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BERLIN BRUIT

Ort: Berlin - Gewölbebögen Jannowitzbrücke

Datum: 30.08.2008

Festival For Postindustrial Unsounds

Nach immerhin vier langen Jahren wagten sich die Jungs von Ironflame an ein neues Festival. Nach dem beeindruckenden Line Up des Debüts unter dem Titel „Statement 61“ mit Industrial-Legenden wie CLUB MORAL, BEARER OF THE INMOST SUN, SCHLOSS TEGAL oder C.O. CASPAR stand der 30. August unter dem Motto „Berlin Bruit“. Austragungsort der Veranstaltung war wie auch schon 2004 das Gewölbe unterhalb der U-Bahnstation Jannowitzbrücke im Herzen der Hauptstadt. Und es ging auch wieder mit größerer Verspätung los. Aber das sollte bei der hochkarätigen Besetzung nicht die Vorfreude trüben. Erstaunlicherweise war der Saal gut gefüllt. Na ja, wir sprechen hier von vielleicht 200 bis 250 Besuchern. Aber das zu Erwartende war ja auch keine Musik für jedermann.

Opener des Abends war WERKBUND aus Hamburg. Das Mitte der 80er-Jahre entstandene Projekt nährt immer wieder die Spekulationen über die teilnehmenden Künstler. Wohl einziges sicheres Mitglied ist Uli Rehberg, der Labelgründer von Walter Ulbricht Schallfolien, der beim WERKBUND als Sachwalter bzw. Werkmeister Ditterich von Euler-Donnersperg agiert. Dieser steht auch versteckt hinter diverser Technik als einziger auf der Bühne. Musikalisch etwas krachiger, noisiger und „klickiger“ als von Platte bekannt, vermisste ich etwas den „typischen WERKBUND-Geist“ bei der Performance. An und für sich aber ein interessantes Werk.

Der amerikanische Percussion-Künstler Z’EV soll bereits im Alter vier Jahren angefangen haben, zu trommeln. Das macht er bis heute und kann bei seiner mehr als ein Viertel Jahrhundert dauernden Schaffensphase auf eine beeindruckende Diskografie zurückblicken. Beim „Berlin Bruit“ hockte er leicht versteckt zwischen seinen diversen Trommeln und andern „Musikgeräten“, ohne Unterbrechung den Joint … ähm die konisch geformte, selbstgedrehte Zigarette im Mundwinkel, auf der Bühne. Musikalisch reichte die Performance vom rhythmisch rituellen und triballastigen Percussions bis hin zu Noiseeinlagen. Alles in allem vielleicht ein bisschen langatmig, zumal sich Z’EV an jedem „Instrument“ einzeln probiert hat, und anscheinend nicht verstand, diese zu kombinieren. Vielleicht war es aber auch Absicht.

Bei COLUMN ONE aus Deutschland weiß man ja nie so recht, was einen erwartet. Mal ist es Ambient, mal Industrial, dann wieder Experimental, alles von richtig gut bis sagen wir mal weniger. Aber leider auch manchmal einfach nur Müll. Wir haben bedauerlicherweise den Anfang verpasst, aber scheinbar lief noch das Intro, ein nerviger, kurzer Endlosloop mit schnellem Gebrabbel. Dazu standen auf der Bühne zwei Herrschaften mit schwarzen Eimern über den Kopf gezogen, der eine später auf den Schultern des anderen. Der obere schlug mit einem Hammer wahllos auf eine Bretterwand ein. Als diese nach etwa 15 Minuten endlich Kleinholz war, fielen beide um und der belastende Loop ebbte langsam ab. Endlich schien das Intro vorbei. Aber nein, auch das Konzert war vorbei. Da haben sich COLUMN ONE keine Freunde gemacht: Wie viele Besucher gesagt haben „Absoluter Müll“.

Der für mich beste Act des Tages folgte mit LAST DOMINION LOST aus Australien. Hinter diesem Projekt stecken keine geringeren als die ehemaligen SPK-Mitglieder Tausendsassa John Murphy und Dominic Guerin, sowie Jon Evans. Als relativ neue Kollaboration lieferten die drei ein gelungenes aggressives und treibendes Power Electronics-Konzert, was sehr krachig angefangen hat und ohne einen einzigen Atemzug in einem wahren Feuerwerk aus Noise gipfelte. So soll es sein, zumindest auf so einem Festival.

Man sagt ja immer, das Auge hört mit. Aber manchmal hört auch die Nase mit. Als nächstes wurde es schmutzig und nichts für Zartbesaitete. Denn der Geruch ließ keine Zweifel daran, dass die auf Pfählen aufgespießten Schafsköpfe echt waren. Bühne frei für nEGAPADRES.3.3. aus Belgien/ Frankreich. Die beiden Herren sind auch bekannt durch die EBM-Band à;GRUMH… Hier allerdings noch eine Stufe krasser. Disturbing esoteric Industrial. Ein Oberkörper entblößter, schweißgebadeter, mit Bier übergossener und mit dem Blut der Schafsköpfe beträufelter Frontmann trägt sehr enthusiastisch und verstörend biblische Texte vor. Und das im krassen Widerspruch zur Industrialmusik und Bühnenshow. Sowohl musikalisch als auch optisch sehr interessant. Das muss man erstmal sacken lassen.

Und dann war es schließlich soweit für den Top Act des Tages: SUTCLIFFE JUGEND. 1982 als Sub-Project von WHITEHOUSE angefangen, entwickelten sich die beiden Engländer schnell zu einem der harschesten und aggressivsten Vertreter des Power Electronics. Und das stellten sie in Berlin auf der Bühne beeindruckend zur Schau. Unglaublich, Tomkins und Taylor sehen aus wie überbrave Familienväter und waren auch so gekleidet. Aber wie sie dann die E-Gitarre bzw. die beiden Mikrophone traktiert haben, würde noch jedem kleinen Mädchen die Tränen in die Augen treiben. Allerhärtester Noise von Anfang bis Ende und dabei einen ganz eigenen Stil ohne auf große Gesten auszuzielen. Herrlich krank und doch irgendwie „normal“ geblieben. Das honorierten auch die Fans und bewegten endlich mal ihre Beine und setzten den Sound vor der Bühne „tänzerisch“ um.

Weit in der Nacht waren dann die Konzerte vorbei. Die Patientenfront hat danach noch Musik aus der Musik aus der Konserve gespielt, aber da war nicht mehr viel los. Alles in allem ein schöner Abend. Mal sehen, was sich die Jungs von Ironflame beim nächsten Mal einfallen lassen … so in ein Paar Jahren.

Copyright Fotos: Kai-Uve Altermann

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