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BIFFY CLYRO – MIMI & THE MAD NOISE FACTORY

Ort: Hannover – Stadionbad

Datum: 18.10.2013

Ein Konzert mit Dresscode? Mit einem Blick auf die Location konnte man schon erahnen, dass nicht das kleine Schwarze erwartet wurde, sondern Badebekleidung, denn der Telekom Street Gig mit BIFFY CLYRO und MIMI & THE MAD NOISE FACTORY fand im Hannoveraner Stadionbad statt. Will sagen: das Publikum feierte bei subtropischen 28 °C Außen- und 30 °C Wassertemperatur im Nichtschwimmerbecken. Diese Poolparty der besonderen Art stand unter dem Zepter der Telekom Street Gigs, die bereits Künstler wie CASPER in einem Freizeitpark oder DEICHKIND auf einer Bodenseefähre haben spielen lassen. Seit 2007 konnten inzwischen rund 40.000 Zuschauer Karten für ausgefallene Events mit den FANTA 4, FETTES BROT, MILOW, BILLY TALENT, CLUESO oder zuletzt den EDITORS gewinnen – um nur einige Veranstaltungen zu nennen. In Hannover waren etwa 500 begeisterte Fans dabei, die sich im warmen Wasser tummelten und auf diese Weise einen Gig der ganz besonderen Art erlebten.

Wobei Wasser und Strom, der bei so einer Gelegenheit ja nun einmal unerlässlich ist, sich nicht unbedingt gut vertragen. Deshalb war die Bühne, die zwischen den beiden Becken in dem 1972 als eines der modernsten Schwimmbäder Deutschlands erbauten Bad errichtet worden war, auch mit einem niedrigen Spritzschutz versehen, unterschied sich ansonsten jedoch nicht von den üblichen Konzertstätten, hatte man doch auf irgendwelche Deko-Elemente wie Gummipalmen oder ähnliches dankenswerter Weise verzichtet. Nun brauchten MIMI & THE MAD NOISE FACTORY um 19.30 Uhr auch schon ne Menge Platz auf der Stage. MIMI heißt mit bürgerlichem Namen übrigens Sarah Müller-Westernhagen und ist die Tochter von Marius Müller-Westernhagen und der Fotografin Polly Eltes. Die Britin hat ganz offensichtlich die musikalischen Gene ihres Vaters geerbt und 2011 ihren ersten Longplayer „Road To Last Night“ rausgebracht. Im kommenden Frühjahr soll der Nachfolger „Nothing But Everything“ in die Plattenläden kommen und als Vorbote wurde bereits die erste Single „Get Me Back“ veröffentlicht, die es auch an diesen Freitag zu hören gab. An den Instrumenten wurde die 28-jährige von ihrer fünfköpfigen Kapelle unterstützt; gemeinsam schuf der Sechser eine entspannte Atmosphäre, die den Abend nett beginnen ließ, auch wenn das Fräulein Müller-Westernhagen ihre Ankündigung, nach dem Slot ebenfalls ins lauwarme Nass zu kommen, nicht in die Tat umsetzte. Stattdessen unterhielt sie das planschende Auditorium über gut 30 Minuten mit einem Mix aus Brit-Soul und Indie-Pop, der zwar nicht weltbewegend war, aber durchaus ins Ohr ging. Auf der Facebook-Seite der Songwriterin wartet der ebenfalls performte Song „Stop & Listen“ im Übrigen auf den kostenlosen Download der interessierten Hörer. Ein gelungener Entstand im Stadionbad, das von Moderator Simon Gosejohann, der die Aufgabe hatte, die Bands anzumoderieren, und für die spätere Pro-Sieben-Ausstrahlung Stimmungen einfing, als „riesiger Saunaclub“ tituliert wurde.

Setlist MIMI & THE MAD NOISE FACTORY
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Smile
Get Me Back
More! More!
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Heartbreaker
Stop & Listen
I Could Fight Hell

Tatsächlich wartete die Crowd natürlich in erster Linie auf die drei Schotten von BIFFY CLYRO, die inzwischen auf acht UK-Top-20-Singles zurück blicken und in dieses Jahr zu Recht den NME Award erhalten haben. Die Konzerte von Simon Neil (Gesang & Gitarre), James Johnston (Bass & Gesang) und Ben Johnston (Schlagzeug & Gesang) wurden im Laufe der Jahre immer größer und im Regelfall sind die Gigs inzwischen ausverkauft, sodass der Schwimmbad-Auftritt nicht nur ungewöhnlich, sondern auch vergleichsweise intim war. Wobei die durchaus ansprechende Kuppel-Architektur zwar nicht den Charme eines kleinen, dunklen Clubs hatte, aber immerhin spielen die drei Stammmitglieder der 1995 gegründeten Combo ja sowieso stets mit blankem Oberkörper. Ihre beiden Live-Musiker an den Tasten und Saiten standen um 20.30 Uhr hingegen komplett bekleidet auf der Bühne, von Badekleidung wollten die Künstler des Abends offensichtlich nichts wissen. Dafür sprangen die Johnston-Brüder und Mr. Neil jedoch nach ihrem Auftritt todesmutig aus unterschiedlicher Turm-Höhe ins gesperrte Schwimmerbecken, was jedoch überwiegend vom Publikum unentdeckt blieb. Das hatte zuvor jedoch eine wahrlich energiegeladene neunzigminütige Show erlebt, die keine Wünsche offen ließ. Wer ins Schwitzen geriet, brauchte schließlich nur kurz unterzutauchen und schon konnte es weitergehen. Der Start fiel mit „Different People“ zunächst ein wenig verhalten aus, aber nach wenigen Akkorden gaben die Herren auch schon ordentlich Gas, bevor gelbe Lichtblitze das knackige Gefrickel von „That Golden Rules“ (2009 auf „Only Revolutions“ erschienen) begleiteten. Das rhythmusbetonte „Who’s Got A Match?” („Puzzle” – 2007) wurde ebenso abgefeiert wie das brandneue „Biblical“ vom sechsten Erfolgsalbum „Opposites“, das hierzulande #5 der Charts erreichte. Das Auditorium ließ es sich nicht nehmen, auch nach Ende des Songs noch weiter zu singen und wurde mit dem gefühlvollen „God & Satan“ belohnt, das ebenfalls lauthals mitgesungen wurde. Vom 2004er „Infinity Land“ schloss sich unter Lichtgewittern das druckvolle „Glitter And Trauma“ an, bevor für das treibende „Bubbles“ die Aufforderung ans Publikum erging, gemeinsam unterzutauchen, während auf der Stage Nebelfontänen gezündet wurden. „Spanish Radio“ wurde derweil von „BIFFY CLYRO“-Rufen begleitet, ehe die Kapelle nach gerade mal 40 Minuten ihre Plätze verließ. Dieser Umstand bedeutete selbstverständlich nicht das vorzeitige Ende der Show, sondern läutete ein Solo von Simon ein, der zu diesem Zweck mit seiner Akustikklampfe bewaffnet auf dem Drei-Meter-Turm Aufstellung nahm und „Folding Stars“ performte. Mit „Living Is A Problem Because Everything Dies“ stand erneut krachendes Ohrenfutter in Sollstärke auf dem Programm, dem mit „57“ typische BC-Sounds vom 2002er Debüt „Blackened Sky“ folgten. Vielstimmiger Chorgesang begleitete das wunderbare „Many of Horror“, dem sich nahtlos und mit einer vollen Breitseite „Modern Magic Formula“ anschloss. „Black Chandelier“ und „The Captain“ waren zwei weitere Band-Hymnen, die keinesfalls auf der Setlist fehlen durften und üblicherweise kräftig mitgetanzt worden wären. So spritzte das Wasser bei der unvermeidlichen Aquagymnastik der besonderen Art einfach noch ein wenig mehr und es durfte erneut kräftig mitgegrölt werden, während die letzten Nebelfontänen vor dem Ende der regulären Spielzeit gezündet wurden.

Ihren Nachschlag eröffneten die Jungs, die seit der Festivaltour 2010 live von Mike Vennart (ehemaliger Sänger und Gitarrist von OCEANSIZE) an der zweiten Gitarre unterstützt werden und zudem seit der letzten Tour den Ex-OCEANSIZE-Gitarristen Gambler am Keyboard haben, mit dem zu Herzen gehenden „Opposites“, was ein Meer aus in die Höhe gereckter Arme zur Folge hatte. Für „Stingin‘ Belle“ wurden die Krachlatten einmal mehr auf Anschlag gestellt und ergossen sich blau-weiße Lichtkaskaden über die Bühne, vor der Crowdsurfing in ganz neuen (Wasser-)Dimensionen betrieben wurde. Mit „Mountains“ gab’s schließlich noch ein letztes Mal das komplette BIFFY-CLYRO-Verwöhnprogramm, dann wurden Drumsticks und Plektren an die Fans verschenkt, man verabschiedete sich, um selbst den bereits erwähnten Sprung ins Wasser zu unternehmen.

Ob der hohen Temperaturen im Stadionbad werden die Herren sowieso schon klatschnass gewesen sein. Warum also nicht auch gleich einmal komplett untertauchen? Die Zuschauer durften in jedem Fall ein ganz besonderes Konzert in einer ungewöhnlichen Kulisse erleben. . Die heutige Show wurde nicht nur via Livestream im Netz übertragen, am 31.10. strahlt Pro Sieben den Gig auch in der „We Love In Concert“-Reihe aus. Wer lieber wieder in der üblichen Umgebung die Songs von BIFFY CLYRO noch einmal live genießen möchte, bekommt Ende des Jahres noch einmal Gelegenheit dazu, denn im November und Dezember spielen die Scotsmen noch einmal in den großen Hallen der Republik – und das sind dann garantiert keine Schwimmhallen…

Setlist BIFFY CLYRO
Different People
That Golden Rule
Who’s Got A Match?
Sounds Like Balloons
Biblical
God & Satan
Glitter And Trauma
Bubbles
Spanish Radio
Folding Stars (Simon acoustic solo)
Living Is A Problem Because Everything Dies
57
Many of Horror
Modern Magic Formula
Black Chandelier
The Captain

Opposite
Stingin‘ Belle
Mountains

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