill (der im Übrigen für die Facebook-Seite zuständig ist, während Twitter in Duffs Händen liegt) sorgte für den passenden Rhythmus, um den Gig schließlich nach kurzweiligen 90 Minuten mit eruptiven musikalischen Ausbrüchen enden zu lassen.

Vielleicht waren die fünf Jahre zwischen den beiden letzten Alben zu lang, um die Fanbase entscheidend zu vergrößern. An der Qualität der Musik und der Art des Vortrages kann es jedenfalls nicht liegen, dass BELASCO immer noch nicht in der ersten Liga spielen. Wie schrieb das Rolling Stone Magazin so schön: „BELASCO machen kraftvolle britische Rockmusik – MUSE ohne Paranoia, COLDPLAY ohne selbstverliebte Sentimentalität, SNOW PATROL ohne das berechnende Pathos.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Setlist BELASCO
Summer
Open Up
Everyone
15 Seconds
And As You Are
Butterflies
Chloroform
Home
Glass Rock
The Earth
Something Between Us
Empire
Proud
Swallow
Moves Like Water

The Hunters Song
Who Do You Love?
In The Garden

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